Markus Feldhoff über Bayer-Bayern

»Note 2? Kaum zu glauben!«

Am 21. Spieltag der Saison 1996/97 trifft Bayer auf den Tabellenführer aus München. Kirsten ist angeschlagen und Daum besorgt. Sein Joker Markus Feldhoff soll es richten. Zwei Stunden später ist er der Held von Leverkusen. Markus Feldhoff über Bayer-Bayern

Markus Feldhoff, es heißt, Sie seien das klassische »One Hit Wonder«. Sind Sie das wirklich?

Markus Feldhoff: Ich denke nicht. Natürlich war das Spiel gegen den FC Bayern, in dem ich drei Tore schoss, ein absolutes Highlight und ich hätte gerne ein paar mehr solcher Spiele gehabt. Aber es ist ja nicht so, dass ich nur dieses eine Spiel gemacht habe. Als wir gegen den FC Bayern 5:2 gewannen, war ich gerade mal 22 Jahre alt und hatte schon 129 Bundesligaspiele auf dem Buckel. Und es gab dabei schon das eine oder andere in dem ich gut oder auch sehr gut gespielt habe.

[ad]

Fühlen Sie sich falsch bewertet?

Markus Feldhoff: Es ist mir eigentlich relativ egal, wie man mich von außen bewertet. Ich wusste meine Leistung immer recht gut selbst einzuschätzen. Es ist sicherlich richtig, dass ich mehr Potenzial gehabt hätte, aber es oft nicht abgerufen habe oder aufgrund von Verletzungen nicht abrufen konnte. Übrigens: Ich habe letztens einen Bericht gesehen, in dem gesagt wurde, dass es nur 89 Spieler in der Bundesligageschichte gibt, die es geschafft haben, drei Tore in einem Spiel zu schießen. Ist doch schön, in dieser Liste aufzutauchen.

Schauen Sie sich die drei Tore heute noch an?


Markus Feldhoff: Ich würde gerne, aber irgendjemand hat die Videokassette, auf der das ganze Spiel drauf war, überspielt. Ich vermute meine Kinder – die sind beide Bayern-Fans (lacht). Aber glücklicherweise laufen ja in regelmäßigen Abständen die Bundesliga-Classics auf dem DSF. Meine Freunde rufen mich immer rechtzeitig an, wenn die Saison 1996/97 gezeigt wird.

Vor dem Spiel gegen den FC Bayern waren Sie der klassische Joker. In den zehn Partien zuvor kamen Sie immer von der Bank. Wieso gab Christoph Daum Ihnen in diesem wichtigen Spiel den Vorzug vor Ulf Kirsten?


Markus Feldhoff: Normalerweise haben Kirsten und Meijer zusammen gespielt, das ist richtig. Kirsten war etwas angeschlagen, gab Daum aber zu verstehen, dass er spielen könnte. Eigentlich lässt du als Trainer einen solchen Torjäger ja nicht draußen, auch, wenn er leicht verletzt ist. Daum aber entschied sich anders. Wenn wir verloren hätten, wäre der Aufschrei vermutlich sehr groß gewesen. Wir gewannen aber, ich machte die Tore und Daum hatte alles richtig gemacht. (lacht)

Wie war eigentlich Ihr Verhältnis zu Christoph Daum?

Markus Feldhoff: Distanziert. Aber im Grunde war ihm niemand richtig nahe. Er ist ein super Trainer, zweifelsohne, er ist einer, der genaue Anweisungen gibt und der genau weiß, was er will. Mit dem Co-Trainer Roland Koch gab es aber immer eine Art Bindeglied zwischen ihm und der Mannschaft.

Sah Daum Sie als Kirstens Nachfolger?

Markus Feldhoff: Christoph Daum war immer absolut korrekt. Er hat mir nie falsche Hoffnungen gemacht, so dass ich hätte enttäuscht sein können, wenn ich nicht spielte. Er sagte mir klipp und klar, dass Kirsten und Meijer gesetzt sind. Trotzdem hat er mir auch gesagt, dass er auf mich zählt, wenn einer von den beiden nicht fit ist. Ob er mich als Kirstens Nachfolger sah, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass er gewisse Hoffnungen in mich hatte.

Für Christoph Daum waren Spiele gegen den FC Bayern immer von besonderer Bedeutung. Man konnte glauben, dass alle Spiele in der Saison hätten verloren gehen können, nur die Bayern, die musste man schlagen.

Markus Feldhoff: Den Eindruck hatten viele. Und es stimmt, für Daum war es immer sehr wichtig, sich gegen die Bayern sich zu behaupten. Aber es war auch für die Spieler wichtig. Es ist auch heute noch so, dass ein Sieg gegen die Bayern der schönste und vielleicht auch wichtigste Sieg ist, den man in der Bundesliga erringen kann. Selbst für eine Mannschaft wie Bayer Leverkusen, die sich damals sportlich ja fast auf Augenhöhe mit den Bayern bewegte, war ein Sieg gegen den FC Bayern das absolute Highlight. Denn wir waren trotzdem Außenseiter.

Sie waren in diesem Spiel der einzig nominelle Stürmer. Sergio hat hängende Spitze gespielt, Meijer saß wie auch Kirsten nur auf der Bank. Begriffen Sie dies als Vorteil?

Markus Feldhoff: In diesem Spiel war es durchaus vorteilhaft, denn ich war die Anspielstation Nummer eins. Für einen jungen Stürmer ist das eine perfekte Situation. Wenn man neben einem erfahrenen Weltklassestürmer spielt, muss man sich als Jungspund immer nach diesem richten, muss immer aufpassen, dass man dem nicht im Weg steht.

Wie kam Sie denn abseits des Platzes mit Ulf Kirsten aus?


Markus Feldhoff: Im Grunde gut. Er war immer so ein bisschen launig. Aber ich respektierte ihn aufgrund seiner Leistung. Und letztendlich war es so ein kleiner Traum von mir, dahin zu kommen, wo er war. Ich habe mir trotzdem nie angemaßt, mich mit ihm zu vergleichen.

War er auch eine Art Mentor für Sie?

Markus Feldhoff: Nein, er war jedenfalls nicht so einer, der ständig Tipps gibt. Er war viel mit sich selbst beschäftigt. Und den Stammplatz hatte er eh sicher, er schoss damals ja jede Saison um die 20 Tore. Ich habe ihn auch nicht als Konkurrenten angesehen.

Ihr Konkurrent war Erik Meijer?

Markus Feldhoff: Richtig. Der hat in der Saison sogar weniger Tore gemacht als ich. Daum meinte aber, dass Meijer mit seinem Temperament und seiner mitreißenden Art für die Mannschaft wichtig sei, zudem war er ja auch ein guter Vorbereiter. Die Entscheidung, Meijer mir vorzuziehen, konnte ich damals vielleicht nicht so sehr nachvollziehen, verstehe sie heute aber durchaus.

Wer war den ersten Jahren Ihr Ansprechpartner bei Sorgen und Zweifeln? Gab es einen Spieler, der Sie an die Mannschaft herangeführt hat?

Markus Feldhoff: Ich spielte in der Saison 1995/96 noch mit Rudi Völler und Bernd Schuster zusammen – große Namen und noch größere Persönlichkeiten. Trotzdem waren die immer sehr hilfreich. Rudi Völler etwa ist auf alle Spieler gleichermaßen zugegangen. Egal wie jung sie waren oder wie gut sie spielten. Und da habe ich gemerkt: Der ist wirklich auch auf dem Platz, im Training und privat genauso wie vor der Kamera – einfach ein netter Typ.

In dem Spiel gegen den FC Bayern ging es noch um den Titel. Und Daum schickte eine vergleichsweise defensive Mannschaft aufs Feld. War das nicht ungewöhnlich?

Markus Feldhoff: Vielleicht. Aber es war auch ein taktischer Kniff. Die Bayern waren total überrascht, dass sie nur gegen einen Stürmer spielen mussten. Auch waren sie von unserem Forechecking überrascht. Ich hatte etwa die Aufgabe, Matthäus zu attackieren, sobald er den Ball annahm. So wollten wir die präzisen langen Pässe, mit denen er für gewöhnlich das Spiel der Bayern eröffnet, schon im Ansatz unterbinden. Und ich glaube, Matthäus hat in dem Spiel wirklich keinen einzigen langen Pass schlagen können. Ich lief dafür unglaublich viel – ich war im Grunde schon kaputt, als das 3:2 für die Bayern fiel.

Daum ließ Sie aber weiterspielen.

Markus Feldhoff: Ich signalisierte Daum, dass ich raus wollte. Doch der schrie nur: »Weiter, weiter!«

Waren Sie eigentlich überrascht ob der behäbigen Spielweise der Bayern? Oder konnten sich die Gegenspieler aufgrund des aggressiven Bayer-Forecheckings gar nicht entfalten?

Markus Feldhoff: Wir spielten unglaublich guten Fußball. So einfach ist das. Die erste halbe Stunde war wie im Rausch. Als wir die ersten beiden Tore machten, war eine Wahnsinnsstimmung im Stadion – auch wenn viele das in dem Stadion gar nicht für möglich halten. Und die Bayern waren wie gelähmt. Bei denen ist es ja oft so: Wenn die auf ihrem Topniveau spielen und mit 100% Einsatz auf den Platz gehen, dann hat gegen die keine Bundesligamannschaft eine Chance. Man muss im Grunde immer darauf hoffen, dass sie schludrig spielen. Und wenn man das eiskalt ausnutzt, dann stehen die oft neben sich. Wir hatten einfach das Glück, die Tore zum richtigen Zeitpunkt gemacht zu haben.

Schon zur Halbzeit führte Bayer mit 3:0. Das dritte Tor machten Sie. Erinnern Sie sich, was Christoph Daum Ihnen in der Pause sagte?

Markus Feldhoff: Er blieb in der Kabine relativ ruhig – er kann durchaus variieren, es ist nicht so, dass er immer nur der Einpeitscher ist. Er mahnte lediglich, weiter dran zu bleiben. Gegen die Bayern kann alles passieren, ein 3:0 bedeutet gar nichts.

Der FC Bayern kam dann tatsächlich durch Nerlinger und Basler noch einmal auf 3:2 heran. Fühlten Sie sich zu sicher?

Markus Feldhoff: Vielleicht. Das Spiel stand auf jeden Fall auf der Kippe. Wir hatten zuvor wirklich viel investiert, waren um jeden Ball gerannt, unglaubliche Wege gegangen. Und irgendwann machte sich das bemerkbar, die Beine wurden müde. Dennoch: Wir mobilisierten alle Kräfte, die wir noch hatten.

Und Sie machten zwei weitere Tore. Wie schießt man denn so kurz vor der völligen Erschöpfung ein Tor gegen Oliver Kahn?

Markus Feldhoff: Da fragen Sie den richtigen (lacht). Ich hatte im Hinspiel ja auch schon ein Tor gegen Kahn gemacht. Kahn war damals und ist heute für mich der beste Torwart Deutschlands. Aber natürlich gibt es Bälle, die auch ein Oliver Kahn nicht halten kann. Vielleicht hatte ich auch einfach etwas Glück.

Welches Tor schauen Sie sich denn heute am liebsten an?

Markus Feldhoff: Die Tore waren alle nicht so besonders spektakulär. Das waren ja keine Traumtore, da war kein »Tor des Monats« dabei. Aber das 5:2 schaue ich mir heute immer noch gerne an. Das rundete alles ab.

Sie umspielten Oliver Kahn, als ob Sie nie was anderes getan hätten.

Markus Feldhoff: (lacht) Ja, stimmt. Zé Elias hatte sich in unserer Hälfte den Ball fantastisch erkämpft und schlug einen langen Pass nach vorne. Thomas Helmer wollte auf Abseits spielen, doch er kam zu spät raus. Plötzlich stand ich ganz alleine vor Olli Kahn. Ich ging links vorbei und schob den Ball mit der linken Innenseite ins Tor. Ich traf den Ball gar nicht richtig, denn Thomas Helmer hatte wieder Boden gut gemacht und attackierte mich von hinten. Der Ball trudelte aber bereits ins Tor – wie in Zeitlupe.

Es zeugt von großem Selbstbewusstsein, so an Olli Kahn vorbeizugehen und nicht sofort zu schießen.

Markus Feldhoff: Olli Kahn war etwas irritiert. Er dachte, dass ich den Ball mit der Hand mitgenommen hätte – der Ball sprang aber an meinen Oberkörper. Er signalisierte dem Linienrichter ein Handspiel, doch der reagierte nicht. Vielleicht wäre Kahn andernfalls ein bisschen energischer aus seinem Tor gekommen. Es passte halt in diesem Moment für mich.

Sie sprechen nun so nüchtern über dieses Spiel. Nach den Toren jubelten sie aber wie der kleine Junge auf dem Bolzplatz. Begriffen Sie überhaupt, was da gerade passiert war?

Markus Feldhoff: Nicht wirklich. Aber das ist ja das Schöne im Sport. Plötzlich machst du Dinge, die niemand von dir erwartet hätte. Plötzlich platzt da ein Knoten. In dem Moment, in dem er platzt, weißt du gar nicht, wie das passiert ist. Ich habe zwar noch den Moment vor Augen, wie ich das 5:2 mache, wie ich in der 90. Minute ausgewechselt werde und 20.000 Fans aufstehen und applaudieren. Doch ich verließ das Spielfeld wie im Traum. Ich wurde förmlich hinaus getragen.

Was machten Sie eigentlich nach dem Spiel?

Markus Feldhoff: Sat.1 hatte damals ein kleines Studio im Stadion eingerichtet. Lothar Matthäus und ich waren die Gäste. Für mich war so eine Situation total ungewohnt. So sehr im Rampenlicht stand ich ja vorher noch nie. Matthäus hat mich dann auch herzlich beglückwünscht – eine große Geste.

Sie bekamen für das Spiel vom »Kicker« die Note 2. Das ist doch bei drei Toren eigentlich eine sonderbare Note. Ärgert einen Spieler so etwas eigentlich? Schauten Sie nach solchen Spielen auf die Noten?

Markus Feldhoff: Ich habe das nicht gemacht. Es gibt aber Spieler, die montags immer mit ganzen Stapeln voll Zeitungen in der Kabine stehen und die nach Noten und ihren Namen durchforsten. Mir war das immer relativ egal. Aber die Note 2? Ist ja eigentlich kaum zu glauben (lacht). Doch darum geht’s ja nicht. Und einen einzelnen Spieler herauszuheben, ist meist eh falsch. Ich habe das Spiel ja nicht alleine gewonnen – es war ein Mannschaftserfolg. Ich fühlte mich jedenfalls nicht als Superheld.

Im nächsten Spiel bei 1860 München durften Sie von Beginn an ran. Danach hatten Sie aber wieder den Stammplatz auf der Bank sicher. Lernten Sie in dieser Woche die Schnelllebigkeit des Geschäfts kennen: Eben noch gefeierter Drei-Tore-Mann, nun schon wieder Bankdrücker?


Markus Feldhoff: Gegen 1860 hatte ich ein paar Probleme mit meinem Gegenspieler Marco Walker. Ich wurde ausgewechselt, denn ich sah keinen Stich gegen den. Und dann saß ich wieder auf der Bank. Wir spielten eine englische Woche, das heißt am nächsten Samstag war schon wieder alles wie vorher. So schnell kann es gehen im Fußball, das stimmt.

Frustriert das nicht?

Markus Feldhoff: Natürlich bricht man nicht in Jubelstürme aus. Aber ich habe die Situation auch nicht so stark überbewertet. Du kannst als Trainer ja nicht plötzlich so eine Tormaschine wie den Ulf Kirsten draußen lassen. Ich hatte also damit gerechnet. Ich war bis dahin mit meiner Gesamtsituation auf jeden Fall zufrieden. Von den 22 Spielen, die ich bis dato auf dem Platz stand, machte ich neun von Beginn an. Es war ein Schritt nach vorne im Vergleich zum Vorjahr, wo ich ausschließlich eingewechselt wurde.

Im übernächsten Spiel rissen Sie sich das Kreuzband...


Markus Feldhoff: ...und danach kam ich nie wieder richtig in Fahrt.

War dies trotzdem die beste Saison Ihrer Karriere?

Markus Feldhoff: In der Bundesliga war das auf jeden Fall meine aufregendste Saison. Ich habe ja auch als Zuschauer noch bis zuletzt mitgezittert. Wir hätten am 33. Spieltag noch Meister werden können. Und ich konnte sagen, dass ich mit meinen acht Toren und ein paar guten Spielen auch meinen Teil dazu beigetragen hatte.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!