Markus Schroth im Interview

„Ich bin kein Rastelli“

Obwohl er beim 1. FC Nürnberg zu den wichtigsten Spielern gehört, ist Markus Schroth kein Star. Doch das stört ihn längst nicht mehr. Im Gespräch mit 11freunde.de sagt er lächelnd: „Ich habe auch schon große Spiele gemacht, und keiner hat’s gemerkt.“ Imago

Der „taz“-Reporter Rob Alef hat einmal über Sie geschrieben: „Eigentlich ist so jemand wie Markus Schroth der typische Abwehrspieler, groß, wortkarg, Stirnglatze, kein Jahrhundertspiel, kein Torschützenkönig. Einfach immer nur dabei und da, wenn man ihn braucht. Ein Dieter Eilts als Mittelstürmer.“ Würden Sie dem zustimmen?

(lacht) Ja, da ist schon etwas Wahres dran. Ich habe wirklich noch kein Jahrhundertspiel gemacht und Torschützenkönig war ich auch noch nicht.

Dieses Graue-Maus-Image stört Sie nicht?

Es gibt eben Spieler, die im Rampenlicht stehen. Und solche, die unauffällig ihre Arbeit machen. Aber für eine erfolgreiche Mannschaft braucht man auch unscheinbare Akteure.

Wird von den Spielern heute erwartet, dass sie Glamour ausstrahlen?

Ja, besonders die Medien wünschen es sich. Einem Trainer wird das sicherlich nicht so recht sein, weil für ihn die gesamte Mannschaft wichtig ist. Wenn viele Spieler im Rampenlicht stehen, verdirbt es auch das Klima. Aber in der heutigen Medienlandschaft sind die meisten Journalisten immer auf der Suche nach neuen, glamourösen Spielern.

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Was ist glamourös?

Schwer zu sagen: Attraktiv zu sein für ein großes Publikum. Natürlich auch erfolgreich. Denn Erfolg hat die größte Anziehungskraft.

Es ist also egal, wie helle ein Spieler ist. Solange ihm Tore und Tricks gelingen, ist sein Erfolg gesichert.

Klar, was du auf dem Platz zeigst, macht dich attraktiv. Das ist natürlich nicht die ganze Persönlichkeit, aber durch dein Spiel wirst du zum Vorbild.

Reicht das Verhalten auf dem Feld also, um ein Vorbild zu sein?

Nein, das reicht natürlich nicht. Mir reicht es nicht. Aber für viele Leute ist nur das Sportliche entscheidend. Die meisten Medien schauen natürlich erst einmal, wie sich jemand auf dem Platz gibt. Aber mindestens genauso wichtig ist, ob er ein spannendes und skandalöses Leben führt.

Glauben Sie, es interessiert die Leute überhaupt, was Schweini im Vereins-Whirlpool mit einem Mädchen macht?

Ja, sonst würde es ja nicht geschrieben. Die Leute brauchen eben auch Gossip, über den sie sich unterhalten können.

Was stört Sie noch an der Fußball-Berichterstattung?

Es wäre gut, wenn mehr Wert auf das Spiel gelegt würde. Das sportliche rückt zu oft in den Hintergrund. Und um einzelne Situationen, wie eine Rote Karte oder eine vergebene Chance, wird viel zuviel Theater gemacht. Dadurch werden Spieler auch an den Pranger gestellt. Dabei geht es während des Spiels oft so schnell, dass man selbst nicht mitkriegt, woher der Ball denn jetzt kam. Und im Nachhinein musst du alles haargenau beschreiben, obwohl die Journalisten alles schon mit zehn Kameraeinstellungen ausgewertet haben. Eine rein sportliche Diskussion gibt es kaum. Die lahme Standardfrage nach dem Spiel ist immer: „Wie war’s?“

Wer wurde in Ihren bisherigen Mannschaften am meisten geschätzt: die Stars oder die ruhigen Arbeiter?

In meinen Mannschaften waren immer beide Spielertypen ebenbürtig. Man ist natürlich auch abhängig von Spielern, die große individuelle Klasse haben und ein Spiel entscheiden können. Aber man braucht auch die anderen Spieler, die sich diszipliniert an Vorgaben halten und darauf achten, dass man auf dem Platz die Ordnung behält. Das ist die Basis zum Erfolg. Und darauf wird in der Bundesliga in den letzten Jahren auch immer mehr Wert gelegt.

Wie erarbeitet man sich Respekt?

Nur über Leistung. Man muss das erfüllen, was von einem erwartet wird.

Ihr Trainer Hans Meyer hat über Sie aber gesagt: „Durch seine Wesensart ist Markus Schroth unverzichtbar für die Mannschaft.“

Ich bin einfach nicht der Typ, der im Mittelpunkt steht. Aber auf dem Platz übernehme ich Verantwortung. Auch wenn es nicht läuft, versuche ich immer meine Erfahrung einzubringen und den Laden zusammenzuhalten.

Welcher Mitspieler hat Sie geprägt?

Gunther Metz und Burkhard Reich vom KSC, aber auch Marco Kurz bei 1860 München. Spieler, die immer da waren und auch nicht groß im Rampenlicht standen. Aber man wusste, wenn es hart auf hart kommt, kann man sich auf sie verlassen. Im Laufe der Zeit habe ich mir vieles von ihnen abgeguckt, besonders ihr Verhalten außerhalb des Platzes.

Sie waren also nicht immer der Stille?

Nein. Ich hab mir am Anfang auch genau angeschaut, wie sich die anderen Spieler verhalten. Und dann habe ich meine Art und meinen Weg gefunden, um erfolgreich zu sein. Ich bin eben kein Rastelli. Es wäre für mich auch der falsche Weg, mir andauernd den Ball zu schnappen, vier Gegenspieler und den Torwart auszudribbeln und dann das Tor zu machen. Das ist nicht mein Spiel. Ich versuche halt, das zu machen, was ich am besten kann. So helfe ich der Mannschaft am meisten.

Dabei ist Ihr Lieblingsspieler doch Maradona.

Diego steht über allen. Selbst Ronaldinho kommt an Maradona nicht heran. Seine Explosivität am Ball ist unerreicht. Ich hab auch eine DVD von Maradona, die ich mir gelegentlich anschaue: Seine Gegenspieler in Italien haben immer wieder versucht, ihn umzutreten. Aber sie haben es nicht geschafft. Er hat sich immer wieder aufgerappelt, ist weitergelaufen und hat zum Schluss noch den Ball reingeschossen. Einmalig.



Sie schauen aber nicht nur gerne Maradona-DVDs, sondern auch Filme wie „Volver“ von Almodovar. Gibt es in Nürnberg denn Spieler, mit denen Sie sich darüber unterhalten können?

(Überlegt lange. lacht) Ähm, ja. Es gibt schon Kollegen, mit denen ich darüber reden kann. Da aber auch viele Spieler beim Verein unter Vertrag stehen, die nicht mit der deutschen Sprache aufgewachsen sind, kann man im Gespräch natürlich nicht so in die Tiefe gehen. Die Sprache ist dann schon ein Hindernis. Leider.

Aber es gibt Gespräche, bei denen es noch in die Tiefe geht.

Sicherlich. Man hat in jeder Mannschaft zwei, drei Leute, mit denen man enger Kontakt hat und auch privat etwas unternimmt. Aber wir kommen in der Mannschaft gut miteinander klar und wir müssen ja auch nicht alle beste Freunde sein.

Würden Sie sich mit einem Fußballer à la Mario Basler überhaupt gut verstehen?

Natürlich, ich komme mit jedem Spieler klar – auf dem Feld! Ich muss mit ihm ja nicht meinen Urlaub verbringen, sondern mit ihm kicken.

Haben Sie viele Freunde außerhalb des Fußballdunstkreises?

Klar. Das ist mir auch sehr wichtig. Es tut mir auch gut, wenn ich nicht immer nur über Fußball reden muss.

Werden Sie eigentlich von ihren Kollegen ausgelacht, wenn Sie mit ihrem schwarzen Mercedes Benz S250 (Baujahr 1966) zum Training kommen?

Nein. Sie freuen sich einfach, wenn sie ihn sehen... und lachen dann auch ein bisschen. Aber die erste Frage ist immer: Wieviel PS hat dein Auto?

Wieso fahren Sie diesen alten Mercedes?

Das Auto gehörte meinem Opa. Irgendwann war es ihm zu groß und er wollte es verkaufen. Da habe ich es genommen. Ich mag es sehr, mit so einem alten Auto durch die Gegend zu fahren. Das ist ein ganz anderes Fahrgefühl, viel relaxter. Ich muss auch nicht so aufs Gas drücken, weil ich weiß, es geht eben alles ein bisschen langsamer. Wenn ich mich da reinsetze, fühle ich mich wie in einer Zeitreise.

Aber Sie haben auch noch ein anderes Auto?

Klar. Mit meinem Oldie kann man im Winter gar nicht fahren. Dann würde er zu schnell rosten.

Werkeln Sie selbst an dem Auto herum?

Nur, um es zu pflegen. Aber sobald es ans Reparieren geht, stoße ich auch an meine Grenzen.

Sie waren Ministrant und haben Abitur – ein ungewöhnlicher Lebensweg für einen Fußballer. Finden Sie es schade, dass es für viele nur zählt, schnell in eine Profimannschaft zu kommen?

Nein. Das macht den Fußball doch so interessant: Viele verschiedene Typen kommen zusammen und müssen auf dem Feld gemeinsam funktionieren. Es macht großen Spaß, ein Teil davon zu sein.

Dann ist Fußball also eine Gefühlssache?

Ja, natürlich - aber auch Denksport. Trotzdem stelle ich mich nicht hin und sage: Ich habe Abitur und alles andere ist scheiße.

Fühlen Sie sich unterschätzt?

Eigentlich nicht. Was die Öffentlichkeit denkt, ist mir auch nicht so wichtig. Für mich zählt, dass die Mitspieler und der Trainer meine Arbeit schätzen. Wie das dann nach außen rüberkommt, kann ich schlecht beeinflussen. Damit habe ich aber keine Probleme. Ich bin eben nicht der Typ, der regelmäßig Tore des Monats schießt, und es ist okay, wenn ich im Hintergrund meine Arbeit machen kann.

Würden Sie dem Spruch „Dumm kickt gut“ zustimmen?

Ich möchte jetzt nicht darüber urteilen, wie clever oder blöd andere Bundesligaprofis sind. Aber manchmal ist es auch gut, wenn man ein paar Spieler in der Mannschaft hat, die sich nicht so eine Platte machen und einfach drauflos kicken.



Sie sind mit dem KSC und 1860 München überraschend abgestiegen. Haben diese verkorksten Spielzeiten Sie daran gehindert, in die Nationalelf zu rücken?

Beide Abstiege kamen wirklich aus dem Nichts. Mit dem KSC haben wir bis Weihnachten sogar noch im Uefa-Cup gespielt und sind trotzdem in die 2. Liga abgerutscht. Auch mit den Löwen hatten wir die Saison sehr gut begonnen, und dann klappte nichts mehr. Aber meine Nationalmannschaftskarriere hat das nicht zerstört. Wenn ich gut genug gespielt hätte, wäre ich auch nominiert worden. Bei 1860 München lief es schon unglücklich, denn ich hatte vor der Abstiegssaison eine super Runde gespielt. Wenn es dann in der Mannschaft nicht klappt, kann man als Einzelner auch nicht gut aussehen. Aber ich trauere der Nationalelf nicht nach. Außerdem ist es auch nicht schlecht, wenn man mal abgestiegen ist. Dann weiß man wenigstens, wie sich das anfühlt. Aber diese Gefühle reichen mir jetzt auch.

Sie standen in der U21 und in der A2-Nationalmannschaft auf dem Platz. Sie müssen doch immer von dem großen Durchbruch geträumt haben?

Natürlich, aber es ist halt nicht in Erfüllung gegangen. Ich habe mein Bestes gegeben, es hat nicht gereicht. Andere waren einfach besser als ich, und das muss ich einfach anerkennen.

Hatten Sie ein Ziel zu Beginn ihrer Karriere?

Nein. Aber nach meinem Abi habe ich mir als Testphase zwei Jahre in der Bundesliga gegeben. Hätte ich es in dieser Zeit nicht geschafft, hätte ich studiert und Fußball nur noch nebenbei gespielt.

Was wollten Sie studieren?

Ich habe beim KSC zunächst parallel zum Fußball an einer Fern-Uni Wirtschaft studiert. Aber der zeitliche Aufwand war einfach zu groß.

Könnten Sie sich nach der Profikarriere vorstellen, in einer Position zu arbeiten, die Wirtschaft und Fußball verbindet?

Ich bin jetzt 31 und möchte noch drei bis vier Jahre spielen. Aber ich mache mir schon langsam Gedanken, wie es nach meiner Profilaufbahn weitergeht. Ich werde dem Fußball sicherlich erhalten bleiben, ob als Trainer oder im Management.

Sie haben ein besonderes Verhältnis zu Spanien, vor allem weil ihre Frau dort zwei Jahre gelebt hat. Wird Sie Ihr letzter großer Vertrag in die Primera Division führen?

Das wäre natürlich ein Traum. Ich mag Spanien sehr, wir machen da auch oft Urlaub. Aber da lasse mich einfach überraschen. Mein Vertrag läuft im Sommer aus. Ich werde mich in den nächsten Monaten entscheiden, ob ich in Nürnberg bleibe oder zu einem anderen Verein gehe.

Für den „Club“ würde sprechen, dass selbst Ihre Sturmkollegen Vittek und Saenko sagen, ohne Markus Schroth würden sie nicht so gut spielen.

Das letzte Jahr in Nürnberg war wirklich super. Wenn es weiterhin so gut klappt, kann ich mir auch gut vorstellen, „beim Club“ zu bleiben.

Sie hatten bei Ihren bisherigen Vereinen immer sehr autoritäre Trainer: Winnie Schäfer, Werner Lorant oder Hans Meyer. Stirbt diese Trainerspezies aus?

Einerseits tun Leute wie Hans Meyer der Branche sehr gut. Seine Sprüche sind wirklich etwas Besonderes. Auch ein Werner Lorant polarisiert natürlich ungemein. Andererseits sterben diese schillernden Figuren schon aus. Die neuen Trainer sind eher Teamarbeiter.

Marco Kurz hat Ihnen den rabiaten Spitznamen „Panzer“ gegeben. Wieso?

Wir haben uns im Training oft heiße Gefechte geliefert. Da ging es richtig zur Sache. Er hat sich dabei wohl ab und zu wehgetan und dachte, er müsste mich „Panzer“ taufen. Aber bei anderen Vereinen hat sich das nicht herumgesprochen.

In dem „taz“-Zitat zu Beginn des Interviews wurde behauptet, Sie hätten kein Jahrhundertspiel gemacht. Was war denn ihre beste Partie?

(überlegt lange) Ein Freundschaftsspiel des KSC gegen Genua während der Saisonvorbereitung. Mein erstes Spiel mit der Profimannschaft im Wildparkstadion, es hat mir die Tür zur Profikarriere geöffnet. Danach habe ich meinen ersten Vertrag bekommen. In der Bundesliga gab es auch ein paar Partien, in denen ich mehrere Tore geschossen habe. Ich habe aber auch schon sehr starke Spiele gemacht, und keiner hat’s gemerkt.

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