Markus Gisdol über Druck, Stolz und die Trainingsgruppe 2

»Für die betroffenen Spieler tut es mir leid«

Vergangene Saison entkam die TSG Hoffenheim knapp der 2. Liga, in die neue Spielzeit startete sie furios. Was sagt Trainer Markus Gisdol zum Comeback seines Teams? Ein Gespräch über Druck, Stolz und die Trainingsgruppe 2.

Markus Gisdol, es fällt auf, dass Sie sowohl Ihre Spieler als auch Akteure anderer Vereine häufig loben. Wie wichtig ist Harmonie im Profifußball?
Sehr, sehr wichtig. Es ist in der Tat mein Anspruch, eine Mannschaft zu betreuen, in der Harmonie herrscht. Da wir in diesem Geschäft häufig mit Druck und Kritik konfrontiert werden, halte ich es für nötig, dem etwas entgegenzusetzen. Harmonie gehört zweifellos dazu, sie ist eine Basis für Erfolg.
 
Aber auch in Ihrem Trainingsalltag gibt es den einen oder anderen Streit.
Selbstverständlich gibt es auch hier Auseinandersetzungen. Ich will allerdings Konflikte im Keim ersticken. Sehe oder spüre ich Unstimmigkeiten, gehe ich unverzüglich auf den jeweiligen Spieler zu, um das Thema zu klären. Alles andere wäre gefährlich, es bestünde die Gefahr, dass aus Kleinigkeiten Probleme werden. In der Mannschaft soll nichts lodern.
 
Deshalb auch die Trainingsgruppe 2?
Als wir hier im April antraten, gehörten mehr als 40 Spieler dem Lizenzkader an. In so einer Konstellation ist für einen Trainer kein geordnetes und effektives Training auf Bundesliga-Niveau möglich. Die Trainingsgruppe zwei ist eine Notlösung. Für die betroffenen Spieler tut es mir leid, niemand wollte, dass es so kommt. Aber es gab dazu für uns in der aktuellen Situation keine Alternative.
 
Sie selbst blocken Lob in Ihre Richtung stets vehement ab. Weshalb?
Ich bin ein Teamplayer und mag es nicht, wenn mich jemand in den Mittelpunkt drängt. Weshalb sollte ich mich über andere Menschen stellen? Oder anders ausgedrückt: Ist ein Spieler oder Co-Trainer weniger Wert als ein Cheftrainer? Ich finde: nein. Man sollte sich nicht zu wichtig nehmen.
 
Aber Sie sind verantwortlich, Sie entscheiden, Sie geben die Richtung vor.
So ist es. Das eine schließt das andere ja nicht aus.
 
Noch vor wenigen Monaten hatten viele Experten Hoffenheim abgeschrieben, der Abstieg schien unvermeidlich. Gab es in der Sommerpause eigentlich Abende, an denen Sie auf der Terrasse saßen, ein Glas Wein tranken und einfach nur stolz waren?
Nein. Der Begriff Stolz ist mir zu hoch gegriffen. Natürlich habe ich die aufregende Saison Revue passieren lassen und dabei auch die schönen Momente nicht ausgeblendet. Fakt ist: Wir haben dieses Erfolg auch dank eines hervorragenden Teamspirits geschafft. Jeder im Klub hat auf dasselbe Ziel hingearbeitet, persönliche Eitelkeiten hinten angestellt und fest an die eine Chance geglaubt. Das ist in der Tat eine grandiose Geschichte. Aber deshalb stolz sein? Nein. Freude ist ausreichend.
 
Sie haben im Abstiegskampf häufig betont, das Ergebnis sei zweitrangig, entscheidend sei das Auftreten der Mannschaft. Gehörten solche Sätze zu Ihrer Strategie?
Nein. So denke ich grundsätzlich. Ich schaue mir in einer schlechten Phase weder ständig die Tabelle an noch hole ich nach jedem Spieltag den Taschenrechner heraus. Was würde mir das auch bringen? Wir sollten auf uns schauen. Ich will meiner Mannschaft Aufgaben stellen und mögliche Lösungen an die Hand geben. Mir geht es vorrangig um eine Entwicklung und nicht um einzelne Ergebnisse oder den Tabellenstand.
 
Wollten Sie mit der Aussage nicht auch Druck von Ihrer Mannschaft nehmen?
Das war vielleicht ein Nebeneffekt, aber auf keinen Fall meine primäre Absicht. Ich stehe zu meinen Aussagen. Ich bin schließlich davon überzeugt.
 
Sie haben eben das Wort Druck erwähnt: Wann bauen Sie eigentlich Druck auf?
Generell hat ein Spieler genug Druck. Ich als Trainer kann diesen lediglich in bestimmte Kanäle lenken und so vermeiden, dass der Spieler gehemmt agiert. Es geht darum, Energie freizuschaufeln. Energie, die den Profi anspornt. Für einen Trainer gibt es eigentlich nur einen Grund, Druck aufzubauen.
 
Welchen?
Lässt sich ein Spieler hängen, wirkt lustlos und unkonzentriert, kann es sinnvoll sein, den Druck zu erhöhen. Ich betone allerdings das Wort »kann«. Denn zuvor sollte der Trainer stets einen intensiven Dialog anstreben. Kurzum: Es gibt bei diesem Thema keinen Königsweg.
 
Sie stehen für aggressiven, schnellen und variablen Fußball. Worin muss sich Ihre Mannschaft unbedingt verbessern?
Wir müssen uns überall steigern. Ich sehe das als eine kontinuierliche Entwicklung an, wir sind noch lange nicht so stabil wie ich mir das vorstelle.
 
Stimmt es, dass Sie von Ihren Außenverteidigern erwarten, dass sie bei Ballbesitz spielen wie Außenstürmer?
Ja, das ist richtig. Ich lege Wert darauf, dass unsere Außenverteidiger die klassischen Eigenschaften eines Außenstürmers besitzen. Zunächst geht es darum, sicher zu stehen. Ist das der Fall, erwarte ich von meinen Defensivspielern schnelle Aktionen nach vorn, sie sollen in bestimmten Situationen auch in der Offensive Akzente setzen. Das hilft im Spiel nämlich ungemein.
 
Hat Ihr Stürmer Kevin Volland in den vergangenen Monaten den größten Sprung nach vorn gemacht?
Ich will Kevin nicht herausheben. Wir tun gut daran, den Jungen mal ein bisschen in Ruhe zu lassen. Ich halte es für problematisch, wenn in der Öffentlichkeit derart viel über ihn gesprochen wird. Wir sollten ihm die nötige Zeit geben, sich weiterzuentwickeln. Kevin soll sich auf seine Arbeit konzentrieren können.
 
Was zeichnet einen guten Co-Trainer aus?
In erster Linie: absolute Fachkompetenz. Ebenfalls wichtig: Teamfähigkeit. Er sollte mehr Nähe zur Mannschaft zulassen als der Cheftrainer. Und: Ein Co-Trainer muss auch menschlich in das Gesamtgefüge passen.
 
Sie waren unter Huub Stevens Co-Trainer auf Schalke. Wie schwierig war es für Sie, Entscheidungen mitzutragen, die Sie selbst so nicht getroffen hätten?
Das ist für mich nie ein Problem gewesen. Ich hatte mich dieser Rolle verschrieben und immer das gemeinsame Ziel im Hinterkopf: den Erfolg des FC Schalke 04. Dass der Cheftrainer die letzte Entscheidung trifft, ist doch klar, darüber würde ich mich nie beklagen. Insgesamt habe ich die Zeit auf Schalke genossen.
 
Wie hat sich Ihr Alltag seit der Beförderung zum Cheftrainer verändert?
Die Leute erkennen mich plötzlich auf der Straße. (lächelt) Im Ernst: Man muss unheimlich diszipliniert arbeiten. Es gibt viele Leute, die meine Zeit in Anspruch nehmen wollen. Das kann und darf ich nicht zulassen. Das erfordert Disziplin. Ich will mich auf meine Hauptaufgabe konzentrieren. Priorität haben Trainingsinhalte, Spieltags-Vorbereitungen und die individuelle Arbeit mit den Spielern. Wer dem Drumherum zu viel Aufmerksamkeit schenkt, begeht einen Fehler.
 
Welcher Teil Ihrer Arbeit hat eine Art Suchtfaktor?
Alles. Das ist ein Traumjob.
 
Und was nervt Sie manchmal? Sind es die Medien, wie Sie eben angedeutet haben?
Nein. Wir sollten nicht in solchen Schwarz-Weiß-Kategorien denken. Ich arbeite gern mit den Medien zusammen, sie sind ein elementarer Bestandteil des Geschäfts. Ich muss aber gleichzeitig meine Termine derart koordinieren, dass uns in der Arbeit mit der Mannschaft keine Minute fehlt. Darum geht es!  Am Ende des Tages werden wir schließlich daran gemessen, wie die Mannschaft spielt, wie sie auftritt und welche Ergebnisse herausspringen. Und eben nicht, was ich zuvor in Interviews gesagt habe.
 
Herr Gisdol, wonach streben Sie?
Für mich als Trainer ist es eine große Freude, wenn ich ein Spiel sehe, in dem viel von der Fußballidee zu erkennen ist, die ich im Kopf habe. Wenn die Mannschaft am Spieltag all jene Dinge umsetzt, die wir zuvor gemeinsam im Training hart erarbeitet haben. Es gibt für einen Trainer nicht viel Schöneres.

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