23.03.2012

Marcel Ketelaer über Freunde, Hierarchien und Gladbach

»Die Alten jagten uns wie Freiwild«

Einst galt Marcel Ketelaer als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Doch nach seinem Wechsel zum HSV ging es bergab. Im großen Karriere-Interview spricht der 34-Jährige über einen Beinahe-Wechsel nach Bremen und strikte Hierarchien.

Interview: Julia Orso Bild: Imago

Marcel Ketelaer, wir haben lange nichts von Ihnen gehört. Wie geht es Ihnen? Was machen Sie?
Marcel Ketelaer: Mir geht es gut. Nach 16 Profijahren neigt sich meine Karriere langsam dem Ende entgegen (momentan ist Ketelaer vereinslos, d. Red.). Ich bekomme allerdings immer noch viele Anfragen, die meisten aus Asien oder Osteuropa. Ich bin aber ein Mensch, der gerne den sicheren Weg geht und habe deshalb bislang alle Angebote abgelehnt. Wissen Sie, ich habe Familie und eine fünf Wochen alte Tochter, da muss ich nicht ständig unterwegs sein. Zur Zeit belege ich einen Trainerkurs, ich kann aber noch nicht konkret sagen, in welche Richtung sich das alles entwickelt. Ob nun Trainer oder Scout, dem Fußball bleibe ich sicher treu.

Betreibt Ihre Mutter eigentlich noch die Currywurstbude in Mönchengladbach?
Marcel Ketelaer: »Mamas Kette«, natürlich. Die stehen die Leute momentan Schlange, bei der tollen Saison von Borussia Mönchengladbach ist das auch kein Wunder.

Spricht man dort noch über Sie?
Marcel Ketelaer: Die Leute fragen schon, klar.

Sie galten einst neben Sebastian Deisler als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Im Sommer 2000 wechselten Sie für die Vereins-Rekordablöse von 5,5 Millionen Mark zum HSV. Wie kam es dazu?
Marcel Ketelaer: Wir haben damals mit Gladbach gegen St. Pauli 2:0 gewonnen, ich habe beide Tore geschossen, dort hat mich Bernd Wehmeyer vom HSV beobachtet. Holger Hieronymus rief daraufhin meinen Manager an und teilte ihm vom Interesse der Hamburger mit. Zu der Zeit haben mehrere Vereine angefragt und wir haben dann drei in die engere Auswahl genommen.

Welche Vereine waren das?
Marcel Ketelaer: Der 1.FC Köln, Werder Bremen und der Hamburger SV. Dem FC haben wir dann ziemlich schnell abgesagt – als Gladbacher kann man schließlich nicht nach Köln gehen. (lacht)

Und warum nicht Bremen?
Marcel Ketelaer: Hamburg hatte zuerst angefragt und mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie mit mir auf der linken Seite planen. Die Aussicht, dass ich beim HSV zum Einsatz komme, war einfach höher. In Bremen spielte bereits Marco Bode auf meiner Position. Der war Kapitän und Nationalspieler, da habe ich meine Einsatzzeiten nicht gesehen. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Sie bereuen Ihre Absage an Werder Bremen?
Marcel Ketelaer: Ach, was heißt bereuen? Es  wäre sicher gut gewesen, nach Bremen zu gehen, denn die haben schon aus vielen jungen Spielern großartige Fußballprofis gemacht.

Der Schritt nach Hamburg war zu groß?
Marcel Ketelaer: Ja, definitiv. Allein die Summe für die ich verkauft wurde (5,5 Millionen Mark, d. Red.), setzte mich unter Druck. Ich war damals der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte. Dazu die große Stadt Hamburg und die vielen Vorschusslorbeeren, die ich bekommen habe. Ich war das erste Mal weg aus Gladbach, aus der behüteten Heimat.

Zu Beginn lief es allerdings gar nicht schlecht, Sie machten gleich im ersten Spiel ein Tor und auch in der Champions League war der HSV mit Ihnen erfolgreich.
Marcel Ketelaer: Zum Ende des Jahres ging es allerdings bergab, wir sind aus der Champions League rausgeflogen und ich wurde unsicherer. Die Presse schrieb bald, ich sei ein Transferflop und das viele Geld nicht wert gewesen. Ich habe mich damals ziemlich allein gefühlt.

Sie sind in dieser Zeit häufig nach Gladbach gependelt. Sind Sie ein heimatverbundener Mensch?
Marcel Ketelaer: Ich muss mein Zuhause wirklich mögen, damit ich mich dort auch heimisch zu fühlen. Viele Spieler wollen nur einen x-beliebigen Schlafplatz, um sich zwischen den Spielen auszuruhen. Allerdings glaube ich, dass es auch anderen Spielern wie mir geht: Die Heimatstadt lässt sich nicht so einfach ersetzen. Als dann Jörg Albertz zum HSV kam, fühlte ich mich gleich ein wenig wohler. Wir hatten ja schon in Gladbach zusammen gespielt. Ein Stück Heimat in der Fremde.

Wie zufrieden waren Sie denn mit Ihrer Leistung?
Marcel Ketelaer: Ich kam gut in die Sommervorbereitung rein, habe anfangs auch von Beginn an gespielt. Leider kam recht bald der Knick, weil Frank Pagelsdorf immer unzufriedener mit meiner Leistung wurde. Ich war damals sehr jung und wollte mir nicht alles gefallen lassen – teilweise war ich richtig bockig.

Wurde der Druck zu groß?
Marcel Ketelaer: Den Druck habe ich mir selbst gemacht. Außerdem stieg zu dem Zeitpunkt, Anfang der 2000er, das Medieninteresse um ein Vielfaches. Ständig wurde die hohe Ablösesumme groß und breit thematisiert.

Haben Sie das Buch von Sebastian Deisler gelesen?
Marcel Ketelaer: Ja, habe ich.

Was sagen Sie dazu?
Marcel Ketelaer: Ich erkannte, dass ich kein Einzelfall war. Auch Sebastian Deisler hatte mit dem Medienaufgebot Probleme. Er hat sich viel Druck gemacht und man weiß, wohin das führte.

Im September 2000 haben Sie im Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin das Tor zum 2:3 vorbereitet, haben Ihren Gegenspieler spektakulär überlaufen und in den Strafraum geflankt. War dieses Spiel der Höhepunkt Ihrer Karriere?
Marcel Ketelaer: Dieses Spiel war für uns alle sehr besonders. Erstmal ging es gegen diesen großen Gegner mit dem gefürchteten Namen. Dann diese wahnsinnige Aufholjagd. Dennoch: Dieses Spiel war nicht das höchste aller Gefühle, es gab auch andere tolle Momente. Etwa mein erstes Spiel unter Kurt Jara gegen Hertha, das wir 4:0 gewannen und bei dem ich zwei Tore schoss.

Sie sind 2002 zu Borussia Mönchengladbach zurückgekehrt. Hatten Sie sich zu dem Zeitpunkt die Zähne am HSV ausgebissen?
Marcel Ketelaer: Gegen Ende meiner HSV-Zeit fälschten einige Zeitungen sogar Interviews. Scheinbar war nun alles egal. Mich hat das damals sehr belastet und das merkte auch unser neuer Trainer Kurt Jara. Er machte mir das Angebot, mich eine gewisse Zeit auszuleihen. Ich sollte mal loskommen von dem ganzen Stress beim HSV. Er hat nie gesagt, ich solle gehen. Es war ein Angebot, um mich mal von dem Druck in Hamburg zu befreien und wieder zu alter Stärke zu kommen.

Haben Sie sich beim HSV verkannt gefühlt?
Marcel Ketelaer: Die Zuschauer vor dem Fernseher oder im Stadion haben es oft leicht, sich zu beschweren, weil sie nicht wissen, was das Ziel der Mannschaft und für einen einzelnen im Spiel überhaupt ist. Auch wenn ich die Ziele erreicht habe, die mit Trainer und Mannschaft abgesprochen waren, war es nicht genug und die Medien haben dementsprechend berichtet.

Was hielt Sie von einer Rückkehr nach Hamburg ab?
Marcel Ketelaer: Wir spielten eine ziemlich erfolgreiche Saison mit Gladbach und ich schoss zu neuer Form auf. Ich habe einige Tore vorbereitet, machte einige Tore. Als der HSV mich dann zurück haben wollte,  hatte sich Ewald Lienen sich entschieden, mich zu behalten – obwohl ich schon eine Nummer beim HSV hatte. Letztendlich war es auch sehr lukrativ für den HSV, mich an Gladbach zu verkaufen.

Waren Sie froh, wieder in Gladbach zu sein?
Marcel Ketelaer: Bis zum 7. Spieltag lief alles gut, dann wurde Trainer Lienen entlassen und Holger Fach kam als Nachfolger. Das war das Ende.

Warum?
Marcel Ketelaer: Als ich siebzehn Jahre alt war, war Fach mein Mitspieler. Später trainierte Fach dann gemeinsam mit meinem Bruder die Amateure und zog übel über mich her, als ich an den HSV verkauft wurde. Er war der Meinung, ich sei das Geld nicht wert gewesen. Wir kamen aber sowieso nie miteinander aus.

Sie spielten dennoch zwei weitere Jahre in Gladbach. Wieso?
Marcel Ketelaer: Ich habe die ersten Tage bei Gladbach durchgezogen, aber Nürnberg wollte mich schon im Winter holen. Leider wurde nichts aus dem Transfer, weil meine Position noch besetzt war. So bin ich in Gladbach geblieben. Fach fragte mich irgendwann, ob ich mich auf der linken Außenverteidigerposition ausprobieren wolle. Ich habe natürlich Ja gesagt, um überhaupt aufgestellt zu werden. Wir haben dann mit Gladbach eine sehr gute Vorbereitung gespielt und Nürnberg überlegte, ob sie mich als linken Verteidiger holen, was letztendlich am Finanziellen scheiterte, weil Fach für mich noch eine relativ hohe Ablösesumme verlangte.

Wie kam es zum Bruch?
Marcel Ketelaer: Die Situation zwischen Fach und mir spitzte sich immer weiter zu, bis sie in einem heftigen Streit eskalierte und  wir den Vertrag auflösten.

Sie sind mit Ihrem Heimatverein also im Bösen auseinander gegangen?
Marcel Ketelaer: Nein, nur mit zwei Personen, mit Christian Hochstädter und Holger Fach, nicht mit meinem Verein.

Wie sind Sie schließlich in Österreich gelandet?

Marcel Ketelaer: Die Zeit in Deutschland war zum Ende hin überhaupt nicht schön, weil es auch bei Nürnberg nicht rund lief. Ich brauchte eine Luftveränderung. Mein Berater und ich haben mit Austria Wien und Red Bull Salzburg geredet, wo Kurt Jara derzeit Trainer war. Es ergab sich bei beiden Klubs aber kein Transfer, und ich bekam ein Angebot vom LR Ahlen. Der Co- Trainer Thomas Kastenmeyer und ich haben früher zusammen bei Gladbach gespielt und kannten uns gut. Leider war das Team zu heterogen. Es hat zwischenmenschlich nicht so gut funktioniert, sodass ich im Endeffekt froh war, von Pasching geholt zu werden.

Zwischenzeitlich waren Sie arbeitslos.
Marcel Ketelaer: Nach  einer langwierigen Fußverletzung in Kärnten war ich ein dreiviertel Jahr weg vom Fenster. Kärnten wollte zwar verlängern, ließ sich aber so ewig viel Zeit, dass ich schon ein neues Angebot von Rapid Wien erhielt. Das kam mit sehr gelegen, denn die Österreicher sind, wenn es um vertragliche Belange geht, wirklich langsam. Bei Rapid  brauchte es erst einige Zeit, um wieder fit zu werden, nämlich die ganze Vorbereitungszeit. Doch zum Jahresende hin kam ich schließlich wieder rein und bereitete viele Tore vor. Mein Vertrag musste neu verhandelt werden und ich sollte bleiben. Doch leider hatte ich dann immer weniger Einsatzzeiten. Mein Vertrag wurde nicht verlängert.

Wie ging es dann weiter, hatten Sie andere Angebote?
Marcel Ketelaer: Ein Verein war sich eigentlich schon mit mir einig, dann sprang er aber wieder ab, weil die Mannschaft nicht noch einen Legionär haben wollte.

Das müssen Sie erklären.
Marcel Ketelaer: In Österreich gibt es einen »Österreicher-Topf«, der Prämien vergibt, wenn du als Verein nur eine begrenzte Zahl an Ausländern spielen lässt. In der ersten Liga sind das sechs Legionäre und in der zweiten drei. Alle Klubs, die das machen und ihre Landsleute zuerst zum Einsatz kommen lassen, erhalten eine finanzielle Prämie. So war es nicht einfach einen Verein zu finden. Ich war vorübergehend vereinslos.

Wollten Sie in Österreich einen neuen Karriereanlauf nehmen?
Marcel Ketelaer: Ich wollte einfach raus aus dem Medienfokus, wie es in Deutschland davor der Fall war. Ich verstand Österreich als Chance. Ich will nicht von einem Neuanfang sprechen, vielmehr wollte ich einfach mal etwas anderes machen. Und ich bin heute heilfroh, mich so entschieden zu haben. Ich hatte eine gute und erfolgreiche Zeit in Österreich.

Wenn Sie heute Ihre Karriere Revue passieren lassen: Sehen Sie grundlegende Unterschiede in der Fußballwelt von früher zu heute?
Marcel Ketelaer: Früher spielten zuerst die Alten, um sich dann von Jüngeren ablösen zu lassen, heute soll von Beginn an Wirbel auf dem Platz sein und es läuft genau anders herum. Sebastian Deisler, Robert Enke und ich waren damals die Ausnahme. Inzwischen gibt es in jeder Mannschaft nicht nur einen Deisler, einen Ketelaer oder einen Enke, sondern gleich drei oder vier. Die haben etwas gemeinsam und können sich zusammen tun. Wir hatten damals gegen die Alten zu kämpfen, die uns über den Rasen gejagt haben wie Freiwild. Wir mussten um deren Anerkennung buhlen. Heute liegt das Zepter in der Hand der jungen Spieler, die das Spiel bestimmen und antreiben.

Herr Ketelaer, hatten Sie damals eigentlich einen Plan B in der Tasche, falls es mit der Fußballkarriere nicht geklappt hätte?
Marcel Ketelaer: Als Plan B kann man das nicht bezeichnen, aber ich habe eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann gemacht. Damals war ich allerdings schon Profifußballer. Ich war auch beim Fanshop in Gladbach angestellt, aber ich glaube, ich habe den Laden häufiger als Kunde anstatt als Lehrling gesehen (lacht). Der Fußball hatte immer Priorität. Mein Leben lang.

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