Marko Moritz, Leiter der LKA-Dienststelle »Sportgewalt« im Interview

»Pyrotechnik? Ein absolutes No-Go!«

Marko Moritz ist Kommissariatsleiter beim LKA in Berlin. Abteilung: »Sportgewalt«. Ihm unterstehen sämtliche szenekundige Beamte der Hauptstadt. Ein Gespräch über das vergiftete Verhältnis zwischen Ultras und der Polizei, die Abkürzung »ACAB« und das Für und Wieder von Stadionverboten.

Marko Moritz, Sie sind Kommissariatsleiter beim LKA Berlin in der Abteilung »Sportgewalt«. Wie sieht der Arbeitsauftrag Ihrer Dienststelle aus?
Wir sind insgesamt 23 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich mit Sportgroßveranstaltungen – vornehmlich Fußball – beschäftigen. Zwei große Bereiche machen unsere Arbeit aus: Wir haben zunächst einen operativen Auftrag – das heißt, wir halten als szenekundige Beamte Ausschau und haben Kontakt zu den so genannten Problemfans. Und wenn es so weit kommt, bearbeiten wir natürlich auch die aus diesen Veranstaltungen resultierenden Strafanzeigen.
 
Das Verhältnis Polizei-Fans ist seit vielen Jahren, vorsichtig formuliert, sehr angespannt. Worauf führen Sie das zurück?
Die Kommunikation zwischen beiden Seiten ist jahrelang vernachlässigt worden – von Fans und der Polizei. Daraus ist eine Art Schachteldenken entstanden: hier wir, dort ihr. Das macht eine sinnvolle Zusammenarbeit natürlich schwierig. Deutlich sichtbar wird dieses angespannte Verhältnis dann natürlich bei besonderen Spielen, wo etwas passiert, was nicht passieren soll. Beispielsweise in den Relegationsspielen zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf 2012. Da sind auf beiden Seiten Fehler gemacht worden. Im Vorfeld, während des Spiels und nach der Partie.
 
Wie reagieren Sie und Ihre Mitarbeiter nach solchen extremen Erlebnissen?
So wie eigentlich nach jedem Spieltag, nach jeder Großveranstaltung: Wir fahren alle etwas runter, lassen die Emotionen sacken und wenn man dann wieder klare Gedanken fassen kann, analysieren wir die Vorkommnisse. Was haben wir richtig gemacht? Was haben wir falsch gemacht? Was können wir besser machen? Wovon können wir lernen? Um solche Fragen geht es dann.
 
Kommunikation heißt seit Jahren das Zauberwort im Verhältnis Polizei-Fans. Mit wem kommunizieren sie eigentlich?
In unserer Tätigkeit als szenekundige Beamte natürlich mit den Fans selbst. Aber selbstverständlich auch mit den Vereinen, den Fanbeauftragten, den Sicherheitsbeauftragten und den Fanprojekten. Der Austausch findet eigentlich ständig statt. Allerdings ist die reine Kommunikation auch nicht der heilige Gral. Reden ist schön und gut, aber wenn man miteinander gesprochen hat, muss auch was passieren.
 
Was meinen Sie?
Wir erleben es teilweise noch viel zu häufig, dass wir tolle Gespräche mit den Vertretern von Verein x geführt haben, man sich auf bestimmte Dinge für den kommenden Spieltag geeinigt hat, und diese dann doch nicht in der Praxis umgesetzt werden. Das erschwert unsere Arbeit und ist zum Nachteil von allen Beteiligten.
 
Konkreter geht es nicht?
Namen werde ich nicht nennen. Aber nehmen wir beispielsweise ein so genanntes Risikospiel. Da sitzen wir vorab mit den Vereinsvertretern zusammen und sagen: Ihr müsst eurer Fanszene das und das verklickern, kümmert euch drum! Dann schaut man sich tief in die Augen, gibt sich das Versprechen – und am Spieltag müssen wir erleben, das eben dieser Austausch zwischen Verein uns Fans nicht stattgefunden hat.
 
Wie gewaltbereit sind die deutschen Ultra-Szenen?
Dazu will ich pauschal kein Urteil abgeben. Was allerdings – neben dem Gebrauch von Pyro – für diese Szene prägend ist, ist die Solidarisierung zur Deckung von Straftaten. Das ist in der Tat ein Problem für uns.
 
Der Polizei wird dafür regelmäßig ihr zum Teil martialisches und übermäßig rigoroses Verhalten bei selbst kleineren Vergehen vorgeworfen.
Wir haben einen gesetzlichen Auftrag und der lautet: Straftaten verhindern und Straftaten ahnden. Und wenn aus einer Gruppe eine Flasche geworfen wird, dann ist das, sorry, eine Straftat. Wenn man dann in die Gruppe geht, dient das strikte Vorgehen dem Selbstschutz. Das wirkt vielleicht martialisch, ist in diesem Fall aber notwendig. Glauben Sie mir, jeder Polizist freut sich, wenn sein Einsatz bei einem Fußballspiel friedlich abläuft, er keine Straftat aufnehmen muss und pünktlich nach Hause kommt.
 
Ihre Dienststelle vereinigt die insgesamt 23 szenekundigen Beamten (SKB) im Berliner Sport. Wie sieht die Arbeit eines SKB konkret aus?
Ein SKB benötigt vor allem ein gutes Gedächtnis: Die Fangruppen sind zum Teil mehrere hundert Mann stark, da sollte man schnell wissen, mit wem man es zu tun hat. Selbstverständlich ist auch nicht von Nachteil, wenn man schon mit guten Vorkenntnissen über die jeweilige Fanszene seine Arbeit beginnt. SKB müssen zudem extrovertierte Typen sein, sie sollen ja im Vorfeld Gefahren erkennen und deeskalierend eingreifen. Dafür muss man in der Lage sein, sich Gehör bei den jeweiligen Protagonisten zu verschaffen.
 


Welches Standing haben die Berliner SKB?
Wir werden akzeptiert und respektiert. Aber trotz alledem sind wir Teil der Strafverfolgungsbehörde. Mehr als Akzeptanz und Respekt können wir deshalb nicht erwarten.
 
Wie ist Ihre Haltung zur Pyrotechnik?
Das ist für mich ein absolutes No-go. Nicht nur, weil es verboten ist. Sondern weil es extrem gefährlich ist. Für uns Polizisten, die zum Teil gezielt mit den Fackeln oder Böllern beworfen werden und natürlich vor allem für die Fans. Die Verletzungen durch Pyro halten sich zum Glück im Verhältnis zur Häufigkeit des Gebrauchs in Grenzen, aber es gibt viele Fans, die durch Pyro schwer verletzt oder entstellt wurden. Das wird allerdings in vielen Ultra-Szenen totgeschwiegen.  
 
Stadionverbote sind…
…ein Mittel, dass die Vereine nutzen, um Sanktionen auszusprechen. In Berlin gehen wir mit Stadionverboten sehr behutsam um, wir wissen, welchen Stellenwert dieses Thema in den Fanszenen einnimmt. Deswegen sind wir für die Einzelfallbetrachtung und gegen das Gießkannenprinzip. Wenn nicht ein klarer Verstoß gegen die jeweilige Hausordnung vorliegt bzw. eine Straftat nachgewiesen ist, sollte man sich bei der Beurteilung der Fälle wirklich die Zeit nehmen, gegebenenfalls auf ein Stadionverbot verzichten und lieber ein Verbot auf Bewährung aussprechen, oder den Sünder zu Sozialstunden im Dienste seines Vereins verdonnern. Damit er erkennt: Hey, ich habe Mist gebaut und damit meinem Verein geschadet. Jetzt arbeite ich diese Schuld wieder ab.
 
Sie haben vorrangig mit Ultras zu tun. Eines der eisernen Ultra-Gebote lautet: Keinen Kontakt mit den Medien…
…und mit der Polizei. Sie wären allerdings überrascht, wenn Sie wüssten, wie häufig es dann doch einen intensiven Austausch zwischen unseren SKB und Ultra-Mitgliedern gibt. Natürlich nur von Einzelpersonen und wenn die Gruppe nicht in Sichtweite ist. In der Gruppe wird geschwiegen.
 
Wie groß ist der Einfluss von Hooligans im Berliner Fußball?
Seit einigen Jahren beobachten wir zwar ein Anwachsen der Szene, aber der Einfluss innerhalb der Fanszene ist gering. Zumal die Ultras, speziell des größeren Berliner Vereins, inzwischen durchaus in der Lage sind, sich auch gegen die Hooligans zu wehren.
 
Auf welche Gruppierung kann man als Polizist besser Einfluss nehmen: Auf die Hooligans oder auf die Ultras?
Definitiv auf die Hooligan-Szene. Da sich dort meist Ältere tummeln, fällt schon einmal das ganze jugendliche Gehabe weg, was teilweise die Arbeit mit den Ultras erschwert. Außerdem kennt man sich länger, hat teilweise seit zehn oder 20 Jahren miteinander zu tun. Da bekommt man dann eher einen Zugang.
 
Ein negativer Höhepunkt der vergangenen Jahre im Berliner Fußball in Bezug auf Hooligans war das Pokalspiel zwischen BFC Dynamo und dem 1. FC Kaiserslautern im Sommer 2011. Was ist da schief gelaufen?
Auslöser bei dem aus polizeilicher Sicht nicht optimal gelaufenen Einsatz war die sehr hohe Gewaltbereitschaft der Hooligans. Wir haben in den Tagen danach den Einsatz ausgewertet und die Dinge angesprochen, die aus Sicht der Polizei nicht gut gelaufen waren. Hieraus haben wir unsere Schlüsse sowie Lehren gezogen und werden zukünftig bei ähnlich gelagerten Fällen schon im Vorfeld eines möglichen Gewaltausbruchs agieren. Unabhängig davon wurden eine Vielzahl der Gewalttäter ermittelt und zu Geld- und Haftstrafen verurteilt.
 
Welche Wünsche haben Sie für die zukünftige Arbeit mit Fußballfans?
Wir sind bereit, auf einige Forderungen der Fanszene – beispielsweise erweiterten Freiraum, weniger scharfe Kontrollen etc. – einzugehen. Aber dafür muss auch was von den Fans selber kommen. Warum distanziert man sich nicht von Straftätern in den eigenen Reihen bzw. von vermehr straffällig gewordenen Gruppierungen? Das Verhältnis Fans-Polizei ist immer auch ein Geben und Nehmen. Allerdings kann nicht nur eine Seite geben und die andere nehmen.  
 
Letzte Frage: Lassen sich Polizisten im Jahr 2013 tatsächlich noch immer von der Beleidigung »ACAB« provozieren?
Mit meiner Berufswahl Polizeibeamter habe ich ja nicht meine Grundrechte abgegeben. Ich bin immer noch ein Mensch. Deshalb möchte ich diese Frage zurückgeben: Was glauben Sie, was passiert, wenn ich im Stadion zu einem Fan gehe und ihn beleidige? Er wird mich anzeigen. Nichts rechtfertigt meiner Meinung nach eine Beleidigung ohne Grund. Vielleicht wäre das ja mal ein Ansatz für die aktive Fanszene: Aufs »ACAB« verzichten, und damit in einem ersten Schritt dem Mythos vom Feindbild Polizei entgegenzuwirken.

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