Mario Balotelli im 11FREUNDE-Interview

»Weltfußballer? Das ist mein Ziel«

Nur wenige Fußballer polarisieren so sehr wie Mario Balotelli. Am Rande der Präsentation des neuen Puma-Schuhs »ewoPOWER« in Barcelona trafen wir den Milan-Star zum Interview. Und sprachen mit ihm über seinen neuen Trainer, die Chancen der DFB-Elf – und seinen ikonenhaften Jubel im EM-Halbfinale 2012.

Noch nie war der Fußball so populär wie im Jahr 2014. Die Weltmeisterschaft in Brasilien wird der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, für die längst die Superlativen ausgegangen sind. Gleichzeitig waren die Akteure dieses Spiels noch nie so langweilig wie jetzt. Philipp Lahm, Lionel Messi, Marco Reus und Co. sind wunderbare Fußballer, aber echte Charaktere? Wohl kaum. Und wer dann doch über eine unterhaltsame Persönlichkeit verfügt, wird von Beratern, Vereinsvertretern und Funktionären glatt gebügelt, bis von dem bisschen Esprit und Spektakel abseits des Rasens nicht mehr viel übrig ist.

Balotelli fällt auf. Ob er will oder nicht

Es ist schon bezeichnend, dass sich die Fußballwelt diesbezüglich auf einen Mann gestürzt hat, der im August erst seinen 24. Geburtstag feiert. Mario Balotelli heißt der Mann, an dem sich die Geister scheiden. Neben Zlatan Ibrahimovic und vielleicht Cristiano Ronaldo gibt es keinen anderen Fußballer, der global so sehr polarisiert wie der Stürmer vom AC Mailand. Das liegt daran, dass Balotelli ebenfalls ein fantastischer Sportler ist. Und an der Tatsache, dass er ein dunkelhäutiger Italiener ist und seit seinen ersten Gehversuchen im Profifußball stets für einen kleinen Skandal gut zu sein scheint. Vor allem aber, weil er über eine schwer definierbare Ausstrahlung verfügt, die ihre Wirkung überall dort entfaltet, wo Balotelli aufkreuzt. Im Stadion, auf der Straße, beim Pressetermin.

Als er den Raum betritt, ändert sich die Stimmung. Wenige Minuten zuvor lief einem Marco Reus über den Weg. Man hätte den schmächtigen Mann mit der merkwürdigen Frisur beinahe nicht erkannt. Balotelli fällt auf. Auch wenn er es offenkundig gar nicht möchte. Er spricht langsam, mit einer sehr dunklen schweren Stimme. Sie könnte einem 70-jährigen Schauspieler gehören, kommt aber aus dem Mund eines jungen Athleten. Schon möchte man ihn unterschätzen, poppt das nächste Klischee über Balotelli auf: Die hellste Kerze am Baum ist er ja nicht gerade. Dann reißt er zwei kleine feine Gags hintereinander und bringt den Raum zum Lachen. Und man ist sich wieder nicht so sicher, ob das mit der Kerze am Baum so seine Richtigkeit hat.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man aus dem Kerl nicht schlau wird. Er bleibt ein Mysterium. Möge es noch lange ungelüftet bleiben. Sonst wird der Weltfußball nach dem Schlusspfiff noch langweiliger, als er es ohnehin schon ist.

>>>> Die verrückte Karriere von Mario Balotelli in der Bildergalerie

Mario Balotelli, Ihr neuer Trainer beim AC Mailand heißt Clarence Seedorf. Wie fiel Ihre Reaktion auf diese Verpflichtung aus?
Seedorf war und ist ein Weltstar, ein Vorbild für viele, die jetzt unter ihm trainieren dürfen. Auch ich zähle mich zu den Glücklichen, die unter so einer Persönlichkeit lernen können.
 
Mailand ist Seedorfs erste Station als Trainer. Es gibt Kritiker, die ihm deshalb mangelnde Qualität an der Seitenlinie bescheinigen. Was entgegnen Sie denen?
Schaut euch doch nur an, was der Mann in seiner Karriere alles gewonnen hat! Vier Champions-League-Titel mit drei verschiedenen Mannschaften. Das hat kein anderer geschafft. Der Mann war als Spieler eine Siegesmaschine. Wie kann man ihm da mangelnde Qualität vorwerfen?

Ist es für Sie eher ein Vorteil, wenn der Trainer eine große Vergangenheit als Spieler hatte?
Ich denke schon. Seedorf war zehn Jahre bei Milan, er ist eine Legende in diesem Klub. Er muss sich den Respekt nicht erst erarbeiten, jeder hier hat Respekt, wenn nur sein Name fällt. Außerdem wissen ehemalige Spitzenspieler manchmal besser, wie Fußballer ticken. Es gibt dieses unsichtbare Band, das ist auch bei Seedorf und uns der Fall.



Während seiner ersten Trainingseinheit sah man Seedorf lange alleine mit Ihnen in einer Ecke stehen und auf Sie einreden. Was hat er Ihnen gesagt?
Das waren keine dunklen Geheimnisse, wenn Sie das glauben. Er hat mir erzählt, wie er mich und meine Leistung einschätzt, was er von mir in Zukunft verlangt und wie er seine Arbeit definiert. Klassische Trainerinhalte also.

Für Seedorf musste Massimiliano Allegri weichen, der den AC seit 2010 trainierte und Sie 2013 von Manchester City nach Mailand holte. Fiel Ihnen der Abschied schwer?
Allegri ist ein sehr guter Trainer, daran konnten auch die Misserfolge der vergangenen Monate nichts ändern. Aber im Fußball ist es nun mal so: Wenn eine Mannschaft keine Spiele gewinnt, bringt das den Job des Trainers in Gefahr. Nach dem letzten Spiel unter Allegri waren wir Elfter und 20 Punkte von der Tabellenführung entfernt. Bei so einem großen Klub wie dem AC Mailand ist das auf Dauer eben nicht tragbar, deshalb musste er gehen. Und ich muss mich damit abfinden und so gut wie möglich mit meinem neuen Trainer zusammen arbeiten – das ist nun mal mein Job.

Im Achtelfinale der Champions League treffen sie auf Atletico Madrid. Das Duell hat es zuvor noch nie gegeben.
Na und? Die Geschichte bringt uns nicht ins Viertelfinale. Das müssen wir schon selber machen.

Kennen Sie die Mannschaft von Atletico?
Ehrlich gesagt: Eigentlich nicht. Bis auf Diego Costa, der spielt eine großartige Saison und ist ein sensationeller Torjäger. Auf den müssen wir aufpassen.

Und der Rest der Mannschaft?
Über die wird mich Clarence Seedorf sicherlich rechtzeitig informieren.

Die Wahl zum »Weltfußballer des Jahres« hat viel Wirbel verursacht. Ist Cristiano Ronaldo der verdiente Sieger?
Auf jeden Fall. Cristiano ist ein Wahnsinns-Fußballer, über seine Qualitäten brauchen wir uns ja nicht unterhalten. Jeder Fußballer findet ihn krass. Was ich an ihm zusätzlich bewundere, ist sein Ehrgeiz und sein Willen. Der Typ ist ein echter Trainingsweltmeister, der arbeitet jeden Tag extrem hart an sich. Deshalb ist er ein würdiger Titelträger.

Hat Sie der Hype um diesen Preis nicht genervt?
Wieso?

Weil Fußball ein Mannschaftssport ist, und man während der Diskussionen um Messi, Ronaldo und Ribery den Eindruck bekam, dass manche das bereits vergessen haben?
Ach. Beim Fußball geht es doch die ganze Zeit darum, wer besser ist, wer mehr Tore schießt, wer die unglaublicheren Tricks zeigt – warum soll man da nicht auch den besten Fußballer der Welt küren? Natürlich wären Ronaldo, Messi und Ribery ohne ihr Team nichts, aber solche Jungs machen Mannschaften erst außergewöhnlich. Mich hat der Hype nicht gestört.

>>>> Die verrückte Karriere von Mario Balotelli in der Bildergalerie



Sie haben vor einigen Jahren gesagt, dass Sie noch meilenweit von den Qualitäten eines Lionel Messi entfernt seien. Wie sehen Sie das heute?
Das soll ich gesagt haben? Bestimmt nicht. Würde ich nie tun.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, eines Tages ebenfalls Weltfußballer zu werden?
Das ist eines meiner Ziele: der beste Fußballer der Welt zu werden. Wenn ich nicht davon überzeugt wäre, das irgendwann auch mal zu schaffen, könnte ich morgens auch im Bett bleiben.

Über Sie ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden, viele Geschichten drehten sich um Aktionen abseits des Platzes.
Welche Geschichten meinen Sie?

Frauen, Partys, Eskapaden – diese Geschichten.
Ach, wissen Sie, wenn auch nur die Hälfte von den Sachen stimmen würden, säße ich doch heute gar nicht hier. Dann würde ich vielleicht irgendwo als Amateurfußballer meine Tore schießen, aber bestimmt nicht beim AC Mailand in der Serie A. Profifußball ist nicht nur das, was der Fan am Spieltag 90 Minuten lang sieht. Profifußballer musst du jeden Tag und jede Stunde sein. Viele erliegen auf dem Weg nach oben diesen Versuchungen. Ich war auch in Clubs, hatte Mädchen und war bis früh morgens unterwegs. Aber das war mit 15, 16. Ich liebe Fußball viel zu sehr, um meine Karriere wirklich aufs Spiel zu setzen.

In Deutschland werden Sie vermutlich noch auf Jahre mit Ihrem ikonenhaften Oben-ohne-Jubel beim EM-Halbfinale 2012 in Verbindung gebracht werden…
…wie hat er Ihnen gefallen?

Kein Kommentar. Meine Frage: Hatten Sie diese Pose vorher geplant?
Nein. Das kam ganz spontan aus der Situation heraus. Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht mehr, warum ich das damals so gemacht habe.

Haben Sie schon Ideen, was Sie bei einem möglichen Treffer gegen Deutschland bei der WM anstellen werden?
Ich glaube nicht, dass wir auf Deutschland treffen werden. Schließlich müsstet ihr dann auch das Finale erreichen…(lacht).


>>>> Die verrückte Karriere von Mario Balotelli in der Bildergalerie

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!