22.05.2007

Marcel Koller im Interview

„Ich bin noch nicht satt“

Im Herbst war man schon versucht, die Beerdigung des VfL Bochum vorzufeiern. Doch Totgesagte leben... genau: länger. Trainer Marcel Koller führte den Verein ins gesicherte Mittelfeld. Hier erklärt er, wie ihm das gelang – und was als Nächstes kommt.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago

Wenn Sie in zwei Spielen, statt unglücklich zu verlieren, glücklich gewonnen hätten, wäre am Schluss sogar ein UEFA-Cup-Platz im Bereich des Möglichen gewesen. Wie erklären Sie sich, dass die Tabellensituation in der zurückliegenden Saison so eng war?

Ich denke, dass unter dem Einfluss des Geldes das Mittelfeld der Liga größer und die Spitze enger geworden ist. Aber auch wenn es zum Schluss enger war, als man vor der Saison vielleicht gedacht hätte, bleibt es wichtig, dass wir nicht vom UEFA-Pokal sprechen, sondern vom Klassenerhalt.

Unter dem Stricht steht jetzt eine solider Mittelfeldrang. Welchen Anteil hat Ihr Stürmer Theofanis Gekas daran?

Er hat mit seinen Toren sicher einen großen Anteil an dem Erfolg. Aber es wäre falsch, es ihm allein zuzuschreiben. Das weiß Theofanis auch. Ohne die Mitspieler, die ihm die Tore vorbereiten, könnte er sie auch nicht schießen. Wir haben viele Torchancen herausgearbeitet – und hätten eigentlich noch viel mehr Tore schießen müssen. Seine 20 Tore waren wichtig, um die Punkte einzufahren. Fußball wird nun mal durch Tore entschieden, und wenn du keinen hast, der die Tore erzielt, dann wird’s verdammt schwer (lacht).

Wie sind sie auf Gekas aufmerksam geworden?

Wie haben damals noch einen Stürmer gesucht. Stefan Kuntz hat Gekas mehrmals beobachtet und ich habe auf einem Videozusammenschnitt erkannt, dass er das spielt, was ich gerne sehe. Aber das er das so super umsetzt, davon konnte wir nicht ausgehen.

Wie konnte es sein, dass Gekas bei Panathinaikos Athen nur ein Reservistendasein fristete?

Da müssen Sie in Athen nachfragen (lacht). Wahrscheinlich war die Konkurrenz größer, vielleicht war der Trainer anderer Ansicht und hat nicht an ihn geglaubt. Ich kann es nicht beurteilen.

Haben Sie bei jedem Tor, das Gekas schoss, trotz aller Freude auch gespürt, dass sein Abgang immer wahrscheinlicher wird?

Nicht bei jedem Tor, aber im Bereich von 13, 14 Toren war klar, dass es schwierig wird, ihn zu halten.

Jetzt wechselt Gekas tatsächlich nach Leverkusen, und auch ihr Mittelfeldspieler Zvjezdan Misimovic wird den Verein in Richtung Nürnberg verlassen. Wie ist der Abgang zweier Spieler, die an etwa 60% der Bochumer Tore beteiligt waren, zu kompensieren?

Ich hoffe, dass wir in der kommenden Saison das Toreschießen auf mehrere Schultern verteilen können.

Macht es Sie wütend, zwei zentrale Spieler abgeben zu müssen?

Das ist ärgerlich. Man möchte mit der Mannschaft gerne weiterkommen und sie lieber punktuell verstärken, als die Besten abgeben zu müssen. Aber das geht leider nicht.

Sie selbst waren 24 Jahre bei Grasshoppers Zürich unter Vertrag. Im Fußball ist das eine halbe Ewigkeit. Sind Sie auf das Nomadenleben gefasst, das Ihnen in den nächsten 24 als Trainer bevorstehen wird?

Ich habe mir natürlich schon Gedanken gemacht, dass es als Trainer so nicht weiter geht wie für mich als Spieler bei Grasshoppers Zürich. Ich hätte dort auch Jugendtrainer werden können, dann wäre ich vielleicht weitere 20 Jahre geblieben. Aber ich wollte mehr, ich wollte diesen Schritt gehen.

Welche Trainer haben Sie in ihrer Zeit als Spieler besonders geprägt?

Das waren sicherlich Leo Beenhakker, Ottmar Hitzfeld und Hennes Weisweiler. Auch Roy Hodgson in der Nationalmannschaft, als ich schon etwas mehr wie ein Trainer gedacht, mehr zugehört und Trainingsinhalte aufgeschrieben habe. So konnte ich das eine oder andere mitnehmen.

Wurden Sie von diesen Trainern auch besonders eingebunden?

Klar, ich wurde schon das eine oder andere Mal zu meiner Meinung gefragt. Ich war, glaube ich, auch ein recht intelligenter Spieler. Zudem war ich lange Jahre Kapitän und hatte Verantwortung auf dem Platz, die ich gern übernommen habe. Was aus meiner Sicht auf dem Platz notwendig und wichtig war, habe ich stets umzusetzen versucht. Und heute weiß ich umso mehr: Es ist gut für einen Trainer, solch einen Spieler auf dem Platz zu haben.

Welche Lehren der alten Meister lassen Sie heute noch in Ihre alltägliche Trainingsarbeit einfließen?

Eigentlich nichts von dem. Zu Beginn meiner Trainerkarriere schon etwas, aber schlussendlich muss man seinen eigenen Weg gehen und durchsetzten.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen die Schweiz eines Tages zu klein werden würde?

(Lacht) Als ich bei den Grasshoppers zurückgetreten war. Kurz darauf kam das Angebot von Köln. Die Bundesliga ist für jeden Schweizer interessant, und so habe ich das Angebot angenommen. Und ich bin froh, dass es so war.

Was sind die größten Unterschiede zwischen der Schweizer Super Liga und der Deutschen Bundesliga?

Die beiden Ligen kann man nicht vergleichen – besonders nicht die Atmosphäre. In der Schweiz sind die Stadien sehr oft nicht so gut besucht, und das Engagement der Fans ist nicht so hoch. Der Deutsche hingegen ist fußballverrückt. Er liebt nicht nur den Fußball, er lebt mit ihm und ist mit sehr viel Emotion und Aggressivität dabei. In Deutschland ist alles viel intensiver. Hier gibt es eine viel größere Tradition. Ich liebe das hier in Deutschland. Jeden Tag wird hier über Fußball gesprochen. In der Schweiz ist Fußball nur eine Wochenend-Erscheinung. Dann interessieren sich die Leute, aber unter der Woche ist es meist sehr ruhig.

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