Marc Oechler über den Club

»Bloß keine Dummheiten!«

Club-Legende Marc Oechlerwar dabei, als der 1. FC Nürnberg 1999 in einem dramatischen Saisonfinale doch noch absteigen musste. Als aktuelles Aufsichtsratsmitglied hofft er nun, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Marc Oechler über den Club

Marc Oechler, nach der 0:4-Niederlage gegen den HSV droht dem 1. FC Nürnberg der achte Bundesliga-Abstieg in der Vereinsgeschichte.

Ich habe irgendwie schon damit gerechnet, dass in Hamburg nichts zu holen ist. Das war so ein Gefühl. Aber die Mannschaft hat es immerhin noch selbst in der Hand, sich den Relegationsplatz zu sichern.

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Gegner in der Relegation wäre dann der FC Augsburg.

Das ist sicher eine gute Mannschaft. Die große Stärke des FC Augsburg liegt darin, dass das Kollektiv funktioniert.

Das war beim Club zuletzt nicht der Fall. Der Auftritt in Hamburg wirkte seltsam blutleer.

Ich kann die Enttäuschung all der Leute verstehen, die mit dem Club fiebern. Das 0:4 drückt natürlich auch auf die Stimmung innerhalb der Mannschaft. Jetzt müssen sich die Jungs zusammenreißen und am Samstag mit einem Sieg gegen Köln den ersten Schritt Richtung Klassenerhalt machen.

Sie haben zehn Jahre lang als Profi beim Club gespielt und kennen sich deshalb mit dem Thema Abstiegskampf bestens aus. Auf was kommt es in so einer Situation an?

Man muss hellwach sein und darf keine dummen Fehler machen. Wichtig ist auch, dass man seinem Nebenmann hilft. Eine Mannschaft, die im Abstiegskampf steckt, braucht keine Einzelkämpfer, sondern Teamplayer, die miteinander sprechen und sich gegenseitig unterstützen. Und natürlich muss man die Sache optimistisch angehen.

Im Club-Team 2010 stehen viele jungen Spieler. Ist das ein Nachteil in der jetzigen Lage?

Es heißt ja, es gibt nur gute oder schlechte Spieler, unabhängig vom Alter. Aber als älterer Spieler hat man im Abstiegskampf schon einen gewissen Vorteil. Weil man die verschiedensten Situationen durchlebt hat und daher weiß, auf was es ankommt. Junge Spieler haben dafür andere positive Eigenschaften, die sie in die Waagschale werfen können. Sie müssen forsch nach vorne spielen, gleichzeitig aber aufpassen, dass sie wenig Fehler machen.

Passt die Mischung beim Club?

Das wird man sehen. Aber ich bin zuversichtlich.

Das waren Sie vor elf Jahren wahrscheinlich auch. Doch dann geschah am 29. Mai 1999 Unglaubliches.

Eine ganz bittere Erfahrung. Die Erinnerungen an diesen Tagen holen einen immer wieder ein. Die Situation war damals von allen im Club und auch von den Leuten im Umfeld komplett unterschätzt worden. Wir hatten als Tabellenzwölfter vor dem letzten Bundesliga-Spieltag drei Punkte und fünf Tore Vorsprung auf den Abstiegsplatz. Jeder dachte, da kann nichts mehr schief gehen.

Ein Trugschluss.

Allerdings. So ein Vorsprung kann ganz schnell dahin schmelzen. Frankfurt hat gegen Kaiserslautern 5:1 gewonnen und wir haben zu Hause gegen Freiburg 1:2 verloren. Das war’s dann.

Punktgleich und dieselbe Tordifferenz, Frankfurt hatte aber mehr Saisontreffer erzielt und zog deshalb wie drei andere Vereine am Club vorbei.

Der unglücklichste Mensch von allen war Frank Baumann. Der hat kurz vor Schluss gegen Freiburg den Ball nicht über die Linie bekommen. Das wäre der Klassenerhalt gewesen. Den Frank hat das sehr lange beschäftigt.

Er allein war aber nicht schuld am Desaster. 

Sicher nicht. Alle haben Fehler gemacht, wir Spieler, aber auch der Trainer und die anderen Verantwortlichen im Verein. Man hätte viel konzentrierter an das letzte Spiel herangehen müssen. Stattdessen ist die ganze Woche über schon die Nichtabstiegsfeier geplant worden. Auch mannschaftstaktische Fehler sind gemacht worden. Wir sind viel zu unbekümmert ins Spiel gegangen und haben zwei Kontertore kassiert.

»Der Club is a Depp«, heißt es…

Der Satz stammt von einem Journalisten. Den möchte ich nicht kommentieren. Aber man erlebt in Nürnberg schon kuriose Dinge. Zum Beispiel dieses Phantomtor gegen Bayern von Thomas Helmer. 1994 war das, am drittletzten Spieltag.

Als der Ball am Nürnberger Gehäuse vorbeikullerte und der Schiedsrichter zur Verwunderung aller auf Tor entschied.

Unglaublich. Das Spiel ging 2:1 für Bayern aus. Ein Punkt hätte uns zum Klassenerhalt gereicht. Zwar wurde die Partie wiederholt. Aber das half uns nichts. Wir haben dann 0:5 verloren und mussten in die zweite Liga.

Mit sieben Abstiegen hält der 1. FC Nürnberg den Bundesligarekord, sehr zum Leidwesen der Fans.

Die haben es wirklich nicht immer leicht. Die Gefühlsschwankungen, denen man als Club-Anhänger ausgesetzt ist, sind extrem.

Vielleicht macht auch das den Reiz aus, Club-Anhänger zu sein. Welcher Fußball-Fan kann denn alle paar Jahre einen Aufstieg feiern?

Nein, das glaube ich nicht. Der Club-Fan will schon regelmäßig Erstliga-Fußball sehen.

Wie erobert man sich einen Stammplatz in der Bundesliga?

Indem die Mannschaft Jahr für Jahr kontinuierlich verbessert wird und dafür auch die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Das geht nur, wenn man mindestens drei Jahre in der Bundesliga übersteht. Und da tun sich die Aufsteiger einfach immer schwer, wie der Blick in die Statistik zeigt. Hätte der Club die Saison überstanden, in der er im Uefa-Cup gespielt hat, hätte er sich in der Bundesliga etabliert. Da bin ich mir sicher.


Marc Oechler

Marc Oechler ist am 11. Februar 1968 in Nürnberg-Zerzabelshof geboren und spielte bereits in der F-Jugend für den 1. FC Nürnberg. In der Saison 1988/89 lief Oechler erstmals in der Bundesliga für den Club auf und erlebte mit dem fränkischen Traditionsverein bis 1999 mehrere Auf- und Abstiege. Unter anderem trug Oechler in der Regionalliga-Saison mit seinen elf Toren maßgeblich zum Wiederaufstieg in die 2. Liga bei. Oechler, der einen eigenen Fan-Club hat, kam auf insgesamt 163 Erst- und 77 Zweitliga-Einsätze für den 1. FC Nürnberg. Nach nur einer Saison beim griechischen Erstligisten AO Kavala kehrte Oechler nach Deutschland zurück und beendete 2001 beim SC 04 Schwabach seine Fußballer-Laufbahn. Oechler wurde Finanzberater und betreut in dieser Funktion auch Club-Spieler wie Andreas Wolf. Seit Oktober 2007 sitzt die Club-Kultfigur im Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg.


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