22.02.2014

Markus Weinzierl und Stefan Reuter über Augsburgs Aufschwung

»Durch Sprüche gewinnt man keine Spiele«

Der FC Augsburg lässt die Puppen tanzen und ist die Überraschung der Saison. Dabei standen Markus Weinzierl und Stefan Reuter vor einem Jahr mit dem Rücken zur Wand. Ein Gespräch über eine wundersame Wendung und Visionen.

Interview: Jens Kirschneck Bild: Markus Burke

Meine Herren, können Sie sich noch an Ihren ersten gemeinsamen Arbeitstag erinnern?
Markus Weinzierl: Aber sicher.
Stefan Reuter: Es war kurz vor Weihnachten 2012, als wir gleich mal ein paar Stunden zusammengesessen und überlegt haben, wie wir aus der Situation wieder rauskommen.

Ihnen wird bewusst gewesen sein, dass noch nie in der Bundesligageschichte ein Verein nach nur neun Punkten in der Hinrunde die Klasse gehalten hat.
Weinzierl: Ja, aber andererseits waren wir nur drei Punkte vom Relegationsplatz weg. In der Tat gingen unsere Hoffnungen eher in diese Richtung. Damit, dass wir direkt drin bleiben, haben wir zu diesem Zeitpunkt weniger gerechnet.

Markus Weinzierl, nach einem halben Jahr als Bundesligatrainer standen Sie bereits mit dem Rücken zur Wand. Sind Sie jedes Mal zusammengezuckt, wenn das Telefon klingelte?
Weinzierl: Nein. Man muss in dem Metier immer damit rechnen, dass es irgendwann zu Ende sein kann. Natürlich war mir die Problematik bewusst, aber was blieb mir anderes übrig, als mich aufs Wesentliche zu konzentrieren und hundertprozentig zu arbeiten. Das habe ich getan.

Hatten Sie das Gefühl, dass es allmählich einsam um Sie herum wird?
Weinzierl: Nein, weil alle beim FCA die Situation richtig einschätzen können. Niemand hat von uns erwartet, dass wir uns für den Europapokal qualifizieren. Wir galten auch im zweiten Jahr von Anfang an als potentieller Absteiger. Wichtig war, dass immer alle daran geglaubt haben, dass wir den Klassenerhalt schaffen können.

Statt des Trainers wurde der Manager ausgetauscht. Stefan Reuter, wie sind Sie in die Sache hineingeraten?
Reuter: Das ging relativ flott, zwischen dem ersten Treffen und der Unterzeichnung meines Vertrages lagen gerade zwei Tage. Zwei weitere Tage später saß ich bereits mit Markus Weinzierl zusammen.

Hatten Sie gar keine Sorgen, weil Manager beim FC Augsburg zuvor eine geringe Halbwertzeit hatten?
Reuter: Kurz nach meinem Amtsantritt hat der »Bayerische Rundfunk« einen Bericht über mich gedreht. Als sie in meinem Büro filmten, drehte einer den Schreibtischstuhl und sagte: »Sie begeben sich gerade auf den Schleudersitz der Liga!« Das war mir aber überhaupt nicht bewusst, weil ich mit viel Vorfreude an die Sache rangegangen bin und überzeugt war, dass wir das noch in den Griff kriegen. Und ich bin noch nie abgestiegen.

Noch nie?
Reuter: Nie. Als ich Jungprofi in Nürnberg war, haben wir mal eine Saison mit 1:19 Punkten begonnen. Auch da haben wir die Klasse gehalten. Das sind Sachen, an denen man sich in solchen Phasen hochziehen kann. Entscheidend war aber, dass der Trainer zur Mannschaft gesagt hat, ihr müsst weiter mutig Fußball spielen. Nicht nur die Bälle rausschlagen, sondern mit einer klaren Idee.

Es heißt, die Chemie zwischen Ihnen hätte vom ersten Tag an gestimmt. Dabei sind die Lebenswege sehr unterschiedlich.
Weinzierl: Stimmt. Trotzdem war es so.

Hatten Sie in jenen Wochen erstmals in Ihrer noch jungen Trainerkarriere Selbstzweifel? Haben Sie gedacht, die erste Liga ist vielleicht doch eine Nummer zu groß?
Weinzierl: Ich hatte keine Selbstzweifel, war aber sehr selbstkritisch. Soweit, dass ich gesagt hätte, es liegt alles an mir und ich gebe auf, ging es nicht.
Reuter: Selbstzweifel wären auch fatal. Wenn man das spürt, kann man mit dem Trainer nicht weiterarbeiten, denn der muss bestimmte Dinge vorleben. Im Nachhinein ist es Gold wert, dass der Verein an Markus festgehalten hat. Wenn du aus solch einer schwierigen Phase rauskommst, gehst du immer gestärkt daraus hervor. Außerdem hat es dem Verein viele Sympathien eingebracht.

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