Marco Kurz über Wiese, Transfers und den Abstiegskampf

»Ich kann die Medien nicht beeinflussen«

Seit seinem Amtsantritt in Hoffenheim erlebt Trainer Marco Kurz eine turbulente Zeit. Hier spricht er über die Degradierung von Tim Wiese, medialen Druck und seinen Plan für den Abstiegskampf

Marco Kurz, wann haben Sie sich zuletzt zwei Stunden am Stück nicht mit der TSG Hoffenheim beschäftigt?
(Pause) Im Schlaf. Das klingt aber schlimmer als es ist. Denn ich habe keinen Stress, sondern vielmehr eine große Verantwortung, der ich unbedingt gerecht werden will. Die Situation ist für mich eine Herausforderung.  Wir arbeiten hier rund um die Uhr an unserem Ziel, die TSG in der Bundesliga zu halten. Der Rest ist mir zurzeit egal.

Müssen Ihre Spieler derzeit Überstunden schieben?
Nein. Wir betreiben auch so schon einen enormen Aufwand. Eins ist doch klar: Sobald ein neuer Trainer kommt, werden neue Abläufe einstudiert. Das ist normal, kostet allerdings auch viel Kraft. Jeder Trainer hat sein eigenes Konzept, das er seiner Mannschaft zunächst in mühevoller Detailarbeit näher bringt. Wir haben die Schlagzahl daher von Beginn an hoch gehalten. Aufgrund unserer sportlichen Lage sind meine Spieler im Moment aber sicherlich mehr gefordert als so manch anderer Bundesligaprofi.

Sie haben in den vergangenen Wochen sechs neue Spieler verpflichtet.  Wie wollen Sie es schaffen, in kürzester Zeit eine Einheit zu formen?
Das Zeitfenster ist eng, keine Frage. Wir haben aber auch deshalb derart viele Spieler verpflichtet, weil uns in der Vorrunde Stammkräfte weggebrochen sind – ich nenne nur die Namen: Rudy und Vukcevic  sowie zuletzt auch Salihovic. Die drei Jungs waren fest eingeplant. Wir mussten also handeln. Zudem hat uns mit Marvin Compper  ein Spieler verlassen, der zuvor eine feste Größe war. Wer all das berücksichtigt, kommt schnell zu dem Schluss, dass wir hier nicht blind eingekauft haben.

Trotzdem: Sie haben kaum Zeit für intensives Taktiktraining, oder?
Wir befinden uns in der Tat auf einem schmalen Grat. Es ist freilich kein Wunschtraum mitten in einer Entwicklungsphase auch noch zwingend gute Ergebnisse liefern zu müssen. Das funktioniert nur dann, wenn alle Beteiligten mit Hochdruck an sich arbeiten. Unser Pensum ist immens hoch.

Sie haben vier Spieler verpflichtet, die die Bundesliga nur aus dem Fernsehen kennen. Wie viel Zeit zur Eingewöhnung haben Sie eingeplant?
Zunächst einmal sind wir von der Qualität der Spieler überzeugt und tun alles, um sie schnell in die Spur zu kriegen. Die TSG hat Erfahrung mit Profis aus fernen Ländern - wir sind hier exzellent aufgestellt. Die ausländischen Spieler bekommen zweimal die Woche Sprachunterricht und diverse zusätzliche Hilfsangebote. Insofern mache ich mir da keine Sorgen. Außerdem ist der Kern der Mannschaft zusammen geblieben, wir fangen schließlich nicht bei Null an.

Und wie ist Ihr erster Eindruck?
Sehr gut. Luis Advincula gibt im Training ordentlich Gas. Und David Abraham hat bereits angedeutet, welch hervorragende Qualitäten er besitzt – vor seiner Zeit in Getafe hat er bereits mit dem FC Basel Champions League gespielt. Er weiß genau, worauf es in Drucksituationen ankommt.

Auf welche Eigenschaften der Spieler haben Sie vor deren Verpflichtung besonders geachtet?
In erster Linie schauen wir natürlich auf die sportlichen Qualitäten– aber auch die Einstellung sowie die Identifikation mit der TSG spielt eine entscheidende Rolle.

Woran merken Sie denn, ob sich ein potenzieller Neuzugang mit dem Klub identifiziert?
Eugen Polanski hat gesagt, er wolle unbedingt nach Hoffenheim kommen. Er hat hier hohe Ziele. Auch Abraham hat nicht lange gegrübelt. Ich spüre im Gespräch relativ schnell, ob ein Spieler tatsächlich überzeugt ist oder nur auf einen Wechsel spekuliert. Es bringt mir doch nichts, wenn ich einen Jungen hierher hole, der lediglich ein Jahr in die Bundesliga schnuppern will, um dann wieder zu wechseln. Wir wollen Profis, die sich zuvor mit dem Klub beschäftigt haben.

Ist Ihr Wunschstürmer Igor de Camargo ab sofort gesetzt?
Jeder meiner Spieler muss sich im Training beweisen. Igor ist ein robuster Spielerytp, der gut zu uns passt. Er ist erfahren und kennt die Situation, in der wir uns befinden. Ich weiß, dass er drei große Ziele verfolgt: Er will mit uns den Klassenerhalt schaffen, Stammspieler sein und zudem auch im Hinblick auf die WM 2014 wieder in der belgischen Nationalmannschaft eine Rolle spielen. Igor ist für uns die beste Lösung.

Was hat er, was beispielsweise Eren Derdiyok nicht hat?
Darum geht es doch nicht. Igor hat viel Erfahrung und die nötige Klarheit in seinen Aktionen. Das tut uns gut.

Derdiyok ist Schweizer Nationalspieler…
…weshalb nennen Sie nur Derdiyok? Wir haben auch noch andere Stürmer!  Ich will jetzt nicht  einzelne Spieler miteinander vergleichen.

Zurück zu den Transfers: Sagen Sie zu Manager Andreas Müller »Ich würde gern Spieler X haben«. Oder kommt er in solchen Fällen auf Sie zu?
In der Winterpause ist es unheimlich schwierig, geeignete Spieler zu verpflichten. Zunächst teile ich Andreas Müller mit, auf welcher Position ich Handlungsbedarf sehe.  Dann stellen wir gemeinsam ein Anforderungsprofil zusammen, sprich: Welcher Spielertyp fehlt uns? Anschließend schauen wir uns den Markt  an, beraten uns, und beziehen auch unsere Scouting-Abteilung mit ein. Wenn der Spieler dann weiterhin für uns interessant ist,  kontaktieren wir Klub und Berater. Erst danach stehen Gespräche mit dem Spieler auf dem Programm. Klar ist: Sowohl Andreas Müller als auch ich müssen absolut überzeugt sein von dem Profi. Zwischen uns herrscht also ein ständiger Austausch.

Derzeit wird im Umfeld emotional und heftig über die verordnete Auszeit für Tim Wiese diskutiert…
Dazu nur so viel: Auf Tim lastet im Moment ein unmenschlicher Druck. In der öffentlichen Wahrnehmung gab es zuletzt eine unglaubliche Dynamik um ihn. Daher mussten wir Tim für das erste aus dem Tor nehmen, um ihn auch zu schützen. Eine vernünftige Bewertung von außen hätte es in der momentanen Lage nicht gegeben.

Sie haben einmal gesagt, das Drumherum in diesem Geschäft sei nicht so Ihr Ding –  Sachlichkeit bleibe in der Öffentlichkeit oft auf der Strecke. Wir sehr hat Sie der Wirbel nach der Suspendierung Marvin Comppers genervt?
Überhaupt nicht. Ich habe mich zu jener Zeit ausschließlich auf die Arbeit mit der Mannschaft konzentriert. Die Medien-Geschichten kann ich ohnehin nicht beeinflussen. Ich  trage die Verantwortung dafür, wie wir uns am Spieltag präsentieren – und darum geht es doch! Wir haben eine Menge Arbeit vor der Brust, dessen Bewältigung enorm viel  Energie erfordert. Dass die Berichterstattung im Umfeld zuletzt sehr negativ gewesen ist, das weiß ich sehr wohl, ich nehme es aber lediglich zur Kenntnis. Und dafür brauche ich nicht täglich alle Zeitungen lesen. Ich bemühe mich, dass demnächst wieder positive Schlagzeilen die Runde machen.

Sie kennen den Abstiegskampf aus Ihrer Zeit beim 1. FC Kaiserslautern. Gibt es etwas, das Sie damals gelernt haben, was ihnen jetzt hilft? 
 Ein solcher Vergleich ergibt wenig Sinn. In Lautern haben wir von Anfang an gewusst, dass es nur um ein Ziel geht: den Klassenerhalt. Hier in Hoffenheim hat sich diese Situation erst im Laufe der Saison ergeben, wir haben normalerweise  andere Ansprüche.

Sie stehen für Offensivfußball . Wie schwer ist es, in der jetzigen Phase daran festzuhalten?
Wir versuchen derzeit, eine gute Grundordnung hinzukriegen, denn sie ist die Basis für alles Weitere. In der ersten Rückrundenpartie gegen Gladbach haben wir eine offensive Variante gewählt, die aber auch unserer Personalsituation geschuldet war. Jeder konnte sehen: Wir haben trotzdem sehr gut gegen den Ball gearbeitet. Die Mannschaft weiß, dass sie vorne draufgehen und dabei trotzdem defensiv denken muss. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Wenn ich insgesamt gut stehen will, heißt  das nicht automatisch, ich wolle defensiv agieren. Es ist einfach wichtig, dass alle Spieler auf dem Platz mitmachen. Tun sie das nicht, ist es verdammt schwer, gut umzuschalten.

Ihr nächster Gegner hat jene Punkte zuletzt beinahe perfekt umgesetzt. Überrascht Sie die Stärke des SC Freiburg?
Das ist eine tolle, kompakte Mannschaft. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich über den Tabellenplatz der Freiburger wundern.  Ein Beispiel: Mein Kollege Christian Streich hat schon in der vorletzten Winterpause  Spieler aus der eigenen Jugend geholt, die ideal in sein System passen. Er hat sie zunächst langsam ans Team herangeführt, aufgebaut und erntet nun die Früchte. Das ist eine großartige Leistung. Er kennt den Klub wie kaum ein anderer. Die Kontinuität gepaart mit dem Detailwissen zahlt sich auf Dauer aus.

Was zeichnet den Spielstil der Freiburger aus?
Sie stehen kompakt,  legen eine beeindruckende Laufbereitschaft an den Tag und spielen mit der nötigen Aggressivität. Mittlerweile besitzen die Spieler großes Selbstvertrauen, das spürt man auf dem Platz . Die Ausstrahlung der Jungs ist einfach stark. Klar ist aber auch: Wir haben uns zuletzt gesteigert und wollen nun unbedingt den nächsten Schritt machen. Wir brauchen die drei Punkte. Dringend.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!