14.02.2014

Marteria und Mike Werner über Hansa, Haare und Lichtenhagen

»Wir mussten uns mit Nazis prügeln«

Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #147 trafen wir zwei Rostocker Legenden zum Interview: Rapper Marteria und Haarikone Mike Werner. Vor dem Topspiel der dritten Liga zwischen Hansa und Heidenheim gibt es hier das Interview in voller Länge.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Christoph Voy

Sie beide haben dann auf Ihre eigene Weise rebelliert.  Marteria beendete 1999 als frisch gebackener U17-Nationalspieler seine Karriere und ging als Model nach New York.  Werner ließ sich  seinerzeit die prägendste Frisur der Bundesliga-Geschichte wachsen.
Werner: Das war keine Rebellion, das war schön. Ich sah doch super aus. (lacht)
Marteria: Vorne Igel und hinten Matte. Wir nannten das den Ost-Schnitt. Warum hast Du die Haare eigentlich so getragen?
Werner: Ich wollte ursprünglich komplett lange Haare haben. Aber dann hat mir mein Trainer Uwe Reinders gesagt: »Wenn Du jemals einen Kopfball verpassen solltest, weil dir die Haare im Gesicht hängen, spielst Du nie wieder.« Also habe ich sie mir vorne kurz geschnitten. Der konnte als Wessi einfach nicht damit umgehen, dass wir Ossis modisch weit voraus waren. (lacht)

Haben Sie beide sich eigentlich mal während Ihrer aktiven Hansa-Zeit getroffen?
Marteria: Klar. Aber ich glaube, daran kann sich Mike nicht mehr erinnern. In dem Moment hatte er andere Sorgen.
Werner: Wann war denn das?
Marteria: Am 29. August 1995.
Werner: Ach, du scheiße.

Sie erinnern sich?
Werner: An dem Tag haben wir gegen Dortmund gespielt. In der 41. Minute rannte mich Knut Reinhardt über den Haufen. Ich hörte es krachen: Mein Kreuzband war gerissen. Das war mein letztes Spiel als Profi. Aber wo haben wir uns an dem Tag getroffen?
Marteria: Ich war Balljunge im Stadion, immer in der gleichen Ecke. Genau dort rauschte Knut Reinhardt in dich rein. Ich stand nur einen Meter entfernt und hörte dich schreien. Im Stadion war es für einen Moment ganz still, weil alle wussten: Wenn Mike Werner liegen bleibt, muss es schlimm sein.
Werner: Ich habe vor kurzem noch ein Video gesehen von der Szene. Was habe ich gejammert und gemotzt. Ich hatte aber auch barbarische Schmerzen. Aber meine Auswechslung hatte auch was Gutes: Wir haben trotz 0:2-Rückstand noch 3:2 gewonnen.

Werner ging im Anschluss für ein halbes Jahr in die Reha nach Berlin. Haben Sie seinen Weg verfolgt, Marteria?
Marteria: Er war fester Bestandteil dieser bärenstarken Mannschaft. Und von einem Tag auf den nächsten war er weg. Und kam auch nicht mehr wieder. Ich merkte, dass es im Fußball von einem Moment auf den nächsten einfach vorbei sein kann. Eine Erkenntnis, die meiner Persönlichkeitsentwicklung sehr gut getan hat.
Werner: So eine Verletzung zeigt dir, dass Fußball ein Geschäft ist und nichts anderes. Viele vermeintliche Freunde, Bekannte und Kumpels haben sich danach nie wieder gemeldet.

Sind Sie vielleicht zu blauäugig an das Profigeschäft gegangen?
Werner: Na klar. Wir haben in den Tag gelebt. Überall bekamen wir alles umsonst. Da hat niemand an morgen gedacht. 

Marteria: Das ging sogar schon in meiner Jugendmannschaft los. Von Ihrem ersten Geld haben sich einige fette Autos gekauft und die Flaschen im Club geköpft. Die haben nur Scheiße gebaut. Ich denke, einige von denen fassen sich heute auch nur an den Kopf, wenn sie an diese Zeit denken. Mich hat das eher nachdenklich gemacht. Ich wollte ein Leben neben dem Fußball haben.

Bereuen Sie, keinen Lebensplan B gehabt zu haben, Mike Werner?
Werner: Ich bin nicht der Typ der irgendwas bereut. Ehrlich gesagt, bin ich nicht mal der Typ, der viel nachdenkt. Ich mache lieber. Nach der Verletzung musste ich das Leben von Null auf neu erlernen. Als Profi wurde mir alles abgenommen. Ich war schleichend entmündigt worden, ohne es zu merken. Ich wusste nicht einmal, wie ich mein Auto ummelde. Das hat mich eiskalt erwischt und meinen Blick auf den Fußball verändert.

Wurden Spieler bewusst naiv gehalten?
Marteria: Was naiv klein? Hier im Osten war Jahrzehnte lang alles auf Disziplin und Gehorsam getrimmt worden. Natürlich auch im Fußball. Und das hat sich nach der Wende nicht geändert. Ich hatte in den Auswahlmannschaften schon sehr strenge Trainer, die keine Ausreißer geduldet haben. Ich glaube, dass der Osten bis heute Probleme hat, bestimmte Dinge lockerer zu sehen.
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