17.01.2007

Marco Kurth im Interview

„Quälen musst du dich überall“

Marco Kurth vom FC Erzgebirge Aue ist der Dirk Hupe der Gegenwart: Er hat fast so viele Spiele auf dem Buckel und den selben Rauschebart. Warum er den trägt und was von Aue noch zu erwarten ist, verrät er im Gespräch mit 11freunde.de

Interview: oliver zeyen Bild: Imago
Herr Kurth, wenn man Ihren Namen bei Google einträgt, erhält man auf der ersten Seite mehr Treffer für den schweizerischen Handballspieler Marco Kurth als für Sie. Kennen Sie Ihren Namensvetter?

Habe ich noch nie gehört. Ich habe zwar schon öfter meinen Namen gegoogelt, habe aber nur mich angeklickt. Es gibt ja schon ein paar Marco Kurths. Aber ich wusste nicht, dass ein anderer Marco Kurth ein Schweizer Handballspieler ist.

Sie haben sich also schon öfter im Internet gesucht. Sind Sie eitel?

Nö, nö. Ein Freund von mir, ein alter Mannschaftskollege, hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass es einige alte Bilder und Mitschnitte aus unserer Zeit in Leipzig gibt. Deswegen habe ich mir das mal angeschaut – ansonsten interessiert mich das eigentlich nicht.



Wenn man sich eine Galerie Ihrer Fotos in den letzten Jahren anschaut, ist eine gewisse Metamorphose zu erkennen. Früher Glatze – heute langes Haar und Vollbart. Ist das Ausdruck eines Reifeprozesses?

Der Bart nicht. Er ist das Resultat zweier Wetten. Grundsätzlich ist es aber auch so, dass ich mich nicht gerne rasiere. Es kam mir also ganz gelegen.

Was war der Anlass für die Wetten?

Beim ersten Mal habe ich nach einem gewonnenen Spiel gesagt, dass ich den Bart so lange nicht mehr abschneide, bis wir wieder ein Spiel verlieren. Dann haben wir erst mal sieben Wochen nicht verloren. Und jetzt vor der Winterpause war es eigentlich genauso. Allerdings hat mich diesmal meine Freundin darauf hingewiesen, dass ich so eine Wette wieder eingehen könnte. Das war nach dem zweiten gewonnenen Spiel – und siehe da, die Erfolgsserie war wieder recht lang. (Sieben Spiele ohne Niederlage, Anm. d. Red.)

Haben Sie den Bart nach der 0:4-Niederlage in München wieder abgenommen?

Klar, sofort. Am Tag danach – das sah ja auch nicht wirklich toll aus. Der ist einfach wild gewachsen, ich durfte ihn ja nicht einmal stutzen!

Sie sind der dienstälteste Profi beim FC Erzgebirge. Sie haben immer im Mittelfeld gespielt, immer sehr konstant gespielt. Ist Fußball Routine für Sie?

Definitiv nicht. Es ist immer noch der Job, den ich mir immer vorgestellt habe. Besser gesagt: An und für sich ist das ja gar kein Job. Manchmal habe ich zwar das Gefühl, aber dann muss ich mir einfach nur ein paar Sachen vor Augen führen, und dann weiß ich wieder, dass ich ein schönes Leben habe. Ich habe das, was ich immer wollte, zum Beruf gemacht – es ist also kein Job, sondern mein Hobby. Und ich hatte Glück, damit Geld verdienen zu können.

Wenn man so lange auf hohem Niveau in einer vergleichsweise kleinen Stadt Fußball spielt, wird man dann notwendigerweise zu einer Identifikationsfigur?

Damit werde ich in den letzten eineinhalb Jahren immer häufiger konfrontiert. Ich glaube, dass es normal ist, dass die Fans es heutzutage immer schwieriger haben, sich mit Spielern zu identifizieren. Die Wechsel passieren sehr häufig und vor allem schnell. Insbesondere in Zeiten, wo immer mehr Europäer in allen Ligen spielen und immer weniger Deutsche in den Vereinen kicken. Deswegen höre ich das mit der Identifikationsfigur schon von Zeit zu Zeit – da kann man sich nicht gegen wehren. Aber es ist natürlich auch schön, wenn die Reaktionen dann so kommen wie hier in Aue.

Sie sind ein Star auf Lokalebene.

Das würde ich nicht sagen. Wir haben sicherlich eine Sonderstellung hier in dem kleinen Ort, aber als Star sehe ich mich überhaupt nicht. Ich kann wie alle anderen auch ganz normal durch die Gegend laufen. Klar, die Leute schauen mal auf, lassen einen aber in Ruhe. Das Leben hier ist absolut in Ordnung.

Sie fühlen sich also in der Innenstadt von Aue nicht in Ihrer Privatsphäre gestört?

Da bin ich fast nie. Die Innenstadt von Aue ist ja auch relativ klein – unter dem Begriff Innenstadt stelle ich mir eigentlich auch was anderes vor. Es zieht mich meistens woanders hin.

Wie sieht Ihr Alltag als Zweitligaprofi in Aue aus? Haben sie genug Zeit für andere Interessen und berufliche Weiterbildung?

Wir trainieren zweimal die Woche zweimal, da ist es natürlich schwierig, noch was anderes zu machen, weil man sehr kaputt ist. Ansonsten bleibt eine ganze Menge Zeit, und ich habe auch schon einiges gemacht und abgeschlossen. Ich bin ja nun auch nicht mehr so jung – da muss es bald mal losgehen. Ich muss mich orientieren, um zu wissen, was ich machen will.

Wie stellen Sie sich denn Ihr Leben nach dem Karriereende vor?

Ich habe noch keine Ahnung und bin da völlig offen. Ich bin 28, es kann irgendwann losgehen. Wenn man sich verletzt, eben ein bisschen früher. Aber ich gehe schon davon aus, dass ich noch ein paar Jahre spiele. Ich bin vielseitig interessiert, gehe in mehrere Richtungen. Was es dann konkret wird, muss man sehen.

In welche Richtungen haben Sie bislang geschaut?

Ich habe einen Abschluss in Sportmanagement in Dresden gemacht. Das war an einer Fortbildungeinrichtung der Universität in Dresden, an der extra für fußballspielende Profis ein Kurs konzipiert wurde. Das haben wir dann immer montags und dienstags gemacht, der Rest war Fernstudium. Das ging 20 Monate, und am Ende habe ich dann eine C-Lizenz für den Managementbereich erworben. Das war vor zwei Jahren. Nebenbei versuche ich, mich zu Hause weiterzubilden. Ich denke schon, dass ich im Fußball bleibe, weil er mich sehr interessiert. Und um mich komplett neu zu orientieren, habe ich zuviel Zeit in den Fußball gesteckt. Und dazu macht er mir auch einfach viel zu viel Spaß.

In der zweiten Liga kann man nicht das große Geld verdienen. Wie viel Idealismus gehört auch dazu, sich über Jahre für einen Provinzclub zu schinden?

Man darf Aue nicht unterschätzen. Es ist zwar ein kleiner Verein, der aber seit Jahren im Profifußball unterwegs ist. Das hat nichts mit Provinz zu tun, was den Fußball angeht. Wir spielen in der Zweiten Liga – es sind insgesamt nur 36 Profi-Mannschaften in Deutschland. Das ist schone eine Auszeichnung, hier spielen zu dürfen. Aue hat mir immer das geboten, was ich mir vorgestellt habe. Ich habe mich nie gegenüber anderen Sachen verschlossen. Ich bin jetzt sieben Jahre hier, und für jemanden, der gern auch mal was anderes sieht, war das nicht immer einfach. Aber im Vordergrund stand für mich immer das Sportliche – und da sah es immer gut aus. Es ging stetig nach oben, die Entwicklung war sehr gut, und daran war ich absolut beteiligt. Und auch sonst hat es gepasst: Ich habe meine Freundin hier kennengelernt, und so kommt es, dass ich jetzt im siebten Jahr hier bin. Mit Ideologie hat das nichts zu tun. Quälen musst du dich überall – ob bei einem sehr großen Verein oder hier in Aue, das ist eigentlich egal.

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