Marcel Maltritz über Bochums Aufwind

»Wir sind unbeugsam«

Heimlich, still und leise hat der VfL Bochum sich weg von den Abstiegsrängen geschoben. Während anderswo Panik herrscht, treten die Klassenkampf-Veteranen besonnen auf. Kapitän Marcel Maltritz erklärt den Aufwind. Marcel Maltritz über Bochums Aufwind

Herr Maltritz, wie haben Sie eigentlich beim »VfL-Quiz« abgeschnitten?

Eigentlich ganz gut. Immerhin bin ich schon seit fast sechs Jahren hier. Da bekommt man einiges mit.

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Hintergrund war die abendliche Fragerunde rund um den VfL im Trainingslager. Nicht die einzige ungewöhnliche Maßnahme des neuen Trainers. Das Leben im Trainingslager soll sehr spartanisch gewesen sein. Wie hat die Mannschaft das aufgenommen?

Sehr gut. Wir hatten viel Spaß, haben hart gearbeitet und sind als Truppe weiter zusammengewachsen. Sicherlich gab es bei einigen Vorbehalte. Aber die Tour war sehr gut geplant und organisiert. Wir haben viele Dinge erarbeitet, die wir gemeinsam umsetzen wollen.

Es scheint jedenfalls gefruchtet zu haben: Der VfL steht so gut da wie lange nicht mehr. Schielen Sie schon Richtung Tabellenmittelfeld?

Man sollte sich nie zu sehr auf Ergebnisse fixieren. In erster Linie geht es darum, die eigene Leistung abzurufen. Wenn wir an unsere Vorstellungen zuletzt anknüpfen können, dann werden wir den Klassenerhalt schaffen und sind für die ein oder andere positive Überraschung gut.

Hannover und Hertha schlingern überraschend dem Abstieg entgegen. Der VfL ist erprobt im Abstiegskampf – ist das der große Vorteil?

Sicherlich ist es kein Nachteil, wenn man die besondere Drucksituation im Kampf um den Klassenerhalt kennt. In dem Fall geht es meist sogar um Arbeitsplätze und damit auch um Existenzen. Das ist eine ganz andere Drucksituation als wenn man in den UEFA-Cup einziehen kann. Das Wissen, diese besondere Herausforderung schon gemeistert zu haben, hilft einem Spieler ungemein. Man verfällt bei Niederlagen viel weniger in Panik.

Wie geht die Mannschaft mit dem Druck im Abstiegskampf um? Gibt es eine Art Stammtisch nach den Spielen? 

Als Mannschaft sitzen wir regelmäßig nach den Heimspielen noch zusammen, essen etwas und unterhalten uns. Zudem kommt es ab und zu vor, dass sich die Mannschaft unter der Woche zum Essen trifft. Als konkretes Mittel zur Krisenbewältigung würde ich das jedoch nicht sehen. Man muss sich fortwährend um das Betriebsklima kümmern.

Die Mannschaft ist oft nach Rückständen noch zurück gekommen. Wie schafft man das, liegt es am Willen oder an der verbesserten Kondition?

Beides ist sehr wichtig. Zudem ist eine Breite im Kader hilfreich. Oft waren es Spieler von der Bank, die dem Spiel noch eine Wende gegeben haben.

War die Klatsche gegen Bayern der Auslöser für den Positivtrend? Was ist nach diesem Spiel passiert? Ist die Mannschaft enger zusammengerückt?

Da kommen einige Dinge zusammen. Nach dem Trainerwechsel hatte die Mannschaft erst einmal zwei Begegnungen gebraucht, um das Spiel zu verinnerlichen, was Heiko Herrlich von uns erwartet. Dann haben wir in Hamburg gewonnen und gegen Köln und Stuttgart jeweils gepunktet. Das 1:5 gegen die Bayern war sicherlich ein Rückschlag, doch nach dem Spiel haben die Trainer nicht nur unsere Fehler thematisiert, sondern uns auch gezeigt, dass wir in den ersten 30 Minuten einiges richtig gemacht haben.

Anschließend kam das Spiel in Hannover, wo wir zur Halbzeit mit 0:2 hinten lagen. Dabei wurde das erste Tor aus einer Abseitsposition heraus erzielt, und der Schiedsrichter hat einen klaren Elfmeter für uns nicht gepfiffen. Wir haben uns dann in der Kabine noch einmal richtig gepuscht und sind mit der Einstellung raus: Nicht mit uns! Am Ende haben wir 3:2 gewonnen und anschließend aus sechs Spielen zwölf Punkte geholt.

Also hat Herrlich die Mannschaft stark gemacht. Was zeichnet ihn aus? Was unterscheidet ihn von Marcel Koller?

Sie miteinander zu vergleichen steht mir als Spieler nicht zu. Unser Cheftrainer arbeitet sehr akribisch, seine Analysen sind sehr fundiert, und das Training bringt uns alle weiter. Zudem besitzt er eine natürlich Autorität und verfügt über die Gabe, Spieler begeistern zu können

Herrlich gilt als ruhiger Typ. Viele setzen im Abstiegskampf auf Heißsporne an der Linie. Welcher Typ ist gefragt?

Der, mit dem man am erfolgreichsten ist… Emotionen gehören zum Fußball einfach dazu, es ist allerdings auch hilfreich, wenn man immer den Überblick behält. Immerhin muss man als Trainer in großen Stresssituationen die richtigen Entscheidungen treffen.

Zu ihnen persönlich: Sie sind Kapitän des VfL. Welche Anforderungen werden an einen Kapitän im Abstiegskampf gestellt?

Als Kapitän ist man immer gefordert. Wobei bei uns nicht nur der Kapitän Verantwortung übernimmt, sondern der gesamte Mannschaftsrat. Man sollte auf dem Platz mit gutem Beispiel vorangehen: andere mitreißen und motivieren, Aggressivität vorleben, ggf. taktische Korrekturen vornehmen sowie Hinweise geben usw. Zudem ist es wichtig, Spieler zu integrieren. Dazu gehört das Planen von gemeinsamen Aktivitäten, auf Außenstehende zuzugehen oder bei möglichen Konfliktsituationen zu vermitteln. Nicht zu vergessen: Man vertritt die Interesse sowie die Ideen der Mannschaft gegenüber dem Trainerstab und stellt sich vor allem nach Niederlagen den Medien und Fans.

Sie selbst standen in der Vergangenheit mit forschen Aussagen in der Presse. Ist es nötig, auch mal öffentlich nach vorne zu preschen, um ein Zeichen zu setzen?

Man muss sich nicht nur auf dem Platz wehren, auch abseits ist Courage gefragt. Allerdings gibt es Grenzen. Dem Gegner respektlos gegenüberzutreten oder andere in die Pfanne zu hauen: Das war und ist nie meine Absicht.

Sie waren auch schon einmal Opfer der Fankritik, einige Fans riefen »Maltritz raus«. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe mich schon gefragt, warum das so ist und mich mit einigen Fans unterhalten. Am wichtigsten ist jedoch, dass man Leistungen auf dem Platz zeigt. So kann man die Fans am besten wieder für sich gewinnen.

In Bochum soll es eine gespaltene Fanszene geben. Wie nimmt die Mannschaft das auf dem Platz auf?

Ich würde die Szene nicht als »gespalten« bezeichnen. Wir haben zwar auch durchaus kritische Fans, die sich jedoch grundsätzlich in hohem Maße mit dem VfL identifizieren. Ansonsten finde ich es gut, wenn man sich auch mal kontrovers auseinandersetzt. Meist machen sie sich einfach Sorgen um den Verein. Dafür habe ich Verständnis.

RW Oberhausen kokettiert mit dem Image als »Arbeiterclub«, braucht der VfL auch eine Kampagne, um Zuschauer anzuziehen?

Mit dem Wort »Image« habe ich ein Problem. Das klingt so, als ob sich ein paar Marketingfachleute zusammengesetzt haben und eines für einen Verein kreiert haben. Der VfL ist vor Jahren einen anderen Weg gegangen. Er hat Fans, Journalisten, Spieler, Angestellte usw. befragt, wofür der VfL in ihren Augen steht. Die Ergebnisse dieses Prozesses sind in ein Leitbild zusammengefasst worden, das klar darstellt, wer wir sind. Dort ist beispielsweise festgehalten, dass sich der VfL zu seiner regionalen Identität bekennt und dass wir unbeugsam und mitreißend sind.

Was muss beim VfL passieren, dass Leistungsträger auch mal langfristig gehalten werden können?

Wir haben weder im Sommer 2008 noch im vergangenen Jahr einen absoluten Leistungsträger abgeben müssen. Ganz im Gegenteil: Zuletzt haben Stanislav Sestak und Philipp Heerwagen ihre Verträge verlängert. Wir sind also auch in diesem Zusammenhang auf einem guten Weg.  

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