12.08.2011

Markus Merk über den türkischen Manipulationsskandal:

»Fenerbahce darf nicht absteigen«

Als Kommentator beim türkischen Bezahl-Fernsehen, ist der deutsche Ex-Bundesligaschiedsrichter Markus Merk längst zu einem Fachmann für alle Fragen rund um den türkischen Fußball geworden. Wir sprachen mit ihm über den Manipulationsskandal.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Serkan Taycan


Warum?

Markus Merk: Die SüperLig würde an Qualität, Wert und Dramatik verlieren. Die Spiele dieser drei Mannschaften sind die Höhepunkte eines jeden Wochenendes, alles andere ist nur Beiprogramm. Wir bemühen uns zwar ausdrücklich, die kleineren Klubs aufzuwerten, und die anatolischen Klubs sind auch tatsächlich stärker geworden, aber nach wie vor gilt: 35 Prozent der türkischen Fußball-Fans interessieren sich für Fenerbahce, 35 für Galatasaray und 15 für Besiktas.

Die Gruppenphase der UEFA Champions League wird am 26. August ausgelost. Wird sich Fenerbahce im Lostopf befinden?

Markus Merk: Mehmet Ali Aydinlar, der erst kürzlich gewählte Verbandspräsident, hat sofort Kontakt zur UEFA aufgenommen. Ergebnis: Die UEFA überlässt die Ermittlungen dem nationalen Verband. Wenn der Verband offensichtliche Verstöße aber nicht hart genug sanktioniert, wird sie eingreifen. Die Entscheidung, ob Fenerbahce in dieser Saison mitspielen darf, muss in den nächsten 14 Tagen fallen. Es ist unvorstellbar, dass eine Mannschaft rausgenommen wird, nachdem der Wettbewerb angefangen hat.

Knapp 20 Spiele in der 1. und 2. Liga sollen manipuliert worden sein. Haben Sie in Ihrer Sendung nichts davon bemerkt?

Markus Merk: Wenn ich hinter jedem Fehlpass irgendetwas vermuten müsste, würde mir Fußball keinen Spaß mehr machen. Dann würde ich auch nicht mehr ins Stadion gehen. Es wurde in der letzten Saison ganz normal spekuliert über Fehlleistungen, sicherlich emotionaler als man das aus Deutschland kennt. Ich habe mich von grundsätzlichen Unterstellungen frei gemacht und die einzelne Situation beurteilt.

Einmal ganz konkret: Besiktas soll sich den Pokalsieg erkauft haben. Haben Sie das Endspiel verfolgt?

Markus Merk: Ich habe das Pokalfinale zu Hause in der Pfalz über Satellit gesehen. Es war ein unheimlich tolles Spiel, vielleicht das beste der ganzen Saison. Besiktas hatte eigentlich eine schwache Spielzeit hinter sich, es war früh klar, dass sie sich nicht für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren würden. Ihre einzige Chance, um in die Europa League zu kommen, war der Pokal. So entsteht bei einem solchen Klub ein riesiger Druck.

Wie haben Sie die Partie, die mittlerweile Untersuchungsgegenstand ist, erlebt?

Markus Merk: Das Spiel stand auf des Messers Schneide, hatte alles, was ein Pokalfinale braucht. Die Entscheidung fiel erst im Elfmeterschießen. Endstand: 6:5, also nur ein Tor Unterschied. Es war auch kenesfalls so, als dass da jemand den Ball zehn Meter über das Tor gejagt hätte. Hinterher haben allerdings zwei Spieler vom Gegner, Istanbul BB, erklärt, dass ihnen Geld angeboten wurde, angeblich 100.000 US-Dollar. Doch genau diese Spieler haben sensationell gespielt, einer hat sogar ein Tor erzielt.

Trotzdem: Der seit Jahren gehegte Verdacht, in der SüperLig gehe es nicht mit rechten Dingen zu, scheint sich zu erhärten. Ist der ganze türkische Fußball ein Sumpf aus Korruption sowie Macht- und Geldgier?

Markus Merk: In der Presse beschuldigten sich die Parteien nach dem Bekanntwerden gegenseitig. Das gehört zur sportjournalistischen Folklore in der Türkei. Die Schreiber vermuten hinter jedem Baum irgendetwas. Und so schaukelt sich das hoch. Es kann durchaus sein, dass infolge dieser Praxis eine Mannschaft befürchtet, die andere könnte manipulieren. Die Folge könnte sein, dass sie eigene Maßnahmen ergreift, um in diesem vermeintlich korrupten System nicht zu kurz zu kommen.

Was bedeuten der Skandal und seine Folgen für das ganze Land?

Markus Merk: Die Tragweite kann gar nicht groß genug eingeschätzt werden. Fußball ist in vielen Ländern ein Stück Kultur. In der Türkei ist er aber sogar noch mehr. Er hat einen großen Einfluss auf verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

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