Marcell Jansen im großen Karriere-Interview

»Man muss hoffen, dass die Guten überleben«

Es heißt, 29 sei das beste Alter für einen Fußballprofi. Marcell Jansen fand, es sei das beste Alter, um mit dem Fußball aufzuhören. Ist seine Karriere deshalb unvollendet?

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Marcell Jansen, Sie sagten mal: »Ich zweifle nie.« Wie war es beim Relegationsrückspiel in Karlsruhe?
Die letzten Minuten des Spiels waren vermutlich die schlimmsten meines Lebens. Ich konnte wegen einer Verletzung nicht mitspielen und stand, saß und kauerte im Wildpark auf der Tribüne. Ja, da habe ich gezweifelt. Ich hatte mich mit dem Abstieg abgefunden.

Dann kam Marcelo Diaz – und der HSV war gerettet.
Es war so epochal, dass ich so laut geschrien habe wie noch nie. Eben noch hatte ich die schlimmsten Minuten meiner Karriere erlebt, und dann kam noch ein Gefühl wie nie zuvor. Das kann keine Meisterschaft toppen. Wir waren von den Toten auferstanden.

Anschließend haben Sie Ihre Karriere beendet – mit nur 29 Jahren. Rudi Völler ätzte, wer so früh mit dem Fußball aufhöre, liebe den Sport nicht.
Das Fußballgeschäft habe ich nie geliebt, aber akzeptiert, weil es mir viel ermöglicht hat. Dafür bin ich dankbar. Aber den Fußball liebe ich, und der wird überall gespielt. Auf der Straße, in der Kreisliga, in der Bundesliga.

Sie begründeten ihr Karriereende in einem offenen Brief auch damit, dass Sie kein anderes Wappen mehr küssen können. Ist das nicht etwas dick aufgetragen?
Es klingt vielleicht pathetisch, aber es ist so. Ich bin Fan von der Borussia und vom HSV. Der Gedanke, noch mal woanders zu spielen, hat in mir keine Emotion ausgelöst. Außerdem wollte ich mein Karriereende selbst bestimmen und nicht aufgrund einer Verletzung aufhören oder irgendwann merken: Niemand will dich mehr.

Benfica Lissabon wollte Sie unbedingt.
Auch Klubs aus der Türkei oder England, seit Weihnachten riefen ständig Vereine bei Gerd (Berater Gerd vom Bruch, d. Red.) an. Er tat mir manchmal sogar leid, denn plötzlich hatte er die Möglichkeit, richtig Vollgas zu geben. Aber ich kam nicht aus dem Quark, da ich diesen inneren Konflikt hatte. Gerd hat es aber verstanden und ist sehr respektvoll mit der Entscheidung umgegangen.

Der »Mirror« schrieb über Ihr Karriereende: »Sie denken, dass Steven Gerrard ein treuer Spieler war? Dann kennen Sie Marcell Jansen nicht!«
Verrückt, oder? Steven Gerrard ist eine Legende, und vermutlich hinkt der Vergleich mit ihm. Aber natürlich haben mich die vielen zustimmenden Reaktionen gefreut. Zumal man sich als Fußballprofi durchaus manchmal fragt, was von einem nach der Karriere hängenbleibt.

Wann haben Sie sich die Frage zum ersten Mal gestellt?
Die ersten zwei Jahre meiner Karriere vergingen wie im Flug. Es gab so viele neue Reize, ständig neue Leute, Reisen, Spiele, Turniere. Irgendwann mit Mitte 20 war ich dann mal bei meinen Eltern in Gladbach, und meine Mutter kramte plötzlich eine große Erinnerungsbox hervor. Sie hatte alles gesammelt: Fotos, Zeitungsausschnitte, Trikots, Eintrittskarten. Ich habe mir das angeschaut und mich zunächst sehr gefreut.

Und dann?
Ich wurde wehmütig und fragte mich: Wo ist das eigentlich alles hin? Ich hatte nie die Zeit gehabt, die ganzen Eindrücke zu verarbeiten. Da habe ich zum ersten Mal realisiert, dass Fußball mein Beruf und kein Hobby mehr war. Es ging nun vor allem um eins: Weiter, immer weiter.

Fußballer wie Oliver Kahn spornte das an.
Trotzdem musste ich erkennen, dass dieses Unbeschwerte aus der Kindheit verschwunden war. Aber nicht, dass wir uns missverstehen: Fußballprofi ist ein megageiler Beruf. Und dieses »Weiter, immer weiter« mag ich, weil ich ein ehrgeiziger Typ bin und nie eine halbgare Karriere hinlegen wollte. Mein Motto mit 20 war: Entweder es klappt richtig, oder ich mache eine Ausbildung.

Das sollen wir glauben?
Ja! Ich hatte nie Angst vor dem Scheitern, weil ich aus einfachen Verhältnissen komme. Ich weiß, dass man auch mit einem normalen Beruf ein schönes Leben haben kann. Wir wohnten früher auf 60 Quadratmetern und sind maximal einmal im Jahr in den Urlaub gefahren. Trotzdem hatte ich die beste Kindheit, die ich mir vorstellen kann. Ich war gefühlt steinreich. Meine Mutter war bei Aldi im Lager, mein Vater als Warenannahmeleiter bei Kaiser’s Tengelmann. Sie sind morgens um fünf Uhr aus dem Haus und konnten über meine Probleme manchmal nur schmunzeln. Wenn ich erzählte, dass beim HSV wieder ein neuer Trainer anfängt, sagte mein Vater: »Junge, ich konnte mir meine Chefs auch nie aussuchen.« Das Wichtigste, was mir meine Eltern mitgegeben haben, ist eine gewisse Lebensintelligenz: nicht zu neiden, ständig auf Statussymbole zu gucken oder dauernd zu nörgeln.

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