Marko Pantelic im Interview

„... dann war ich weg“

In elf Profijahren hat Marko Pantelic bei neun Klubs in sieben Ländern gespielt. Erst bei Hertha BSC wurde der Serbe sesshaft. Hier legt der Fußball-Vagabund die Gründe für sein unstetes Leben dar. Imago
Heft #64 03 / 2007
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Marko Pantelic, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das Spielfeld betreten?

Nichts. Ich richte meine ganze Konzentration auf das Spiel, um mich mit jeder Faser meines Körpers für den Erfolg des Teams einzusetzen.

Der schwedische Stürmer Henrik Larsson hat einmal auf diese Frage geantwortet: »Gleich wird es sehr wehtun!« Verstehen Sie, was er meint?


Interessant. Larsson denkt darüber nach, dass versteckte Fouls und Zweikämpfe ihm Schmerzen bereiten? Das wundert mich. Fouls sind ein Teil des Spiels, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Wenn ich mit so einer Einstellung aufliefe, könnte ich nie Vollgas geben.

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Wie gelingt es Ihnen denn, die negativen Begleiterscheinungen eines Spiels auszublenden?

Ich habe den Tunnelblick, konzentriere mich voll und ganz auf das Spiel. Natürlich bin auch ich schon vom Platz gekommen und hatte zwei Tage lang Probleme, geradeaus zu laufen. Aber wenn das Team erfolgreich ist, spielt das keine Rolle.

Mit welchen Tricks wehren Sie sich gegen die Attacken der Abwehrspieler?

Ich bin kein Spielertyp, der zerstört. Meine Aufgabe ist es, Tore zu schießen. Natürlich gibt es manchmal Rangeleien, aber ich sehe zu, den Grundsätzen des Fairplays zu folgen und mich nach Fouls beim Gegner zu entschuldigen.

Sie haben mal gesagt, ein Fußballspiel sei für Sie wie eine Theateraufführung. Das müssen Sie uns genauer erklären.

Fußball zieht die Massen in seinen Bann. Im alten Rom traten die Gladiatoren in der Arena gegeneinander an, um die Menschen zu unterhalten. Heute sind es die Kicker, die für ein Spektakel sorgen, das die Leute emotional so sehr bewegt, dass Tränen der Freude und der Enttäuschung fließen.

Welche Rolle spielen Sie in dieser modernen Version der klassischen Inszenierung?

Ein bisschen Show gehört dazu. Doch das Wichtigste ist, dass man als Athlet bereit ist, alles zu geben und für das Team sein Innerstes nach außen zu kehren.

Ihnen werden gewisse Extravaganzen nachgesagt. Hertha-Manager Dieter Hoeneß hat Sie dafür kritisiert, dass Sie den Ball zu oft mit dem Außenrist spielen. Nervt es, wenn Sie in Ihrer Art als Instinktfußballer beschränkt werden?

Dieter Hoeneß war selbst ein Weltklasse-Stürmer. Der Mann ist der Kopf von Hertha BSC. Er hat das Recht, mein Spiel zu kritisieren, wenn ihm etwas daran missfällt. Ich sehe zu, dass 99 Prozent von dem umgesetzt wird, was er mir mit auf den Weg gibt. Aber ein Prozent Freiheit bei der Erfüllung meiner Aufgaben gönne ich mir trotzdem.

Hat Hoeneß inzwischen verstanden, dass Sie Raum für Ihre kleinen Sperenzchen brauchen?

Nachdem ich im November gegen Nürnberg mit dem Außenrist zum 1:0 getroffen und ihm den Treffer gewidmet habe, hat er sich nicht mehr dazu geäußert. Ich glaube, er hat verstanden, dass ich alles für den Klub gebe und mit meinen Ideen dem Hertha-Spiel wichtige Impulse gebe.

Dieter Hoeneß war ein anderer Stürmertyp als Sie.

Ich habe einige seiner Spiele auf Video gesehen. Unser Manager war ein bulliger Spieler. Anders als ich, aber verdammt erfolgreich. Es ist kein Geheimnis, dass wir heute auf einem athletischeren Niveau spielen. Spielertypen wie er hätten vermutlich keine Chance mehr, weil der Fußball viel schneller ist. Auch ein technisch versierter Mann wie Michel Platini würde heute mit seinem geringen Laufpensum nicht mehr in die Zeit passen.

Wie verstehen Sie sich mit Dieter Hoeneß?


Der Manager trägt den Klub auf seinen Schultern. Und er findet dabei immer noch Zeit, sich mit uns Spielern auseinanderzusetzen. Ganz ehrlich: Ich habe noch nie unter einem so professionellen Management gearbeitet.

Wie war es denn bei früheren Vereinen, etwa bei Paris St. Germain, Roter Stern Belgrad oder Sturm Graz?

Dort waren die Abteilungen strikter getrennt. Meine direkten Vorgesetzten dort waren die Trainer. Ein persönliches Verhältnis wie zu Hoeneß hatte ich vorher nur zum früheren Präsidenten von Roter Stern, Dragan Djajic.

Sie sind ein Vagabund. In elf Jahren Profikarriere haben Sie für neun Vereine in sieben Ländern gespielt. Warum werden Sie nirgendwo heimisch?

Was Sie da ansprechen, ist mein Ex-Leben. Meine wahre Karriere begann erst 2003. Vorher war ich zehn Jahre lang auf der Suche.

Wie meinen Sie das?

Ich bin mit 17 zuhause ausgezogen. Ich wollte schnell so weit weg wie möglich von meiner Heimat. Aber keiner hat mir gesagt, was auf mich zukommt. Als sich dann nicht direkt der Erfolg eingestellt hat, war ich mitunter etwas zu ungeduldig.

Lange haben Sie es jedenfalls nicht bei den einzelnen Klubs ausgehalten.


Mein erster Verein als Profi war Iraklis Saloniki. Ich war topfit, wurde aber nur in Freundschaftsspielen eingesetzt. Also habe ich sofort zugegriffen, als Paris St. Germain mir ein Angebot machte. Auch dort hatte ich aber das Gefühl, dass mir keine richtige Chance eingeräumt wird. So bin ich immer weiter gezogen. Wenn ein Trainer kam, in dessen System ich nicht sofort passte, war ich weg.



Nach erfolglosen Gastspielen beim SK Sturm Graz, FC Yverdon und Celta Vigo sind Sie nach Serbien zurückgekehrt und in der tiefsten Provinz beim FK Sartid Smederevo gelandet.

Das war der komplette Neustart meiner Karriere. Endlich habe ich bei einem Verein gespielt, der mich wirklich brauchte und bei dem ich zeigen konnte, was ich drauf habe. Nach elf Monaten hat mich dann Roter Stern Belgrad abgeworben. und ich wurde auf Anhieb Torschützenkönig der serbischen Liga.

Hertha BSC muss sich also keine Sorgen machen, dass Sie demnächst die Kurve kratzen.

Als Stürmer ist man bis maximal 35 aktiv. Warum sollte ich meine Karriere also nicht in Berlin beenden? Andererseits sagt mir meine Erfahrung, dass sich im Fußball nichts planen lässt. Heute läuft es gut, morgen nicht mehr. Wer weiß…

Braucht ein Fußballer ein gewisses Maß an Rückhalt?


Für mich sind nur zwei Dinge wichtig: meine Familie und das, was auf dem Platz passiert. Der Rest spielt keine Rolle.

Aber brauchen Sie nicht auch das familiäre Umfeld im Verein?

Natürlich. Hertha ist, anders als frühere Klubs, so etwas wie mein zweites Zuhause geworden. Hier wurde mir von Anfang an mehr Vertrauen entgegengebracht als bei anderen Vereinen. Die ersten dreieinhalb Monate nach meinem Wechsel wurde ich für jedes Spiel fit gespritzt. Ich habe nur einmal die Woche trainiert, trotzdem bekam ich vor jedem Match eine Spritze in den Bauch und in den Fuß und habe am Wochenende 90 Minuten gespielt. Ich bin froh, dass ich dieses Vertrauen jetzt mit Toren zurückzahlen kann.

Sie haben bislang 11 Tore erzielt. Was hat sich seit der letzten Saison verändert?

Wenig. Ich laufe inzwischen schmerzfrei auf, außerdem hat mir der Verein vor dieser Saison einen Vertrag gegeben, der bis 2008 gilt. Das befreit mich. In der letzten Saison hat es sich angefühlt, als säße mir dauernd jemand im Nacken.

Wer hatte es denn auf Sie abgesehen?

Da waren die Medien, die Erwartungen des Vereins und der Zuschauer. Sie können sich vorstellen, dass es nicht so leicht ist, Top-Leistungen zu bringen, wenn ständig jemand schaut, ob man patzt oder Schwächen zeigt.

Warum klappt es in Berlin besser als, sagen wir, bei Paris St. Germain?


Bei Hertha hat man erkannt, dass ich mich für den Klub zerreiße. Wenn wir zurückliegen, arbeite ich als Stürmer auch nach hinten. Es gibt Statistiken, dass ich mir in einem Spiel bis zu 30-mal den Ball am eigenen Strafraum hole.

Es hat den Anschein, als seien Sie auf dem besten Weg, ein großer Spieler zu werden. Nun streiten Sie mit Klose, Makaay, Gomez und Gekas um die Torjägerkrone.

Das ist mir relativ schnuppe. Wenn ich am Ende der Saison nur Zweiter oder Dritter bei den Torjägern werde, Hertha dafür aber in der Champions League spielt, wäre mir das wesentlich lieber.

Ihre Bescheidenheit ehrt sie, doch als bester Bundesligaschütze würde sich Ihr Marktwert deutlich erhöhen. Träumen Sie nicht davon, für ein internationales Spitzenteam zu spielen?

Natürlich träumt jeder Spieler davon, einmal für einen Verein wie Real Madrid, FC Barcelona oder Manchester United aufzulaufen. Aber ich lebe im Hier und Jetzt. Und wenn morgen einer kommt und mir vorschlägt, zu wechseln, werde ich mir sehr gut überlegen, ob ich die Situation hier in Berlin wirklich dafür aufgeben will.



Gibt es einen Verein, dessen Spielsystem gut zu Ihnen passen würde?

Momentan halte ich nicht – wie so viele – den FC Barcelona für den Klub, der den besten Fußball spielt.

Sondern?

Olympique Lyon bietet seit fünf Jahren absolute Spitzenklasse. Noch hatten sie zwar nicht das Glück, die Champions League zu gewinnen, aber das wird schon noch kommen. Lyon dominiert wie kein anderes Team seine nationale Liga.

Ist es als Stürmer eigentlich besonders schwer, sich in einem neuen Team zu behaupten?

Entweder man hat den Respekt des Teams oder man hat ihn nicht.

So einfach ist das?

So einfach ist das! In der Familie ist es doch auch nicht anders. Ich frage Sie: Sind Sie der Boss im Haus?

Durchaus, wir leben allein.

Nun gut, dann gebe ich Ihnen jetzt einen Tipp für das spätere Zusammenleben mit einer Frau: Wenn Sie zuhause nicht die Hosen anhaben, wird Ihre Frau Sie solange triezen, bis Sie sich endlich widersetzen. Genauso ist es auf dem Platz: Entweder Sie erkämpfen sich sofort den Respekt des Teams oder Sie werden unterdrückt.

Aber wie erarbeiten Sie sich diesen Respekt bei einem neuen Verein? Durch Tore?

Nicht nur. Wenn ein Stürmer Tore schießt, ist das ein gutes Argument, um Respekt in der Mannschaft zu erlangen. Um aber vollständig anerkannt zu werden, muss man auch in kritischen Situationen für das Team da sein: Wenn ein Mittelfeldspieler den Ball verliert, muss man auch mal einen Schritt zurückgehen, um ihm zu helfen oder mal am eigenen Sechzehner aushelfen, wenn es brennt und den Ball weggrätschen. Das Team muss erkennen, dass man bereit ist zu fighten.

Hatten Sie jemals Zweifel daran, dass Sie sich durchsetzen werden?

Wenn ich diese Überzeugung nicht gehabt hätte, wäre der Neustart meiner Karriere nicht geglückt. Bei einem Mannschaftssport ist es das Wichtigste, dass man an sich glaubt, dabei aber nie den Respekt gegenüber den anderen verliert.

Wie kann man bei einem nur zweimonatigen Gastspiel wie etwa in Graz solche Tugenden unter Beweis stellen?

Dort war es schlicht und einfach unmöglich. Trainer Ivica Osim hat mir von vornherein signalisiert, dass ich langfristig bei ihm keine Chance hätte. Was soll ich da machen? Ich hatte für Graz in der Champions League getroffen, habe gegen den Grazer AK im Derby drei Torvorlagen gegeben – und dann sagt er mir, er habe mit einigen Leuten diskutiert und könne mich nicht gebrauchen. Ich muss schon regelmäßig spielen, um beweisen zu können, dass ich dazu gehöre.

Nach welchen Gesichtspunkten planen Sie heute Ihre Karriere, um solche falschen Engagements zu vermeiden?

Ich prüfe, ob mich ein Verein wirklich braucht. Als ich 2003 nach Smederevo ging, hat mir auch Roter Stern Belgrad ein Angebot gemacht. Aber die hatten damals zehn Stürmer im Kader. Was hätte ich da gewollt? Diese Überlegung gab 2005 auch den Ausschlag für meinen Wechsel zu Hertha: Ich wusste, dass hier ein Angreifer gebraucht wurde. Nur Artur Wichniarek und Nando Rafael waren ernstzunehmende Konkurrenten auf meiner Position. Wenn sechs Stürmer im Kader gestanden hätten, wäre Berlin als Option nie in Frage gekommen.

Konnten Sie bei Ihren häufigen Wechseln jemals Freundschaften schließen? Haben Sie Freunde? Drei oder vier, nehme ich an.

Schließlich leben Sie schon einige Jahre, vielleicht sogar ihr ganzes Leben an diesem Ort. Bei mir ist das etwas schwieriger.

Dabei trifft man überall in Europa auf Spieler aus Ex-Jugoslawien.


Bei mir war es bisher meistens so, dass ich bereits wieder auf dem Absprung war, wenn sich eine engere Bindung entwickelte. Klar gibt es einige, zu denen ich noch Kontakt habe, aber Freunde fürs Leben findet man nicht so leicht. Erst hier bei Hertha ist zu Josip Simunic und in der letzten Saison zu Niko Kovac ein engeres Verhältnis gewachsen.

Die beiden sind Kroaten. Wünschen Sie sich manchmal, dass es noch ein Nationalteam gäbe, in dem Kroaten und Serben gemeinsam spielten?

Die besten Fußballer aus Ex-Jugoslawien sind im Ausland aktiv. Deshalb gibt es fast nie Konflikte zwischen kroatischen und serbischen Fußballern. Aber die politische Situation erlaubt es uns nicht mehr, ein gemeinsames Nationalteam zu bilden. Dabei wären wir fraglos eine der besten Mannschaften der Welt. Nach dem Krieg ist nichts mehr, wie es war. Vor 16 Jahren war Jugoslawien eine respektierte Mannschaft, heute müssen wir lernen, als Serben und Kroaten allein mit Gegnern wie Brasilien, Deutschland oder Frankreich zurechtzukommen.

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