25.12.2007

Marinus Bester im Interview

„Die wollten mich vermöbeln“

Marinus Bester ist auf St. Pauli nicht nur wegen seines Jobs als HSV-Teammanager äußerst unbeliebt. Schon als Spieler provozierte er den Rivalen, wo er nur konnte. Hier erzählt er von seiner Antipathie, die ein Leben lang andauert.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Es heißt, St. Pauli-Anhänger sind kritischer und reflektierender als der gemeine Fußballfan. Stimmen Sie dem zu?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Bayern-Spieler, wenn er drei Tore gegen den FC St. Pauli macht, von den Pauli-Fans bejubelt wird.

Dennoch setzen sich die verschiedenen Fangruppen seit Mitte der 80er Jahre mit verschiedenen Begleiterscheinungen des Fußballs kritisch auseinander. Für den Anhänger des St. Pauli ist das Stadion demnach kein Ort, an dessen Tor man jegliche Gesinnung über Bord wirft.


Ja, das stimmt schon. Und das war schon immer das Besondere des Vereins. Wir brauchen hier nichts zu verherrlichen, beim HSV hatten wir Ende der 80er und auch noch Anfang der 90er Jahre viele Probleme – ich erlebte das damals als Fan hautnah mit. Es gab zahlreiche so genannte Fans, die durch peinliche und dumpfe Parolen auffielen. Doch hat der HSV in den letzten zehn Jahren massiv Aufklärungsarbeit geleistet und diese Szene mittlerweile aus dem Stadion vertrieben. Man geht heute viel scharfsinniger mit der Thematik um, es wird offensiver darüber diskutiert. Dass es beim FC St. Pauli schon früher dazu kam, liegt in der Natur seiner Fankultur und des Stadtteils.

Können Sie vor diesem Hintergrund verstehen, dass viele HSV-Fans in den frühen 90ern zum FC St. Pauli abwanderten?

Ich als HSV-Fan habe dafür absolut kein Verständnis!

Ist Ihnen dieses Phänomen gar nicht bekannt?

Ich kenne jedenfalls nicht viele solcher Fans. Ich habe lediglich einen Freund, der früher HSV-Fan war, und uns irgendwann in den Rücken fiel. Aber ich bin immer noch mit ihm befreundet. Er hat sich halt den falschen Verein ausgesucht – und dabei Pech gehabt. (lacht)

Nannte er einen Grund für seinen plötzlichen Sinneswandel?

Er sagte, die Stimmung am Millerntor sei besser. Er fand es irgendwie cooler.

Ist der HSV cool?

Auf jeden Fall.

Inwiefern?

Ob etwas cool oder uncool ist, rührt ja daher, wie viele Leute sich mit der Sache identifizieren. Und im Moment haben wir fast immer ein ausverkauftes Stadion, Zulauf bei den Mitgliedschaften und in den Fanclubs. Wir haben eine Wahnsinnsstimmung bei den Heimspielen. Ich würde sogar sagen, der HSV ist supercool.

Kürzlich regte unser Kollege Axel Formeseyn eine langwierige Diskussion in der Hamburger Presse und in zahlreichen HSV-Foren an. Seine These: Zum FC St. Pauli gehen die Leute, die den Lifestyle suchen, zum HSV solche, denen es ausschließlich um die Sache an sich geht. Folglich sei der HSV nicht sexy, eher bieder. Was glauben Sie?

Erfolg macht sexy, oder?

Macht nicht eher ein Underdog-Image sexy?


Vielleicht auch das. Für die Anhängerschaft des FC St. Pauli ist der Club sexy. Er ist immer noch der etwas andere Verein. Doch ich glaube, dass man sich beim FC St. Pauli den kommerziellen und wirtschaftlichen Zwängen nicht entziehen kann. Solche T-Shirt-Aktionen wie die „Retter“-Kampagne sind natürlich sehr kreativ, aber folgen immer auch klassischen Wirtschaftsmechanismen.

Haftet dem FC St. Pauli nicht trotzdem auch heute noch eine gewisse Punk-Attitüde an?

Natürlich, die gibt es noch. Die Atmosphäre im Stadion ist aufgrund der baulichen Bedingungen immer noch etwas Besonderes, auch für die Spieler. Da steht dann „Bubu“ hinter der Gittertür, die Fans sind zum Greifen nah, sie stehen fast am Spielfeldrand. Es ist eben ein bisschen anders als bei anderen Clubs. Aber ich denke, dieses Besondere wird sich mit der Zeit verflüchtigen. Der Verein baut nun ein neues Stadion, die Spieler werden sich in modernen Umkleidekabinen umziehen und die Marketingstrategien werden sich stetig an die von „professionelleren“ Vereinen anpassen. Und sicher ist: Will man dauerhaft erste oder zweite Liga spielen, muss man sich gewissen Regularien und Konventionen unterwerfen.

Die These, dass zum HSV der gutbürgerliche Kaufmann geht und zum FC St. Pauli der Punk hat demnach keine Aktualität mehr?


Das ist ein reines Klischee. Ich kenne sogar viele Leute, die sowohl zum FC St. Pauli als auch zum HSV gehen. Gewiss ist es immer noch so, dass der FC St. Pauli mehr Fans in der Szene rund um Schanze und im Stadtteil St. Pauli hat. Trotzdem kann man das nicht mehr in solche Kategorien wie „Punk“ und „Kaufmann“ aufteilen. Die Zeiten sind vorbei.

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