Marcel Raducanu im Interview

»Der schmeißt mit Geld«

Bevor Marcel Raducanu 1981 in den Westen floh, spielte er 20 Jahre beim heutigen Bayern-Gegner Steaua Bukarest. Hier spricht er über Skandale in der Heimat, die Chancen von Steaua und einen Präsidenten, der die Fans mit Geldscheinen bewirft. Marcel Raducanu im InterviewImago

Herr Raducanu, fliegen Sie momentan wieder gerne nach Rumänien?

Es ist immer eine gewisse Vorfreude da. Und wenn ich in Bukarest ankomme, freue ich mich, meine ganzen alten Freunde wieder zu sehen. Aber...

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Aber?

Wissen Sie, ich lebe seit über 20 Jahre in Deutschland, ich habe mich an andere Tagesabläufe und an eine andere Mentalität gewöhnt. Wenn du nach Rumänien fliegst und Dinge zu erledigen hast, also geschäftlich dort bist, dann drehst du durch. Dort dauert alles so unendlich lange. Die Leute schlafen fast im Stehen, kommen so langsam aus dem Quark. Ich fühle mich dort nicht mehr richtig wohl. Häufig will ich schon nach drei Tagen nach Hause.

Dafür läuft es im Fußball wieder besser.

Das stimmt. Aber auch nur teilweise. Denn man liest im Zusammenhang mit der rumänischen Liga ja eigentlich nur über Skandale, Skandale und Skandale. Dieses ganze Rumgemeckere und ewige Misstrauen tut dem rumänischen Fußball nicht gut. Da beschimpfte zuletzt etwa der Präsident von Timisoara den Verbandspräsidenten und der wieder seine Angestellten. Zwischendrin noch dieser Skandal um Adrian Mutu. Jeder bechuldigt jeden. Und dann verliert Rumänien gegen Litauen und alle wundern sich. Dabei war das doch klar: In einer so unruhigen Atmospähre kannst du gar nicht gut spielen.

Angeblich werden regelmäßig Spiele verschoben.


Nehmen wir an, ein Spiel wie Schalke gegen Dortmund hätte am Wochenende in der rumänischen Liga stattgefunden: Die Telefone würden nicht mehr still stehen, man würde täglich Berichte über Schiebung und Manipulation in der Presse lesen. Ich war einmal Gast in einer rumänischen Sportsendung, dort wurde eine Stunde lang über eine Schiedsrichterentscheidung diskutiert. Eine Stunde über eine einzige Entscheidung! Das muss man sich mal vorstellen.

Gab es Vorwürfe, dass der Schiedsrichter bestochen wurde?

Natürlich. Besonders absurd wurde es, als der Moderator den Schiedsrichter anrief – um ein Uhr nachts! Der Schiedsrichter lag schon im Bett...

Glauben Sie denn an die Spielmanipulationen?

Nein. Ich möchte auch nicht daran glauben.

Wann waren Sie zuletzt in Bukarest?

Ich war letzte Woche dort. Wir haben mit verschiedenen Vereinen eine Sichtung mit über 60 Kindern gemacht. Wir wählten 20 aus, mit denen wir eine Art Mini-Fußball-Camp gemacht haben. Ein Freund von mir arbeitet beim Fernsehen und hat bei dem Camp sieben Kameras aufgebaut, am Ende filmte er ein Freundschaftsspiel, das live im Fernsehen übertragen wurde. Ein Riesensache. Es war wie bei »Big Brother«.

Oder »Rumänien sucht den neuen Gheorghe Hagi«? 

Ja, genau. Ein paar Tage vorher war ich bei einem Meisterschaftsspiel im Stadionul Ghencea – Steaua spielte gegen Pandurii Targu-Jiu. Im Stadion traf ich Michael Henke, der als Spielerbeobachter für Bayern München tätig ist. Ich sagte dann: »Wenn du mal Hilfe bei der Suche nach rumänischen Talenten brauchst, dann helfe ich dir.« Und wer weiß, vielleicht wechselt ja wirklich eines Tages ein rumänisches Talent zum FC Bayern.

Sind Sie heute Abend beim Spiel des FC Bayern in Bukarest?


Nein. Ich gucke das Spiel mit meinen rumänischen Freunden in der Soccerworld in Dortmund. Dort habe ich eine Fußballschule. Es gibt eine Riesenleinwand und zu Essen ohne Ende. Haben Sie gestern Abend das Spiel CFR Cluj gegen AS Rom gesehen?

Nein.  

Cluj hat vorher noch nie in der Champions League gespielt – und dann gewinnt die Mannschaft mal eben mit 2:1 in Rom. 

Gestern Abend wurden Sie zum Cluj-Fan?

Ach, ich bin Fußballfan. Ich würde mich auch nicht als Steaua- oder BVB-Fan bezeichnen. Ich liebe einfach Fußball. Wenn ich ein Spiel Dortmund gegen Schalke sehe wie am letzten Samstag, dann bin ich froh.

Steaua Bukarest setzte sich in der Qualifikation zur Champions League gegen Galatasaray Istanbul durch. War es für Sie überraschend, wie souverän Steaua spielte?

Nein. Na gut, das Tor im Rückspiel in Bukarest entstand aus einer klaren Abseitsposition, doch Steaua hätte Galatasaray an diesem Abend mit 4:0 oder 5:0 nach Hause schicken können. Daher verstehe ich Michael Skibbe auch nicht. Der regte sich nach dem Spiel unendlich lange über dieses Tor auf.    

Osteuropäische Mannschaften gelten bei deutschen Vereinen im Europapokal nicht gerade als Traumlos. Hat man Angst vor dem Unbekannten?

Vielleicht. Bei Steaua spielen ja viele »No Names«. Zwar gibt es im Team einen Brasilianer, zwei Portugiesen, einen Nigerianer, doch wären die zuvor in ihren Ligen die absoluten Superstars gewesen, würden sie heute vermutlich nicht in Rumänien spielen, sondern in der Premier League oder in der Bundesliga.

Meinen Sie, diese Spieler sehen die rumänische Liga eher als Sprungbrett in den europäischen Fußball?

Vermutlich, ja. Mit rumänischen Klubs wie Rapid, Steaua oder Dinamo kann man sich als Spieler recht schnell einen Namen machen, weil man fast immer international spielt. Und auch für Trainer ist Rumänien ein idealer Start. Sehen Sie zum Beispiel Walter Zenga: Er war sowohl bei Dinamo als auch bei Steaua tätig und ist heute Trainer in der Serie A.

Dabei kann man in Rumänien auch ganz gut verdienen.

Das stimmt. Gigi Becali, der Eigner von Steaua, hat der Mannschaft 2 Millionen Euro versprochen, wenn sie die Gruppenphase übersteht.

Becali ließ einst da Vinics »Das letzte Abendmahl« nachmalen...

...er war Jesus und die Spieler seine Jünger.

Der Mann ist größenwahnsinnig.

Es scheint so. Der ist irgendwann über Nacht zum Multi-Milliardär geworden und hat seitdem ein bisschen die Bodenhaftung verloren. Wissen Sie, eigentlich hat Becali in allen Dingen das Sagen. Wenn ihm zum Beispiel die Mannschaftsaufstellung des Trainers nicht gefällt, dann ändert er sie. Es gibt Tage, an denen ich nur den Kopf über den Mann schütteln kann. Zum Beispiel wenn er mit Geld um sich schmeißt.

Im übertragenen Sinne?

Nein, tatsächlich. Ich konnte es auch kaum glauben, doch ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Vor einigen Jahren spielte Steaua im Uefa-Cup in Heerenveen, die Mannschaft gewann mit 3:1 und Becali war ziemlich guter Dinge. Auch ich fühlte mich rundum wohl, hatte ein tolles Spiel gesehen und stand noch etwas auf der Tribüne. Auf einmal schlenderte Becali mit zwei Bodyguards in Richtung der Steaua-Fankurve, dann öffnete er seinen Mantel und schmiss Geldscheine ins Publikum. Mir war das unglaublich peinlich.

Und jetzt will er in Bukarest ein Stadion für 60.000 Zuschauer bauen lassen.

Ihm schwebt eine Kopie des Anderlechter Stadion vor. Mit Logen, Kaviar und dem ganzen Schnickschnack.

Würden denn überhaupt so viele Leute zu den Spielen kommen?

Bei den Champions League-Spielen ist das Stadion eigentlich immer voll. Heute wird es wohl auch ausverkauft sein. Bei Ligaspielen? Es könnte in der Tat trostlos aussehen.

Für Becali ist Steaua Bukarest immer noch ein europäischer Topklub. Wenn man ihn reden hört, könnte man denken, Steaua sei immer noch so erfolgreich wie in den goldenen 80er Jahren, als der Verein den Landesmeisterpokal gewann.


Man kann das nicht vergleichen. Und natürlich sind solche Sprüche ein bisschen realitätsfern. Doch es gibt immer noch gute Fußballer im Team, zum Beispiel Mirel Radoi, ein technisch versierter »Sechser«. Doch der ist ständig verletzt. Hätte der in den letzten Jahren konstant gespielt, wäre er vermutlich längst bei einem westeuropäischen Spitzenklub gelandet. 

Letztes Jahr wurde erstmals CFR Cluj rumänischer Meister. Wittern die anderen Klubs nun ihre Chance die Vorherrschaft der Bukarester Vereine zu durchbrechen?

Ich will es hoffen. Über die letzten Jahrzehnte wurde der Meistertitel im Grunde nur zwischen Steaua, Rapid und Dinamo Bukarest ausgespielt. Das ist doch langweilig. Die Rivalität beschränkt sich ausschließlich auf die Hauptstadt. Und dort drehen die Fans teilweise richtig durch – für Wolfsburg, die ja in Bukarest gegen Rapid spielen, wird das die Hölle. 

Die Rapid-Fans gelten als unbändig.

Richtig. Die kloppen sich ganz gerne mal die Köpfe ein oder sie setzen das Stadion in Brand. Die sind alle ein bisschen verrückt dort. Aber solche Fans hast du überall. Auch bei Schalke, Dortmund, bei Steaua oder bei Dinamo. Wissen Sie, wie die Fans der Dinamo-Fans genannt werden?

Nein.

Hunde. Dinamo Bukarest ist der Polizei-Klub, die Fans sind die »Hunde«. Steaua Bukarest ist der Armee-Klub, die Fans sind die »Soldaten«. Und Rapid – wie gesagt, irgendwie sind das die Verrückten.

Wie wird Steaua heute Abend gegen den FC Bayern spielen?


Natürlich ist Bayern Favorit. Ein Glück für Steaua ist, dass Ribéry nicht spielt. Steaua wird defensiv beginnen und auf Konterchancen lauern. Wie heißt es so schön: Sie müssen die Null lange halten. Und dann auf die Chance lauern, denn in der Offensive ist Steaua mit dem Spanier Moreno und dem Brasilianer Arthuro nicht so schlecht aufgestellt.

Ihr Tipp für heute Abend?

Beide Mannschaften sind bestens drauf, Bayern hat am Wochenende 3:0 in Köln gewonnen, Steaua zu Hause gegen Farul Constanta mit 4:1. Und ich glaube nicht, dass Steaua zu Hause verliert. Auch ist Gigi Becali momentan ganz gut gelaunt, das überträgt sich auf die Mannschaft. (lacht) Mein Tipp lautet 1:1.

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