Markus Merk will die Torkamera

»Wir leben im 21. Jahrhundert«

Markus Merk will die Torkamera

Herr Merk, seit dem nicht gegebenen Tor für Hoffenheim in der Partie gegen den FC Bayern München wird wieder eifrig über das Thema Torkamera diskutiert. Wann kommt sie denn endlich?

Für diese Frage bin ich der falsche Adressat. Am besten wäre es gewesen, man hätte die Torkamera schon zur WM 1966 eingeführt. Seit dem Wimbley-Tor wird über dieses Thema diskutiert und an der Lösung gearbeitet. Ob Torkamera oder Chip im Ball, der ja funktionieren soll, bestimmte Gremien wollen dieses Hilfsmittel auf keinen Fall.

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Warum nur?

Es wird befürchtet, dass die Einführung der Torkamera oder des Chips die Initialzündung für die Forderungen nach weiteren technischen Hilfsmitteln sein könnte. Bei der Torkamera geht es ja nur um die Frage der Torerzielung. Was ist aber, wenn ein Handspiel auf der Torlinie passiert? Ich halte das menschliche Auge im Fußball für sehr wichtig. Aber wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Man muss über die Verbindung von Fußball und Wirtschaftlichkeit nachdenken, es geht auch um sehr viel Geld.

Immerhin sollen jetzt in der neu geschaffenen Europa League erstmals Torrichter eingesetzt werden.

Das hat schon was Innovatives. Aber man hat doch nur wieder vier Augen und die subjektive Wahrnehmung. Es wird Fälle geben, in denen ein Torrichter einen regulären Treffer nicht erkennt. Das elektronische Auge würde aber für mehr Objektivität sorgen. Die Einführung der Torrichter ist aber auf jeden Fall für die Strafraumbeobachtung hilfreich, ein präventives Element sozusagen. Die Torrichter können bestimmte Dinge, die im Strafraum passieren, mitbeurteilen. Das Aufgabenfeld des Torrichters allein auf die Frage der Torerzielung zu beschränken, wäre falsch. Wie oft wird denn darüber diskutiert, ob er Ball drinnen war oder nicht? Ganz selten. Aber die Frage, war das Elfmeter oder nicht, stellt sich immer wieder.

Sie haben sich schon seit längerer Zeit für die Einführung des Videobeweises ausgesprochen. Wegen Situationen wie der im Spiel Bremen gegen Dortmund vor eineinhalb Jahren, als Sie das 1:0 von Markus Rosenberg gegeben haben und in der Wiederholung auf der Videowand mit den Zuschauern sehen mussten, dass der Bremer deutlich im Abseits stand?

So etwas tut natürlich sehr weh. Aber ich habe mich schon vorher mit dem Thema Videobeweis auseinandergesetzt. Ich machte mir Gedanken und entwickelte ein Arbeitspapier dazu. Es ging mir nicht darum, den Fußball total zu verändern, sondern einfach eine Diskussionsgrundlage zu schaffen. Ich habe nichts gefordert, sondern nur darüber nachgedacht, wie der Fußball weitergebracht werden kann.

Kritiker sagen, die Einführung des Videobeweises würde das Spiel wegen endloser Unterbrechungen und Diskussionen am Spielfeldrand zerstören.

Das Spiel muss nicht zwangsläufig zerpflückt werden. Es darf nur wenige Situationen geben, in denen der Videobeweis verlangt werden kann. Ich denke da an eine 3 mal 2 Regelung.

Was bedeutet das konkret?

Beide Teams und das Schiedsrichter-Gespann dürfen jeweils maximal zwei Mal eine Klärung am Bildschirm fordern. Alle Parteien würden sich sehr gut überlegen, wann sie dieses Mittel einsetzen. Wegen eines Einwurfs an der Mittellinie würde man das sicher nicht machen. In meinen Augen verträgt ein Fußballspiel sechs solcher Unterbrechungen. Der Fußball zeichnet sich dadurch aus, dass im Gegensatz zu anderen Sportarten das Spielgeschehen sehr selten unterbrochen wird.

Mag sein, dass die Zahl der Fehlentscheidungen dadurch verringert werden kann. Fußballromantiker halten dagegen, dass gerade auch die Diskussionen über zu unrecht gegebene Tore oder übersehene Strafstöße den Reiz ausmachen.

Ich würde mich selbst auch als einen Fußballromantiker bezeichnen. Aber ich bin mir sicher, dass es weiterhin viel zu diskutieren gäbe, dann über andere Dinge halt: Warum hat der Trainer in dieser Situation von seinem Vetorecht gebrauch gemacht, warum nicht in einer anderen? Es gab Umfragen zu meinen Vorschlägen. Über 80 Prozent der Leute waren dafür. Das ist ein Zeichen für die große Zustimmung. Mit solchen Werten können Sie Bundeskanzler werden.

Nicht nur das Spiel der Bayern in Hoffenheim sorgte für Aufregung. Rudi Völler hat nach einer Freistoß-Entscheidung, die zum Mainzer Ausgleich führte, beklagt, dass in Deutschland zu kleinlich gepfiffen wird.

Das ist nichts Neues. Rudi Völler behauptet das immer wieder. Nach meiner Einschätzung wird aber international oft noch kleinlicher gepfiffen. Wie häufig der Schiedsrichter eingreifen muss, hängt auch vom spielerischen Niveau der Teams ab. Ein Champions-League-Halbfinale Arsenal gegen Chelsea zu pfeifen, das hört sich nach einer sehr großen Herausforderung an, ist aber normalerweise einfacher zu leiten wie ein Duell zweier Teams aus der Grauzone der Bundesliga.

Warum?

Weil im ersten Fall sehr schneller, technisch versierter Fußball gespielt wird und damit weniger Zweikämpfe entstehen. Es geht nicht in erster Linie darum, das Spiel der anderen Mannschaft zu zerstören. Man muss als Schiedsrichter nicht gleich agieren. Du kannst das Spiel laufen lassen.

Sie haben gerne in England Spiele geleitet.

Ja, auch wegen des Stimmungsumfeldes und der dort gewachsenen Fußballkultur. Die Zuschauer in England erwarten von den Spielern, dass sie alles geben, aber immer fair bleiben. Dieses positive Stimmungsumfeld führt unter anderem dazu, dass sich ausländische Spieler in den Premier League-Clubs den englischen Gepflogenheiten anpassen und nach einem Foul nicht liegen bleiben, um eine gelbe Karte zu provozieren. Spielen englische Klubs im Ausland, sieht das Verhalten schon wieder anders aus.

Ist das Stimmungsumfeld in Deutschland schlechter?

Es ist auch in Deutschland gut. Ich habe mich nie darüber beschwert. Ein Unterschied ist sicherlich, dass die Leute hierzulande viel nachtragender sind. Man vergisst nicht so schnell, wenn einem als Schiedsrichter eine Fehlentscheidung unterlaufen ist. Die Gefahr des Imageverlustes ist in Deutschland verglichen mit England, aber auch mit Italien oder Spanien viel größer.

Es scheint so, als würden die Trainer und Manager in der Bundesliga immer häufiger Schiedsrichter vor laufenden Fernsehkameras angreifen.

In meinen Augen trügt dieser Eindruck. Das hat es schon immer gegeben. Nur ist die mediale Aufmerksamkeit, die solchen Dingen geschenkt wird, heute viel größer. Zwischen dem vierten und siebten Spieltag wird das mit der Schiedsrichterkritik erst wieder richtig losgehen. Bei den Klubs, bei denen es nicht richtig läuft, stellt sich dann die erste Unzufriedenheit ein.

Der englische Fußballverband verbietet ab dieser Saison Spielern und Trainern, öffentlich Kritik an Schiedsrichtern zu äußern.

Das gibt es in Deutschland doch schon. Wer Schiedsrichter angreift, wird dafür belangt. Aber ich halte nicht viel davon. Viel wichtiger ist, dass man miteinander redet. Die menschliche Normalität, miteinander statt übereinander zu reden, wird leider trotz bestehender Maßnahmen und Sanktionen von vielen Protagonisten weiterhin ignoriert.

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