17.09.2008

Marcel Raducanu im Interview

»Der schmeißt mit Geld«

Bevor Marcel Raducanu 1981 in den Westen floh, spielte er 20 Jahre beim heutigen Bayern-Gegner Steaua Bukarest. Hier spricht er über Skandale in der Heimat, die Chancen von Steaua und einen Präsidenten, der die Fans mit Geldscheinen bewirft.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Herr Raducanu, fliegen Sie momentan wieder gerne nach Rumänien?

Es ist immer eine gewisse Vorfreude da. Und wenn ich in Bukarest ankomme, freue ich mich, meine ganzen alten Freunde wieder zu sehen. Aber...



Aber?

Wissen Sie, ich lebe seit über 20 Jahre in Deutschland, ich habe mich an andere Tagesabläufe und an eine andere Mentalität gewöhnt. Wenn du nach Rumänien fliegst und Dinge zu erledigen hast, also geschäftlich dort bist, dann drehst du durch. Dort dauert alles so unendlich lange. Die Leute schlafen fast im Stehen, kommen so langsam aus dem Quark. Ich fühle mich dort nicht mehr richtig wohl. Häufig will ich schon nach drei Tagen nach Hause.

Dafür läuft es im Fußball wieder besser.

Das stimmt. Aber auch nur teilweise. Denn man liest im Zusammenhang mit der rumänischen Liga ja eigentlich nur über Skandale, Skandale und Skandale. Dieses ganze Rumgemeckere und ewige Misstrauen tut dem rumänischen Fußball nicht gut. Da beschimpfte zuletzt etwa der Präsident von Timisoara den Verbandspräsidenten und der wieder seine Angestellten. Zwischendrin noch dieser Skandal um Adrian Mutu. Jeder bechuldigt jeden. Und dann verliert Rumänien gegen Litauen und alle wundern sich. Dabei war das doch klar: In einer so unruhigen Atmospähre kannst du gar nicht gut spielen.

Angeblich werden regelmäßig Spiele verschoben.


Nehmen wir an, ein Spiel wie Schalke gegen Dortmund hätte am Wochenende in der rumänischen Liga stattgefunden: Die Telefone würden nicht mehr still stehen, man würde täglich Berichte über Schiebung und Manipulation in der Presse lesen. Ich war einmal Gast in einer rumänischen Sportsendung, dort wurde eine Stunde lang über eine Schiedsrichterentscheidung diskutiert. Eine Stunde über eine einzige Entscheidung! Das muss man sich mal vorstellen.

Gab es Vorwürfe, dass der Schiedsrichter bestochen wurde?

Natürlich. Besonders absurd wurde es, als der Moderator den Schiedsrichter anrief – um ein Uhr nachts! Der Schiedsrichter lag schon im Bett...

Glauben Sie denn an die Spielmanipulationen?

Nein. Ich möchte auch nicht daran glauben.

Wann waren Sie zuletzt in Bukarest?

Ich war letzte Woche dort. Wir haben mit verschiedenen Vereinen eine Sichtung mit über 60 Kindern gemacht. Wir wählten 20 aus, mit denen wir eine Art Mini-Fußball-Camp gemacht haben. Ein Freund von mir arbeitet beim Fernsehen und hat bei dem Camp sieben Kameras aufgebaut, am Ende filmte er ein Freundschaftsspiel, das live im Fernsehen übertragen wurde. Ein Riesensache. Es war wie bei »Big Brother«.

Oder »Rumänien sucht den neuen Gheorghe Hagi«? 

Ja, genau. Ein paar Tage vorher war ich bei einem Meisterschaftsspiel im Stadionul Ghencea – Steaua spielte gegen Pandurii Targu-Jiu. Im Stadion traf ich Michael Henke, der als Spielerbeobachter für Bayern München tätig ist. Ich sagte dann: »Wenn du mal Hilfe bei der Suche nach rumänischen Talenten brauchst, dann helfe ich dir.« Und wer weiß, vielleicht wechselt ja wirklich eines Tages ein rumänisches Talent zum FC Bayern.

Sind Sie heute Abend beim Spiel des FC Bayern in Bukarest?


Nein. Ich gucke das Spiel mit meinen rumänischen Freunden in der Soccerworld in Dortmund. Dort habe ich eine Fußballschule. Es gibt eine Riesenleinwand und zu Essen ohne Ende. Haben Sie gestern Abend das Spiel CFR Cluj gegen AS Rom gesehen?

Nein.  

Cluj hat vorher noch nie in der Champions League gespielt – und dann gewinnt die Mannschaft mal eben mit 2:1 in Rom. 

Gestern Abend wurden Sie zum Cluj-Fan?

Ach, ich bin Fußballfan. Ich würde mich auch nicht als Steaua- oder BVB-Fan bezeichnen. Ich liebe einfach Fußball. Wenn ich ein Spiel Dortmund gegen Schalke sehe wie am letzten Samstag, dann bin ich froh.

Steaua Bukarest setzte sich in der Qualifikation zur Champions League gegen Galatasaray Istanbul durch. War es für Sie überraschend, wie souverän Steaua spielte?

Nein. Na gut, das Tor im Rückspiel in Bukarest entstand aus einer klaren Abseitsposition, doch Steaua hätte Galatasaray an diesem Abend mit 4:0 oder 5:0 nach Hause schicken können. Daher verstehe ich Michael Skibbe auch nicht. Der regte sich nach dem Spiel unendlich lange über dieses Tor auf.    

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