Marcel Maltritz über VfL-Fans, Geldgier und Abstiegskampf

»Das Auf und Ab geht uns auf die Nerven«

Einst spielte Marcel Maltritz im Europapokal, nun kämpft er mit dem VfL Bochum gegen den Abstieg in die Dritte Liga. Erlebt der dienstälteste VfL-Profi gerade die schlimmste Saison seiner Karriere? Ein Gespräch über VfL-Fans, Geldgier und Relegationsspiele.

Marcel Maltritz, bitte beschreiben Sie den typischen VfL-Fan.
(Pause) Unsere Anhänger sind leidgeprüft - sie sind es gewohnt, mit Rückschlägen und Negativphasen umzugehen. In Bochum gab es schon immer mehr Tiefen als Höhen, das ist ein Teil der Vereinshistorie. Der VfL ist nichts für Schönwetter-Fans.

Sind Ihnen die Anhänger manchmal zu kritisch?
Dass sie kritisch sind, will ich nicht leugnen. Allerdings ist das keine schlechte Eigenschaft, schließlich hat sie auch etwas zu tun mit Leidenschaft. Und genau jene besitzt die Mehrzahl unserer Fans. Eins muss jedem Spieler klar sein: Die Leute hier wollen echte Arbeit sehen. Wer sich zerreißt, hat gute Karten. Wer sich hängen lässt, muss mit Gegenwind rechnen. Kurzum: Man weiß, woran man ist.

Wie würden Sie die Hinrunde des VfL in wenigen Sätzen zusammenfassen?
Wenn man in 17 Spielen 14 Punkte holt, ist das unterirdisch. Was wir abgeliefert haben, ist nicht nur zu wenig, sondern auch erschreckend. Wir haben andere Ansprüche. Die zwei Rückrundenpartien, die vor der Winterpause über die Bühne gegangen sind, waren sicherlich okay. Aber: Jeder Einzelne weiß, dass er insgesamt deutlich mehr leisten kann und muss.

Kommen die Spieler etwa nicht mit der Erwartungshaltung zurecht?
Wir sind ein kleiner, aber stolzer Verein, der zuletzt ordentlich was auf den Deckel bekommen hat. Die Verantwortlichen haben vor der Runde deutlich gesagt, dass sich das Team in einem Umbruch befindet.

Ein Umbruch, der voraussichtlich wann erste Früchte trägt?
Wir arbeiten hart. Natürlich wollten wir von Anfang an oben mitspielen, keine Frage, aber wir wussten ebenso, dass wir auf keinen Fall um den direkten Aufstieg kämpfen würden. Unsere Zielsetzung ist also nicht unrealistisch gewesen. Am Druck lag es nicht, vielmehr hat sich die Mannschaft, schlicht gesagt, nicht schnell genug gefunden. Das war unser großes Problem.

Ist daraus im Saisonverlauf ein Kopfproblem geworden?
Sicherlich auch, ja. Der Kopf spielt in solchen Momenten stets eine wichtige Rolle. Wer immer wieder Negatives erlebt, läuft Gefahr, zu verkrampfen. Irgendwann hat sich eine Art Kettenreaktion entwickelt – so was kennt jeder Profi. Plötzlich klappt nahezu gar nichts mehr.

Sie stehen mit dem VfL nur vier Zähler vor dem Relegationsplatz - mit welchen Emotionen gehen Sie nun in die Rückrunde?
Ich bin zuversichtlich. Unsere letzten Partien sind relativ gut gelaufen; jeder konnte eine Entwicklung erkennen. Und genau darum geht es doch: aus Fehlern lernen, Selbstbewusstsein ausstrahlen und mutiger spielen. Zunächst wollen wir uns mit aller Macht von unten absetzen und den Anschluss ans Mittelfeld schaffen. Danach können wir uns gern neue Ziele setzen. Es wäre allerdings falsch, jetzt über mögliche Ziele für den März zu schwadronieren. Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine Serie, denn dieses ständige Auf und Ab geht allen Beteiligten langsam auf die Nerven.

Überwinden Mannschaften eine Krise, so sprechen Trainer und Spieler rückblickend meist von einem Spiel, das die Wende eingeleitet habe. Der VfL hat zuletzt 1860 München aus dem Pokal geworfen…
(lacht) Oh ja, das wäre so eine Partie, die dafür infrage käme! Die Stimmung im Stadion war phänomenal, die Zuschauer haben uns großartig unterstützt. Jeder Spieler wünscht sich eine gewisse Euphorie, die von den Rängen ausgeht - so was hilft ungemein. Aber: Letztendlich sind wir als Mannschaft dafür verantwortlich, wir müssen zeigen, dass wir aus dem Keller rauskommen wollen. Das zarte Pflänzchen, das in den letzten Wochen gewachsen ist, wollen wir pflegen. In einem Satz: Wir wollen eine gute Rückrunde spielen. 

Nun heißt es also: Abstiegskampf. Ist das der Tiefpunkt Ihrer Karriere?
Über solche Fragen mache ich mir keine Gedanken. Das wäre eine Sackgasse. Ich hoffe, wir haben die schwierigste Phase hinter uns. Vielleicht ist es ja möglich, die Mannschaft im Sommer derart zu verstärken, dass wir im kommenden Jahr wieder ganz oben mitmischen.

Vor fast neun Jahren spielten Sie mit dem HSV im Europapokal. War das die schönste Zeit Ihrer Karriere?
Das war eine tolle Zeit, ja. Leider ist mein Abschied nicht gerade glücklich gelaufen, um es einmal vorsichtig zu sagen.

Sie haben sich damals mit dem damaligen HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer nicht auf einen neuen Vertrag einigen können. Daraufhin wurden Sie in der Öffentlichkeit heftig kritisiert – immer wieder fiel das Wort »geldgierig«.
Dazu will ich gar nichts mehr sagen. Die ganze Sache ist blöd gelaufen. Der Wechsel zum HSV war richtig. Dort habe ich mich weiterentwickelt, bin wesentlich stärker geworden. Zudem ist auch die Stadt super – da kann man sich wohl fühlen (lächelt). Ich wäre gern in Hamburg geblieben, keine Frage. Leider war ich zu dem benannten Zeitpunkt verletzt und somit nicht gerade in einer komfortablen Verhandlungsposition.

Der damalige HSV-Trainer Klaus Toppmöller sagte damals »Jeder ist ersetzbar - wenn er nicht will, kommt eben ein anderer«. Hat Sie das verletzt?
Ich bleibe dabei: Es war eine aufregende und unheimlich schöne Zeit beim HSV – mit allen Höhen und Tiefen.

Weshalb haben Sie in den vergangenen Jahren Angebote anderer Klubs stets abgelehnt?
Das hatte verschiedene Gründe. Ein ausschlaggebender Punkt war und ist sicherlich meine Familie, die sich hier sehr wohlfühlt. Unsere Kinder haben mittlerweile ein Alter erreicht, in dem sie Wurzeln schlagen. Eltern sollten sich in derartigen Situationen genau überlegen, ob es tatsächlich nötig ist, die Kinder aus ihrem Umfeld herauszureißen. Zudem ist der VfL Bochum ein toller Klub.

Sie gelten als Aushängeschild dieses Klubs, einige Mannschaftskollegen nennen Sie den »idealen Führungsspieler«. Wollen Sie Ihre Karriere in Bochum beenden?
Es deutet alles darauf hin, dass man im Alter von 34 Jahren nicht unbedingt nochmal ordentlich Fahrt aufnimmt. Zwar neigt sich meine Karriere dem Ende entgegen, dennoch will ich unbedingt noch das ein oder andere Jahr spielen –hoffentlich in Bochum. Klar ist: Wir werden auf keinen Fall umziehen, um für ein Jahr woanders zu leben. Das wäre uns die Sache nicht wert. Allerdings weiß auch ich, dass man im Fußball nie »nie« sagen soll. Manchmal passieren die merkwürdigsten Dinge.

Und wie geht es nach Ihrer Profikarriere weiter? Streben Sie einen Trainer- oder Sportdirektor-Posten an?
Ich könnte mir beides gut vorstellen. Als erfahrener Profi hat man unheimlich viele Kontakte geknüpft, da bietet es sich an, dem Fußball-Geschäft treu zu bleiben. Dass ich in beiden Feldern viel lernen müsste, ist mir freilich klar (lächelt). Apropos: Meinen B-Schein habe ich bereits in der Tasche, in diesem Jahr will ich nun auch den A-Schein absolvieren. Eine realistische Option wäre es, später einmal  Kinder und Jugendliche zu trainieren, zu fördern – kurz: ihnen den Weg zu leiten. Daran hätte ich sicherlich jede Menge Spaß.

Marcel Maltritz, wer steigt in diesem Jahr in die Bundesliga auf?
Eintracht Braunschweig kann sich nur noch selbst schlagen, Hertha hat eine ideale Ausgangslage. Um den dritten Platz werden sich bis zuletzt zwei, drei Mannschaften streiten. Vielleicht spielt dabei auch Union Berlin eine Rolle, wer weiß? Cottbus, Kaiserslautern, es werden wohl die üblichen Verdächtigen sein, die um den begehrten Platz kämpfen. Der Gewinner dieses Endspurts bekommt dann nochmal eine nette Verlängerung (lacht). Wir in Bochum kennen das Vergnügen der Relegationsspiele ganz gut; da geht es ans Eingemachte.

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