17.04.2013

Martin Spanring über Popularität und Freiburger Harmonie

»Ich wollte kein Star mehr sein«

Aus Bursa flüchtete er, beim VfB Stuttgart kam er nicht mit Ralf Rangnick zurecht – richtig wohl gefühlt hat sich Martin Spanring nur beim SC Freiburg. Ein Gespräch über Prügeleien auf der Straße, das Pokalspiel zwischen Freiburg und Stuttgart und Billard.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Martin Spanring, viele Ihrer Kollegen haben nach der Karriere eine Fußballschule eröffnet. Warum war das nie eine Option für Sie?
Ich habe bis zu meinem 31. Lebensjahr kaum etwas anderes gemacht, als Fußball zu spielen. Ich wollte etwas Neues ausprobieren.
 
Gab es einen bestimmten Grund?
Mir wurde das Geschäft zu groß und zu schnell. Es ging nur noch ums Geld und um Stars. Ich wollte aber meine Ruhe haben, ein normales Leben führen.
 
Sie arbeiten nun im »Europapark Rust«. Wir dachten bislang, dass man dort vornehmlich Achterbahn fährt. Was machen Sie dort?
Wie süß (lacht). Der Europapark in Rust ist ein besonderer Freizeitpark. Natürlich kann man hier Achterbahn fahren, aber wir haben zugleich über 1000 Events pro Jahr, darunter auch etliche Sportveranstaltungen, um die ich mich als Sportmanager kümmere. Zum Beispiel Fußballcamps mit unseren Partnern vom FC Bayern und dem FC Basel, die KSC-Fußballschule, die Deutsche Skateboard-Meisterschaft oder Benefiz-Golf-Turniere mit ehemaligen Fußballspielern.
 
Sie haben also immer noch Kontakt zu alten Kollegen?
Ja, häufig. Zuletzt habe ich Gerhard Poschner und Bruno Labbadia getroffen. Und Freiburger Spieler sehe ich sowieso häufig, ich wohne ja in der Stadt.
 
Ein Fußballprofi lebt in Freiburg also immer noch entspannter als andernorts?
Absolut. Vergangene Woche ging ich durch die Freiburger Innenstadt und da hörte ich plötzlich, wie jemand meinen Namen rief. Ich drehte mich zur Seite und sah Johannes Flum und Daniel Caligiuri in einem belebten Café sitzen. Wir plauderten kurz, dann ging ich weiter. Stellen Sie sich so ein Szenario mal in Dortmund vor.
 
Klingt ein bisschen nach dem Geist von 1995.
Vielleicht ist es auch so. Zumindest spielt die Mannschaft mit einer ähnlichen Idee wie damals. Was vor allem an Christian Streich liegt.
 
Sie sind Fan?
Ich finde ihn super. Er ist ein außergewöhnlicher Typ, der perfekt zur Stadt und zur Mannschaft passt – und ganz anders ist als der übliche Bundesligatrainer.
 
Inwiefern?
Christian Streich arbeitet akribisch und liebt den Fußball. Trotzdem sagt er: »Fußball ist nicht mein Leben. Fußball ist mein Job!« Er begreift also, dass das Leben noch mehr Dinge beinhaltet als den Fußball. Das finde ich eine bemerkenswerte Aussage. Gerade im heutigen Fußballgeschäft.
 
Haben Sie den Fußball zu Ihrer aktiven Zeit ernst genommen?
Auf jeden Fall.
 
Und Ihre Mitspieler?
Auch. Erinnern Sie sich nur an die Zeyer-Brüder, die mit großem Ehrgeiz Fußball gespielt haben – und erfolgreich waren. Dennoch hatten sie stets auch andere Interessen. Sie haben es geschafft, sich ein Leben ohne Fußball nach der Karriere aufzubauen.
 
Andreas Zeyer studierte Maschinenbau, Michael Zeyer Betriebswirtschaftslehre in Sankt Petersburg.
Was ich sagen will: Kein Spieler aus unserer Mannschaft hat sich als Star gefühlt. Wir sind damals wie jeder andere in Cafés gegangen oder haben uns abends mal auf ein Bier in der Innenstadt getroffen.
 
Niemand hat komisch geguckt?
Es ist doch eine Sache der Gewöhnung. Wenn ein Fußballprofi sich total rar macht und nur alle Jubeljahre mal in der Innenstadt auftaucht, haftet der Situation gleich etwas Geheimnisvolles an. Wenn du dich aber jede Woche zeigst, interessiert es die Leute irgendwann nicht mehr. Du verringerst den Abstand zwischen Fan und vermeintlichem Star. Das ist nach wie vor das Schöne in Freiburg: Du kannst Fußballprofi sein und trotzdem ein normales Leben führen.
 
Stuttgart muss doch die Hölle für Sie gewesen sein?
Es war auf jeden Fall anders als in Freiburg. Als ich kam, spielten dort absolute Topleute wie Zvonimir Soldo, Fredi Bobic oder Krassimir Balakow. Zusätzlich hat Stuttgart eine imposantere Tradition, eine viel breitere Medienlandschaft und größere Fanszene. Dort wurde der Star geliebt und gelebt. Es war schon gewöhnungsbedürftig.
 
Sind Sie denn trotzdem noch in Kneipen und Cafés gegangen?
Zu Beginn wollte ich das gerne machen, doch es wurde leidlich akzeptiert. Ich erinnere mich an einige Besuche in Billard-Cafés, bei denen alle Augen und Finger auf mir lagen, nur weil ich Fußballprofi war. Manchmal bin ich dann auf die Leute zugegangen und habe ihnen gesagt, dass sie mich ganz normal behandeln sollen.
 
In Stuttgart sind Sie allerdings nicht mehr so zum Zug gekommen wie in Freiburg. Woran lag das?
Unter Joachim Löw, der mich nach Stuttgart geholt hat, lief es noch ganz passabel. Dann kam Winfried Schäfer, der gerne mal rotieren ließ – und auch vor Spielern wie Krassimir Balakow nicht Halt machte. Schließlich war da noch Ralf Rangnick. Und um es geradeaus zu sagen: Das passte nicht. Rangnick und ich waren wie Hund und Katz’.
 
Wieso?
Ralf Rangkick war der Auffassung, dass man sich dem Fußball komplett unterordnen muss.
 
Heißt das, er verbot Freizeitaktivitäten?
Es gab zumindest einige Ansagen, die ich nicht akzeptieren konnte. Das ging damit los, welcher Profi sich wie kleidet oder welches Auto er fährt. Ich sagte ihm dann, dass ich andere Vorstellungen vom Leben und vom Beruf habe, ich wollte jedenfalls selbst darüber entscheiden, welches Auto ich fahre oder welche Dinge ich privat unternehme. Daran ist es letztendlich gescheitert.
 
Haben Sie Rangnick mal wieder gesehen?
Klar, er war schon einige Male im Europapark. Ich bin ihm auch nicht böse, im Gegenteil: Wir verstehen uns heute gut. Damals war er ein junger Trainer, der in seiner Bundesligasaison alles für den Erfolg tun wollte.

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