Martin Meichelbeck im Interview

»Fußball – ein Gladiatorendasein«

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Herr Meichelbeck, wie kamen Sie überhaupt darauf, Psychologie zu studieren?

Ich wollte eigentlich Medizin studieren und habe auch im Krankenhaus gearbeitet, war aber nicht so einverstanden mit den Arbeitsbedingungen eines Arztes. Ich habe dann mit Psychologie angefangen, um weiter klinisch zu arbeiten. Das war für mich auch der goldene Mittelweg, um Fußball und Studium verbinden zu können.

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Welche Erfahrungen haben Sie als Student in einem eher bildungsfernen Milieu wie dem Fußball gemacht?

Also, ich bin ja kein besserer Mensch, nur weil ich nebenbei Psychologie studiere. Das ist einfach ein Interessensgebiet von mir, wie andere Wirtschaft studieren oder sich für Aktienkurse interessieren.

Wurden Sie auch so gehänselt wie Christoph Metzelder, der in Dortmund „Dr. Schlau-Schlau“ genannt wurde?

Gehänselt wurde ich nicht, weil die Akzeptanz in der Mannschaft und beim Trainer immer vorhanden war. Natürlich wird man auch mal als „Professor“ bezeichnet. Wenn man was Verrücktes erzählt, kommt dann auch mal „Psycho“ vor. Das wurde aber immer als Teil meiner Persönlichkeit gesehen, weil ich eben auch ein lustiger Zeitgenosse bin. (lacht)

War der Fußball für Sie auch ein Forschungsgebiet in ihrem Studium?

Es hat mir schon immer wahnsinnig viel Spaß gemacht, Menschen zu beobachten. Wenn wir Mannschaftsabende haben, ist es sehr interessant, wie sich die Spieler verhalten. Oder auch in Drucksituationen. Natürlich ist dann auch immer eine Bewertung dabei, die ich aber meistens für mich behalte.

Hat sich ihre Wahrnehmung des Fußballs durch das Psychologiestudium verändert?


Erstmal habe ich bei mir eine Veränderung festgestellt, weil der Profi-Fußball schon ein hartes Business ist. Mir hat es immer gut getan, dass ich auf der anderen Seite mein Studium habe, in dem ich dadurch Verhaltensweisen und Gefühle besser reflektieren kann.

Lassen Sie uns einige fußballtypische Phänomene unter psychologischen Gesichtspunkten betrachten: Was passiert bei einer Rudelbildung?

Es gibt ja im Fußball viele narzisstische Persönlichkeiten, die durch die harte Fußballwelt geformt wurden, was nicht negativ gemeint sein soll. Innerhalb der Rudelbildung kommt dann ein großer Gemeinschaftsgedanke auf, bei dem man seinen Mitspieler in dieser Situation unterstützen will. Also auf der einen Seite kommt die starke Persönlichkeit raus; zu zeigen, ich bin ein Typ, ein Mann, ich kann mich wehren - auf der anderen Seite die Unterstützung für den Mitspieler im Sinne des Erfolgs auf dem Platz. Es findet dann ein Konkurrenzgebaren auf dem Platz statt: Wer ist stärker, wer ist robuster? Ein weiterer Punkt ist sicherlich, dass man sich ungerecht behandelt fühlt und dies revidieren möchte. Und dadurch bilden sich am Ende diese Rudel.

Was sagt es über einen Spieler aus, wenn er sich nach einem Tor beim Jubel von den Mitspielern losreißt?

Da gibt es einige Gründe. Hier müsste man den Einzelnen selbst fragen. Es hängt immer von der jeweiligen Gefühlssituation ab. Der eine möchte beispielsweise lieber für sich allein sein, der andere hat Frust dabei, weil er vorher nicht gespielt hat oder vom Mitspieler ein paar Mal angemacht wurde.

Was liegt Tätlichkeiten zugrunde?

Das hängt auch mit der narzisstischen Persönlichkeit zusammen. Nach dem Motto: Mir kann keiner was anhaben, ich lasse mir nichts gefallen. Dazu kommt das Frustrationsmodell: Tätlichkeiten passieren häufig nach Negativerlebnissen, die einen wehrlos erscheinen lassen. Da hat der Spieler in der Situation nicht die richtigen Bewältigungsmöglichkeiten, und dann setzt es beim ihm aus. In den meisten Fällen wird so etwas ja auch hinterher bereut, und der Spieler beschreibt, dass so etwas für ihn völlig wesensfremd ist.

Wie kommt es, dass gerade manche Spieler regelmäßig ausrasten?


Auch hier müsste man den Einzelfall betrachten.Da steckt oft fehlgeleitete Erfolgsbesessenheit, fehlendes Bewusstsein für Disziplin oder Enttäuschung dahinter, und diese Ausraster sind auch immer kleine Ventile.

Was sagen Sie zu der These: Fußball ist ein Ersatzkrieg?

Von solchen martialischen Ausdrücken halte ich überhaupt nichts. Ich finde es verwerflich, solche Begriffe im Sport zu verwenden, weil dadurch Emotionen zusätzlich aufgeheizt werden, die sowieso schon vorhanden sind.

Kann man denn über den Fußball auch Aggressionen abbauen?

Der Fußball hat ja heutzutage ein Gladiatorendasein. Wie im alten Rom marschieren da die Spieler in die Arena, und dann wird gesagt: Lasst die Spiele beginnen! Und deswegen ist die Faszination des Fußballs auch so groß. Wo sehr viel Energie verwendet wird, kann es auch dazu kommen, dass Aggressionen abgebaut werden. Jede Zweikampfführung hat ja auch ein gewisses Maß an Aggression, aber die muss natürlich positiv geleitet sein. Das sollte böse Fouls und Verletzungen ausschließen, auch wenn sie immer wieder vorkommen.

Es wird auch gesagt: Wer als Kind nicht im Verein ist, wird später kriminell.

Der Verein ist schon ein gesellschaftliches Phänomen und für die sozialen Prozesse eines jungen Menschen extrem wichtig, weil er da sämtliche Verhaltensmerkmale kennen lernt. Hier kann er sich in seinem Verhalten hinterfragen und seine Persönlichkeit weiterentwickeln. Aber diese These ist zu pauschal, denn es gibt viele Kinder ohne Vereinszugehörigkeit, die nicht kriminell werden.

Wie kommt es dazu, dass der Fußball so oft auch zur Bühne der Gewalt auf Fanebene wird?

Das hat vor allem gesellschaftliche Gründe. Wir haben eine immer weiter aufgehende Schere zwischen Arm und Reich. Die Menschen benutzen den Fußball dann häufig als Ventil um ihre Frustrationen abzubauen. Dennoch sollte der Fußball kein Schauplatz für Gewalt sein.

Nun zur Innensicht: Wie sind die gruppendynamischen Prozesse innerhalb der Mannschaft im Erfolgsfall und wenn es gegen den Abstieg geht?


Im Erfolgsfall herrscht sehr viel Harmonie in der Mannschaft. Der Spaß am Beruf und an den Emotionen steht im Vordergrund, und davon lässt man sich dann auch leiten. Das ist wie in einem Fluss. Beim Abstiegskampf hat man viele Baustellen und wesentlich mehr negative Energien auch in Symbiose mit den Fans. Dagegen kommt man nur an, wenn man das Vertrauen in seine Mitspieler wieder fördert und mit der Begeisterung der Fans an seine Fähigkeiten glaubt.

Es gibt immer mehr Sportpsychologen im Fußball. Glauben Sie, dass Fußballer mittlerweile empfänglich für deren Arbeit sind?


Die Sportpsychologie hatte ja mal einen Durchhänger. Das lag aber an diesen Mentaltrainern, die ohne jegliche therapeutische Kompetenz mit Menschen gearbeitet haben, mit der Folge die Psychologie als irgendetwas Mystisches darzustellen. Jetzt ist die Sportpsychologie wieder auf dem Vormarsch. Der wichtigste Teil findet hier in Einzelgesprächen statt, in denen es hauptsächlich um Versagensängste und äußere Reaktionen geht.

Können Sie persönlich von ihrem Psychologie-Studium während eines Spiels profitieren?

Ja, klar. Das mentale Training ist ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung auf ein Spiel. Es beinhaltet sehr viele Visualisierungsprozesse, sprich: die Vorstellung der eigenen Bewegungsabläufe und der verschiedenen Situationen, die im Spiel auftreten können.

Welche Tricks wenden Sie bei sich selbst an?

Neben den Visualisierungsprozessen auch autogenes Training und ein paar andere Sachen. Aber ich möchte da jetzt auch nicht alles verraten (lacht).

Können Sie sich dadurch auch besser als andere Spieler motivieren?

Ich bin von Natur aus ein ehrgeiziger Spieler, und von daher war Motivation noch nie ein Problem. Aber ich würde nicht sagen, dass ich mich besser motivieren kann, weil jeder Spieler in seiner Laufbahn seine eigenen Strategien dafür entwickelt.

Können Sie dadurch den Druck besser kompensieren?

Also der Chirurg kann sich ja auch nicht selbst unters Messer legen, und nur weil ich Psychologie studiere, heißt das noch lange nicht, dass ich mit allem besser zu recht komme als jemand anderes. Ich habe auch meine Phasen mit Selbstzweifeln.

Geben Sie den anderen Spielern auch Ratschläge?

Ich bin ja auch mittlerweile der Dienstälteste hier, und meine Aufgabe besteht auch darin, neuen und jungen Spielern zu helfen. Für mich geht es dabei besonders um die Harmonie in der Gemeinschaft und das Einhalten von Regeln, da ich Schatzmeister der Mannschaft bin.

Früher galten Mannschaften als eingeschworene Truppen. Wie wichtig ist so etwas heutzutage noch für den Erfolg?

Der Gemeinschaftsgedanke ist ein wahnsinnig wichtiger Baustein für den Erfolg, und den gilt es auch permanent zu pflegen und zu fördern. Das konnte man auch bei der WM sehen, wo viele Aktivitäten veranstaltet wurden, um den Gemeinschaftsgedanken zu stärken.

Und wie kann man diese Zweckgemeinschaften zusammenhalten?

Ein wichtiges Mittel ist die offene Kommunikation, also Sachen, die gut und schlecht laufen wirklich offen anzusprechen und dann einen Konsens zu finden. Wichtig ist auch, dass das Trainerteam immer dabei ist.

Was spielt das ganze Drumherum für eine Rolle? Die Erwartungen der Fans, der wirtschaftliche Druck?

Die Erwartungshaltung ist schon riesengroß und wird durch die Medien noch mal extrem potenziert. Davon kann man sich auch nur schwer freimachen. Der Optimalfall ist natürlich, dass man eine Art Tunnelblick bekommt und sich nur auf seine eigene Leistung konzentriert.

Es gibt Fälle von Aktiven wie dem Schiedsrichter Anders Frisk oder Sebastian Deisler, die ausgestiegen sind. Sind dies Kollateralschäden des Fußballs oder waren sie nur zu sensibel?

Jeder Mensch ist sensibel, ein Ronaldinho genauso wie ein Schewtschenko. Aber der Druck hat sich in den letzen Jahren extrem erhöht, und deswegen bin ich auch ein Fan davon, dass man die psychologische Betreuung innerhalb des Fußballs fördert.

Sind Sie vor diesem Hintergrund froh, nie ein Supertalent gewesen zu sein?


Ich habe nie viel Bühne für mich gebraucht - mich machen andere Sachen zufriedener. Aber ein Mehmet Scholl war auch ein großes Talent und hat sich meistens aus der Öffentlichkeit zurück gehalten. Es kommt da letztendlich immer auf den einzelnen Spieler an.

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