14.02.2014

Marteria und Mike Werner über Hansa, Haare und Lichtenhagen

»Wir mussten uns mit Nazis prügeln«

Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #147 trafen wir zwei Rostocker Legenden zum Interview: Rapper Marteria und Haarikone Mike Werner. Vor dem Topspiel der dritten Liga zwischen Hansa und Heidenheim gibt es hier das Interview in voller Länge.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Christoph Voy

Marteria, wo haben Sie den Bundesliga-Aufstieg von Hansa Rostock am 11. Juni 1995 erlebt?
Marteria: Ich war zwölf Jahre alt und wie bei jedem Heimspiel mit meiner Mutter im damaligen B-Block des Ostseestadions. Stefan Beinlich, Rocco Milde und Steffen Baumgart schossen Hannover 96 ab. Hinten in der Abwehr wehten die Haare von  Werner. Nach dem Abpfiff stürmten alle auf den Rasen. Ich hab vor Freude geheult.

Sie spielten damals als rechter Verteidiger in der Jugend von Hansa. Ihnen wurde eine Profi-Karriere prognostiziert. War Mike Werner ein Vorbild?
Werner: Sag jetzt nichts Falsches. (lacht)
Marteria: Für uns waren alle Profis Götter. Beim Training hingen wir am Zaun und träumten. Prägend waren aber vor allem die Trainingsauftritte von Daniel Hoffmann.

Warum?
Marteria: Es war für uns der Mann, der den Westen zu Hansa brachte. Als einer der jüngsten Spieler im Kader kam er mit einem alten Benz zum Training. Das fanden wir ziemlich cool. Wenn es dann in der Ferne knatterte, wussten alle: Jetzt kommt  Werner auf seiner Harley!
Werner: Einspruch. Ich fuhr damals noch keine Harley, sondern eine alte MZ. Aber die war auch fürchterlich laut.

Mike Werner, Sie entsprachen mit lange Haaren und einem Motorrad Ihrem Image des Ost-Rebellen.
Werner: Image? So ein Quatsch! Ich hatte zu der Zeit einfach keinen Auto-Führerschein, und irgendwie musste ich zum Training kommen. Aber als wir dann aufgestiegen sind, habe ich mir tatsächlich geholt. Das war für mich ein Ausdruck von Freiheit.

Wie haben die Hansa-Profis  damals den eigenen Nachwuchs wahrgenommen?
Werner: Wir lebten in einer Blase, die Nachwuchsmannschaften haben uns Null interessiert. Die Mauer war zwar weg, aber im eigenen Verein stand sie irgendwie noch. Aus heutiger Sicht ist das selten dämlich. Schon damals hätten wir ahnen müssen, dass Hansa auf seine Jugend angewiesen sein wird.
Marteria: Die meisten Hansa-Profis waren damals noch jung, irgendwo zwischen 19 und 23. Und auf einmal öffnet sich das Land, und alle Verheißungen des Westens prasseln auf die Spieler ein. Man verdient viel Geld, fährt dicke Autos und spielt gegen Bayern München. Da ist es logisch, dass man kein Auge für den eigenen Nachwuchs hat.



Dabei war das Erfolgsrezept von Hansa in jenen Jahren doch Zusammenhalt und regionale Identifikation.
Werner: Diese Identifikation war am Anfang da, aber mit dem Erfolg hat das nachgelassen. Es kamen immer mehr Spieler, die Hansa als Durchgangsstation gesehen haben. Täglich krochen uns neue Berater in den Arsch. Irgendwann waren viele  Spieler mehr mit anderen Dingen beschäftigt als mit Fußball. Das hat mich genervt.

Wilderten die Berater auch schon im Nachwuchsbereich?

Marteria: Ich hatte mal ein Angebot von Real Mallorca, weil ich bei einem C-Jugend-Turnier vier Tore gegen die geschossen habe. Die haben dann bei meiner Mutter angerufen, aber für mich gab es nur Hansa.
Werner: Bereust Du Deine Entscheidung heute?
Marteria: Nein, ich hatte damals alles. Ich spielte mit meinen Freunden bei meinem Verein, konnte als 16–Jähriger meine Mutter finanziell bei der Miete unterstützen. Der Klub besorgte mir sogar eine Ausbildung. Am Ende hat sich das aber als Albtraum herausgestellt.

Was war passiert? 

Marteria: Für die Chefs war ich kein Auszubildender, sondern das Fußballtalent. Montagsmorgens boxten sie mir kumpelhaft in den Bauch, ich saß in der Kantine bei den Chefs am Tisch statt bei den anderen Azubis. Ich dachte mir: Ich will das alles nicht. Obwohl ich alle Freiheiten hatte, fühlte ich mich eingesperrt.

Sie lebten in einem goldenen Käfig.
Marteria: Freiheit hatte ich nur, wenn ich funktionierte. Wenn die Leistung stagnierte, wurde der Umgang schnell rauer. Zeitgleich entdeckte ich die Musik und hatte Lust über andere Dinge zu sprechen als über Fußball. Das war nicht erwünscht. Meine Gedanken sollten systematisch abgerundet werden.
Werner: Ich habe das gleiche in der DDR erlebt. Als Spieler bei Vorwärts Frankfurt bekam ich eine Ausbildung als Kfz-Schlosser zugeteilt. An ein Auto hätte man mich aber nie gelassen. Alle meinten, ich könnte sowieso nur Fußball spielen. Wenn ich wollte, wurde ich einfach krankgeschrieben.

Klingt doch erst mal fantastisch.
Werner: Es ging aber auch anders. Einen Kumpel haben Sie damals aus der Jugendmannschaft aussortiert, weil die Ärzte behaupteten, dass er nicht mehr wachsen würde. Einen Tag später war er auch seinen Ausbildungsplatz los. Er hatte nichts mehr. Und heute ist der größer als ich. Das war schon krass.

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