15.09.2007

Markus Miller im Interview

„Dann scheppert es gewaltig“

Torhüter, blond, KSC: Es gab schon mal einen ehrgeizigen jungen Mann, auf den diese Attribute zutrafen. Der ging in die Fremde und wurde zum Titan. Sein Epigone Markus Miller aber will bleiben – und aus der Provinz nach den Sternen greifen.

Interview: Johannes Scharnbeck Bild: Imago
Markus Miller, können Sie sich in Karlsruhe nach dem Sieg über Stuttgart überhaupt vor Schulterklopfern retten?

Oh (lacht). Klar wird man oft darauf angesprochen. Aber ich weiß das einzuschätzen. Mittlerweile bin ich auch lang genug dabei, um zu wissen, wie schnelllebig der Fußball ist. Für den Moment ist es sehr schön, aber es geht ja wieder weiter.



Welche Bedeutung hat der Sieg des KSC gegen den VfB Stuttgart?

In erster Linie war es unglaublich wichtig für die Mannschaft, nach den zwei Niederlagen gegen Hannover und Leverkusen wieder ein Erfolgserlebnis zu feiern – besonders vor der langen Länderspielpause. Und für die Fans ist es natürlich etwas Geniales gegen den so genannten „Erzrivalen“ VfB zu gewinnen. Auch für das Umfeld ist es unglaublich schön, nach neun Jahren Abstinenz von der 1. Liga den großen Rivalen im Bundesland zu schlagen. Und für mich war es auch schon ein wichtiger Schritt gegen den Abstieg.

Hat sich die Rivalität auf KSC-Seite nun etwas gelegt?


Vor dem Derby wurde von den Medien natürlich einiges aufgebauscht – und umso mehr sind die Verantwortlichen beider Vereine zusammengerückt, um Fan-Ausschreitungen zu verhindern. Alle Beteiligten haben einen sehr guten Job gemacht. Ich bin sehr froh, dass die Auseinandersetzung auf dem Platz stattgefunden hat und nach dem sportlichen Wettkampf so gut wie nichts passiert ist.

Dann haben die Gesänge während der Aufstiegsfeier auf dem Karlsruher Rathausplatz, als einige KSC-Spieler „Stuttgarter Arschlöcher“ anstimmten, keine Rolle mehr gespielt?

Nein, absolut nicht.

Belastet Sie die große Euphorie in Karlsruhe?

Es ging ja schon mit dem Ansturm auf die Dauerkarten los. Die Begeisterung war also schon lange vor Saisonbeginn riesig. Der Druck und die Erwartungshaltung sind schon extrem. Aber ich empfinde das nicht als negativ. Die 1. Liga ist das Maß aller Dinge, und die große öffentliche Aufmerksamkeit spornt mich unglaublich an.

Könnte der gute Saisonstart übertriebene Hoffnungen bei den Anhängern wecken?

Nein. Die Fans wissen, dass jede Spielzeit für sich steht. Sie wissen auch, dass die letzte Zweitligasaison für uns sehr, sehr gut gelaufen ist. Aber die 1. Liga ist ein anderes Pflaster, hier entscheiden oft Kleinigkeiten. Jeder KSC-Fan wird schon Fußballsachverstand genug haben, um von uns nicht zu erwarten, dass wir Dortmund, Schalke, Stuttgart und Bayern hintereinander weg hauen. Und mit Ausnahme der Niederlage in Leverkusen hat man ja deutlich gesehen, dass die Partien oft auf Messers Schneide stehen, dass sie Anhand von ein oder zwei Aktionen kippen können. Man muss die 1. Liga einfach mit anderen Augen sehen.

Nach dem Spiel gegen Stuttgart ist jedoch zu befürchten, dass Sie Ihre Mannschaft noch oft mit starken Leistungen retten müssen. Warum agierte die KSC-Elf besonders in der ersten Halbzeit so nervös?

Ich hatte eher während der ersten drei Saisonpartien das Gefühl, dass viele in der Mannschaft unsicher waren. Für einen Großteil des Teams ist es eben auch etwas Neues, in der 1. Liga zu spielen. Eigentlich haben wir uns dann auch in jedem Spiel noch gefangen – außer in Leverkusen. Aber das war ein Ausrutscher und wird nicht mehr vorkommen. Im Prinzip haben wir gute Qualität in der Mannschaft und wenn wir das noch zu einhundert Prozent umsetzen können, werden wir auch keine Probleme haben.

KSC-Trainer Ede Becker hat nach dem Heimsieg gesagt, die Mannschaft war besonders nach der Schlappe in Leverkusen unsicher, ob sie in der 1. Liga mithalten kann. Gibt es große Zweifel innerhalb des Teams?

Nein, eigentlich nicht. Es ist immer schwierig, wenn man aufsteigt und wenige Spieler im Kader stehen, die Erstligaerfahrung haben. Man muss sich auch erst einmal in die neue Rolle in der neuen Spielklasse hineinfinden. Aber so langsam hat das jetzt jeder aufgenommen, und darum bin ich zuversichtlich, dass es in den nächsten Partien anders aussehen wird.

Was sind die größten Unterschiede zwischen der 1. und 2. Liga?


In der 2. Liga ging viel über den Kampf, und oft haben Zufallsprodukte zu Torchancen geführt. In der 1. Liga ist das Tempo auf jeden Fall höher, und das Offensivspiel ist viel durchdachter. Das kommt mir auch viel mehr entgegen.

Hat Ede Becker das Training geändert, um die Mannschaft besser auf diese Unterschiede einzustellen?

Na ja, das Spiel ist immer noch das Gleiche (lacht): Der Ball ist rund, und das Runde muss ins Eckige. Aber bei uns hat man gleich durch die Neuzugänge gemerkt, dass die Qualität gestiegen ist und der Trainer gar nicht mehr so viel verändern musste. Es war ein Selbstläufer. Die erfahrenen Spieler wollten sich beweisen und die Neueinkäufe wollten zeigen, dass sie Qualität haben.

In der vergangenen Saison hat sich das Team vor den Spielen in der Kabine zusätzlich mit lauter Musik motiviert. Machen sie das immer noch?


Irgendwie hat sich das vor einem Jahr eingebürgert. Mir ist das egal, ich hab meine eigene Vorgehensweise, wie ich mich auf das Spiel vorbereite und lasse mich von anderen Dingen nicht aus der Ruhe bringen. Aber ein paar Jungs haben es gern ein bisschen lauter und haben einen dicken Ghettoblaster für die Umkleide besorgt. Sie wechseln sich dann auch mit dem CD-Brennen ab, und dann scheppert es vor der Partie schon gewaltig.

Wie läuft Ihre Spielvorbereitung ab?


Ich habe immer die gleichen Abläufe. Ich komme ins Stadion, stelle meine Tasche ab, gucke mir die Stadionzeitung an, gehe auf den Platz und schaue mir den Rasen an, gehe in die Kabine, ziehe mich um – meistens trage ich auch das gleiche Unterhemd – und verschwinde noch einmal auf die Toilette. Dann mache ich noch ein paar Spannungsübungen – und dann geht’s raus. Auf dem Platz absolviere ich immer das gleiche Warmmachprogramm. Laute Musik ist dann auch nicht schlecht, ich mag es aber auch gern, wenn es etwas ruhiger ist und ich noch einmal in mich gehen kann.

Apropos feste Abläufe, vor und nach den Spielen berühren Sie immer Pfosten und Latte am Tor. Warum?

Mein Trauzeuge ist promovierter Diplom-Psychologe, und er hilft mir auch gelegentlich, zeigt mir ein paar Tricks. Er hat mir unter anderem empfohlen, eigene Rituale einzuführen. Ich habe gemerkt, dass mir diese wiederkehrenden Aktionen Sicherheit geben, und darum berühre ich Latte und Pfosten.

Also kein Aberglaube.

Nein. Es gibt auch gewisse Dinge, bei denen ich abergläubisch bin. Aber wenn es sich nur noch darum drehen würde, könnte ich mich ja auf nichts anderes mehr konzentrieren.

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