23.03.2009

Marcel Eger im Interview

»Heldenverehrung kenne ich nicht«

Seit über vier Jahren spielt Marcel Eger beim FC St. Pauli, er hat den Aufstieg in die 2. Liga miterlebt und gehört zu den Stützen des Teams. Wir sprachen mit ihm über Wohngemeinschaften auf St. Pauli, Musik und Wasserkocher.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Sie haben nie gedacht: Ich möchte mal so werden wie Lothar Matthäus oder Thomas Häßler? Hatten Sie in Ihrer Kindheit nie Fußballidole?

Ich fand Andi Köpke cool. Ich bin in Ansbach, in der Nähe von Nürnberg groß geworden. Und der war damals der beste Torwart. So stand ich auf dem Bolzplatz und stellte mir vor, ich sei Andi Köpke. Doch eigentlich fand ich es damals schon merkwürdig, dass Fußballspieler von den Fans angehimmelt werden, dass Profis durch die Stadt gehen und sich die Leute gar nicht mehr einkriegen und hysterisch mit dem Finger auf sie zeigen.

Werden Sie auf der Straße nie nach einem Autogramm gefragt?

Selten. Wenn ich mal ein entscheidendes Tor geschossen habe, bekomme ich ab und zu mal ein Kompliment zu hören. Doch ich kenne diese Heldenverehrung im großen Stil nicht – das liegt natürlich auch daran, dass der FC St. Pauli in der 2. Liga spielt und die Gesichter der Spieler nicht ständig in den Medien präsent sind. Aber ganz ehrlich: ich will das auch gar nicht. Ich würde mich komisch fühlen als Star.

Hängt das auch damit zusammen, dass Sie mitten in der Stadt leben?

Vielleicht. Ich wohne im Schanzenviertel, und die Leute denken hier in anderen Kategorien, sie sind viel entspannter. Zudem hält der Verein die Spieler auf dem Boden: Für keinen der aktuellen Spieler vom FC St. Pauli wird – weder von den Fans, noch vom Verein – ein Thron oder dergleichen erschaffen. Es gibt somit nicht diesen klassischen Star der Mannschaft. Und die Spieler selbst merken, wie gut es dem Team damit geht. Sie fühlen sich nicht wertvoller als ihre Mitspieler, geschweige denn wichtiger als ihre Mitmenschen. Im besten Fall werden sie Teil ihrer Stadtteilkultur, gehen selbst auf die Leute zu und schaffen sich kein seltsames Paralleluniversum.

Was reizt Sie an dem Stadtteil St. Pauli?

Ich kam ja erst 2004 nach Hamburg, habe den Stadtteil St. Pauli also nicht kennen gelernt, als er noch politischer, alternativer, noch linker war. Doch ich spüre die Geschichte auf den Straßen und an den Häusern. Nicht zuletzt waren die Gegenkultur der 80er Jahre und die Häuserkämpfe in der Hafenstraße die Basis für das Entstehen der Fankultur des FC St. Pauli, wie wir sie heute kennen. Ich liebe außerdem das Gefühl von Weite, wenn man an der Elbe entlanggeht, ich liebe die vielen verschiedenen Kulturen, die der Hafen mit sich bringt oder gebracht hat. Und vor allem liebe die Musikszene: Fast jede Band, die eine Europa- oder Welttournee macht, kommt nach Hamburg.

Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft in einer anderen Stadt zu leben?

Ich vergleiche Hamburg oft mit München, wo meine Schwester lebt. Jedes Mal, wenn sie mich besucht, sagt sie: »Du hast es so gut, die Leute hier sind so cool.« Sie erzählt mir dann, dass es in München viel stärker um Oberflächlichkeiten geht. Ich glaube, ich werde meine Basis auch nach meiner Fußballkarriere in Hamburg haben.

Sie haben eine zeitlang in einer Wohngemeinschaft gelebt – ein nicht gerade typischer Wohn- und Lebensentwurf eines Fußballprofis.

Als ich nach Hamburg kam, hatte ich überhaupt keinen Plan von der Stadt. Ich schnappte mir den Stadtplan, habe geschaut, wo das Trainingsgelände liegt und bezog zunächst eine nahe gelegene Wohnung in Hamburg-Eppendorf. Ein Jahr später zog ich in das Schanzenviertel und gründete dann mit Marvin Braun, der heute in Osnabrück spielt, eine WG.

Wie kam es zu der Entscheidung, in eine WG zu ziehen?

Kurz nachdem Marvin nach Hamburg kam, fuhren wir in ein Trainingslager, wo wir uns ein Zimmer teilten. Wir verstanden uns auf Anhieb super. Ich war zu der Zeit auf Wohnungssuche, denn meine alte Wohnung sollte zu einer Eigentumswohnung renoviert werden. Und ich wusste, dass auch Marvin eine Wohnung suchte. So entschlossen wir kurzerhand eine WG zu gründen. (lacht) Das hat natürlich Vor- und Nachteile...

Nachteile sind...

...die Ticks des Mitbewohners. Ich glaube, ich bin ein schwieriger Mitbewohner.

Sie sind zu unordentlich?

Im Gegenteil: Ich bin zu ordentlich.

Sie räumten ständig auf, während sich das dreckige Geschirr von Marvin Braun zur Decke stapelte?

Wir hatten glücklicherweise eine Spülmaschine, sonst hätte das gar nicht funktioniert. Mein Problem ist einfach, dass ich nichts liegen lassen kann. Meine Freundin sagt schon ständig: »Lass doch mal die Sachen ruhen und genieß den Moment.« Kann ich aber nicht. Was man gleich erledigt, ist halt gemacht. Wenn man zum Beispiel im Wasserkocher immer ein Rest Wasser lässt, muss man Entkalkungsmittel kaufen.

Sie meinen Jahre später, wenn der Wasserkocher aus anderen Gründen längst den Geist aufgegeben hat.

Nein, nein, das geht relativ schnell. (lacht) Deshalb sage ich meiner Freundin immer: »Schütte das Wasser aus dem Wasserkocher.« Meine Freundin macht’s dennoch nie.

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