Marcel Eger im Interview

„Boah, was für coole Typen!“

Marcel Eger besuchte ein Hippie-Gymnasium, skatete und interessierte sich für Mädels. Fußball? Ein Hobby für den Lebemann. Bis er bei einem Spiel in Nürnberg die Fans des FC St. Pauli sah. Da wurde ihm klar: Für diesen Club will ich spielen! Imago
Heft #74 01 / 2008
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Marcel Eger, wann haben Sie zum ersten Mal St. Pauli als »anderen« Verein wahrgenommen?

Als Jugendlicher beim 1. FC Nürnberg. Ich habe darauf geachtet: Welche Liga spielen die jetzt? Sind sie schon wieder abgestiegen? Die waren alle ein bisschen verrückt, das war auch alles etwas anders dort. Das erste, was ich dann konkret von St. Pauli mitbekommen habe, war das Spiel 2001, als sie in Nürnberg aufgestiegen sind.

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Waren Sie im Stadion?

Ja, allerdings als Club-Fan. Dadurch, dass ich damals dort spielte, war ich dem Verein natürlich verbunden. Aber ich habe mich eine Zeitlang auch gar nicht für Fußball interessiert. Da habe ich nur ein bisschen gekickt...

Das ist so ein wenig das Manuel-Friedrich-Syndrom. Selbst hochklassig spielen, sich aber abgesehen davon nicht für den Fußball interessieren.


Nicht ganz so krass. Aber ich werde immer noch ab und zu damit aufgezogen, dass ich nicht weiß, wo genau die berühmten europäischen Stars spielen.

Bis heute?

Ja. Es gibt einfach andere Dinge, die mich mehr interessieren. Zum Beispiel jegliche Art von Indie-Musik, Konzerte und sowas.

Wer sind denn Ihre Lieblingsbands?

Arctic Monkeys, wenn es abgehen soll, und Damien Rice zum Kuscheln. Die Shout Out Louds sind die beste Band, die ich in letzter Zeit live gesehen habe. Die Erweiterung meiner iTunes-Bibliothek ist so gesehen auch eines meiner größten Hobbys.

Prädestiniert Sie das auch, für diesen Verein zu spielen?


Gute Frage. Über den Verein habe ich auch Leute kennen gelernt, die mit der Musik verbunden sind und die Konzerte veranstalten. Die hätte ich bei einem anderen Verein nicht so schnell kennen gelernt, weil die Möglichkeit, mit Fans einen ganz normalen, freundschaftlichen Kontakt zu haben, hier eher gegeben ist. Bei anderen Vereinen wird man gleich auf eine Ebene gehoben, auf der man für andere unerreichbar ist. Hier dagegen habe ich schnell Freunde gefunden, die mir auch mal Freikarten besorgen oder mich auf die Gästeliste schreiben.

Hamburg ist auch eine Stadt, in der Sie Ihre Liebe zur Musik ausleben können.

Das auf jeden Fall. Die Dichte an Locations und Konzerten und auch die Tatsache, dass alle Bands, die nach Deutschland kommen, einen Abstecher nach Hamburg machen, ist schon sehr praktisch.

Zurück zum Spiel in Nürnberg gegen St. Pauli.

Da gibt es ein Bild in dem Buch über den „Fanladen“: Die St. Pauli-Fans stehen in ihrer Kurve, das Spiel wurde gerade abgepfiffen. St. Pauli ist zusammen mit dem Club aufgestiegen. Club-Fans haben den Platz gestürmt, stehen auf dem Rasen, aber die St. Pauli-Fans dürfen nicht raus und werden abgeschottet von der Polizei. Die Clubfans wenden alle ihren Blick in eine Richtung und denken: »Boah, was sind das für coole Typen?«. Genau so habe ich es auch damals empfunden. Die sind verrückt, die sind anders, die feiern und lassen sich auch von der Polizei nicht abschrecken.

Hatten Sie in dem Moment den Wunsch, dazuzugehören?

Auf jeden Fall. Das war genau die Zeit, als ich für mich entschied, ob ich studiere oder Fußball-Profi werde. Ich war überzeugt, dass der Verein zu mir passen würde. Was dann durch Georg Volkert, der früher auch schon einmal auf St. Pauli Manager war, bestätigt wurde. Der wohnt in meinem Heimatdorf bei Ansbach. Irgendwann fragte er mich, was ich denn jetzt mache. »Ich bin jetzt beim Club«, habe ich geantwortet. Da ich als Abwehrspieler nicht die überragenden technischen Fähigkeiten habe, sagte er: »Geh zu St. Pauli. Ein abgegrätschter Ball bekommt da mehr Applaus als ein Übersteiger«.

Hatten Sie konkret den Plan, zu St. Pauli zu wechseln, oder war es eine Kette von Zufällen?

Letztendlich habe ich mich dafür entschieden. Nachdem ich bei Nürnberg gespielt hatte, bin ich zum SC Feucht gewechselt, in die Regionalliga, weil ich mich in Nürnberg nicht mehr wohl gefühlt hatte. Ich lernte dann meinen Berater, Henry Hennig, kennen. Er hat mich gefragt, was ich möchte. Ich war damals noch jung und wollte einen Tapetenwechsel für mich haben und habe ihm deswegen geantwortet, dass ich in eine schöne Großstadt möchte, zu einem Verein, mit dem ich mich wirklich identifizieren kann.

Da kamen nicht allzu viele Vereine in Frage.

Das stimmt. Hamburg hatte ich schon immer im Sinn, weil ich von vielen Leuten gehört hatte, dass es eine schöne Stadt ist. Bei einem Telefonat hat er mir gesagt: »Pass auf, du hast mehrere Möglichkeiten: Braunschweig, Lübeck, Union Berlin und bei Hamburg könntest du zu den HSV-Amateuren oder zu St. Pauli gehen«. Dann habe ich gar nicht lange überlegt.

Fühlen Sie sich im alternativen Umfeld des Klubs wohl?

Kann man sagen, denn ich stamme auch von einem Hippie-Gymnasium in Ansbach.

Hippie-Gymnasium?

Es gab drei Oberschulen bei uns in der Gegend. Auf dem einen waren die Mathestreber, das andere war das Tussi-Gymnasium, und wir waren die Alternativen. Dazu kam mein Freundeskreis: Ich bin Skateboard gefahren und habe auch nicht darauf geachtet, dass vernünftigste und professionellste Fußballleben zu führen.

Wollten Sie trotzdem immer Profi werden?


Das ist jetzt kein Spruch, aber ich habe wirklich erst hier auf St. Pauli den Spaß am Fußball entwickelt.

Aber es war nie ein konkreter Berufswunsch?


Nein, es gab nie einen Masterplan. In Nürnberg hatte ich ein Riesenglück, dass mich mein Trainer mitgeschleppt hat, in einer Phase, in der sich meine Eltern getrennt haben und ich überhaupt keinen Bock zu irgendwas hatte. Dann kamen die Mädchen und der erste Alkohol hinzu und ich hatte mit Fußball überhaupt nichts mehr am Hut.

Also war es nicht Ihr Jugendtraum?

Nein. Wenn es nicht gereicht hätte, wäre ich an die Uni gegangen und hätte studiert.

Man hatte zunehmend das Gefühl, dass der Mythos St. Pauli zu sehr marketingtechnisch ausgeschlachtet wird. Was sind aus Ihrer Sicht die Tabus?

Ich denke, dass der Bogen mit dem geplanten Verkauf des Stadionnamens überspannt würde.

Bei der Jahreshauptversammlung wurde aber beschlossen, dass der Name erst einmal nicht verkauft werden darf.

Ich glaube, dass der Verein beim Marketing noch viel mehr Geld verdienen könnte, wenn er wollte. Man hält sich mit der Marke »St. Pauli« noch zurück. Der Verein ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder schuldenfrei, auch durch die Leistungen der Mannschaft mit dem Aufstieg und den DFB-Pokalspielen. Bei der Kalkulation musste das Präsidium früher auch mal an die Schmerzgrenze gehen, um den Verein am Leben zu erhalten. Ein Beispiel sind die Retter-T-Shirts.

Die für manche auch schon über die Schmerzgrenze gingen.

Fußball ist nun einmal ein Geschäft, bei dem es um viel Geld geht.

Was wäre denn für Sie zu viel des Guten?


Ich hätte es unerträglich gefunden, wenn die sportliche Leitung uns als Mannschaft nach dem Aufstieg auseinander gerissen hätte und Spieler nur nach ihrem Namen und nach ihrer individuellen Klasse verpflichtet hätte. Spieler, die charakterlich gar nicht zum Verein und in die Mannschaft passen. Man kann also mit viel Geld Topspieler kaufen, man kann aber auch – wie es hier passiert ist - Wert darauf legen, dass der Zusammenhalt in der Mannschaft nicht gestört wird. Ich denke, das sollte auch weiterhin die Marschroute bleiben.

Wäre ein Maskottchen im Stadion denkbar?

Das wäre ganz schlimm. Eine betrunkene Astra-Flasche womöglich auch noch (lacht).

Und die neue Riesenvideoleinwand? Was hielten Sie davon, wenn dort die sechste Ecke von einer Firma präsentiert wird?

Man muss darauf achten, dass die Produkte zum Verein passen. Wenn ich selbst für irgendetwas werben sollte, würde ich auch darauf Wert legen, dass es zu mir passt und ich nicht für Ikea oder Coca-Cola mein Gesicht hingebe. Unser Präsident Corny Littmann hat auf der Mitgliederversammlung auch versichert, dass das Millerntor-Stadion nie »Easycreditarena« heißen darf.

Man darf das Band zwischen Fans und Verein eben nicht so sehr überspannen.

Die Mitglieder hätten Corny auch nicht wiedergewählt, wenn sie nicht davon überzeugt gewesen wären, dass er darauf aufpasst. Seine Wiederwahl war schließlich ein demokratischer Vorgang.

Was kann aus dem Verein in der Zukunft noch werden?


Ich hoffe, dass wir mittelfristig in der Bundesliga spielen werden, am besten zum hundertjährigen Jubiläum des Klubs. Das wäre das schönste Geschenk, das sich der Verein selbst machen kann.

Teilen sie die Ansicht, dass es besser wäre, mit dem Aufstieg noch zwei, drei Jahre zu warten?

Nein. Ich wüsste auch keine Argumente, die dafür sprächen.


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