07.06.2008

Martin Suter im Interview

»Schweizer sind nett? Quatsch!«

Martin Suter ist der bekannteste Schriftsteller der Schweiz – aber er lebt lieber auf Ibiza und in Guatemala. Wir sprachen mit ihm über Fernweh und Geldgier seiner Landsleute. Einen neuen EM-Slogan hatte er auch parat.

Interview: Robert Ide Bild: Imago
Herr Suter, wir möchten mit Ihnen über die Schweiz reden.

Ja, gleich. Wollen Sie nicht erst etwas Edles probieren? (gießt etwas Rotwein in ein Glas) Wissen Sie, ich habe ein Haus auf Ibiza, da baue ich selbst Wein an. (Suter zeigt auf das Glas, macht eine einladende Geste).

Er schmeckt wunderbar, vielen Dank.

Gut, jetzt können wir anfangen.



Herr Suter, Sie leben vorrangig auf Ibiza und in Guatemala. Gleichzeitig schreiben Sie Romane, die in der Schweiz spielen. Was ist überhaupt schweizerisch an Ihnen?

Die Tatsache, dass ich nicht in der Schweiz lebe. Das habe ich mit vielen meiner Landsleute gemein. Trotzdem ist unser Denken und Empfinden auf die Schweiz ausgerichtet. Ich hänge sehr an der Sprache, am gefärbten Deutsch. Sie klingt manchmal unterschnitten, als ob es in den Sätzen kleine Zwischenräume gibt.

Was hat Sie aus der Schweiz fortgetrieben?

Die Schweiz ist so klein; sie zu verlassen ist keine große Affäre. Wenn man in Basel wohnt, fährt man mit der Tram zehn Minuten nach Deutschland oder Frankreich. Das macht jedes Kind.

Um der Enge zu entkommen?

In Guatemala habe ich ein Haus mit Innenhof. Dort sitze ich beim Mittagessen am Springbrunnen und schaue bunten Vögeln beim Baden zu. Ich muss nicht immer in der Heimat sein. In Amerika haben viele nicht mal einen Reisepass. Schweizer trifft man überall auf der Welt.

Und worüber unterhalten die sich dann?


Wenn ein Schweizer auf einem Flughafen einen Landsmann reden hört, schweigt er, damit man ihn nicht erkennt.

Versuchen Sie es doch mit Hochdeutsch!

Das funktioniert nicht, wir haben ein Gehör für schweizerisch gefärbtes Hochdeutsch. Ich kann nicht so reden, dass man meint, ich sei aus Hamburg oder Wien. Sachsen können auch nicht so reden, als seien sie aus Berlin, oder?

Herr Suter, wollen Sie ein paar Klischees über Schweizer hören?


Das steck ich weg.

Schweizer sind präzise, gut situiert…

… und langweilig, ich weiß schon.

Es stimmt also?


Vielleicht bewegen wir Schweizer uns ausgeruhter als andere. Ist das langweilig?

Sie haben den Wein erst mal in Ruhe gekostet. Dann haben Sie gehofft, dass wir sagen, dass der Wein gut schmeckt.

Gehofft? Ich habe es gefordert, oder?

Sie haben es charmant gefordert.

Denken Sie bloß nicht, dass alle Schweizer nett sind. Ich habe das Gefühl, dass Ihr Schweizerbild nicht stimmt – obwohl ich es vielleicht jetzt gerade bestätige.

Wann gehen Schweizer aus sich raus?

Wenn unser EM-Team im Endspiel gegen Österreich spielt.

Sie scherzen.

Wir spielen einen gepflegten Fußball.

Das ist ja das Problem. Bei Hertha BSC trainiert der Schweizer Lucien Favre, er hat aus Zürich einige Nachwuchsspieler mitgebracht. Das sind so kleine Hemden.

Kleine Hemden? Sie meinen niedliche quirlige Leute, die niemanden umrennen? Das werfen wir auch unseren Nationalspielern vor. Ich erinnere nur an das peinliche Ausscheiden bei der WM gegen die Ukraine, nicht mal im Elfmeterschießen hat die Schweiz getroffen. Unsere Fußballer sind halt verwöhnt, die setzen sich nicht richtig durch.

Schweizer sind eben zu nett.

Quatsch. Wenn Sie in Zürich mit der Tram fahren, treffen Sie auf die ganze Palette der Menschheit, von Charmebolzen bis zu, Verzeihung, Arschlöchern.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden