Martin Kree, der Mann mit dem härtesten Schuss der Liga

»Mein Image hat mich genervt«

Martin Kree wurde als Spieler mitunter unterschätzt, war aber enorm erfolgreich. Und als einer der wenigen Ex-Profis hat er auch außerhalb des Fußballs Karriere gemacht. Wir unterhielten uns mit dem neuen Aufsichtsratsmitglied des VfL Bochum über Parallelen zu Felipe Santana, die Herausforderung Dragoslav Stepanovic und den härtesten Schuss der Bundesliga.

Martin Kree, wie fühlt man sich als der Mann mit der härtesten Klebe der Bundesliga-Geschichte?
Das ist bis heute noch mein Steckenpferd. Wenn ich irgendwo hinkomme, werde ich meistens darauf und auf den Champions-League-Sieg angesprochen. Eine zeitlang hat es mich ein bisschen genervt, dass ich nur darauf reduziert wurde.

Warum genau?
Ich hatte auch ein gutes Zweikampfverhalten, habe sehr viele Spiele gemacht und nie eine Rote Karte gesehen. Damals war es mir ein bisschen wenig, heute ist das mein Markenzeichen. So etwas würden sich viele ehemalige Spieler wünschen.

Wie wurden Sie zum Mann mit dem härtesten Schuss?
Die »Bild«-Zeitung hatte mich gebeten, ob wir nicht mal an der Deutschen Sporthochschule in Köln meine Schussgeschwindigkeit messen könnten. Wenig später hat die RTL-Sendung »Anpfiff« dann die Werte von allen Bundesligaspielern gemessen. Ich hatte mit großem Abstand den härtesten Schuss. Damals ist nicht so viel daraus gemacht worden. Heute würde man wahrscheinlich fünf Sponsoring-Verträge bekommen.

Sie wechselten stattdessen wenig später von Bochum nach Leverkusen.
Ich bin dem VfL heute noch dankbar, dass ich dort die ersten Schritte in der Bundesliga machen durfte. Aber 15 Jahre unabsteigbar zu sein wären mir nicht genug gewesen. Ich wollte diese Sportart betreiben, um am Ende auch wirklich etwas Zählbares zu haben. Darum bin ich nach Leverkusen gegangen, um zumindest mal im Europapokal spielen zu können.

Wie sind Sie später mit 29 Jahren noch bei Borussia Dortmund gelandet?
Es war eine glückliche Fügung, dass ich mit Leverkusens Trainer Dragoslav Stepanovic eine private Herausforderung hatte. Er war bekannt dafür, dass er sich bei seinen neuen Vereinen ein, zwei Spieler herausgepickt hat, um Exempel zu statuieren. Damit wollte er zeigen, dass er hart durchgreift. Also hat er sich überlegt, dass es nicht gehen würde, dass ich in Bochum wohne. Dabei bin ich in den vier Jahren zuvor nie zu spät gekommen. Heute fliegen die Spieler ja sogar mit dem Hubschrauber zum Training.

Wie ging es weiter?
Ich hatte keine Lust, mit jemandem zu arbeiten, der mich nicht mag. Ich wollte weg und bin zum besten Zeitpunkt zum BVB gekommen, den man sich vorstellen kann. Direkt im ersten Jahr bin ich Deutscher Meister geworden, im zweiten wieder und im dritten Champions-League-Sieger. Jedes Jahr vor 500.000 Menschen durch die Stadt zu fahren, ist schon ein Highlight.



In Dortmund wurde eine echte Startruppe aufgebaut. Waren Sie selbst überrascht, dass Sie trotzdem Ihren Platz sicher hatten?
Ich hatte mir schon eine Chance ausgerechnet. Aber ich hatte mit Matthias Sammer, Julio Cesar und später Jürgen Kohler drei Weltklasseleute, die die Positionen im Grunde fest besetzt haben. Es war klar, dass es eng wird, weil ich nicht so einen Namen hatte wie die anderen. Ich hatte Glück, dass sie sehr verletzungsanfällig waren und dass auch schon mal eine Sperre dazukam. Am Ende habe ich die zweitmeisten Spiele von uns vieren gemacht. Im Nachhinein ist das schon eine ganz gute Statistik. Ich war damals, was Felipe Santana heute ist: Immer da, aber trotzdem unterschätzt.

Hatten Sie später Angst, auf der Bank zu versauern?
Ich bin mit 29 Jahren zur Borussia gekommen. Das ist sicherlich keine Zeit, wo man noch aufgebaut wird. Sobald man einen Zweikampf oder ein Laufduell verliert, heißt es: »Der ist zu alt.« Das ist es oft gar nicht, aber man wird in eine Schublade gesteckt. Das galt später für unsere komplette Mannschaft, weil wir im Grunde genommen das genaue Gegenteil des aktuellen Meisterteams waren. Wir hatten alle Titel gewonnen, die es auf dieser Welt gibt: Weltmeister, Europameister, italienische und englische Meister. Irgendwann war klar, dass diese Truppe ihren Zenit überschritten hat. Es ist ein normaler Prozess, dass die Ältesten ausgetauscht werden.

Das klingt sehr nüchtern.
Damals war es sehr schwierig. Vor zwei Jahren war ich noch auf dem Olymp, und dann war ich nicht mehr gut genug, um überhaupt noch zu spielen. Das ist eine der größten Herausforderungen, die du als Sportler hast: Ein Ende zu finden, wenn es noch geht, und nicht dann, wenn sie dich vom Platz tragen müssen.

Haben Sie Ihre Karriere deshalb mit 33 Jahren beim BVB beendet?
Für mich hat es keinen Sinn gemacht, die Karriere in der Zweiten Liga auszudehnen. Mit meinem Background hätte ich die Ecke schießen und dann selbst reinköpfen müssen. Da wären Dinge erwartet worden, die ich in dieser Phase nicht mehr leisten konnte. Und ich wollte nicht mehr aus der Champions League direkt in die Zweite Liga.

Warum haben Sie sich danach komplett aus dem Fußball verabschiedet?
Meine Generation war im Grunde die letzte, deren Spieler alle nach der Karriere in Deutschland geblieben sind und etwas im Fußball machen wollten. So viele Posten gibt es aber nicht. Und ich war bei keinem meiner drei Vereine so lange, dass ich irgendwo zum Inventar gezählt hätte. Daher wäre es schwer geworden, etwas zu finden. Außerdem wollte ich nicht ständig umziehen müssen. Ich wollte einen Schlussstrich ziehen und etwas anderes machen.

Warum sind Sie einer der wenigen Fußballer, die auch im Leben nach der Karriere erfolgreich sind?
Als Profi lebt man in einer eigenen Welt, wird gehegt und gepflegt und durchorganisiert bis zum Geht-nicht-mehr. Wenn man dann keinen Vertrag mehr bekommt, fällt man in der Realität meist sehr hart auf den Boden.

Was ist die größte Herausforderung?
Man muss sich selbst komplett neu organisieren. Es ist etwas anderes, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten, als vier Tage in der Woche mit einer Fußballmannschaft unterwegs zu sein. Und auch die Zahlen, die man verdienen kann, sind andere als die, die man gewohnt ist. Es gibt fast keinen größeren Umstieg.



Ist Ihnen der Wechsel entsprechend schwer gefallen?
Ich habe mehr eine sitzende Tätigkeit. Ein halbes Jahr habe ich gebraucht, um nicht nachmittags einzuschlafen. Mein Körper wollte etwas machen, aber ich habe nur rumgesessen.

Wäre ein sanfter Übergang sinnvoller gewesen?
Das wollte ich nicht. Wenn ich erstmal ein Jahr lang die Welt bereist hätte, wäre ich in ein Loch gefallen. Und da wäre ich nicht mehr rausgekommen. Daher habe ich meinen neuen Job in einer Marketingagentur auch direkt am 1. Juli angetreten, direkt, nachdem mein Spielervertrag ausgelaufen war.

Warum haben Sie sich nach zweieinhalb Jahren selbständig gemacht?
Das war nicht unbedingt geplant. Meine Firma kam aus Liechtenstein, ich war in der Kölner Niederlassung. Anschließend wurde eine Stuttgarter Agentur gekauft und wieder verkauft, es war ein großes Hin und Her. Das war nicht das Richtige für mich.

Also mussten Sie sich wieder neu erfinden.
Ich habe mich schon immer für Technik interessiert, es war ein Hobby. Von daher war es nahe liegend, etwas in diesem Bereich zu machen. Auf die Idee, Computerschulungen anzubieten, bin ich übers Internet gekommen. Meine Firma fordert mich immer noch von morgens bis abends. Es ist viel Stress, aber auch Spaß.

Bleibt da noch Platz für den Fußball?
Ich habe auch gerne mal am Wochenende nichts vor, aber natürlich habe ich meine Ex-Vereine immer sehr stark verfolgt. Auch beim VfL gibt es immer noch Mitarbeiter, die schon da waren, als ich dort gespielt habe.

Würde es Sie reizen, noch einmal einen Managerposten im Fußball anzutreten?
Das ist wirklich sehr hypothetisch. Im Grunde bin ich raus aus dem Tagesgeschäft. Ich kenne nicht mehr jeden 18-jährigen Spieler. Diese Voraussetzungen müsste ich mir anarbeiten, aber ich würde mir zutrauen, dass ich das hinkriege. Grundsätzlich kann man sich nie vom Fußball lossagen. Das ist eine eigene Welt, ein Traum, da werden Emotionen frei. Aber ich würde für eine fixe Idee nicht die Firma zerstören, die ich in zehn Jahren aufgebaut habe.

Ist es insofern eine angenehme Fügung, dass Sie kürzlich in den Aufsichtsrat des VfL Bochum berufen worden sind?
Den VfL habe ich all die Jahre nie aus den Augen verloren und identifiziere mich hochgradig mit den Werten des Vereins. Mit meinen Erfahrungen und meinem Know-how will ich dazu beitragen, dass der Verein den eingeschlagenen Weg fortsetzt und mittelfristig wieder in die Bundesliga zurückkehrt. Denn dort gehört er hin.

----
Martin Kree (geboren am 27. Januar 1965 in Wickede) absolvierte zwischen 1983 und 1998 401 Bundesligaspiele (51 Tore) für den VfL Bochum, Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund. Seine größten Erfolge: Deutscher Meister 1995 und 1996, DFB-Pokalsieger 1993, Champions-League-Sieger und Weltpokalsieger 1997. Seit August 2004 leitet er das IT-Schulungscenter New Horizons mit zwölf festen und ebenso vielen freien Mitarbeitern in Holzwickede. Anfang Juli wurde er in den Aufsichtsrat des VfL Bochum berufen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!