02.09.2009

Marcel Schäfer im Interview

»Ich bin kein Schachspieler«

Mit Wolfsburg wurde Marcel Schäfer Meister und avancierte zum Nationalspieler. Nun gilt es, Konstanz auf hohem Niveau zu beweisen. Wir sprachen mit ihm über Erwartungsdruck, Intelligenz und Magaths Siegeswillen.

Interview: Stefan Hermanns und Michael Rosentritt Bild: Imago
Herr Schäfer, sind Sie ein guter Kartenspieler?

Ich war mal einer. Leider hat sich das ein bisschen verloren. Bei 1860 München gab es Kartenspieler zuhauf, da habe ich noch regelmäßig Schafkopf gespielt. In Wolfsburg ist das etwas schwieriger. 



Verlernt man das Kartenspielen?

Das finde ich schon. Wenn man häufiger spielt, sind die Gedankengänge einfacher, sie kommen automatischer. Ich würde es gerne auffrischen. In Bayern ist Schafkopfen ja eine Tradition, das habe ich von kleinauf gespielt. Aber bei uns gibt es außer mir nur noch Daniel Baier, der das kann. Vielleicht sollten wir mal wieder ein paar Spieler aus Bayern verpflichten.

Sie könnten Dzeko und Grafite Schafkopf beibringen …

Das wäre wohl eine Lebensaufgabe. 

Weil das Spiel so schwierig ist …

Man kann es schon lernen, aber es ist wie im Fußball: Vieles kommt mit der Erfahrung. Man wird mit der Zeit abgezockter.

Der Nachwuchsleiter des FC Bayern hat die Beobachtung gemacht, dass gute Fußballer oft auch gute Kartenspieler sind.

Interessanter Gedanke. Es gibt Kartenspiele, die nur auf Glück basieren. Das ist beim Schafkopf nicht der Fall. Man muss auch die richtige Strategie wählen. Und wenn man das beim Kartenspielen kann, kann man das oft auch auf dem Fußballplatz. Gute Spieler zeichnen sich dadurch aus, dass sie super Strategien haben. Zvjezdan Misimovic zum Beispiel...

... ein gebürtiger Münchner…

… wenn man sieht, wie er seine Mitspieler einsetzt, wie er das Spiel führt, das Spiel liest, wie er weiß, wann er das Tempo rausnehmen und wann er wieder zulegen muss – das ist beeindruckend. 

Kann man mit Intelligenz fehlende Prozentpunkte an Talent wettmachen?

Ja, das glaube ich. Ich kann zum Beispiel von mir sagen, dass ich nie der Talentierteste war. Aber wenn du dein Ziel verfolgst und besessen darauf bist, dich täglich zu verbessern, kannst du das kompensieren. Du brauchst eine gewisse Intelligenz, um zu erkennen, was du gut gemacht hat und was du verbessern kannst. 

Konkret: Hilft Intelligenz auf dem Platz?

Man sagt ja immer: Ein Stürmer soll vor dem Tor nicht nachdenken, er soll das Ding einfach reinhauen. Das gilt auch für Linksverteidiger. Man sollte die Lösung schon parat haben, bevor man den Ball hat. Man kann sich aber auch zu viele Gedanken machen. Auch nach einem Spiel, wenn man alles in seine Details zerlegt. Manchmal ist es besser, einfach einen Haken drunter zu setzen und zu sagen: Okay, heute war nicht mein Tag.

Gelingt Ihnen das?

Leider nicht immer. Wenn ich einen Wunsch hätte, würde ich gerne weniger nachdenken. Aber das ist auch ein schmaler Grat. Nur weil ich mir über alles den Kopf zerbreche, habe ich es dahin gebracht, wo ich jetzt bin. 

Sehen Sie sich als Mitglied einer neuen, gelehrigeren Generation von Fußballern?

Die Spieler sind heute offener. Sie hören sich vieles an, was vielleicht nicht unbedingt mit dem Fußball zu tun hat, aber das eigene Spiel fördert. Im Fußball können zwei oder drei Prozent entscheiden. Ich bin offen für alles. 

Arbeiten Sie mit einem Mentaltrainer?

Ja, obwohl das immer noch in so eine Schublade geschoben wird: Oh Gott, was hat der denn für Probleme? Selbst in meiner Familie bin ich schräg angeguckt worden. Dabei kann man sich gerade auf diesem Gebiet noch stark verbessern. Wie schaffe ich es zum Beispiel, mich 90 Minuten zu konzentrieren? Das hört sich vielleicht simpel an, ist es aber nicht. 

Wie trainieren Sie das? 


Für den Kopf ist es zum Beispiel eine immense Übung, mit drei Bällen zu jonglieren. Ich versuche gerade, das zu lernen. Es gibt aber auch viel banalere Dinge, die man täglich machen kann. So wie man einen stärkeren und einen schwächeren Fuß hat, ist es ja auch mit den Händen. Ich bin Linksfuß und Rechtshänder. Eine ganz einfache Sache ist, dass ich mir mit links Zähne putze, mit links esse und schreibe. Man legt dadurch neue Datenautobahnen im Gehirn. 

Fürchten Sie, dass Sie an eine Grenze kommen, egal wie lernwillig Sie sind? 

Die Grenzen setzt man sich immer selbst. Das ist auch eine Kopfsache. Wenn ich schon darüber nachdenke, oh, könnte ich jetzt am Ende meiner Entwicklung sein, dann ist es schon zu spät. Im Sport gibt es sehr wenige Grenzen. Das sieht man doch an Usain Bolt. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass ein Mensch die 100 Meter in 9,58 Sekunden laufen kann? 

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