05.10.2007

Martin Meichelbeck im Interview

»Fußball – ein Gladiatorendasein«

Christoph Metzelder war in Dortmund „Doktor Schlau-Schlau“, Martin Meichelbeck ist in Bochum „der Professor“. Als Psychologiestudent gehört er im bildungsfernen Fußball zu einer Randerscheinung. Hier sagt er uns, was er herausgefunden hat.

Interview: Christian Dittmar Bild: Imago
Herr Meichelbeck, wie kamen Sie überhaupt darauf, Psychologie zu studieren?

Ich wollte eigentlich Medizin studieren und habe auch im Krankenhaus gearbeitet, war aber nicht so einverstanden mit den Arbeitsbedingungen eines Arztes. Ich habe dann mit Psychologie angefangen, um weiter klinisch zu arbeiten. Das war für mich auch der goldene Mittelweg, um Fußball und Studium verbinden zu können.



Welche Erfahrungen haben Sie als Student in einem eher bildungsfernen Milieu wie dem Fußball gemacht?

Also, ich bin ja kein besserer Mensch, nur weil ich nebenbei Psychologie studiere. Das ist einfach ein Interessensgebiet von mir, wie andere Wirtschaft studieren oder sich für Aktienkurse interessieren.

Wurden Sie auch so gehänselt wie Christoph Metzelder, der in Dortmund „Dr. Schlau-Schlau“ genannt wurde?

Gehänselt wurde ich nicht, weil die Akzeptanz in der Mannschaft und beim Trainer immer vorhanden war. Natürlich wird man auch mal als „Professor“ bezeichnet. Wenn man was Verrücktes erzählt, kommt dann auch mal „Psycho“ vor. Das wurde aber immer als Teil meiner Persönlichkeit gesehen, weil ich eben auch ein lustiger Zeitgenosse bin. (lacht)

War der Fußball für Sie auch ein Forschungsgebiet in ihrem Studium?

Es hat mir schon immer wahnsinnig viel Spaß gemacht, Menschen zu beobachten. Wenn wir Mannschaftsabende haben, ist es sehr interessant, wie sich die Spieler verhalten. Oder auch in Drucksituationen. Natürlich ist dann auch immer eine Bewertung dabei, die ich aber meistens für mich behalte.

Hat sich ihre Wahrnehmung des Fußballs durch das Psychologiestudium verändert?


Erstmal habe ich bei mir eine Veränderung festgestellt, weil der Profi-Fußball schon ein hartes Business ist. Mir hat es immer gut getan, dass ich auf der anderen Seite mein Studium habe, in dem ich dadurch Verhaltensweisen und Gefühle besser reflektieren kann.

Lassen Sie uns einige fußballtypische Phänomene unter psychologischen Gesichtspunkten betrachten: Was passiert bei einer Rudelbildung?

Es gibt ja im Fußball viele narzisstische Persönlichkeiten, die durch die harte Fußballwelt geformt wurden, was nicht negativ gemeint sein soll. Innerhalb der Rudelbildung kommt dann ein großer Gemeinschaftsgedanke auf, bei dem man seinen Mitspieler in dieser Situation unterstützen will. Also auf der einen Seite kommt die starke Persönlichkeit raus; zu zeigen, ich bin ein Typ, ein Mann, ich kann mich wehren - auf der anderen Seite die Unterstützung für den Mitspieler im Sinne des Erfolgs auf dem Platz. Es findet dann ein Konkurrenzgebaren auf dem Platz statt: Wer ist stärker, wer ist robuster? Ein weiterer Punkt ist sicherlich, dass man sich ungerecht behandelt fühlt und dies revidieren möchte. Und dadurch bilden sich am Ende diese Rudel.

Was sagt es über einen Spieler aus, wenn er sich nach einem Tor beim Jubel von den Mitspielern losreißt?

Da gibt es einige Gründe. Hier müsste man den Einzelnen selbst fragen. Es hängt immer von der jeweiligen Gefühlssituation ab. Der eine möchte beispielsweise lieber für sich allein sein, der andere hat Frust dabei, weil er vorher nicht gespielt hat oder vom Mitspieler ein paar Mal angemacht wurde.

Was liegt Tätlichkeiten zugrunde?

Das hängt auch mit der narzisstischen Persönlichkeit zusammen. Nach dem Motto: Mir kann keiner was anhaben, ich lasse mir nichts gefallen. Dazu kommt das Frustrationsmodell: Tätlichkeiten passieren häufig nach Negativerlebnissen, die einen wehrlos erscheinen lassen. Da hat der Spieler in der Situation nicht die richtigen Bewältigungsmöglichkeiten, und dann setzt es beim ihm aus. In den meisten Fällen wird so etwas ja auch hinterher bereut, und der Spieler beschreibt, dass so etwas für ihn völlig wesensfremd ist.

Wie kommt es, dass gerade manche Spieler regelmäßig ausrasten?


Auch hier müsste man den Einzelfall betrachten.Da steckt oft fehlgeleitete Erfolgsbesessenheit, fehlendes Bewusstsein für Disziplin oder Enttäuschung dahinter, und diese Ausraster sind auch immer kleine Ventile.

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