20.09.2013

Marko Moritz, Leiter der LKA-Dienststelle »Sportgewalt« im Interview

»Pyrotechnik? Ein absolutes No-Go!«

Marko Moritz ist Kommissariatsleiter beim LKA in Berlin. Abteilung: »Sportgewalt«. Ihm unterstehen sämtliche szenekundige Beamte der Hauptstadt. Ein Gespräch über das vergiftete Verhältnis zwischen Ultras und der Polizei, die Abkürzung »ACAB« und das Für und Wieder von Stadionverboten.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Marko Moritz, Sie sind Kommissariatsleiter beim LKA Berlin in der Abteilung »Sportgewalt«. Wie sieht der Arbeitsauftrag Ihrer Dienststelle aus?
Wir sind insgesamt 23 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich mit Sportgroßveranstaltungen – vornehmlich Fußball – beschäftigen. Zwei große Bereiche machen unsere Arbeit aus: Wir haben zunächst einen operativen Auftrag – das heißt, wir halten als szenekundige Beamte Ausschau und haben Kontakt zu den so genannten Problemfans. Und wenn es so weit kommt, bearbeiten wir natürlich auch die aus diesen Veranstaltungen resultierenden Strafanzeigen.
 
Das Verhältnis Polizei-Fans ist seit vielen Jahren, vorsichtig formuliert, sehr angespannt. Worauf führen Sie das zurück?
Die Kommunikation zwischen beiden Seiten ist jahrelang vernachlässigt worden – von Fans und der Polizei. Daraus ist eine Art Schachteldenken entstanden: hier wir, dort ihr. Das macht eine sinnvolle Zusammenarbeit natürlich schwierig. Deutlich sichtbar wird dieses angespannte Verhältnis dann natürlich bei besonderen Spielen, wo etwas passiert, was nicht passieren soll. Beispielsweise in den Relegationsspielen zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf 2012. Da sind auf beiden Seiten Fehler gemacht worden. Im Vorfeld, während des Spiels und nach der Partie.
 
Wie reagieren Sie und Ihre Mitarbeiter nach solchen extremen Erlebnissen?
So wie eigentlich nach jedem Spieltag, nach jeder Großveranstaltung: Wir fahren alle etwas runter, lassen die Emotionen sacken und wenn man dann wieder klare Gedanken fassen kann, analysieren wir die Vorkommnisse. Was haben wir richtig gemacht? Was haben wir falsch gemacht? Was können wir besser machen? Wovon können wir lernen? Um solche Fragen geht es dann.
 
Kommunikation heißt seit Jahren das Zauberwort im Verhältnis Polizei-Fans. Mit wem kommunizieren sie eigentlich?
In unserer Tätigkeit als szenekundige Beamte natürlich mit den Fans selbst. Aber selbstverständlich auch mit den Vereinen, den Fanbeauftragten, den Sicherheitsbeauftragten und den Fanprojekten. Der Austausch findet eigentlich ständig statt. Allerdings ist die reine Kommunikation auch nicht der heilige Gral. Reden ist schön und gut, aber wenn man miteinander gesprochen hat, muss auch was passieren.
 
Was meinen Sie?
Wir erleben es teilweise noch viel zu häufig, dass wir tolle Gespräche mit den Vertretern von Verein x geführt haben, man sich auf bestimmte Dinge für den kommenden Spieltag geeinigt hat, und diese dann doch nicht in der Praxis umgesetzt werden. Das erschwert unsere Arbeit und ist zum Nachteil von allen Beteiligten.
 
Konkreter geht es nicht?
Namen werde ich nicht nennen. Aber nehmen wir beispielsweise ein so genanntes Risikospiel. Da sitzen wir vorab mit den Vereinsvertretern zusammen und sagen: Ihr müsst eurer Fanszene das und das verklickern, kümmert euch drum! Dann schaut man sich tief in die Augen, gibt sich das Versprechen – und am Spieltag müssen wir erleben, das eben dieser Austausch zwischen Verein uns Fans nicht stattgefunden hat.
 
Wie gewaltbereit sind die deutschen Ultra-Szenen?
Dazu will ich pauschal kein Urteil abgeben. Was allerdings – neben dem Gebrauch von Pyro – für diese Szene prägend ist, ist die Solidarisierung zur Deckung von Straftaten. Das ist in der Tat ein Problem für uns.
 
Der Polizei wird dafür regelmäßig ihr zum Teil martialisches und übermäßig rigoroses Verhalten bei selbst kleineren Vergehen vorgeworfen.
Wir haben einen gesetzlichen Auftrag und der lautet: Straftaten verhindern und Straftaten ahnden. Und wenn aus einer Gruppe eine Flasche geworfen wird, dann ist das, sorry, eine Straftat. Wenn man dann in die Gruppe geht, dient das strikte Vorgehen dem Selbstschutz. Das wirkt vielleicht martialisch, ist in diesem Fall aber notwendig. Glauben Sie mir, jeder Polizist freut sich, wenn sein Einsatz bei einem Fußballspiel friedlich abläuft, er keine Straftat aufnehmen muss und pünktlich nach Hause kommt.
 
Ihre Dienststelle vereinigt die insgesamt 23 szenekundigen Beamten (SKB) im Berliner Sport. Wie sieht die Arbeit eines SKB konkret aus?
Ein SKB benötigt vor allem ein gutes Gedächtnis: Die Fangruppen sind zum Teil mehrere hundert Mann stark, da sollte man schnell wissen, mit wem man es zu tun hat. Selbstverständlich ist auch nicht von Nachteil, wenn man schon mit guten Vorkenntnissen über die jeweilige Fanszene seine Arbeit beginnt. SKB müssen zudem extrovertierte Typen sein, sie sollen ja im Vorfeld Gefahren erkennen und deeskalierend eingreifen. Dafür muss man in der Lage sein, sich Gehör bei den jeweiligen Protagonisten zu verschaffen.
 

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