01.06.2007

Markus Merk im Interview

„Das Wort Angst kenne ich nicht“

Markus Merk pfeift bei der offiziellen Eröffnung des neuen Wembley-Stadions die Partie England gegen Brasilien. Wir unterhielten uns mit ihm über diesen ganz speziellen Einsatz, seine Lieblingsstadien und die Gefühlswelt eines Unparteiischen.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Herr Merk, hat man Ihnen eigentlich gesagt, warum ausgerechnet Sie das erste Länderspiel im neuen Wembley-Stadion pfeifen dürfen?

Nein. Ich glaube aber, wenn man meine Vita als Schiedsrichter anschaut, braucht es keine spezielle Begründung dafür. Ich leite seit vielen Jahren national wie auch international Top-Spiele und genieße einen sehr guten Ruf. Dass der englische Verband auf mich zukam, ist natürlich eine außerordentliche Ehre und eine Auszeichnung für meine Leistungen.



Was verbinden Sie mit dem alten Wembley-Stadion?

Ich war dort dreimal im Einsatz. Zuletzt im Jahr 2002 bei der Partie England gegen Argentinien. Das sollte eigentlich das letzte Spiel im alten Stadion sein. Aber dann hat sich der Abbruch verzögert und es wurde noch das Spiel England-Deutschland dort ausgetragen. Das Wembley-Stadion, das war ein Fußballtempel, ein Mythos. Den hat man auf dem Weg von der Kabine auf den Platz förmlich gespürt. Und dieser Mythos von Wembley wird im neuen Stadion weiterleben. Da bin ich mir ganz sicher.

Sollte einen Unparteiischen das ganze Drumherum eigentlich nicht kalt lassen?


Kalt lassen ist in diesem Zusammenhang absolut der falsche Ausdruck. Eine Atmosphäre wie im Wembley-Stadion kann einen nicht kalt lassen. Als Schiedsrichter bin ich Fußballer mit Spezialfunktion. Ich bleibe Mensch mit all meinen Gefühlen.

Also kein emotionsloser Entscheider?

In diese Schublade möchte man die Schiedsrichter nur allzu gerne stecken. Aber das ist falsch. Vor sechs, sieben Jahren habe ich es geschafft, die Momente vor dem Spiel zu positivieren. Bis dahin war ich immer unglaublich angespannt, wenn ich in der Kabine saß und es hieß „one minute to go“. Heute versuche ich, alles um mich herum positiv aufzunehmen: den Gang auf den Platz, die Zuschauer, die Gesänge. Ich sage mir: genieße diese Momente und ziehe eine positive Energie daraus. Man kann die Emotionen als Schiedsrichter nicht ausschalten, sondern muss sie kanalisieren.

Demnach pfeifen Sie also lieber in reinen Fußballstadien, als in Arenen mit einer Laufbahn zwischen Ihnen und den Fans?

Auf jeden Fall. Die alten Stadien in Hamburg, Köln oder auch München – das waren riesige Betonschüsseln. Gott sei Dank hat sich da auch in Deutschland etwas getan.

Haben Sie ein Lieblingsstadion?


Ich habe zwei. Da wäre zunächst einmal das Camp Nou in Barcelona. Wenn man aus der Kabine geht, läuft man zuerst 29 Stufen runter, vorbei an der berühmten Kapelle. Unten warten Spieler und Schiedsrichtergespann auf das Zeichen zum Einmarsch. Sobald es kommt, geht man auf der anderen Seite wieder neun Stufen hoch und steht dann inmitten von 90000 Menschen – das ist einfach großartig. Und dann mag ich auch noch Old Trafford, das „Theatre of Dreams“, sehr.

Gibt es ein Land, wo Sie besonders gern im Einsatz sind?

Ich habe schon immer gern in England gepfiffen.

Warum gerade dort?


Wegen des phantastischen Stimmungsumfelds. Das ist ganz wichtig für die Arbeit eines Schiedsrichters. Die Zuschauer in England erwarten, dass die Spieler alles geben, aber immer fair bleiben. Dieses positive Stimmungsumfeld führt nicht zuletzt dazu, dass sich ausländische Spieler in Reihen von Premier League-Clubs den englischen Gepflogenheiten anpassen und beispielsweise nach einem Foul nicht liegen bleiben, um eine gelbe Karten zu provozieren. Aus einem Zweikampf, der vielleicht am Rande des Erlaubten ist, entwickelt sich nicht so schnell eine kritische Folgesituation. Man kann als Schiedsrichter das Spiel mehr laufen lassen. In Deutschland wird den Unparteiischen oft vorgeworfen, sie pfeifen zu kleinlich. Aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als öfter zu unterbrechen.

Haben Sie schon einmal Angst als Spielleiter verspürt?

Das Wort Angst kenne ich nicht. Natürlich bekommt man mit, wenn 20000 oder 30000 Zuschauer einen auspfeifen und die üblichen Schmährufen kommen. Aber das ist eine anonyme Masse. Es ist viel schlimmer, wenn einen bei einem Jugendspiel die Eltern am Spielfeldrand beschimpfen. Die Schiris an der Basis, das sind die wahren Helden.

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