03.03.2012

Marek Lesniak über Bayer, Bayern und seine Tore

»Außer Fußball kann ich nichts«

Nach einem Tor besprang Marek Lesniak einst den Zaun, um den dahinter postierten Baumaschinen zuzujubeln. Doch hätte er danach bloß mehr auf Sektempfängen rumgehangen – dann wäre er heute wohl mehr als nur Trainer in der Landesliga.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Herr Lesniak, können Sie sich noch an den 18. September 1993 erinnern?

Das Spiel gegen England?

Nein, Sie spielten mit Wattenscheid im Münchener Olympiastadion gegen den FC Bayern...

Ja, richtig, das Spiel endete 3:3. Kurz zuvor spielten wir aber mit der polnischen Nationalmannschaft im WM-Qualifikationsspiel gegen England – vor 80.000 Zuschauern! Wir führten lange Zeit mit 1:0, und ich spielte gar nicht schlecht, vergab aber zwei hundertprozentige Chancen. Es waren solche Chancen, die du als Stürmer einfach machen musst. In der 90. Minute glichen die Engländer zum 1:1 aus. Wir verpassten schließlich die Qualifikation. Das war der bitterste Moment in meiner Karriere. Tags drauf war ich der Buhmann der Nation.

Und wenige Tage später dann der Held von München.

Genau, bei dem 3:3 schoss ich alle drei Tore für Wattenscheid.

War dies das Spiel Ihres Lebens?

Nein. In diesem Spiel machte ich nur die drei Tore, das waren ganz einfache Dinger. Zwei hatte ich mir selbst erarbeitet, das dritte Tor war schön vorbereitet. Das Spiel meines Lebens machte ich ein halbes Jahr zuvor, in der Saison 1992/93, auch mit Wattenscheid und auch gegen die Bayern. Ich schoss in der 79. Minute den 2:0-Endstand – per Fallrückzieher.

Und plötzlich stand die Zeit still...


Es war zumindest ganz irreal. Eigentlich war danach gar nichts, ein totaler Black-Out. Ich habe mir die Ausschnitte von diesem Spiel schon mehrmals auf Video angesehen. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, was danach in mir vor ging. Ich kann mich nur erinnern, dass alle froh waren. (lacht)

Ein Stürmer der SG Wattenscheid 09 wurde so zum Albtraum des FC Bayern.


Genau. Manchmal kamen Bayern-Spieler sogar zu mir und versuchten mich zu verunsichern. Vor diesem 3:3-Spiel sagte Raimond Aumann: »Aber heute gibt’s keinen Fallrückzieher!« Dann lachte er. Auf den Fallrückzieher verzichtete ich, ich schenkte ihm einfach drei andere Tore ein. Nach dem Spiel habe ich dann gelacht. Das war ein schöner Moment. Und ja, es stimmt, ich habe fast immer gute Spiele gegen die Bayern gemacht. In meiner ganzen Karriere habe ich nur ein einziges Mal gegen den FC Bayern verloren. Wer gegen München gewinnen will, muss mich nur anrufen. (lacht)

Glauben Sie, dass gerade diese Spiele Sie zu einer Art Kultfigur gemacht haben?

Vielleicht. Die Fans haben aber auch gemerkt, dass ich mich immer zerrissen habe, ich habe stets bis zum Umfallen gekämpft, egal bei welchem Verein ich gespielt habe. Zugleich bin ich immer auf dem Boden geblieben. Nie wurde mir vorgeworfen, dass ich arrogant geworden und abgehoben sei, nur weil ich in der Bundesliga spielte und ein bisschen mehr Geld verdiente. Ich hatte immer ein offenes Ohr für Fans, egal wann und wo, ob vor oder nach dem Spiel, ob in der Fußgängerpassage beim Eisessen oder morgens beim Bäcker.

Sie waren zeitweise so populär, dass Sie von gegnerischen Fans mit Standing Ovations verabschiedet worden.


Als ich mit Preußen Münster gegen meinen alten Club Fortuna Düsseldorf spielte, sind die Fortuna-Fans bei meiner Auswechslung aufgestanden. Das war neben dem Spiel gegen Bayern vielleicht der schönste Moment in meiner Karriere. Die Fans haben meinen Namen skandiert, und ich musste dabei ein paar Tränen verdrücken. Ich wusste, dass man mich in Düsseldorf nicht vergessen hatte, sie hatten mich in ihr Herz geschlossen. Ich glaube daher auch heute noch: Erfolgreich und beliebt ist vor allem der, der bodenständig bleibt und hart arbeitet.

Was Sie ja zu Genüge getan haben. Sie galten stets als der große Arbeiter unter den Stürmern.

Da ist schon was Wahres dran. Ich war jedenfalls nie der typische Torjäger, der vorne herumsteht und auf Bälle wartet, bei denen er nur noch die Fußspitze hinhalten muss. Ich habe mir die Bälle erkämpft, sie mir aus dem Mittelfeld geholt. Wahrscheinlich habe ich deswegen auch nicht so viele Tore geschossen. Ich war eher ein Vorbereiter. Ich glaube, dass die Trainer und Fans gerade diese Uneigennützigkeit und diese Kampfbereitschaft schätzten. Vielleicht habe ich deswegen auch fast immer gespielt.

Meinen Sie, dass diese Spielweise einen guten Stürmer auszeichnet?


Gewiss. Aber ein richtig guter Stürmer muss Tore machen, er muss eigentlich vorne stehen. Deswegen heißen sie ja Stürmer. Aber es muss eben auch Spieler geben, die für die Torjäger arbeiten.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden