Marko Arnautovic über sein Bad-Boy-Image

»Die Geduld mich zu trainieren, hätte ich nicht«

Marko Arnautovic von Werder Bremen polarisiert die Bundesliga. Man hasst ihn, oder man liebt ihn, dazwischen gibt es nicht. So einen Mann mussten wir sprechen! Für Ausgabe #136 traf sich Dirk Gieselmann mit dem umstrittenen Österreicher zum Interview.

Julia Knop
Heft: #
136

Marko Arnautovic, vor kurzem wurden Sie im Nordderby gegen den HSV des Feldes verwiesen. Sie hatten einen Schuss in Richtung des Schiedsrichters Thorsten Kinhöfer angetäuscht, den dieser als Angriff auf sich wertete. Sind Sie noch wütend deswegen?
Naaa, das passt schon.

Klingt, als wären Sie mit der Entscheidung einverstanden.
Das wollte ich damit nicht sagen. Aber ich kann mich ja nicht ewig darüber aufregen. Ich muss zusehen, dass ich mich auf jetzt und die Zukunft konzentriere und im Training wieder Gas gebe. Wut ist da nur Ballast.

Gibt es denn einen Moment, über den Sie sich heute noch ärgern?
Ja, meine vergebene Großchance im EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland letzten Herbst.

Sie hatten kurz vor Schluss das 2:2 auf dem Fuß.
Und dann ist mir der Ball ganz blöd über den Spann gerutscht. Daran denke ich immer noch von Zeit zu Zeit. Aber ich weiß auch, dass ich das nicht rückgängig machen kann. Ich kann nur sagen, dass es mir leid tut und dass ich es beim nächsten Mal anders machen will.

Können Sie sich andererseits an einen Moment erinnern, der Ihnen perfekt vorkam?
Ja, als ich im vergangenen Dezember beim 4:1 in Hoffenheim drei Tore schoss. Das war wohl das beste Spiel meiner Karriere. Ein fantastischer Tag!

Wie fühlt es sich an, wenn man vor Zehntausenden ein Tor schießt?
Einfach genial! Das Besondere an diesem 4:1 war, dass wir auswärts spielten, und ich hörte von Anfang an die Schmähgesänge der gegnerischen Fans gegen mich. Am Ende waren die dann mucksmäuschenstill. Das war toll.

Spornt es Sie an, wenn man gegen Sie ist?
Klar! Das macht mich stark. Und ich will es denen dann auch zeigen.

Woher würden Sie solche Hochgefühle nehmen, wenn Sie kein Fußballer geworden wären?
Keine Ahnung. Ich bin Fußballer und wollte nie etwas anderes sein.

Können Sie sich vorstellen, dass ein Schreiner auch glücklich ist, wenn er einen schönen Schrank gebaut hat?
Das schon, aber ich möchte trotzdem nicht mit ihm tauschen. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die hart arbeiten. Wenn ich sehe, wie Bauarbeiter bei minus zehn Grad ein Gerüst aufstellen müssen, fühle ich mit ihnen. Aber auch der Fußballberuf hat seine Mankos.

Die da wären?
Es ist schon auch eine Schinderei, wenn man ganz nach oben kommen und dann auch dort bleiben will. Man muss bereit sein, alles zu geben – und manchmal sogar mehr, als man hat.

Wie schätzen Sie bei sich das Verhältnis zwischen Talent und Fleiß ein?
Ich sag mal so: Es verschiebt sich immer weiter in Richtung Fleiß. Das Talent habe ich in die Wiege gelegt bekommen – Danke an Gott – und ich arbeite von Jahr zu Jahr härter, um es zur Geltung zu bringen.

Gab es früher im Wiener Stadtteil Floridsdorf, wo Sie aufwuchsen, Jungs, die noch talentierter waren als Sie?
Talentierter als ich war keiner! Es gab schon ein paar gute Jungs, aber nicht alle waren bereit, sich zu schinden, um am Ende wirklich groß rauszukommen.

Was ist aus denen geworden?
Alles mögliche. Einer betreibt eine Pizzeria, ein anderer handelt mit Immobilien. Meinen besten Kumpel, einen guten Fußballer, habe ich nach Bremen gelotst, um ihn in meiner Nähe zu haben. Er spielt hier bei einem Amateurverein. Und ein, zwei Jungs sitzen leider im Gefängnis. Ich hätte sie gern davor bewahrt.

Haben Sie in Ihrer Jugend auch mal gegen das Gesetz verstoßen?
Das waren Mätzchen, wirklich nichts Wildes. Ich war nie in vorderster Front. Ich wollte meine Karriere als Fußballer nicht gefährden, also habe ich mich zusammengerissen.

Fiel Ihnen das schwer?
Wenn die Jungs, mit denen man seine Zeit verbringt, nicht gerade strahlende Vorbilder sind, muss man schon sehr willensstark sein, um sich nicht einfach mitreißen zu lassen. Ich habe das geschafft. Allermeistens jedenfalls.

In welcher Sprache haben Sie sich mit Ihren Kumpels unterhalten?
Meistens Deutsch, oft aber auch Türkisch. Türkisch war meine erste Fremdsprache.



Ihr Vater stammt aus Serbien. Was an Ihnen ist serbisch?
Mein Temperament. Das erklärt auch einiges, was mir in der Vergangenheit unterlaufen ist. Aber ich habe gelernt, mich zu zügeln.

Sind Sie jemals rassistisch angefeindet worden?
Das kam in der Wiener Zeit schon mal vor, aber mit den Rechtsradikalen wurden wir fertig. Es ging da auch um unser Revier, zu zeigen, wer der Chef ist.

Mussten auch harmlose Passanten Angst vor Ihrer Clique haben?
Die meisten sind lieber schnell an uns vorbeigegangen, ohne uns anzuschauen. Damals fand ich das gut. Jetzt sehe ich das natürlich mit ganz anderen Augen.

Würden Sie heute die Straßenseite wechseln, wenn Sie nachts Jungs begegneten, wie Sie einer waren?
Ich bin doch keine Memme. Im Gegenteil: Ich würde mit ihnen reden!

Was würden Sie ihnen denn sagen?
Dass sie von der Straße runterkommen sollen. Es bringt doch nichts, da rumzuhängen und Leute einzuschüchtern. Sie sollen lieber was lernen.

Aber Sie hat die Straße doch etwas gelehrt, oder?
Stimmt, das waren wichtige Erfahrungen. Sie haben mich auch stark gemacht. Vor allem der Fußball im Käfig, der war zehn Minuten von unserem Haus entfernt. Dort war ich jeden Tag, manchmal sogar zwei Mal, vor dem Vereinstraining und danach wieder.

Was lernt man im Käfig?
Den unbedingten Willen, den anderen zu besiegen. Man ist ja quasi ständig im Zweikampf und muss sich behaupten, mit Technik, Kraft und Beweglichkeit.

Auch mit schmutzigen Tricks?
Man lernt zu überleben.

Und da ist kein Kinhöfer, der einen sofort nach Hause schickt.
Nein, den hat da auch niemand vermisst.

Neben dem Käfig haben Sie Fußball im Verein gespielt, allerdings fast jedes Jahr woanders. Warum das?
Natürlich ging es auch um Disziplin. Mir ist die Umstellung nicht recht gelungen. Ich wollte auch auf dem Rasenplatz, in der Elfermannschaft, am liebsten alles allein machen, durchgehen, draufhalten. Wie im Käfig eben. Das wollten die Trainer aber nicht, und wenn ich nicht auf sie hörte, setzten sie mich auf die Bank. Dann suchte ich mir einfach den nächsten Verein. Selbst schuld, dachte ich, wenn die nicht erkennen, dass ich ein Spiel allein entscheiden kann.

Fällt es Ihnen heute immer noch schwer, den Ball abzugeben? Würde ich dann in der Bundesliga spielen?
Nein, es macht mir genauso viel Spaß, eine gute Vorlage zu geben, wie selbst ein Tor zu schießen.

Und wie gut können Sie sich in das soziale Gefüge einer Mannschaft einordnen?
Besser als früher. Ich sehe es nun als Beruf, für den ich bezahlt werde. Also muss ich tun, was man mir sagt. Spaß kommt da erst an zweiter Stelle.

Macht Fußballspielen nicht immer Spaß?
Wenn man Erfolg hat, dann schon. Wenn nicht, dann weniger.

Wenn es neben der Bundesliga, wie wir sie kennen, eine Käfig-Bundesliga gäbe, für welche würden Sie sich entscheiden?
Dann würde ich gerne beides machen.

So sehr sie den Käfigfußball gemocht haben – haben Sie trotzdem manchmal davon geträumt, dass Ihre Eltern ein Haus mit Garten besäßen, weit weg von der Straße?
Wir hatten ja eines, in Serbien, der Heimat meines Vaters. Das haben wir immer noch. Da habe ich herrliche Sommer verbracht und natürlich auch im Garten Fußball gespielt, mit meinem Vater, meinen Brüdern und meinem Opa.

Haben Sie denn davon geträumt, einmal reich zu sein?
Ja, sicher. Welcher junge Mensch tut das nicht?

Und wie fühlt es sich nun an, reich zu sein?
Es ist ein gutes Gefühl, abgesichert zu sein. Gerade jetzt, als Vater einer kleinen Tochter.

Zeigen Sie gern, dass Sie Geld haben?
Ich verstecke es nicht, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich extrem damit protze.

Sie sagten vorhin, Schmähgesänge würden Sie motivieren. Aber es ist Ihnen andererseits doch bestimmt auch wichtig, beliebt zu sein.
Ich möchte in meiner Familie beliebt sein, auch in der Mannschaft, in der ich spiele. Aber alles andere ist mir egal. Ich kann ohnehin nicht beeinflussen, was die Leute von mir halten.



Sie meinen Ihr Image als Enfant terrible.
Wissen Sie, ich bin viel ruhiger geworden mit den Jahren, vor allem seit ich Vater geworden bin. Ich gehe nicht mehr in die Disco, ich gebe meiner Tochter die Flasche und wechsle die Windeln. Aber in den Medien bleibe ich der Problemprofi.

Weil es sich besser verkaufen lässt als Geschichten über volle Windeln.
Ach. Ich lese keine Zeitungen mehr, das nervt mich. Die schreiben ja auch immer noch über meinen Hahnenkamm, obwohl ich längst eine andere Frisur habe. Sollen sie doch einfach machen, was sie wollen.

Ein Klischee, das über Sie im Umlauf ist, lautet: Der Marko Arnautovic ist arrogant.
Wenn Sie die Leute aus meinem direkten Umfeld fragen, die mich wirklich kennen, werden die Ihnen auch etwas anderes erzählen.

Es hieß sogar mal, Ihr Gang sei arrogant.
Ja, und was soll ich denn da bitteschön machen? Mir vor dem Spiegel einen anderen Laufstil antrainieren?

Ein gewisses Gefühl der Überlegenheit muss doch Teil des Selbstbewusstseins eines Fußballers sein.
Natürlich. Ich muss ganz fest glauben, dass ich besser bin als mein Gegenspieler, und ihn das auch spüren lassen. Sonst kann ich gleich einpacken.

Worüber unterhalten sich ein Stürmer und ein Verteidiger, wenn der Ball nicht in der Nähe ist?
Eigentlich über nichts. Beide haben ihre klaren Aufgaben, und darauf konzentrieren sie sich.

Kein Trash Talk?
Nein.

Den Stürmer Stan Libuda brachten die Verteidiger früher aus dem Konzept, indem Sie ihm sagten, was seine Frau angeblich so treibe, während er auf dem Platz stehe.
Das hat bei mir noch keiner versucht.

Gab es Zeiten, da Sie sich gewünscht hätten, dass die Welt Sie nett findet?
Nein. Die Rolle ist ja auch schon mehrfach besetzt. In Österreich zum Beispiel ist David Alaba, mit dem ich mich gut verstehe, der Nette, der Süße. Ich bin nicht süß, ich bin immer der Bad Boy. So haben die Medien sich das ausgedacht, so bleibt es auch, da kann ich mich auf den Kopf stellen.

Können Sie sich in Menschen hineinversetzen, die bei Dieter Bohlens »Deutschland sucht den Superstar« antreten?
Nein. Da singen viele, obwohl sie nicht singen können. Das wäre für mich unvorstellbar: Fußball zu spielen, obwohl ich nicht Fußball spielen kann.

Schauen Sie manchmal auf der Internetseite transfermarkt.de nach, wie sich Ihr Marktwert entwickelt?
Nie!

Sie werden von ihrem Bruder Danijel beraten, mit dem Sie bis vor kurzem sogar in einem Haus wohnten. Da haben Sie doch bestimmt mal abends im Internet nachgeguckt, was Sie so kosten.
Nein, ganz ehrlich. Ich weiß halt, dass diese Zahlen eh nichts mir der Realität zu tun haben.

Soll ich es Ihnen trotzdem verraten?
Ja, wie viel?

Aktuell liegen Sie bei acht Millionen.
Aha. Ist doch nicht schlecht.

Cristiano Ronaldo ist ziemlich genau das Zwölffache wert. Heißt das auch, dass er zwölf Mal so gut ist wie Sie?
Wie gesagt: Diese Zahlen haben nichts mit der Realität zu tun. Cristiano Ronaldo hat bei Real Madrid ganz andere Möglichkeiten, seine Stärken zu entfalten.



Also eigentlich ist er gar nicht so viel stärker als Sie?
Nein, das will ich damit nicht sagen. Ronaldo hat 35 Saisontore erzielt, ich erst fünf. (Zum Zeitpunkt des Interviews, d. Red.) Das sind die Zahlen, an denen ich mich orientiere und die mich anspornen, besser zu werden – und nicht spekulative Marktwerte.

Warum spielt eigentlich Marko Marin beim FC Chelsea – und nicht Sie?
Nichts gegen Marko, aber er wird dort ja kaum eingesetzt.

Ein warnendes Beispiel für Sie?
Nein. Das heißt ja nicht, dass ich mich nicht durchsetzen würde.

Welcher Verein müsste denn anklopfen, damit Sie bei Werder um die Freigabe bitten?
Das kann ich nicht sagen.

Weil Sie es nicht sagen dürfen?
Weil ich es nicht weiß. Fest steht, dass ich erst einmal hier in Bremen zu Topform auflaufen und alles für diesen Verein geben will. Der Rest entwickelt sich von allein.

Heißt »geben« in diesem Fall »zurückgeben«?
Es stimmt, der Verein hatte viel Geduld mit mir und hielt zu mir, als es nicht so gut lief. Da möchte ich vor allem unseren Trainer Thomas Schaaf hervorheben. Ich bin ihm etwas schuldig, ganz klar.

Welcher Trainer hat Sie bislang am meisten geprägt?
Schon Thomas Schaaf, allein durch die Dauer unserer Zusammenarbeit. Dadurch hat sich ein ganz großes Vertrauen entwickelt, er ist wie ein Vater für mich. Aber auch Steve McClaren war wichtig, der mich bei Twente Enschede zum Stammspieler machte, und José Mourinho, obwohl ich bei Inter Mailand kaum zum Zuge kam. Sein Sachverstand und seine Besessenheit haben mich tief beeindruckt.

Hätten Sie Lust, Marko Arnautovics Trainer zu sein?
Ich glaube, die Geduld hätte ich nicht. Ich bewundere Thomas Schaaf dafür.

Es gibt erstaunliche Parallelen zwischen Ihnen und Zlatan Ibrahimovic: die Herkunft, die raue Jugend, der starke Eigensinn, die genialische Spielweise. Ist er eine Art Vorbild für Sie?
Zlatan ist Zlatan. Das kann man nicht nachmachen.

Wann ist Marko endlich Marko?
Das dauert noch eine Weile. Aber es wird passieren.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo sehen Sie sich in Ihrer Entwicklung als Fußballer?
7. Das ist auch meine Glückszahl.

Erreichen Sie die 10 noch?
Nein, die erreicht keiner, nicht mal Zlatan. Aber es muss das Ziel sein.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!