10.08.2009

Martin Kind über die 50+1-Regelung

»Vereine sind Unternehmen«

Heute befindet der DFB-Bundestag über die 50+1-Regel. Martin Kind, Präsident von Hannover 96, setzt sich für ihre Abschaffung ein. »Die Fans verstehen diesen Prozess nicht in allen Stufen«, sagt er. Hier erklärt er ihn uns.

Interview: Philipp Köster Bild: Norman Konrad
Herr Kind, Sie sind ein erfolgreicher Unternehmer, als Boss des Bundesligisten Hannover 96 derzeit unverzichtbar. Da hätten Sie es eigentlich nicht nötig, sich wegen Ihres Engagements für die Abschaffung der sogenannten 50+1-Regelung anfeinden zu lassen.
 
Es gibt ja keine echten Anfeindungen… Alle Seiten versuchen, – mehr oder weniger – sachlich zu diskutieren. Es geht ja schließlich um neue erfolgreiche Strukturen für alle Bundesligavereine. Ich habe die Diskussion um die 50+1-Regelung lediglich eröffnet, nicht mehr und nicht weniger.



Wann haben Sie diese Notwendigkeit erkannt?
 
Da muss ich etwas zurückblicken: Das war vor zwölf Jahren, 96 spielte in der dritten Liga und war praktisch insolvent. Ich habe mich damals bereit erklärt, Verantwortung für den Verein zu übernehmen. Am Beginn stand eine grundlegende Analyse. Warum war Hannover in diese Situation gekommen? Und die entscheidende Frage: Wie kann man die Zukunft gestalten? Der erste und wichtigste Punkt ist dabei aus meiner Erfahrung immer das öffentliche Produkt, also die Profi-Mannschaft. Das bedeutete für uns: Schnell raus aus der dritten Liga, rein in die Zweite und wenn es geht schnell in die Bundesliga. Das ist insgesamt gut gelaufen, besser als ich es erhofft hatte. Wir spielen in diesem Jahr – zwar unter schwierigen Bedingungen – aber immerhin schon im siebten Jahr in der ersten Liga. Der zweite Punkt damals war die wirtschaftliche Sanierung, und da wurde schnell deutlich, dass diese unter den normalen Bedingungen in der Regionalliga oder auch in der zweiten Liga nicht möglich ist. Das hat dann dazu geführt, dass ich ein Sanierungskonzept entwickelt habe, um 96 frisches Kapital zuzuführen. Sonst wäre der Prozess in Richtung Zukunft nicht möglich gewesen. Mir ist damals gelungen, vier Privatpersonen und ein Unternehmen aus der Region davon zu überzeugen, Geld als Risikokapital für den Verein zur Verfügung zu stellen. Damit konnten wir Handlungsfähigkeit für die Zukunft gewinnen und die Verbindlichkeiten bedienen. Der dritte Punkt war die Frage, warum Hannover 96 in diese Situation gekommen ist, was eben auch mit der Vereinsstruktur zusammen hing. Das hat dann dazu geführt, dass wir die Ausgliederung in eine Kapitalgesellschaft durchgeführt haben. Wir haben damals 80 % der Mitgliederstimmen für die Ausgliederung in die GmbH & Co KG aA bekommen. Das war notwendig, um Klarheiten der Entscheidungsprozesse zu realisieren, aber auch um der Philosophie zu folgen, dass Profifußballteams Wirtschaftsunternehmen sind. Meine Meinung ist es, dass alle Vereine der ersten und zweiten Liga letztendlich Wirtschaftsunternehmen sind. Und das diese Ausgliederung möglich ist, liegt daran, dass es die DFL als Kapitalgesellschaft gibt und dass es DFB und DFL den Vereinen ermöglichen, diesen Ausgliederungsprozess zu vollziehen. Diesen Weg bin ich sehr konsequent gegangen.
 
Es gibt nun bereits zwei Fälle, bei denen die 50+1-Regel ohnehin nicht greift, weil sie in Unternehmen integriert sind.

 
Stimmt: Diese zwei Präzedenzfälle sind der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen. Aktuell ist differenziert Hoffenheim dazuzuordnen. Für mich sind alle drei – und das ist wichtig – positive Beispiele dafür, dass professionell mit Kapitaleignern gearbeitet werden kann. Bei Hannover 96 haben wir schon mehrere Kapitalerhöhungen durchgeführt, die aber letztlich nicht ausreichend sind. Es bleibt die Diskussion: Will man als Partner unter dem Konstrukt 50+1 mehr Kapital zur Verfügung stellen? Diese Diskussion hat deutlich gezeigt, dass die Bereitschaft dazu letztlich  nicht besteht. In unserem Modell würde es sich ohnehin nur um regionale Investoren handeln, die entscheidenden Einfluss etwa auf die Besetzung der Geschäftsführung, die Genehmigung des Haushaltes und die Genehmigung der Investitionen nehmen wollen - nicht mehr und nicht weniger. Es geht da nicht um den Verkauf eines Traditionsvereins an kaum bekannte, möglicherweise internationale Investoren, die immer wieder auch schnell als Heuschrecken bezeichnet werden. Ich denke, es ist ein legitimer Anspruch von Kapitalgebern und Investoren, auf die wesentlichen Fragen auch einen wesentlichen Einfluss nehmen zu können. Deshalb ist diese Modifikation notwendig. Aktuell haben wir in der Bundesliga eine Dreiklassengesellschaft. Ein Verein wie zum Beispiel Hannover 96 hat keine Chance, mit den aktuellen betriebswirtschaftlichen Zahlen, eine positive Entwicklung zu erreichen. Das bedeutet, wir kommen in die Phase der Stagnation und werden permanent irgendwo zwischen Platz 10 und Platz 15 spielen und irgendwann auch wieder absteigen. Das ist normal, weil wir aus der eigenen Wirtschaftskraft einen weiteren erfolgreichen Prozess nicht mehr finanzieren können. Also – wir brauchen eine Kapitalzuführung.
 
Sie sprachen im Falle von Hoffenheim auch schon mal von Umgehungsstrukturen...
 
Ich warne vor Umgehungstatbeständen. Ich möchte eine sichere und reproduzierbare Struktur, und vor allem deshalb gibt es diese intensive Diskussion. Ich will den Konsens mit dem Ligaverband, der DFL und den anderen Vereinen. Unser Modell ist seriös, es verbindet die unterschiedlichen Interessen von Tradition und Zukunft der Vereine. Es geht mir darum, gemeinsam die Zukunft aktiv zu gestalten und nicht den Weg der Rechtsklärung wählen zu müssen.
 
Das Konsensmodell sieht Restriktionen vor, die Glücksritter und Spekulanten abschrecken soll. Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Investoren dann dankend abwinken?
 
Ich habe schon erwähnt, dass es um eine seriöse Zusammenarbeit geht. Wer die nicht will, ist uns als Partner auch nicht willkommen.
 
Wird Investoren Unrecht getan?
 
Häufig schon: Es ist ja auch gerade in der Bundesliga nicht so wie das Bild in Medien gezeichnet wird, dass da irgendwelche bösen Investoren kommen, die über den deutschen Fußball herfallen und deutsche Fußballvereine übernehmen. Es entscheidet letztlich der Verein, wen er als Gesellschafter aufnimmt und ob er 10%, 20%, 30% oder 100% Gesellschafteranteile abgibt. Das muss er sich sehr genau überlegen. Das gehört zur Verantwortung. Der Verein bietet Anteile an und überlegt sich genau, welchen Gesellschafter er aufnimmt. Außerdem wird in der Diskussion vollkommen verkannt: die Mehrheit der Erst- und Zweitligisten sind schon jetzt Kapitalgesellschaften, in denen bereits mit einem Anteil von 25,1 Prozent wesentliche Entscheidungen blockiert werden können. Spekulative Investoren wird es ohnehin nicht geben: Es gibt im Fußball keine angemessenen Renditen, es gibt kein Wertsteigerungspotenzial. Wir haben hier in Deutschland die Situation mit Dietmar Hopp, der eine sehr regionale Beziehung hat, es gibt Wolfsburg, Leverkusen und in geringem Maße der kleine Kreis an Investoren um Hannover, die ihr Engagement letztendlich aus ihrer lokalen und regionalen Verantwortung heraus gründen – nicht unter wirtschaftlichen Fragestellungen. Wer das unter wirtschaftlichen Fragestellungen entscheidet, der sollte sein Geld in sein Kerngeschäft investieren, dort hat er deutlich mehr Renditechancen. Es wird also wohl keinen »bösen« Investor geben. Wer würde einen solchen Investor aufnehmen?
 
Verzweifelte Vereine in Geldnot?
 
Es gibt immer ein Restrisiko. Aber das haben sie auch im e.V. oder in einer Kapitalgesellschaft. Dieses Risiko können Sie nicht ausschließen.
 
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden