Marko Rehmer im Interview

„Fußball ist nicht Schach“

Bevor Eintracht-Veteran Marko Rehmer die geschundenen Beine hochlegen kann, muss er noch einmal gegen Abstieg kämpfen. Dabei geht er ebenso zu Werke wie im Gespräch mit 11freunde.de: defensiv, minimalistisch, kompromisslos. Imago

Glückwunsch zum Klassenerhalt Herr Rehmer. Durch den eindeutigen Sieg gegen Aachen sollte die Eintracht durch sein. Oder machen Sie sich etwa noch Sorgen?

Wir sind noch nicht gerettet. Es kann bis zur letzten Spielminute dieser Saison gehen. Gratulieren Sie mir bitte erst, wenn es rechnerisch klar ist, dass wir drin bleiben.

Ähnliche Situationen erlebten Sie bereits mit Hansa Rostock und Hertha BSC. Inwieweit konnten Sie mit ihrer Erfahrung im Abstiegskampf der Mannschaft helfen?

Ich kann beruhigend auf die Jüngeren im Team einwirken und schon einen Großteil meiner Erfahrung an sie weitergeben. Wer hektisch wird und die Nerven verliert, der nimmt sich sehr viel Energie. Und diese Energie braucht eine Mannschaft, um im Abstiegskampf erfolgreich bestehen zu können.

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Sie sind nun in Ihrer letzten Saison. Verspüren Sie schon Abschiedsschmerz?

Über meine Zukunft sprechen wir erst, wenn wir unser Saisonziel erreicht haben. Dazu gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts zu sagen.

Dann blicken wir eben in die Vergangeheit. Gab es in Ihrer Kindheit ein Schlüsselerlebnis, das Sie für den Fußball begeistert hat?

Ich erinnere mich gern an meine fußballbegeisterte Omi, bei der ich immer und überall, sogar in der Wohnung, spielen durfte.

Wie genau begann Ihre Fußballkarriere in Berlin?

Auf dem Hinterhof im Prenzlauer Berg, wo ich groß geworden bin. Mein erster Verein hieß Empor HO Berlin.

Die Omi war Ihr Mentor. Wer war Ihr Vorbild?


Ich hatte keine bestimmten Vorbilder, aber ich hatte einige Idole, für die ich geschwärmt habe. Zum Beispiel Franz Beckenbauer.

Sie haben, wie ihr ehemaliger Mannschaftskamerad bei Hansa Rostock, Stefan Beinlich, den Beruf des Elektrikers erlernt. Wäre das eine echte berufliche Alternative gewesen?

Wenn ich kein Profi hätte werden können – vielleicht.

Rückblickend betrachtet: Haben sich die Träume, die ein kleiner Junge vom Beruf des Fußballers hat, erfüllt?

Ja. Jeder fußballbegeisterter Junge möchte irgendwann mal in der Bundesliga spielen. Ich war da keine Ausnahme.

Waren Sie auf die Entbehrungen gefasst, die der Beruf des Fußballers mit sich bringt?


Natürlich musst du als Fußballprofi auf viele Dinge verzichten. Aber für diesen Traumberuf lohnt es sich, Entbehrungen auf sich zu nehmen.

Den Großteil Ihrer Zeit als Fußballer haben Sie bei Union Berlin verbracht. Man hat Sie dort heute noch in guter Erinnerung. Verfolgen Sie noch das Geschehen bei ihrem alten Verein?

Klar tue ich das. Und ich hoffe, dass die Eisernen über kurz oder lang zurückkehren in die zweite Liga. Vom Fanpotential her ist in Berlin genug Platz für zwei Profiklubs und ich bin davon überzeugt, dass Union eines Tages wieder die ganz klare Nummer zwei in der Stadt werden wird.

Frank Pagelsdorf, ihr ehemaliger Trainer bei Union, holte Sie 1997 auf die große Fußballbühne nach Rostock, wo sie sofort Stammspieler und im selben Jahr Nationalspieler wurden. Wie erlebten Sie damals diesen kometenhaften Aufstieg?

Es ging schon alles recht schnell damals. Aber es hat mich nicht verändert. Dahinter hat auch harte Arbeit gesteckt. Ich habe dafür geackert und mir durch Fleiß einen Traum erfüllen können.

Sie spielen momentan ihr elftes Jahr als Profi. Warum platzte bei Ihnen erst so spät – mit 24 Jahren – der Knoten?

Ich hatte mit Anfang 20 einen Knorpelschaden im Knie, dessen Heilungsprozess länger dauerte. Die Ärzte empfahlen mir damals, dass ich mir besser einen neuen Job suchen sollte. Aber ich glaubte an meine Karriere und blieb am Ball.

In der Bundesliga absolvierten sie über 200 Spiele. Was war Ihr schönstes Erlebnis? Wo verlebten Sie Ihre schönste Zeit?

Rostock war schon eine tolle Zeit. Hertha auch, obwohl man die Clubs eigentlich nicht miteinander vergleichen kann. Hertha war wegen der Champions League etwas ganz Besonderes. Es war irre, gegen Teams wie Barcelona und Chelsea antreten zu können. Eine genauso schöne Zeit habe ich jetzt jedoch auch bei Eintracht Frankfurt

Hatten Sie niemals den Wunsch, einmal im Ausland zu spielen?

Ich wäre ja fast mal in England in der Premier League gelandet. Das hätte mich schon gereizt. Der Fußball auf der Insel hätte mir sehr gelegen.


Ihr Debüt für Deutschland gaben Sie noch unter dem Bundestrainer Berti Vogts. Sie spielten dann ebenfalls unter Ribbeck und Völler. Welcher Führungsstil behagte Ihnen am meisten?

Der Führungsstil eines Nationaltrainers ist ein ganz anderer als der eines Klubtrainers. Du siehst deinen Nationaltrainer ja nicht so oft wie den Vereinscoach. Jeder Trainer hat natürlich eine besondere Art an sich, mit seinen Spielern umzugehen und zu kommunizieren. Aber Fachleute sind sie alle. Rudi Völler war am nähsten dran an der Mannschaft.

In 35 Länderspielen erzielten Sie vier Tore. Unter anderem einen Treffer im Relegationsspiel gegen die Ukraine, der Deutschland überhaupt erst zur Weltmeisterschaft nach Japan und Südkorea brachte. Wie haben Sie es verhindert, in diesem Moment ohnmächtig zu werden?

Es ist immer etwas besonderes Tore für Deutschland zu schießen - und das war ein wichtiges Tor, in der Tat. Aber wir hatten auch eine starke Mannschaft und uns war klar, dass wir es auch auf diesem Umweg schaffen würden.

Bei der Weltmeisterschaft 2002 standen Sie verletzungsbedingt jedoch nur bei einer Partie auf dem Platz. Konnten Sie das Turnier dennoch genießen?

Ich hätte natürlich lieber gespielt. Auf der der Bank fieberst du aber genauso mit wie auf dem Platz. Das Turnier werde ich dennoch niemals vergessen.

Apropos Verletzungen. Ihrer Karriere stand unter keinem guten Stern, nach dem Ihnen im Alter von 20 auf Grund eines Knorpelschadens im Knie vom Leistungssport abgeraten wurde. Wie konnten Sie diesen ersten Tiefschlag wettmachen?


Indem ich nie aufgehört habe, an mich zu glauben und gegen diese Verletzung anzukämpfen.

In der Saison 1997/1998 absolvierten Sie noch alle Spiele für Hansa Rostock, in der Folgesaison noch 30 Partien und in den Jahren danach wurden es durch jene Verletzungsmiseren weniger und weniger. Können Sie sich ihr Verletzungspech erklären?

Fußball ist nicht Schach. Ich bin ein Typ der immer mit vollem Einsatz spielt, und deshalb kann es immer zu Verletzungen kommen. Man wird auch schnell in eine Schublade gesteckt. Trotzdem habe ich es bis jetzt auf 225 BL-Spiele und 35 Länderspiele gebracht.

Wie groß ist ihr Ärger wenn die Medien wieder einmal aufstöhnen: „Den verletzungsanfälligen Marko Rehmer hat es wieder erwischt“?

Das genau meine ich mit „in eine Schublade stecken“.

Schnelligkeit war Ihr Kapital. Sie hatten einst sogar den Spitznamen „Speedy“ und erreichten den Fabelwert von 3,74 Sekunden auf 30 Metern. Haben Sie durch die vielen Rückschläge an Schnelligkeit eingebüßt?

Natürlich wird man mit den Jahren ein wenig langsamer im Antritt. Aber ich weiß, dass ich noch schnell genug bin.

Der andere große Schmerzensmann Ihrer Spielergeneration ist Jens Nowotny. Haben Sie sich einmal mit ihm über die leidigen Erfahrungen ausgetauscht?

Nein, das haben wir nicht. Es gab schönere Themen zu besprechen.

Der Tiefpunkt Ihrer Karriere dürfte die Saison 2004/2005 bei Hertha gewesen sein. Wie frustrierend muss man sich eine solche Zeit für einen Fußballprofi vorstellen, wenn man keine Sekunde Spielzeit erhält?

Das war wirklich sehr frustrierend und nicht fair. Deshalb war ich sehr froh, dass mir Eintracht Frankfurt und Friedhelm Funkel die Möglichkeit gegeben haben, wieder zu spielen.

Vorausgegangen ist dem Theater mit Hertha, jene berühmte Spritze eines HNO-Arztes, die Betamethason enthielt und Ihnen u. a. eine Sperre von neun Spielen einbrachte. Was haben Sie aus dieser Episode gelernt?

Das war die schwärzeste Stunde meiner Karriere, und ich habe mir geschworen, darüber kein Wort mehr zu verlieren. So halte ich das auch in diesem Interview.


Zurück in die Gegenwart. Wie sehr schmerzten die Pfiffe der Fans in der Partie gegen Bochum, als man Sie zum Sündenbock abstempelte?

Auch dazu möchte ich lieber nichts sagen. Es tat weh, aber ich denke, dass der Frust über die zweite Heimniederlage in Folge gegen einen Aufsteiger dabei auch eine große Rolle bei den Fans gespielt hat. Ich war sehr enttäuscht über diese Niederlage. Die Pfiffe haben ihr Übriges dazu getan, dass ich diesen Samstag so schnell wie möglich aus meinem Gedächtnis streichen will.

Ihr Trainer Friedhelm Funkel meinte kürzlich über Sie: „Ich würde gerne mit ihm weiterarbeiten, in welcher Konstellation auch immer“. Heißt das, sie könnten sich durchaus noch eine Saison als Spieler bei der Eintracht vorstellen, oder werden Sie einen anderen Weg einschlagen?

Klar, das habe ich immer gesagt. Ich hatte in dieser Saison zwei Verletzungen und konnte nicht so viele Spiele machen. Körperlich traue ich mir es noch zu, eine Saison auf dem Niveau mitzuhalten und der Eintracht auch durch meine Erfahrungen helfen zu können.

Überhaupt scheint die Chemie zwischen Ihnen und ihrem Coach zu stimmen. Woher rührt diese hohe gegenseitige Wertschätzung?

Er weiß, was ich kann – und was ich nicht so gut kann. Er ist ein sehr guter Trainer mit viel Erfahrung und Menschenkenntnis.

Eine letzte Frage, Herr Rehmer. Stimmt die Anekdote, dass sie einst ein wichtiges Spiel in der Regionalliga mit Union versäumten, weil sie den entlaufenen Hund ihrer Freundin suchten?

Ja, das stimmt. Wir haben den Hund noch immer – und es geht ihm bestens.


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Hier www.11freunde.de/interviews/100621 findet Ihr ein Interview mit Eintracht-Coach Friedhelm Funkel.

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