12.08.2011

Markus Merk über den türkischen Manipulationsskandal:

»Fenerbahce darf nicht absteigen«

Als Kommentator beim türkischen Bezahl-Fernsehen, ist der deutsche Ex-Bundesligaschiedsrichter Markus Merk längst zu einem Fachmann für alle Fragen rund um den türkischen Fußball geworden. Wir sprachen mit ihm über den Manipulationsskandal.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Serkan Taycan
Dr. Markus Merk ist Kommentator beim türkischen Pay-TV-Sender LigTV. Zusammen mit Gastgeber Sansal Büyüka und Meistertrainer Mustafa Denizli moderiert er »Maraton«, die beliebteste Fußball-Show der Türkei. Die Saison 2010/11, in der Merk mit dem LigTV-Team 78 Sendungen produzierte (mit einer durchschnittlichen Sendezeit von 3:15 Stunden), steht jetzt unter Generalverdacht. Wir sprachen mit Merk über den Manipulationsskandal und mögliche Folgen.



Dr. Markus Merk, Erst kamen täglich neue Wasserstandsmeldungen aus dem türkischen Fußballsumpf, dann hörte man gar nichts mehr. Jetzt hat Nationaltrainer Guus Hiddink mitgeteilt, dass er abdanken werde, sollten sich die Manipulationsvorwürfe als wahr herausstellen. Was ist eigentlich der aktuelle Stand?

Markus Merk: Seit Ende Juli herrscht relative Stille. Selbst die für gewöhnlich wild spekulierenden Tageszeitungen halten sich zurück. Das Thema ist zum medialen Tabu geworden, seitdem beim Testsspiel von Fenerbahce gegen Schachtjor Donezk der Platz gestürmt wurde. Man muss sich das mal vorstellen: Die Hütte war brechend voll, 50.000 Zuschauer im Sükrü-Saracoglu-Stadion und dann wurden die Journalisten regelrecht gejagt. Die Polizei musste sie hinaus begleiten. Das Spiel wurde in der 67. Minute abgebrochen.

Im Zusammenhang mit dem Manipulationsskandal hat die Polizei in der Sommerpause über 60 Verdächtige in Gewahrsam genommen, mehrere Vereinspräsidenten, Trainer und Spieler wurden verhaftet. Welche Beweise wurden inzwischen vorgelegt?

Markus Merk: Das Belastungsmaterial liegt beim Fußballverband. Mir hat ein Kollege aus der Türkei erzählt, es seien 64 Ordner. Es gibt eine Kommission, die das jetzt alles durcharbeitet. Eine Herkulesaufgabe. Wer weiß, wie emotional die Fans der angeklagten Klubs reagieren, kann sich vorstellen, dass das mit besonderer Gründlichkeit passieren muss. Es muss alles klar bewiesen werden. Und dafür bräuchte man eigentlich Zeit.

Mal ganz ehrlich, haben Sie nicht längst auch den Überblick verloren?

Markus Merk: Mir geht es wie meinen türkischen Kollegen: Ich blicke überhaupt nicht mehr durch. Das Ganze ist extremst verworren, wie bei allen großen Skandalen. Es ist davon auszugehen, dass vieles gar nicht aufgedeckt wird. Wenn wirklich manipuliert wurde, muss es harte Strafen geben. Es wird aber immer schwieriger, je länger die Ermittlungen dauern. Ich bin froh, dass ich nicht der Entscheidungsträger beim Fußballverband bin.

Was steht denn für den Moment überhaupt fest?

Markus Merk: Nur, dass die Liga am zweiten Septemberwochenende wieder startet. Eigentlich hätte dann bereits der fünfte Spieltag stattfinden sollen.

Es heißt hierzulande immer wieder, es werde der Zwangsabstieg einer der großen Mannschaften erwogen, von Meister Fenerbahce oder Pokalsieger Besiktas. Halten Sie das für denkbar?

Markus Merk: Wenn man in Deutschland Bayern, Dortmund und Schalke raus nähme, würde auch etwas fehlen. Es ist aber trotzdem nicht damit zu vergleichen, was Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas für die Türkei bedeuten. In der Bundesliga könnte man ein Jahr ohne die drei Mannschaften überbrücken, für die SüperLig ist es unvorstellbar, dass nur einer dieser großen Drei nicht dabei ist.

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