Marcel Eger im Interview

»Heldenverehrung kenne ich nicht«

Seit über vier Jahren spielt Marcel Eger beim FC St. Pauli, er hat den Aufstieg in die 2. Liga miterlebt und gehört zu den Stützen des Teams. Wir sprachen mit ihm über Wohngemeinschaften auf St. Pauli, Musik und Wasserkocher. Marcel Eger im InterviewImago

Marcel Eger, sind Fußballprofis zu bequem?

Gemeinhin wird der Fußballprofi ab dem ersten Tag seiner Karriere hofiert und betüddelt – in fast allen Lebenslagen. Man muss sich um nichts kümmern, man wird von hier nach dort gefahren und wieder zurück, für sämtliche Termine sind andere zuständig, oftmals wird sogar die Wohnung ausgewählt und bezugsfertig renoviert. Daher kann ich es durchaus nachvollziehen, wenn der Fußballprofi von heute auch in seiner freien Zeit relativ unselbständig bleibt.

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Und die Füße hochlegt...

So in etwa. Allerdings halte ich es für ein Klischee, dass es heutzutage ausschließlich Profis gibt, die neben dem Fußball nichts anderes machen außer Playstation zu spielen und Fernsehen zu gucken. Ich kenne zahlreiche sehr gut verdienende Fußballprofis, die sich trotz ihres hohen Lebensstandards die Zeit nehmen, hinter Fassaden zu schauen. Ich denke da an Spieler wie Per Mertesacker oder Philipp Lahm, also Spieler, die neben ihrem Beruf als Fußballprofi, der sie eigentlich voll in Anspruch nimmt, noch die Muse haben, Stiftungen zu gründen und sich mit Problemen zu beschäftigen, die über die des Fußballs hinausgehen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie vom Leben noch mehr erwarten als Fußball?

Für mich gab es nie ein besonderes Schlüsselerlebnis. Dass sich meine Idee vom Leben nicht ausschließlich auf Fußball beschränkt, hängt vielleicht mit meiner Erziehung zusammen. In meiner Familie gab es immer auch andere Themen als Fußball. So habe ich zum Beispiel früh gelernt, nachhaltig zu denken.

Sie fahren einen Mustang.

Ein Auto, das eigentlich viel zu umweltunfreundlich ist, das stimmt. Ich habe es daher auf Autogas umrüsten lassen, und gemerkt: Man kann ein cooles Auto fahren, aber trotzdem umweltbewusst leben.

Was sagen Ihre Mitspieler zu Ihrer Lebensweise?

Oft höre ich Sprüche wie: »Der Öko ist wieder unterwegs.« Aber das ist mir egal. Vor allem weil ich häufig Bestätigung finde. Zum Beispiel zogen mich viele Mitspieler auf, weil ich auf Ökostrom umstellte und Energiesparlampen benutze. Eines Tages wurde dann publik, dass ab 2010 ausschließlich Energiesparlampen verkauft werden – gesetzlich geregelt. Als ein Mitspieler einen Zeitungsartikel zu dem Thema laut in der Kabine vorlas, guckten sie mich alle mit großen Augen an. Mir huschte ein kleines Lächeln über die Lippen und ich dachte nur: Vielleicht wird es bei dem einen oder anderen nun auch »klick« machen.
 
Fühlen Sie sich als Außenseiter?

Nein, überhaupt nicht. Die Sticheleien sind ja nichts weiter als Scherze. Ich kann damit offensiv umgehen. Und es ist ja auch nicht so, dass ich total unnormal bin. Ich dusche mich ja auch.

Aber nur kalt.

Natürlich. (lacht) Nein, ich finde es einfach wichtig, auf Kleinigkeiten zu achten. Man kann als Einzelner durchaus etwas zu einem besseren Leben beitragen. Gerade als Fußballprofi kann man anderen ein Vorbild sein, vor allem solchen Menschen, die sich normalerweise nie mit Themen wie Umweltschutz beschäftigen.

Ihr ehemaliger Mitspieler Benni Adrion erzählte einmal, ein Trainingslager auf Kuba hätte ihn so sehr geprägt, dass er die Organisation »Viva con agua« ins Leben rief.

Das Trainingslager war für viele prägend, ganz klar. Und auch ich fand es immer schon wichtig, mit wachen Augen durch die Welt zu reisen. Mein großer Traum ist es, eines Tages eine Weltreise zu machen – einfach mit einem Rucksack und los. So bin ich bis heute immer gereist. Und ich finde auch, dass Reisen so viel lehrreicher sein können. Leider stehen mir in den Sommer- und Winterpausen stets nur wenige Wochen zur Verfügung.

Ein anderer Wunsch war ein Studium.

Das stimmt. Nebenher hätte ich vielleicht noch ein bisschen gekickt, um mir das Studium zu finanzieren. Dann wäre ich vielleicht Lehrer geworden. In den letzten Jahren habe ich oftmals überlegt, ob ich nicht doch noch studieren sollte. Nebenher. Ich war sogar kurz an der Fern-Uni in Hagen eingeschrieben.

Wieso nur kurz?

Ich war zugegebenermaßen ein bisschen faul. Man hat als Zweitligaprofi zwar viel freie Zeit, doch wenn man mehrmals am Tag trainiert und dann nach Hause kommt, hat man nicht immer Lust alleine, also ohne Austausch mit Kommilitonen, die Stapel von Papieren und Readern durchzulesen. Ich werde jetzt aber an der Uni Hamburg gucken, ob es nicht möglich ist, ein Teilzeitstudium aufzunehmen.

Das klingt nicht so, als hätten Sie sich mit dem Beruf Fußballprofi einen Jungstraum erfüllt. 


Fußball war nie mein Masterplan. Und richtig Spaß an dem Beruf Profifußballer habe ich erst beim FC St. Pauli bekommen. In dem Klub geht es zwar professionell um Fußball, und das ist wichtig, aber jeder Spieler hat dennoch die Möglichkeit, seine anderen Ichs ein bisschen zu beschäftigen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es bei anderen Vereinen nicht so ist. Die Entscheidung zum FC St. Pauli zu gehen, war insofern eine der besten meines Lebens. Denn heute steht Fußball bei mir an erster Stelle – direkt nach Familie und Freunden. Aber ganz ehrlich: Ich habe in meiner Jugend niemals daran gedacht, eines Tages Interviews zu geben und darüber zu sprechen, wie meine Karriere gelaufen ist.

Sie haben nie gedacht: Ich möchte mal so werden wie Lothar Matthäus oder Thomas Häßler? Hatten Sie in Ihrer Kindheit nie Fußballidole?

Ich fand Andi Köpke cool. Ich bin in Ansbach, in der Nähe von Nürnberg groß geworden. Und der war damals der beste Torwart. So stand ich auf dem Bolzplatz und stellte mir vor, ich sei Andi Köpke. Doch eigentlich fand ich es damals schon merkwürdig, dass Fußballspieler von den Fans angehimmelt werden, dass Profis durch die Stadt gehen und sich die Leute gar nicht mehr einkriegen und hysterisch mit dem Finger auf sie zeigen.

Werden Sie auf der Straße nie nach einem Autogramm gefragt?

Selten. Wenn ich mal ein entscheidendes Tor geschossen habe, bekomme ich ab und zu mal ein Kompliment zu hören. Doch ich kenne diese Heldenverehrung im großen Stil nicht – das liegt natürlich auch daran, dass der FC St. Pauli in der 2. Liga spielt und die Gesichter der Spieler nicht ständig in den Medien präsent sind. Aber ganz ehrlich: ich will das auch gar nicht. Ich würde mich komisch fühlen als Star.

Hängt das auch damit zusammen, dass Sie mitten in der Stadt leben?

Vielleicht. Ich wohne im Schanzenviertel, und die Leute denken hier in anderen Kategorien, sie sind viel entspannter. Zudem hält der Verein die Spieler auf dem Boden: Für keinen der aktuellen Spieler vom FC St. Pauli wird – weder von den Fans, noch vom Verein – ein Thron oder dergleichen erschaffen. Es gibt somit nicht diesen klassischen Star der Mannschaft. Und die Spieler selbst merken, wie gut es dem Team damit geht. Sie fühlen sich nicht wertvoller als ihre Mitspieler, geschweige denn wichtiger als ihre Mitmenschen. Im besten Fall werden sie Teil ihrer Stadtteilkultur, gehen selbst auf die Leute zu und schaffen sich kein seltsames Paralleluniversum.

Was reizt Sie an dem Stadtteil St. Pauli?

Ich kam ja erst 2004 nach Hamburg, habe den Stadtteil St. Pauli also nicht kennen gelernt, als er noch politischer, alternativer, noch linker war. Doch ich spüre die Geschichte auf den Straßen und an den Häusern. Nicht zuletzt waren die Gegenkultur der 80er Jahre und die Häuserkämpfe in der Hafenstraße die Basis für das Entstehen der Fankultur des FC St. Pauli, wie wir sie heute kennen. Ich liebe außerdem das Gefühl von Weite, wenn man an der Elbe entlanggeht, ich liebe die vielen verschiedenen Kulturen, die der Hafen mit sich bringt oder gebracht hat. Und vor allem liebe die Musikszene: Fast jede Band, die eine Europa- oder Welttournee macht, kommt nach Hamburg.

Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft in einer anderen Stadt zu leben?

Ich vergleiche Hamburg oft mit München, wo meine Schwester lebt. Jedes Mal, wenn sie mich besucht, sagt sie: »Du hast es so gut, die Leute hier sind so cool.« Sie erzählt mir dann, dass es in München viel stärker um Oberflächlichkeiten geht. Ich glaube, ich werde meine Basis auch nach meiner Fußballkarriere in Hamburg haben.

Sie haben eine zeitlang in einer Wohngemeinschaft gelebt – ein nicht gerade typischer Wohn- und Lebensentwurf eines Fußballprofis.

Als ich nach Hamburg kam, hatte ich überhaupt keinen Plan von der Stadt. Ich schnappte mir den Stadtplan, habe geschaut, wo das Trainingsgelände liegt und bezog zunächst eine nahe gelegene Wohnung in Hamburg-Eppendorf. Ein Jahr später zog ich in das Schanzenviertel und gründete dann mit Marvin Braun, der heute in Osnabrück spielt, eine WG.

Wie kam es zu der Entscheidung, in eine WG zu ziehen?

Kurz nachdem Marvin nach Hamburg kam, fuhren wir in ein Trainingslager, wo wir uns ein Zimmer teilten. Wir verstanden uns auf Anhieb super. Ich war zu der Zeit auf Wohnungssuche, denn meine alte Wohnung sollte zu einer Eigentumswohnung renoviert werden. Und ich wusste, dass auch Marvin eine Wohnung suchte. So entschlossen wir kurzerhand eine WG zu gründen. (lacht) Das hat natürlich Vor- und Nachteile...

Nachteile sind...

...die Ticks des Mitbewohners. Ich glaube, ich bin ein schwieriger Mitbewohner.

Sie sind zu unordentlich?

Im Gegenteil: Ich bin zu ordentlich.

Sie räumten ständig auf, während sich das dreckige Geschirr von Marvin Braun zur Decke stapelte?

Wir hatten glücklicherweise eine Spülmaschine, sonst hätte das gar nicht funktioniert. Mein Problem ist einfach, dass ich nichts liegen lassen kann. Meine Freundin sagt schon ständig: »Lass doch mal die Sachen ruhen und genieß den Moment.« Kann ich aber nicht. Was man gleich erledigt, ist halt gemacht. Wenn man zum Beispiel im Wasserkocher immer ein Rest Wasser lässt, muss man Entkalkungsmittel kaufen.

Sie meinen Jahre später, wenn der Wasserkocher aus anderen Gründen längst den Geist aufgegeben hat.

Nein, nein, das geht relativ schnell. (lacht) Deshalb sage ich meiner Freundin immer: »Schütte das Wasser aus dem Wasserkocher.« Meine Freundin macht’s dennoch nie.

Reden Sie mit Ihren Freunden viel über Fußball?

Ja, klar. Ich finde das Thema nicht lästig. Ich finde es auch schön, wenn sich andere dafür interessieren und wenn meine Eltern stolz auf mich sind. Was ich nicht mag: nach Hause zu kommen und im Familienkreis dauernd im Mittelpunkt zu stehen, ständig Geschichten darüber zu hören, wer mich wo im Fernsehen gesehen hat.

Wie ist es bei Gesprächen mit Leuten, die Sie neu kennen lernen?

Irgendwann kommt es ja immer zu dem Punkt, an dem man gefragt wird: »Und was machst du so?« Normalerweise antworte ich: »Ich mache Sport«. Oder: »Ich verdiene mein Geld mit Sport.« Oftmals gucken mich die Leute perplex an: »Wieso Sport?« Wenn ich ihnen dann erzähle, dass ich Fußballprofi bin, driftet ein normales Gespräch schnell ab: »Krass, cool, erzähl mal«, sagen sie dann. Man wird plötzlich ganz anders wahrgenommen. Komischerweise. Ich versuche dann, dem Gesprächspartner irgendwie zu vermitteln, dass das alles weder dramatisch noch sensationell ist – und vor allem, dass ich auch anderes zu erzählen habe.

Sie beginnen dann ein Gespräch über Musik?

Zum Beispiel. Musik ist eine große Leidenschaft von mir. Ich würde am liebsten jeden zweiten Tag ein Konzert besuchen – das geht aber leider nicht. Manchmal ärgere ich mich schon: Etwa wenn ich erfahre, dass morgen eine Band spielt, die ich noch nie gesehen habe, ich aber weiß, dass übermorgen ein Spiel ist.

Bei welcher Band würden Sie sich sehr ärgern?

Bei Franz Ferdinand. Die waren einen Tag vor unserem Augsburg-Spiel in Hamburg. Und bei Mando Diao...

...die übrigens große Fußballfans sind. Wir haben sie vor drei Monaten in Berlin getroffen und über ihre Liebe zu IK Brage Borlänge, einem alten schwedischen Arbeiterverein, gesprochen.

Wie cool. Ich habe die noch nie live gesehen. Wenngleich das auch das Poppigste ist, was ich höre. Meine Freundin sagt immer, ich bin eine Indie-Schlampe.

Eine Indie-Schlampe?

Das ist jemand, der viele Bands gut findet, und nicht jahrelang eine einzige Lieblingsband hat. Momentan mag ich zum Beispiel die Subways. Doch ich höre auch immer wieder die Shout Out Louds, Damien Rice, The Weakerthans oder Death Cab For Cutie.

Wie werden Sie auf neue Bands aufmerksam?

Ich habe einige Freunde, die in Promo-Agenturen oder bei Labels arbeiten. Die leihen mir dann die Sachen aus, ich zieh sie mir auf den iPod. Wie das halt so geht. (lacht)

Wäre das Musikbusiness nach der Fußballzeit eine Option für Sie?

Vielleicht. Ich bin ja schon eine Art Musikmanager. (lacht) Meine Freundin singt und wir haben per Handschlag festgelegt, dass ich ihr Manager bin. Nun gründe ich ein eigenes Plattenlabel. (lacht) Nein, im Ernst, das würde zu weit gehen. Aber sie hat bereits eine Demo-CD aufgenommen – mit einem Studiogitarristen aus Berlin, der auch schon Sachen mit Sting gemacht hat.

Und nun gehen Sie bei den Plattenfirmen Klinken putzen?

Ich werde vielleicht tatsächlich zu ein paar Labels gehen. Das Grand Hotel van Cleef wäre natürlich super, Thees Uhlmann von Tomte ist ja St. Pauli-Fan. Und Marcus Wiebusch von Kettcar auch.

Denken Sie eigentlich manchmal darüber nach, wer in der Gegengerade des Millernor im Publikum steht: Neben Thees Uhlmann die ganzen alten Punkrecken von Slime über Angeschissen bis zu Razzia. Dann richtige Popstars wie Bela B oder Fettes Brot.

Nein, darüber denke ich während des Spiels nicht nach. Obwohl es natürlich schon ganz cool ist, so ein Publikum zu haben, zumal ich ja viele von denen selbst super finde. Umgekehrt gibt es manchmal seltsame Situationen bei Konzerten: Wenn etwa Bela B zu mir kommt und sagt, es sei eine große Ehre für ihn, dass ein Spieler vom FC St. Pauli bei seinem Konzert ist, denke ich: Moment mal, du bist hier der Star, ich müsste doch eigentlich vor dir auf die Knie gehen.

Spielen Sie selbst in einer Band? 

Nein, obwohl ich gerne mal würde. Ich habe mir vor einiger Zeit ein digitales Schlagzeug von der Firma Roland angeschafft. Das Gute daran: Man kann seinen iPod anschließen und zu fertigen Songs über Kopfhörer spielen. Trotzdem scheint dieses »Tock, tock« auf die Gummi-Felle sehr laut zu sein – die Nachbarn haben sich einige Male beschwert.

Demnächst geht es also in den nasskalten Proberaum-Bunker?

Wahrscheinlich. Vielleicht nehme ich auch Schlagzeugunterricht.
   
Haben Sie eigentlich manchmal das Gefühl, dass Sie in Ihrer Jugend etwas verpasst haben?

Eine Zeit lang fragte ich mich tatsächlich häufig: Ist Fußball das Ding für dich? Solltest du nicht dies oder das machen. Doch heute bin ich wirklich froh darüber, Fußballprofi zu sein. Ich werde spielen, solange die Knochen halten und solange ich ein gutes Gefühl habe. Eines weiß ich aber auch: Ich werde niemals irgendwo einen Vertrag unterschreiben, um für ein bisschen mehr Geld auf der Bank meine letzten Profijahre abzusitzen. Dafür habe ich noch zuviel vor in meinem Leben.

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