Marcel Wedow über seine »Fußballzeitreise«

»Ottmar Walter war meine Motivation«

Marcel Wedow ist Kurator der »Fußballzeitreise«, eine Fußball-Ausstellung aus echter Handarbeit. Jahrelang traf er Größen des deutschen Fußballs und sammelte Memorabilia. Zu jedem Objekt eine Geschichte, das ist sein Konzept. Ein Interview über das Vorbild Ottmar Walter, Not-OPs und Uwe Seeler.

Livia Schilling

Marcel Wedow, wie wird man Kurator seiner eigenen Fußball-Austellung?
Darf ich etwas ausholen?

Gerne.
Zu DDR-Zeiten spielte ich in der dritthöchsten Liga, zunächst bei Motor Gotha, später im thüringischen Ruhla. Kurz vor der Wende floh ich als einer der Letzten über die Botschaft in Prag in den Westen. In Wangen, im Allgäu, versuchte ich über den Fußball Anschluss und neue Freunde zu finden. Nach vier Jahren kehrte ich zurück zu meinem Heimatverein, dem früheren Chemie Tabarz. Mein Körper war da schon ziemlich zerschlissen – gleich im ersten Spiel riss ich mir die Patella-Sehne. Bei meiner ersten Operation gerieten Keime in die Wunde, es folgten zwei weitere OPs, mein Knie entzündete sich, ich stand kurz vor der Amputation. Ein fähiger Mediziner rettete mich per Not-OP. Meine aktive Zeit als Fußballer war damit vorbei.

Also fingen Sie an Fußball-Memorabilia zu sammeln?
Die historische Komponente beim Fußball war mir eigentlich ziemlich egal, als aktiver Spieler hatte mich das nie interessiert. Doch während ich mich durch die Reha in Kreischa kämpfte, las ich einen Artikel über Ottmar Walter. Der hat in seinem Leben so viele Widerstände überwunden – Kriegsverletzungen, finanzielle Pleiten, einen Suizidversuch – das hat mich damals unglaublich motiviert. Ich war in einem Loch, physisch wie psychisch, aber Walters Geschichte holte mich da raus. Er wurde zu meinem Vorbild.

Wie ging es weiter?
Ich versuchte mich mit Ottmar Walter zu verabreden. 2006 rief mich seine Frau Anneliese an und lud mich nach Kaiserslautern ein. Zwei Tage verbrachte ich bei den Walters und sprach mit Ottmar über sein Leben und seine Karriere. Über ihn lernte ich Horst Eckel kennen, auch mit ihm sprach ich stundenlang. Das war großartig – unglaublich interessant und zugleich inspirierend. Ich wollte mehr davon!

Wie haben Sie das angestellt?
Immer wenn es mir die Zeit erlaubt hat, bin ich quer durchs Land gefahren und habe ehemalige Fußball-Größen getroffen. Um an die Leute ranzukommen besorgte ich mir ein Retro-Trikot der WM 1954, und bat die Spieler per Anschreiben, mir doch ein Autogramm auf das Trikot zu geben. Allerdings könne ich das Leibchen nicht mit der Post versenden, dazu sei es mir zu wertvoll – was ja auch stimmte. Zwischen 2006 und 2010 hatte ich so die große Ehre unzählige Legenden treffen zu dürfen. Und jedes Mal erzählten sie mir ihre Geschichten.

Jetzt müssen Sie uns langsam aufklären, was das mit der Ausstellung zu tun hat.
Nach jedem dieser Treffen nahm ich ein Geschenk als Andenken mit: Jürgen Grabowski gab mir ein Trikot, dass er bei der Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft getragen hatte, Peter Ducke eine Medaille, mit der er noch zu aktiven Zeiten geehrt worden war, Gerd Müller ein Paar Schuhe. Zu jedem dieser Stücke hatte ich zu Hause eine Geschichte zu erzählen. Nebenbei fing ich an weitere Memorabilia zu sammeln, Freunde, Bekannte und nette Sammler unterstützten mich zusätzlich. Die Sachen bewahrte ich in unserem Wohnzimmer auf, immer häufiger tauchten lose Bekannte und selbst Fremde auf, die von meiner Sammlung erfahren hatten und sich das mal anschauen wollten. Was irgendwann meine Frau auf die Palme brachte. Ich lagerte die Sachen in einen ausgebauten Stall auf unserem Grundstück aus. Mein Vater brachte mich auf die Idee, meine private Sammlung öffentlich zu machen. Was ich dann 2010 auch tat.



Ihre Ausstellung trägt den Namen »Fußballzeitreise«. Warum?
Weil das keine normale Ausstellung, kein normales Fußballmuseum ist. Der Eintritt ist kostenlos und die Besucher werden von mir durch die Ausstellung geführt. Denn zu jedem Stück habe ich eine Geschichte zu erzählen. Die Besucher dürfen die meisten Objekte anfassen und so die Historie quasi spüren. Wir haben beispielsweise auch eine Sammlung von Fußballschuhen, die von 1910 bis heute reicht – um den Unterschied festzustellen, muss man die Treter auch anfassen dürfen.

Ihre wertvollsten Sammlerstücke?
Wir haben unter anderem das Trikot von Aue-Legende Manfred Kaiser, der darin 1965 sein letztes Spiel bestritt. Die Verantwortlichen von Erzgebirge Aue sollen wütend sein, dass nicht sie, sondern wir diesen Schatz besitzen! Dann ist da noch ein Gastgeschenk der niederländischen Nationalmannschaft von 1956 anlässlich eines Freundschaftsspiels gegen die DFB-Elf. Oder eine Medaille der ersten Meisterschaft des Hamburger SV von 1923. Aber die Stücke an sich sind nicht das Besondere an der »Fußballzeitreise«.

Sondern?
Was der Besuch möglicherweise auslösen kann. Mich hat damals die Geschichte von Ottmar Walter inspiriert und in gewisser Weise auch gerettet. Die vielen Schicksale der Fußballer, die Auf und Abs, die zu jeder Karriere gehören, sollen die Besucher berühren und vielleicht zum Nachdenken anregen. Wir vermitteln dabei Werte wie Zusammenhalt und Disziplin, die in der heutigen Generation immer mehr verloren gehen.

Und das funktioniert?
Jedenfalls habe ich von vielen Besuchern genau dieses Feedback erhalten. Häufig bin ich auch in Krankenhäusern, Krebsstationen oder Suchtkliniken, um die Geschichten zu erzählen. Um den Leuten Mut zu machen. Oder ein anderes, etwas persönlicheres Beispiel: 2010 rief mich der Trainer meines ehemaligen Vereins aus Ruhla an, seine Mannschaft stand vor dem wichtigen Derby gegen den Spitzenreiter aus Eisenach auf dem letzten Tabellenplatz. »Ich lasse das Training ausfallen und komme mit meiner Truppe zu dir«, sagte er. Ich machte mit den Jungs die Führung und die waren hin und weg. Zum Derby lud mich der Trainer ein, nach 21 Jahren war ich das erste Mal wieder in dem Stadion. Vor der Partie sagte ich zu meinem Vater: »Wenn die heute die Hucke voll bekommen, bin ich bestimmt der Sündenbock und der Trainer ist seinen Job los!« Ruhla gewann mit 3:1. Und in der Zeitung stand am nächsten Tag: »Ruhlas Erfolgsrezept: Museum statt Training«.

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Jeden Sonntag von 10 bis 13 Uhr oder nach Vereinbarung lädt Marcel Wedow auf seine »Fußballzeitreise« ein. Die Führungen der ersten Thüringer Fußballausstellung in der Lindenstraße 28, 99891 Tabarz, dauern für Erwachsene 90, für Kinder 30 Minuten. Der Eintritt ist kostenlos. Sämtliche Spenden oder Einnahmen gehen an soziale Projekte, für die sich Interessierte bewerben können. Jeder gespendete Cent wird auf der Homepage veröffentlicht. In dreieinhalb Jahren sind so insgesamt 7000 Euro an soziale Projekte geflossen. Seit Mai 2013 ist die »Fußballzeitreise« ein eingetragener Verein mit Mitglieder in ganz Deutschland und hat seit wenigen Wochen einen prominenten Schirmherren: Uwe Seeler und seine »Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft«.

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