Marcel Koller im Interview

„Ich bin noch nicht satt“

Im Herbst war man schon versucht, die Beerdigung des VfL Bochum vorzufeiern. Doch Totgesagte leben... genau: länger. Trainer Marcel Koller führte den Verein ins gesicherte Mittelfeld. Hier erklärt er, wie ihm das gelang – und was als Nächstes kommt. Imago

Herr Koller, ich habe Ihr Team am 9. Spieltag zu Hause gegen Wolfsburg gesehen. Nach diesem Spiel stufte ich Bochum und Wolfsburg als Absteiger ein – und dabei hatte Wolfsburg noch mit 1:0 gewonnen. Wie war es zu diesem Zeitpunkt um Ihr Vertrauen in das Team bestellt?

Wir haben speziell in der Hinserie viele Nackenschläge einstecken müssen, oft gut gespielt, aber dann die Punkte nicht geholt. Durch solche Niederlagen kommt natürlich Unruhe im Umfeld auf. Das hat es schwieriger gemacht, und es war wichtig, die Ruhe zu bewahren. Als Trainer ist man dann abhängig vom Chef, in meinem Fall der Aufsichtsratsvorsitzende Altegoer. Er muss nah dran sein und sehen, dass gut gearbeitet wird. Er hat langen Atem gezeigt, und jetzt kann er diesen Erfolg verbuchen.

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Jetzt mal ehrlich: Waren Sie nach einem Spiel wie dem 0:6 zu Hause gegen Bremen nicht verzweifelt?

Nein, weil ich wusste, dass wir in nicht das gezeigt hatten, was wir können. Da war bei uns sehr viel Zurückhaltung im Spiel, und wir waren ein bisschen ängstlich, weil wir vorher schon dachten: „Das wird schwierig gegen die“. Dann zeigst du eben nicht, was du kannst. In der Folge haben wir uns jedoch mental gestärkt. Da war das Spiel in der Rückrunde gegen Bayern München entscheidend, denn vorher hat der ein oder andere gedacht, dass wir das gar nicht gewinnen können. Als ich das in der Zeitung gelesen hatte, erschrak ich erstmal, konnte dann aber reagieren und dementsprechend dagegen arbeiten, indem ich den Spielern einbläute, dass gegen jeden Gegner etwas möglich ist. Entscheidend ist, dass wir unsere Leistung bringen und nicht ängstlich, sondern aggressiv, laufbereit und mit Leidenschaft auf den Platz gehen.

Ein Trainer muss stets souverän wirken und vermitteln, dass er immer noch ein Erfolgsrezept in der Tasche hat, egal wie hoffnungslos die Lage ist. Sie haben das geschafft, viele andere nicht, z. B. Ihr Kollege Thomas Hörster bei Bayer Leverkusen, der regelrecht ausgelacht wurde, als er 2003 bekannte, er habe keine Hoffnung mehr auf den Klassenerhalt. Muss ein guter Trainer in Krisenzeiten auch ein guter Schauspieler sein?

Nein, das denke ich nicht. Wichtig ist, dass man immer authentisch ist. Dass man auf die Situationen eingeht, dass man gradlinig und korrekt ist und seinen Weg geht. Wichtig ist auch, immer wieder aufzustehen und der Erste zu sein, der vorneweg geht. (überlegt) Man kann natürlich keine Ziele ausgeben, die nicht realistisch sind, das wäre lächerlich.

Haben Sie im Herbst letzen Jahres gespürt, dass viele Blicke Hilfe suchend auf Sie gerichtet waren wie auf einen Steuermann im Orkan?

Im Falle des Misserfolgs gucken alle auf den Trainer. Und natürlich ist man als Trainer der Erste – und muss der Erste sein –, der nach Lösungen, nach einem Weg aus der Krise sucht.

Abstiegskampf bedeutet ungeheuren Stress. Wie haben Sie ihn kompensiert?

Relativ leicht, weil ich den Fußball kenne und liebe. Na klar ist man auch mal niedergeschlagen und flucht, hat viele Gedanken im Kopf. Aber es ist ja nicht so, dass alle richtigen Lösungen von mir kommen. Man muss gemeinsam einen Weg suchen – und diesen Weg dann auch gemeinsam gehen.

Sie haben aber doch nicht 24 Stunden am Tag über den VfL gegrübelt.

Wie gesagt, ich liebe den Fußball und muss deshalb nicht völlig abschalten. Man macht sich Gedanken, was man machen könnte, damit es gut geht, welche Entscheidungen die richtigen sind. Um von Zeit zu Zeit doch mal auf andere Gedanken zu kommen, hilft mir mein Zuhause, meine Frau, gutes Essen, oder ich lese ein Buch.

War das Spiel gegen den FC Bayern, dem Sie auswärts ein 0:0 abrangen, der entscheidende Moment für den Klassenerhalt?

Da haben wir gesehen, dass wir auch gegen die Mannschaften bestehen können, die in der Tabelle oben stehen, wenn das Engagement, die Laufbereitschaft, die Aggressivität und die Kompaktheit stimmen. Schlussendlich war der entscheidende Schritt aber das Spiel in Leverkusen, das wir 4:1 gewannen. Da haben die Spieler eins zu eins umgesetzt, was wir besprochen hatten. Du brauchst die Überzeugung und musst am richtigen Ort stehen, um die Tore zu machen. Das haben wir geschafft, und es gab uns das nötige Selbstvertrauen, um die nächsten Siege einzufahren.

Der VfL hat sich mit ehrlichem Fußball den Klassenerhalt erkämpft und dabei viele Sympathien gewonnen. Ist dieser Zuspruch aus Ihrer Sicht ein Zeichen für die Abkehr vom Eventfußball, wie er in den großen Arenen Ihrer Nachbarn dargeboten wird?

Das kann ich nur schwer beurteilen. Was heißt Eventfußball? Wir haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie Schalke oder Dortmund. Für mich ist entscheidend, was auf dem Platz geschieht. Wenn da die Post abgeht und die richtigen Ergebnisse eingefahren werden, dann ist alles locker, dann hat man Freude und Spaß, dann sieht man das nicht so verbissen, als hätte man Existenzängste.

Könnte es denn eine Perspektive für den Verein zu sein, sich als Symbol für den Ruhrpott-Fußball zu positionieren, als Verkörperung einer Mentalität, die Schalke und Dortmund offenbar abhanden gekommen ist?

Im Ruhrgebiet wollen die Leute sehen, dass man kämpft und nicht einfach nur stehen bleibt. Sie wollen sehen, dass man etwas für die Punkte tut. Wenn dabei auch noch das ein oder andere Schmankerl dazu kommt, ein schönes Tor, technische Feinheiten oder ein Salto von Epalle – umso besser! Grundsätzlich besteht die Basis jedoch aus Laufen und Kämpfen. Vielleicht macht es uns manchen Menschen sympathisch, dass wir das begriffen haben.


Wenn Sie in zwei Spielen, statt unglücklich zu verlieren, glücklich gewonnen hätten, wäre am Schluss sogar ein UEFA-Cup-Platz im Bereich des Möglichen gewesen. Wie erklären Sie sich, dass die Tabellensituation in der zurückliegenden Saison so eng war?

Ich denke, dass unter dem Einfluss des Geldes das Mittelfeld der Liga größer und die Spitze enger geworden ist. Aber auch wenn es zum Schluss enger war, als man vor der Saison vielleicht gedacht hätte, bleibt es wichtig, dass wir nicht vom UEFA-Pokal sprechen, sondern vom Klassenerhalt.

Unter dem Stricht steht jetzt eine solider Mittelfeldrang. Welchen Anteil hat Ihr Stürmer Theofanis Gekas daran?

Er hat mit seinen Toren sicher einen großen Anteil an dem Erfolg. Aber es wäre falsch, es ihm allein zuzuschreiben. Das weiß Theofanis auch. Ohne die Mitspieler, die ihm die Tore vorbereiten, könnte er sie auch nicht schießen. Wir haben viele Torchancen herausgearbeitet – und hätten eigentlich noch viel mehr Tore schießen müssen. Seine 20 Tore waren wichtig, um die Punkte einzufahren. Fußball wird nun mal durch Tore entschieden, und wenn du keinen hast, der die Tore erzielt, dann wird’s verdammt schwer (lacht).

Wie sind sie auf Gekas aufmerksam geworden?

Wie haben damals noch einen Stürmer gesucht. Stefan Kuntz hat Gekas mehrmals beobachtet und ich habe auf einem Videozusammenschnitt erkannt, dass er das spielt, was ich gerne sehe. Aber das er das so super umsetzt, davon konnte wir nicht ausgehen.

Wie konnte es sein, dass Gekas bei Panathinaikos Athen nur ein Reservistendasein fristete?

Da müssen Sie in Athen nachfragen (lacht). Wahrscheinlich war die Konkurrenz größer, vielleicht war der Trainer anderer Ansicht und hat nicht an ihn geglaubt. Ich kann es nicht beurteilen.

Haben Sie bei jedem Tor, das Gekas schoss, trotz aller Freude auch gespürt, dass sein Abgang immer wahrscheinlicher wird?

Nicht bei jedem Tor, aber im Bereich von 13, 14 Toren war klar, dass es schwierig wird, ihn zu halten.

Jetzt wechselt Gekas tatsächlich nach Leverkusen, und auch ihr Mittelfeldspieler Zvjezdan Misimovic wird den Verein in Richtung Nürnberg verlassen. Wie ist der Abgang zweier Spieler, die an etwa 60% der Bochumer Tore beteiligt waren, zu kompensieren?

Ich hoffe, dass wir in der kommenden Saison das Toreschießen auf mehrere Schultern verteilen können.

Macht es Sie wütend, zwei zentrale Spieler abgeben zu müssen?

Das ist ärgerlich. Man möchte mit der Mannschaft gerne weiterkommen und sie lieber punktuell verstärken, als die Besten abgeben zu müssen. Aber das geht leider nicht.

Sie selbst waren 24 Jahre bei Grasshoppers Zürich unter Vertrag. Im Fußball ist das eine halbe Ewigkeit. Sind Sie auf das Nomadenleben gefasst, das Ihnen in den nächsten 24 als Trainer bevorstehen wird?

Ich habe mir natürlich schon Gedanken gemacht, dass es als Trainer so nicht weiter geht wie für mich als Spieler bei Grasshoppers Zürich. Ich hätte dort auch Jugendtrainer werden können, dann wäre ich vielleicht weitere 20 Jahre geblieben. Aber ich wollte mehr, ich wollte diesen Schritt gehen.

Welche Trainer haben Sie in ihrer Zeit als Spieler besonders geprägt?

Das waren sicherlich Leo Beenhakker, Ottmar Hitzfeld und Hennes Weisweiler. Auch Roy Hodgson in der Nationalmannschaft, als ich schon etwas mehr wie ein Trainer gedacht, mehr zugehört und Trainingsinhalte aufgeschrieben habe. So konnte ich das eine oder andere mitnehmen.

Wurden Sie von diesen Trainern auch besonders eingebunden?

Klar, ich wurde schon das eine oder andere Mal zu meiner Meinung gefragt. Ich war, glaube ich, auch ein recht intelligenter Spieler. Zudem war ich lange Jahre Kapitän und hatte Verantwortung auf dem Platz, die ich gern übernommen habe. Was aus meiner Sicht auf dem Platz notwendig und wichtig war, habe ich stets umzusetzen versucht. Und heute weiß ich umso mehr: Es ist gut für einen Trainer, solch einen Spieler auf dem Platz zu haben.

Welche Lehren der alten Meister lassen Sie heute noch in Ihre alltägliche Trainingsarbeit einfließen?

Eigentlich nichts von dem. Zu Beginn meiner Trainerkarriere schon etwas, aber schlussendlich muss man seinen eigenen Weg gehen und durchsetzten.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen die Schweiz eines Tages zu klein werden würde?

(Lacht) Als ich bei den Grasshoppers zurückgetreten war. Kurz darauf kam das Angebot von Köln. Die Bundesliga ist für jeden Schweizer interessant, und so habe ich das Angebot angenommen. Und ich bin froh, dass es so war.

Was sind die größten Unterschiede zwischen der Schweizer Super Liga und der Deutschen Bundesliga?

Die beiden Ligen kann man nicht vergleichen – besonders nicht die Atmosphäre. In der Schweiz sind die Stadien sehr oft nicht so gut besucht, und das Engagement der Fans ist nicht so hoch. Der Deutsche hingegen ist fußballverrückt. Er liebt nicht nur den Fußball, er lebt mit ihm und ist mit sehr viel Emotion und Aggressivität dabei. In Deutschland ist alles viel intensiver. Hier gibt es eine viel größere Tradition. Ich liebe das hier in Deutschland. Jeden Tag wird hier über Fußball gesprochen. In der Schweiz ist Fußball nur eine Wochenend-Erscheinung. Dann interessieren sich die Leute, aber unter der Woche ist es meist sehr ruhig.


Ihre erste Station in Deutschland, der Job beim 1. FC Köln, endete mit dem Abstieg und Ihrer Beurlaubung. Was lief schief?

Ich denke, dass ich da nicht die Mannschaft zur Verfügung hatte, um den Verein in der Bundesliga zu halten. Wir haben gut gespielt, aber wir haben vorne die Tore nicht gemacht – und hinten hat jede Woche ein anderer individuelle Fehler gemacht. Wenn man dann die Tore bekommt, dann reicht es schlussendlich nicht.

War die Umstellung vom vergleichsweise beschaulichen Zürich in das zuweilen chaotische, stark von den Medien geprägte Köln vielleicht auch zu krass?

Vielleicht. Man lernt überall hinzu. Aber entscheidend ist, was auf dem Platz passiert. Es spielen schließlich nicht die Journalisten, sondern die Spieler. Wenn man keine Punkte holt, ist es klar, dass die Medien alles schlecht sehen. Wenn die Mannschaft gut spielt und die Ergebnisse stimmen, dann sind einem auch die Medien wohl gesonnen. So einfach ist es.

Als Ihr größter Erfolg beim 1. FC Köln gilt die Entdeckung von Lukas Podolski. Ist er wirklich das Jahrhunderttalent, zu dem er in der Folgezeit hochstilisiert wurde?

Mal abwarten, das kann man jetzt noch nicht sagen, es ist ja noch kein Jahrhundert vorbei. Aber mit 18 war er schon sehr abgeklärt und hatte außergewöhnliche Fähigkeiten. Jetzt gilt es für ihn, sich bei Bayern zu beweisen. Er weiß, dass er da in der neuen Saison mehr bringen muss. Ich bin überzeugt, dass er es schafft, denn er hat Fähigkeiten, die nicht jeder hat.

Würde es Sie reizen, einen Klub wie den FC Bayern zu trainieren?

Ich würde lügen, wenn ich das abstreiten würde. Aber zurzeit gilt meine volle Konzentration dem VfL Bochum. Letztes Jahr hieß es, wir müssen aufsteigen, diese Jahr hieß es, wir müssen drin bleiben. Diese Ziele habe ich jeweils erreicht. Jetzt gilt es, die neue Saison vorzubereiten.

Ist das Amt des Schweizer Nationaltrainers ein Karriereziel für Sie?

Es gab tatsächlich schon mal eine Anfrage, als ich noch in St. Gallen war. Aber dafür war und ist es noch zu früh. Ich bin noch nicht satt. Im Nationalteam kann man seine Ideen nicht so umsetzten, weil man die Mannschaft nur alle paar Wochen für ein paar Tage sieht. Ich freue mich, als Vereinstrainer jeden Tag auf dem Platz zu stehen und direkt eingreifen zu können.

Welche Chancen räumen Sie der Schweizer Nationalmannschaft für die EM 2008 im eigenen Land ein?

Die Mannschaft hat bestimmt Möglichkeiten. Wenn die ersten Spiele gut verlaufen, dann entwickelt sich Selbstvertrauen und es kann eine gewisse Euphorie entstehen. Aber ich glaube nicht, dass wir die Klasse haben, den Titel holen zu können.

Waren Sie eigentlich zornig, als die Mannschaft es im WM-Achtelfinale gegen die Ukraine nicht fertig brachte, auch nur einen einzigen Elfmeter zu verwandeln?

Ich war damals selbst im Stadion. Es wäre sicherlich möglich gewesen, einen größeren Erfolg einzufahren. Aber ich war auch Spieler und weiß, wie das ist, bei einem Elfmeter da unten zu stehen. Da ist der Torwart der Einzige, der alles richtig machen kann. Das kann man im Training auch nicht üben. Entweder man hat es an dem Tag drauf – oder eben nicht.

Wie weit liegen Triumph und Niederlage im Fußball auseinander, Herr Koller?

Das kann man jede Woche sehen. Gewinnt man, hat man alles richtig gemacht, verliert man, war alles falsch. Dabei wird die Arbeit auf dem Trainingsplatz gar nicht richtig angeschaut. So können viele das eigentlich nicht richtig beurteilen. Das ist schade, doch man kann es nicht ändern. Damit müssen alle Trainer leben.

Ist denn wenigstens die Abschlusstabelle der Saison ein untrügliches Abbild der Arbeit, die sie als Trainer über ein Jahr erbracht haben?

Das ist sie. Aber die Arbeit habe nicht nur ich als Trainer geleistet, sondern die Mannschaft und das ganze Umfeld. Es ist nicht nur mein Verdienst, wenn wir gewinnen, und auch nicht nur meine Schuld, wenn wir verloren haben. Als Trainer ist man nur ein Mosaikstein. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen. Ich trage zwar den Hauptteil der Verantwortung, aber es können immer Kleinigkeiten entscheiden.

Nun ist ja alles gut gegangen. Wie werden Sie den Klassenerhalt feiern?

Wir haben schon gefeiert (lacht). Es ist schön, wenn man sein Ziel erreicht hat. Dann kann man im Urlaub besser erholen und auftanken, als wenn man seine Ziele nicht erreicht hätte und abgestiegen wäre. Erfolg gibt viel mehr Energie.

Wann mischt sich in die Euphorie die Sorge in Bezug auf die kommende Saison?

Wenn ich anfangen will und noch nicht alle Spieler da sind (lacht).

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