31.05.2011

Martin Wagner über seine Karriere

»Die wahre Kunst ist es, oben zu bleiben«

Martin Wagner durfte nur sechs Länderspiele machen. In Händlerkreisen gilt sein Original-Trikot der WM 1994 dennoch als eines der wertvollsten. Wir sprachen mit ihm über gebrochene Halswirbel, Lauterns Meisterschaft '98 und dicke Luft bei Rehhagel.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Martin Wagner, wussten Sie, dass Ihr Original-Trikot von der WM 1994 heute eines der begehrtesten Sammlerstücke in Händlerkreisen ist? Einige Leute zahlen bis zu 1000 Euro dafür.

Martin Wagner: Ein getragenes Nationalmannschaftstrikot von mir ist eben sehr rar – ich habe ja nur sechs Länderspiele gemacht. (lacht)

Es scheint trotzdem absurd. Die deutsche Elf schied bereits im Viertelfinale aus, Sie waren nicht unbedingt der Star des Turniers.

Martin Wagner: Für viele Leute kam ich überraschend ins WM-Team, schließlich hatte ich zuvor gerade mal zwei Länderspiele gemacht. Zudem war ich ein Spieler, den die Presse an einem Tag hochjubelte und am nächsten niederschrieb. Ich erinnere nur an das Freundschaftsspiel gegen Irland kurz vor der WM in den USA. Wir verloren 0:2 und ich war der Depp des Tages.



Im WM-Achtelfinale gegen Belgien waren Sie hingegen der Mann des Spiels.

Martin Wagner: So läuft das eben im Fußball. Man hatte sich ein wenig auf mich eingeschossen. Das lag aber auch daran, weil ich auf der Position von Andreas Brehme spielte und dieser – zu Recht – ein großes Ansehen genoss, zugleich aber auch eine große Lobby bei den Journalisten hatte.

Sie sollen nach dem Spiel gegen Irland geschimpft haben: »Ich wurde alleine gelassen«. Große Töne für einen, der gerade sein zweites Länderspiel gemacht hatte.

Martin Wagner: So fühlte ich mich eben. Damals war Geduld sicher nicht meine Stärke. Und trotzdem: Der Inhalt der Aussage war korrekt, wenngleich ich sie heute nicht direkt nach dem Spiel treffen würde. Ich bin besonnener geworden.

Wieso mussten Sie als Neuling überhaupt Stellung zu einer Niederlage gegen Irland beziehen? Hätte der DFB Sie nicht schützen müssen?

Martin Wagner: Ich hatte eine harte Schule hinter mir, ich hatte trotz meines jungen Alters bereits häufig Kritik einstecken müssen. Dabei reagierte ich stets recht selbstkritisch. Vielleicht ließ mich der DFB deshalb gewähren. Man wusste, dass ich mit Journalistenschelte recht gut umgehen konnte.

Waren Sie denn mit Ihrer Leistung bei der WM in den USA zufrieden?

Martin Wagner: Ich finde, dass ich ganz ordentlich gespielt habe. Berti Vogts bestätigte das, denn er nominierte mich auch für das Viertelfinale gegen Bulgarien. Ich kam recht gut ins Spiel, wir führten 1:0 und ich ging davon aus, dass wir das Spiel gewinnen würde.

Dann verletzten Sie sich bei einem Kopfballduell so stark, dass Sie bewusstlos vom Platz getragen wurden.

Martin Wagner: Das Viertelfinal-Ergebnis erfuhr ich erst im Krankenhaus. Als ich aufwachte und mit neugierigen Augen die Ärzte anblickte, sah ich nur Enttäuschung. Ich wäre am liebsten sofort wieder in Ohnmacht gefallen. (lacht) Wobei die Verletzung wirklich heftig war, ich hatte mir zwei Halswirbel ausgerenkt und unwahrscheinlich starke Schmerzen.

Heute sind von der WM 1994 die schlechte Leistung des Teams, der Stinkefinger Effenbergs, ein hilfloser Berti Vogts und die miese Stimmung in Erinnerung. Wie schlimm war es denn wirklich?

Martin Wagner: Die Mannschaft wirkte auf mich nach dem Titelgewinn von 1990 ein wenig satt. Zudem spielten wir mit einem relativ alten Team bei einer unbeschreiblichen Hitze. Es kam letztendlich vieles zusammen, was nicht zusammenpasste. Wobei die Stimmung gar nicht so übel war und wir mit ein bisschen Glück auch gegen Bulgarien hätten gewinnen können. 

Nach der WM machten Sie nur eine weitere Partie im Nationaltrikot. Hätten Sie mehr als sechs Länderspiele machen müssen?

Martin Wagner: Ich bin mit meiner Länderspielkarriere zufrieden. Klar, ich hätte vielleicht 20 oder 30 Spiele mehr machen müssen, man muss allerdings sagen, dass ich mit Andi Brehme und später Christian Ziege große Konkurrenz hatte.

Berti Vogts nannte Sie einmal einen Hitzkopf. Hat Ihnen dieser eine längere Karriere im DFB-Team verbaut?

Martin Wagner: Ich kann immer noch gut damit leben, dass ich Trainern und Mitspielern meine Meinung immer direkt ins Gesicht sagte, statt sie in der Presse über gewisse Dinge zu informieren. Mein Credo war stets: Sprich mit dem Trainer! Und nicht über ihn!

An wen denken Sie?

Martin Wagner: Da gibt es etliche Beispiele. Ich erinnere mich etwa an ein Spiel aus der Meistersaison, bei dem ich kurz vor Schluss vom Platz gestellt wurde. Danach bekam ich von Otto Rehhagel in der Schiedsrichterkabine einen gehörigen Einlauf. Ich bin danach noch einmal zu ihm gegangen und habe ihm meine Sicht der Dinge erklärt. Außerdem machte ich deutlich, dass ich es etwas unverschämt finde, mich vor den Schiedsrichtern so an den Pranger zu stellen. Erst mal war die Luft dick, klar. Am nächsten Tag sprachen wir uns allerdings aus – und alles war gut. 

Sie galten stets als ehrlicher Profi. Mit 19 Jahren sollen Sie sogar Angebote vom 1. FC Kaiserslautern und dem HSV abglehnt haben, weil Sie so ehrlich waren und sagten, dass Sie noch nicht gut genug für das Profigeschäft seien.

Martin Wagner: Das stimmt so nicht ganz. Mir war es wichtig, meine Ausbildung als Gas- und Wasserinstallateur zu beenden. Ich glaubte durchaus, dass ich bei den Profis mithalten konnte.

Sie hatten in jenen Monaten mit dem Offenburger FV im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund gespielt und beim 3:3 zwei Tore erzielt. Wenn heute ein Jungspieler nach einer solchen Partie einen Profivertrag vor sich sieht, unterschreibt er vermutlich ohne groß zu überlegen. Woher rührte Ihre Demut?

Martin Wagner: Ich war noch nicht bereit, vielleicht auch noch nicht reif genug, mich mit solchen Gedankenspielen zu beschäftigen. Das Profigeschäft wirkte noch viel zu weit weg. Und wie sich herausstellte, war das nächste Jahr in der Regionalliga sehr wichtig, um mich innerlich auf den Profifußball vorzubereiten.

Auf Seite 2: Martin Wagner über Hermann Gerland und ein Video von seinem Freistoßtor im Pokalfinale 1996
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