Martin Kind über die 50+1-Regelung

»Vereine sind Unternehmen«

Heute befindet der DFB-Bundestag über die 50+1-Regel. Martin Kind, Präsident von Hannover 96, setzt sich für ihre Abschaffung ein. »Die Fans verstehen diesen Prozess nicht in allen Stufen«, sagt er. Hier erklärt er ihn uns. Martin Kind über die 50+1-RegelungNorman Konrad
Heft #90 05/2009
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90

Herr Kind, Sie sind ein erfolgreicher Unternehmer, als Boss des Bundesligisten Hannover 96 derzeit unverzichtbar. Da hätten Sie es eigentlich nicht nötig, sich wegen Ihres Engagements für die Abschaffung der sogenannten 50+1-Regelung anfeinden zu lassen.
 
Es gibt ja keine echten Anfeindungen… Alle Seiten versuchen, – mehr oder weniger – sachlich zu diskutieren. Es geht ja schließlich um neue erfolgreiche Strukturen für alle Bundesligavereine. Ich habe die Diskussion um die 50+1-Regelung lediglich eröffnet, nicht mehr und nicht weniger.

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Wann haben Sie diese Notwendigkeit erkannt?
 
Da muss ich etwas zurückblicken: Das war vor zwölf Jahren, 96 spielte in der dritten Liga und war praktisch insolvent. Ich habe mich damals bereit erklärt, Verantwortung für den Verein zu übernehmen. Am Beginn stand eine grundlegende Analyse. Warum war Hannover in diese Situation gekommen? Und die entscheidende Frage: Wie kann man die Zukunft gestalten? Der erste und wichtigste Punkt ist dabei aus meiner Erfahrung immer das öffentliche Produkt, also die Profi-Mannschaft. Das bedeutete für uns: Schnell raus aus der dritten Liga, rein in die Zweite und wenn es geht schnell in die Bundesliga. Das ist insgesamt gut gelaufen, besser als ich es erhofft hatte. Wir spielen in diesem Jahr – zwar unter schwierigen Bedingungen – aber immerhin schon im siebten Jahr in der ersten Liga. Der zweite Punkt damals war die wirtschaftliche Sanierung, und da wurde schnell deutlich, dass diese unter den normalen Bedingungen in der Regionalliga oder auch in der zweiten Liga nicht möglich ist. Das hat dann dazu geführt, dass ich ein Sanierungskonzept entwickelt habe, um 96 frisches Kapital zuzuführen. Sonst wäre der Prozess in Richtung Zukunft nicht möglich gewesen. Mir ist damals gelungen, vier Privatpersonen und ein Unternehmen aus der Region davon zu überzeugen, Geld als Risikokapital für den Verein zur Verfügung zu stellen. Damit konnten wir Handlungsfähigkeit für die Zukunft gewinnen und die Verbindlichkeiten bedienen. Der dritte Punkt war die Frage, warum Hannover 96 in diese Situation gekommen ist, was eben auch mit der Vereinsstruktur zusammen hing. Das hat dann dazu geführt, dass wir die Ausgliederung in eine Kapitalgesellschaft durchgeführt haben. Wir haben damals 80 % der Mitgliederstimmen für die Ausgliederung in die GmbH & Co KG aA bekommen. Das war notwendig, um Klarheiten der Entscheidungsprozesse zu realisieren, aber auch um der Philosophie zu folgen, dass Profifußballteams Wirtschaftsunternehmen sind. Meine Meinung ist es, dass alle Vereine der ersten und zweiten Liga letztendlich Wirtschaftsunternehmen sind. Und das diese Ausgliederung möglich ist, liegt daran, dass es die DFL als Kapitalgesellschaft gibt und dass es DFB und DFL den Vereinen ermöglichen, diesen Ausgliederungsprozess zu vollziehen. Diesen Weg bin ich sehr konsequent gegangen.
 
Es gibt nun bereits zwei Fälle, bei denen die 50+1-Regel ohnehin nicht greift, weil sie in Unternehmen integriert sind.

 
Stimmt: Diese zwei Präzedenzfälle sind der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen. Aktuell ist differenziert Hoffenheim dazuzuordnen. Für mich sind alle drei – und das ist wichtig – positive Beispiele dafür, dass professionell mit Kapitaleignern gearbeitet werden kann. Bei Hannover 96 haben wir schon mehrere Kapitalerhöhungen durchgeführt, die aber letztlich nicht ausreichend sind. Es bleibt die Diskussion: Will man als Partner unter dem Konstrukt 50+1 mehr Kapital zur Verfügung stellen? Diese Diskussion hat deutlich gezeigt, dass die Bereitschaft dazu letztlich  nicht besteht. In unserem Modell würde es sich ohnehin nur um regionale Investoren handeln, die entscheidenden Einfluss etwa auf die Besetzung der Geschäftsführung, die Genehmigung des Haushaltes und die Genehmigung der Investitionen nehmen wollen - nicht mehr und nicht weniger. Es geht da nicht um den Verkauf eines Traditionsvereins an kaum bekannte, möglicherweise internationale Investoren, die immer wieder auch schnell als Heuschrecken bezeichnet werden. Ich denke, es ist ein legitimer Anspruch von Kapitalgebern und Investoren, auf die wesentlichen Fragen auch einen wesentlichen Einfluss nehmen zu können. Deshalb ist diese Modifikation notwendig. Aktuell haben wir in der Bundesliga eine Dreiklassengesellschaft. Ein Verein wie zum Beispiel Hannover 96 hat keine Chance, mit den aktuellen betriebswirtschaftlichen Zahlen, eine positive Entwicklung zu erreichen. Das bedeutet, wir kommen in die Phase der Stagnation und werden permanent irgendwo zwischen Platz 10 und Platz 15 spielen und irgendwann auch wieder absteigen. Das ist normal, weil wir aus der eigenen Wirtschaftskraft einen weiteren erfolgreichen Prozess nicht mehr finanzieren können. Also – wir brauchen eine Kapitalzuführung.
 
Sie sprachen im Falle von Hoffenheim auch schon mal von Umgehungsstrukturen...
 
Ich warne vor Umgehungstatbeständen. Ich möchte eine sichere und reproduzierbare Struktur, und vor allem deshalb gibt es diese intensive Diskussion. Ich will den Konsens mit dem Ligaverband, der DFL und den anderen Vereinen. Unser Modell ist seriös, es verbindet die unterschiedlichen Interessen von Tradition und Zukunft der Vereine. Es geht mir darum, gemeinsam die Zukunft aktiv zu gestalten und nicht den Weg der Rechtsklärung wählen zu müssen.
 
Das Konsensmodell sieht Restriktionen vor, die Glücksritter und Spekulanten abschrecken soll. Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Investoren dann dankend abwinken?
 
Ich habe schon erwähnt, dass es um eine seriöse Zusammenarbeit geht. Wer die nicht will, ist uns als Partner auch nicht willkommen.
 
Wird Investoren Unrecht getan?
 
Häufig schon: Es ist ja auch gerade in der Bundesliga nicht so wie das Bild in Medien gezeichnet wird, dass da irgendwelche bösen Investoren kommen, die über den deutschen Fußball herfallen und deutsche Fußballvereine übernehmen. Es entscheidet letztlich der Verein, wen er als Gesellschafter aufnimmt und ob er 10%, 20%, 30% oder 100% Gesellschafteranteile abgibt. Das muss er sich sehr genau überlegen. Das gehört zur Verantwortung. Der Verein bietet Anteile an und überlegt sich genau, welchen Gesellschafter er aufnimmt. Außerdem wird in der Diskussion vollkommen verkannt: die Mehrheit der Erst- und Zweitligisten sind schon jetzt Kapitalgesellschaften, in denen bereits mit einem Anteil von 25,1 Prozent wesentliche Entscheidungen blockiert werden können. Spekulative Investoren wird es ohnehin nicht geben: Es gibt im Fußball keine angemessenen Renditen, es gibt kein Wertsteigerungspotenzial. Wir haben hier in Deutschland die Situation mit Dietmar Hopp, der eine sehr regionale Beziehung hat, es gibt Wolfsburg, Leverkusen und in geringem Maße der kleine Kreis an Investoren um Hannover, die ihr Engagement letztendlich aus ihrer lokalen und regionalen Verantwortung heraus gründen – nicht unter wirtschaftlichen Fragestellungen. Wer das unter wirtschaftlichen Fragestellungen entscheidet, der sollte sein Geld in sein Kerngeschäft investieren, dort hat er deutlich mehr Renditechancen. Es wird also wohl keinen »bösen« Investor geben. Wer würde einen solchen Investor aufnehmen?
 
Verzweifelte Vereine in Geldnot?
 
Es gibt immer ein Restrisiko. Aber das haben sie auch im e.V. oder in einer Kapitalgesellschaft. Dieses Risiko können Sie nicht ausschließen.
 
Die Erfahrung lehrt uns natürlich nicht Gutes, was die Seriosität mancher Fußballvereine angeht.
 
Aber heute sind es ja Vorstände oder Geschäftsführer, die vom e.V. bestimmt sind...
 
Das Beispiel 1860 München...
 
Dort liegen ja wieder Umgehungstatbestände vor, wenn ich aus der Zeitung richtig informiert bin. Ich kenne die Verträge nicht, deshalb ist es auch kritisch, sich zu Dingen zu äußern, die man inhaltlich nicht beurteilen kann. Aber es deutet sich an, dass die derzeitigen Regeln des Verbandsrechtes nicht in vollem Umfang beachtet wurden… Genau das will ich verhindern, indem ich ehrliche, offene und reproduzierbare Strukturen empfehle.
 
Welche Chancen geben Sie denn dem Konsensmodell?
 
Ich kann das zum heutigen Zeitpunkt nicht beurteilen. Die DFL hat das gemeinsame Arbeitspapier den Vereinen der DFL zur Verfügung gestellt. Hiermit soll eine umfassende Information sichergestellt werden und Wissensdefizite abgebaut werden. Mit dem Papier können hoffentlich viele offene Fragen beantwortet werden. Ich kann nur immer wieder betonen: Ich bin an einer zukunftsorientierten, richtungsweisenden aber einvernehmlichen Lösung interessiert. 
 
Die Alternative wäre die Rechtsklärung.
 
Das ist nicht mein Ziel: Dann gibt es nur dieses Urteil und das ist konsequent von allen zu beachten. Ich erinnere an das Bosman-Urteil: Verlierer waren letztendlich die Vereine. Das könnte bei einer Rechtsklärung auch hier eintreten. Deshalb kämpfe ich jetzt in der Zwischenzeit für dieses Konsens-Modell, und ich glaube, dass wir da eine gute Synthese der Interessen entwickelt haben.
 
Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit wird stark daran gemessen, wie wir gegenüber England, Italien, Spanien und mit Abstrichen Frankreich da stehen.
 
Diese internationale Frage stellt sich natürlich, aber sie ist für Hannover 96 nicht aktuell.  Wir haben wie schon beschrieben eine Mehrklassengesellschaft in der Bundesliga, und ich will das mal nur sehr breit an betriebswirtschaftlichen Zahlen skizzieren: Hannover 96 macht einen Umsatz von gut 50 Millionen €, bei diesen 50 Millionen machen wir keinen Gewinn. Wir haben eine Eigenkapitalausstattung, die deutlich zu gering ist um Handlungsfähigkeit für die Zukunft zu erreichen. Deshalb sehe ich auch diese Notwendigkeit der Kapitalerhöhung, weil wir aus dem operativen Geschäft keine Erträge erwirtschaften.
 
Andere Klubs, nicht nur der FC Bayern, schweben in anderen Sphären.
 
Das sind immer die gleichen Vereine. Bayern München, Umsatz ca. 280 Millionen, und Vereine wie der VfB Stuttgart bis HSV mit Umsätzen zwischen 100 - 140 Millionen. Diese Vereine erwirtschaften Gewinne. Trotzdem sind sie im internationalen Wettbewerb nur bedingt wettbewerbsfähig. Hannover 96 kann mit den genannten Vereinen nicht mithalten. Wie bereits erwähnt, können wir bei der Umsatzgröße von Hannover 96 keine angemessenen Erträge erwirtschaftet und werden  das auch in der Zukunft nicht können, das zeigen die Planrechnungen. Deshalb ist die Änderung der 50+1-Regel notwendig. Die derzeitige Situation bei Hannover 96 bedeutet im Ergebnis Stagnation. Ein aktuelles Beispiel: Wir haben im Januar Transferentscheidungen diskutiert, Wettbewerber war der Hamburger SV, und wir waren chancenlos. Obwohl wir bei unserem Angebot an einen Spieler schon an das Limit unserer wirtschaftlichen Möglichkeiten gegangen sind.
 
Das muss Sie ärgern, als Unternehmer.
 
Stimmt: Ich bin Unternehmer und ich will auch 96 erfolgreich entwickeln: sportlich und wirtschaftlich. Die Rahmendaten müssen geschaffen werden. Die Fans verstehen diesen komplizierten Prozess nicht in allen Stufen. Das ist auch verständlich, sie haben andere Erwartungen. Sie wollen erfolgreichen Fußball sehen. Ich gehe aber davon aus, dass es sie nicht interessiert, wer den Geschäftsführer bestellt, wer den Haushalt und die Investitionen genehmigt. Die Emotionalität des Fußballs wird von der neuen Struktur nicht beeinflusst. Hier geht es ausschließlich um die reinen unternehmerischen und wirtschaftlichen Fragestellungen.
 
Eine These: Der Gegenwind aus Fanrichtung wäre womöglich geringer, wenn Sie sich anders ausdrücken würden. Ein Satz wie »Ein Verein ist ein Wirtschaftsunternehmen«, so sehr er bilanztechnisch stimmen mag, wird jedem Fan auf die Barrikaden bringen. Er sieht in seinem Klub ja kein Unternehmen.
 
Auf die Fans bezogen, stimme ich Ihnen zu und teile Ihre Einschätzung. Aber die 50+1-Frage ist nun mal eine gesellschaftsrechtliche Frage und ein wirtschaftliches Thema, da kann ich diese Begriffe nicht weglassen, obwohl es im Sinne der Öffentlichkeit und im Sinne der Fans kein hilfreicher Begriff ist. Natürlich ist das ein Spagat.
 
Für Klubs wie den Hamburger SV kann die Perspektive nur sein, national mit dem FC Bayern auf Augenhöhe zu kommen und in der Champions League nicht derart chancenlos zu sein, wie das derzeit der Fall ist. Aber wer wird sich für die Klubs interessieren?
 
Ich glaube auch, dass die Investoren in Deutschland nicht Schlange stehen werden. Und wenn sich Investoren finden, dann werden diese eher die »billigen Marken« wählen und nicht die teuren, weil sie sich sagen: »Das ist ein Schnäppchen, den Klub bringe ich hoch und kann den möglichen Mehrwert dann realisieren«. Es wird schon spannend zu sehen, ob es überhaupt Unternehmen gibt, die sich im deutschen Fußball engagieren wollen… Ich vermute, es werden im Wesentlichen strategische Partner sein. Und dagegen spricht nichts.
 
Beispielsweise langjährige Sponsoren?
 
Genau. Oder Marken mit großem Interesse am Sportmarkt, so wie Adidas, die sich bei Bayern München engagieren. Solche Unternehmen beschäftigen sich mit dem Sportmarkt, das sind dann auch Investoren, die den weiteren Prozess positiv unterstützen. Investoren, die nur an Wertsteigerungspotenzial und Rendite interessiert sind, wird es im Fußball nicht geben. Die wären auch nicht willkommen, obwohl ich es natürlich auch nicht ausschließen kann. Aber noch mal: Ich erwarte diese Entwicklung nicht.
 
Im Gegensatz zu Mäzenen ist bei Investoren natürlich ein viel größeres Interesse vorhanden, das Geld nicht zu verbrennen.
 
Das ist sogar steuerlich notwendig, sonst wäre es wieder Mäzenatentum. Aber die Partner wären ja Unternehmen, und die kennen natürlich die formalen Voraussetzungen für solche Engagements. Natürlich sind sie an einer Verzinsung ihres Kapitals interessiert, und das führt entsprechend zu einer wirtschaftlichen Vernunft. Das ist notwendig und gehört zum wirtschaftlichen Handeln.
 
Wenn Sie auf Ihre beiden Amtszeiten bei Hannover 96 sehen: Wie hat sich der Verein entwickelt?
 
96 ist in Hannover gesellschaftsfähig geworden. Wir erreichen die Politiker, die Vorstände der Großunternehmen, die Klein- und mittelständischen Unternehmen, Kommunikatoren und die Fans. Wir haben kontinuierlich eine Erhöhnung des Anteils der Frauen. Dies wird von uns sehr begrüßt. Im Ergebnis sind wir breit aufgestellt. Die Entwicklung hängt insbesondere mit der Infrastruktur der Osttribüne zusammen und sicherlich auch mit der insgesamt positiven Entwicklung von Hannover 96. Hannover 96 ist in Stadt und Region angekommen. Dafür sind wir dankbar. Es gibt jedoch noch viel zu tun. Beispiele: Borussia Dortmund, Schalke 04 oder der Hamburger SV, das sind Entwicklungen über Jahrzehnte. Erst wenn auch in Krisenzeiten die AWD-Arena voll besetzt ist, haben wir die Identität erfolgreich abgeschlossen.
 
Das Fußballgeschäft ist manchmal nicht so ganz einfach. Gab es bei Ihnen schon Situationen, in denen Sie keine Lust mehr hatten?
 
Nein: Aber es stimmt - Das  Geschäft ist hoch emotional und hoch kompliziert.
 
Kürzlich zum Beispiel stand in der »Neuen Presse« eine zweispaltige Handlungsanleitung, was alles Ihre Aufgaben seien, unter anderem den Trainer rauszuschmeißen. Lesen Sie so etwas?
 
Ich habe eine innere Distanz dazu.
 
Hatten Sie die von Anfang an? Das Fußballgeschäft ist bisweilen ziemlich brutal.
 
Brutalität ist sicher etwas anderes: Aber am Anfang habe ich schon unter den öffentlichen Diskussionen gelitten, weil ich das in dieser Intensität nicht erwartet hatte. In manchen Fällen war und ist die Form der öffentlichen Diskussion und der Berichterstattung unangemessen. Ich sage aber auch: Die Pressorgane sind keine Vereinsorgane, sie begleiten die Prozesse kritisch. Ich lehne jedoch ab, wenn insbesondere die Presseorgane versuchen, Politik machen zu wollen. Wer Politik machen will, muss auch in die Verantwortung gehen. Kritik von außen ohne interne Kenntnisse und eigene Verantwortung, ist immer leichter formuliert.
 
Hat Ihr Engagement bei Hannover 96 den Effekt gehabt, dass es den Fußball ein bisschen entzaubert hat?
 
Ja. Ich kam her mit  vielen Illusionen und Vorstellungen, die Realität ist deutlich differenzierter. Und ich sage auch offen: Ich habe schon meine Zweifel, dass sich dieser Fußballmarkt vernünftig entwickelt hat. Die Märkte haben ihre eigene Dynamik, sie konstruktiv weiterzuentwickeln ist eine große Herausforderung. Fußball ist ein unglaublich ergebnisorientiertes Produkt mit einer Laufzeit von jeweils oft nur einem Jahr. In dem Jahr fallen alle Entscheidungen. Die Bereitschaft, mittelfristig und längerfristig Veränderungen zu gestalten, ist leider nicht sehr ausgeprägt.
 
Noch mal ein Blick zurück: Wann hat es denn mit dem Fußball und mit Ihnen angefangen?
 
Natürlich bin ich ab und zu mal zum Fußball gegangen, aber nicht als Hannover 96 noch in der dritten Liga spielte. Bis zum Abitur habe ich auch selbst gespielt.
 
Als was? Vorstopper? Mittelstürmer?
 
Alles. Das war ein Dorfverein, ich war noch ein Straßenfußballer. Aber dann habe ich mein Unternehmen aufgebaut, für Fußball blieb keine Zeit. Wenn es mal ein gutes und wichtiges Spiel gab, bin ich hingegangen – aber das war pro Jahr nur ein- bis zweimal  der  Fall. Und dann bin erst wieder so richtig zum Fußball gekommen, als bei 96 die geschilderte Situation vorlag. Ich habe natürlich viel lernen müssen, weil ich auf einmal in eine Welt kam, die mir fremd war. Die eine Option ist dann dabei: Sie gehen in einer solchen Welt unter. Die andere: Sie sind bereit zu lernen. Ich war bereit zu lernen, so dass ich heute den Mut habe zu sagen, dass ich im Wesentlichen den Fußball und den Fußballmarkt verstehe. Ich habe zwar ja schon ein paar Trainer und Sportdirektoren entlassen, allen aber immer zugehört und mich mit ihren Argumenten beschäftigt. So bekommt man schon ein bisschen das Auge für die wichtigsten Mechanismen in der Branche…
 
Ihr emotionalster Moment?
 
Das war ganz klar der Aufstieg in die zweite Bundesliga mit Hannover 96. Im Relegationsspiel haben wir zunächst in Berlin bei Tennis Borussia Berlin gespielt und dort verloren. Dann haben wir zuhause in der letzten oder vorletzten Minute den Ausgleich geschossen, sind in die Verlängerung und haben dann gewonnen. Damals waren über 50.000 Fans dabei, das war eine unglaubliche Stimmung, dem konnte ich mich nicht entziehen.
 
Gibt es für Sie eine Art Masterplan: Wie lange geht es bei 96 weiter?
 
Mein Leben ist Arbeit, und so wird es wohl auch bleiben. Ich bin es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. In der Öffentlichkeit wird oft das Bild vom Patriarchen gezeichnet. So sehe ich mich nicht: Ich bin aber entscheidungs- und konfliktfähig und nehme Verantwortung an. Das sind viele nicht gewohnt. Entscheidungen zu treffen, die Verantwortung anzunehmen ist aber eben nie das Wunschkonzert des Lebens. Es ist immer schöner, andere kritisieren zu können, als selber Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen. Ich habe beim Aufbau des Unternehmens gelernt, dass ich mich nicht auf Dritte zurückziehen kann, sondern mir selber über alles Gedanken machen muss.
 
Warum sind Sie bei 96 zurückgekommen? Doch Sehnsucht nach dem Fußballgeschäft gehabt?
 
Ich bin eigentlich gegen meinen Willen noch mal zurückgekommen, sage aber pragmatisch: Gemacht habe ich das für Hannover 96. Und ich hatte auch Investoren davon überzeugt, mir für das Unternehmen Hannover 96 ihr Geld zur Verfügung zu stellen. Das haben sie in Treue und Glauben gemacht. Auch dazu gehört Verantwortung. Eigentlich wollte ich nicht zurückkehren, denn wenn man sich einmal für eine Richtung entscheidet, sollte man auch dabei bleiben. Aber es gab eben diese Verantwortung, der ich mich stellen musste, und so bin ich wieder zurückgekehrt. Jetzt gilt es mehr denn je, die richtige Struktur zu schaffen, damit 96 sich auch in Zukunft erfolgreich weiterentwickeln kann.
 
Das bedeutet auch: Bevor 50+1 nicht durch ist, treten Sie nicht ab.
 
Da gibt es keinen direkten engen Zusammenhang. Im Moment kämpfe ich aber mit vollem Engagement für das Konsensmodell. Ich bin optimistisch, dass es die geforderte Mehrheit am Schluss geben kann und dann »Schaun wa mal…«

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