25.06.2009

Martin Jol über den HSV

»Groß denken, klein handeln«

Nach dem Abgang von Dietmar Beiersdorfer droht der HSV im Chaos zu versinken. Ex-Coach Martin Jol schien das zu ahnen, als wir ihn kurz vor seinem Wechsel nach Amsterdam zum Interview trafen. Ein Menetekel.

Interview: Philipp Köster und Tim Jürgens Bild: Imago
Am Ende hat es hier wie dort nicht zum großen Wurf gereicht.

Die Frage ist, wie man mit der Belastung umgeht. Aston Villa und Tottenham Hotspur sind kein Risiko eingegangen und haben nur mit der zweiten Mannschaft im UEFA-Cup gespielt. Die Konzentration galt der Liga.

Das wäre in Deutschland nicht vermittelbar.

Die deutschen Teams könnten das auch gar nicht, weder der Hamburger SV noch Werder Bremen. Erstens, weil nicht genügend Spieler da sind und zweitens kann man nicht einfach sagen, ach komm, das Spiel gegen Galatasaray ist egal, wenn man in der gesamten Vorsaison dafür gekämpft hat, in Europa zu spielen.

Kann man als Trainer anordnen, dass die Mannschaft einmal nicht 100 Prozent gibt, um sich zu schonen?

Manchester United hat in diesem Jahr den Liga-Cup mit Spielern gewonnen, die größtenteils aus der zweiten Reihe kamen. Die Stammelf spielt in der Champions League. Das geht bei solchen Vereinen, beim Hamburger SV hingegen noch nicht.

Müsste das Publikum diese Leistung mehr honorieren?

Das ist doch ganz normal: Wenn die Erwartungen hoch sind, ist auch die Enttäuschung groß. Auch bei mir, aber ich kann das natürlich nicht so sehr zeigen. Ich muss ein Vorbild für meine Spieler sein.

Als Sie in Hamburg anfingen, war Ihr Landsmann Rafael van der Vaart noch da, dann war er plötzlich weg. Ein Schock für Sie?


Nein, ich bin Realist. Aber ich war schon besorgt.

Besorgt, Ihre Vorstellungen nicht mehr umsetzen zu können? Zunächst ja, aber dann hat mir Manager Didi Beiersdorfer erklärt, welche Klauseln es in Rafaels Vertrag gab.

Die Klausel, dass van der Vaart für eine bestimmte Ablösesumme jederzeit aus dem Vertrag entlassen werden muss.


Da habe ich zu Didi gesagt: »Mach das ab sofort bitte nicht mehr.« Wir haben anschließend Glück gehabt. Alex Silva zum Beispiel war ein zentraler Verteidiger und hat problemlos im Mittelfeld gespielt. Zu Marcell Jansen bin ich gegangen und habe ihn gefragt: »Marcell, es ist natürlich nicht ideal, aber könntest du dir vorstellen, im linken Mittelfeld zu spielen? Nicht nur morgen, sondern die ganze Saison.« Da sagte Marcell: »Trainer, das habe ich doch bei Gladbach gemacht.« Manches ist Glück
und Zufall.

Wie wichtig ist in Ihrem System ein Spieler, der die besonderen Dinge macht? Ein Momentspieler, wie Sie das nennen.

Jede gute Mannschaft hat mindestens drei Spezialisten. Aber ein Team muss auch insgesamt produktiv sein. Das war der HSV auch mit van der Vaart nicht. Wenn man 47 Tore macht, davon sieben im letzten Spiel, dann ist man nicht produktiv. Wir brauchen ein Mittelfeld, das mindestens sechs, sieben Tore macht. Wir brauchen Spieler auf den Außen, die vier, fünf Tore machen und vorne braucht man Stürmer, die immer vorne in der Torschützenliste zu finden sind. Um Meister zu werden, muss man mindestens 70 Tore machen.

Ihr Vorgänger Huub Stevens hat Sie ja nicht unbedingt als Nachfolger empfohlen. War sein defensiver Stil eher Problem oder Chance?

Stevens hat mit seinem Stil, seiner Kultur Recht gehabt. Wenn du auf dem 17. Tabellenplatz bist und Hurrafußball spielen willst, kann es passieren, dass du viel zu offen spielst und sehr viele Gegentore kassierst. Dann machst du ein Tor, aber die anderen drei oder vier.

Die Ansprüche der Fans in Hamburg sind ohnehin andere.

Ich finde auch, dass die Fans hier in Hamburg eine Top-Mannschaft verdienen. Das letzte Bundesliga-Spiel gegen Bremen war ein gutes Beispiel: Wir waren schlecht, aber die Kritik der Leute hielt sich noch in Grenzen. Sie wissen, wie wir kämpfen müssen, und dass wir noch in der Entwicklungsphase sind – mit Spielern wie Pitroipa, Boateng und Aogo.

In vielen deutschen Klubs gibt es das Geschäftsprinzip, kleine Spieler groß zu machen und teuer zu verkaufen.

Das geht nur, wenn die Spieler Vollgas geben. Udinese macht das zum Beispiel. Die verkaufen Fabio Quagliarella für 30 Millionen Euro. Und warum? Weil sie schon einen Nachfolger für ihn haben. Das weiß nur keiner. Wenn man das so handhabt, kann man sehr erfolgreich sein. Wenn man das nicht macht, wird man in England als »Verkaufsverein«, als Selling Club, bezeichnet. Und bei so einem Klub möchte ich
nicht arbeiten.

Dann skizzieren Sie doch mal eine Perspektive für den HSV.


Wir müssen in Zukunft noch mehr zur Einheit werden. Und dann, das habe ich auch zu Bernd Hoffmann gesagt, ist der Unterschied zwischen Bayern und uns eigentlich nicht sehr groß. Aber dafür muss man gut arbeiten, die Spieler müssen sich verbessern. Jeder unserer Spieler hat in dieser Saison entwickelt. Wie Dennis Aogo oder Marcell Jansen, der inzwischen wieder in der Nationalelf spielt. Aber damit gewinnt man nun mal keine Titel.

Sie tragen seit einigen Monaten immer eine Mütze. Soll niemand sehen, was in Ihnen vorgeht?

Nein (lacht). In Bremen hat mich die Mütze vor noch Schlimmerem bewahrt, da war sie wirklich meine Rettung. Ich habe mir zweimal den Kopf gestoßen. Wenn ich die Mütze nicht getragen hätte, hätte ich jetzt vermutlich eine Gehirnerschütterung.

In der Kabine?

Nein, auf der Bank. Wisst ihr, dass sich Udinese schon zweimal bei der UEFA über die Bank in Bremen beschwert hat? Die ist lebensgefährlich. Wenn man da aufsteht, ist die Stange immer direkt auf Kopfhöhe. Wenn man Pech hat, geht man mit zwei Fleischwunden nach Hause.

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