28.10.2012

Marc-André ter Stegen über Krisen und Erwartungshaltungen

»Ein Ausrutscher? Meine Meinung ist das nicht!«

Mit Marc-André ter Stegen, dem Torwart von Borussia Mönchengladbach, kann man momentan fast Mitleid haben. Sein Team verwandelte sich binnen weniger Monate vom Abwehrbollwerk zur Schießbude der Liga. Im Interview spricht ter Stegen über die Krise, Psychologie und die Erwartungshaltung der Fans.

Interview: David Nienhaus Bild: Imago

Marc-André ter Stegen, schafft es Ihr neues Familienmitglied, ein kleiner Hundewelpe, Sie etwas von den Problemen bei Borussia Mönchengladbach abzulenken?
Für mich ist es wichtig, dass ich zu Hause nicht nur Fußball im Kopf habe. Das ist wie in jedem anderen Job. Man darf sich nicht die ganze Zeit mit dem Job beschäftigen, sondern muss auch mal runterkommen. Wir haben sehr viele Spiele in dieser Saison und deshalb ist es sehr wichtig, dass ich bei meiner Freundin und dem Hund mal abschalten kann.

Schalten Sie lieber dann ab, wenn es nicht läuft mit der Borussia – wie im Moment?
Nein, das hat nichts mit Erfolg oder Krise zu tun. Die Zeit zum Regenerieren nimmt man sich so oder so. Das ist im Fußball so, genau wie im privaten Leben. Letztlich müssen wir aber zu dem zurückfinden, was uns in der vergangenen Saison stark gemacht hat.

Davon ist nach zwei hohen Auswärtspleiten in Dortmund und Bremen momentan nichts zu sehen. Sie haben gesagt, es sei »demütigend« gewesen – müsst Ihr noch einem Fabeljahr mit Platz 4 Demut erst wieder lernen?
Uns fehlt im Moment, dass wir alles investieren. Das ist vor allem in der Defensive sehr wichtig. Demut und Demütigung lese ich immer wieder in der Presse. Aber man kann immer viel sagen oder reden. Wichtig ist, dass wir das auf dem Platz umsetzen, was wir uns vorgenommen haben. Das erfordert einen enormen Willen. Ich bin optimistisch, dass wir das noch hinbekommen, denn wir haben die fußballerische Qualität; der Wille ist das letzte Quäntchen, das dazu gehört.

Apropos »fußballerische Qualität«: Es wurde lange – bis heute eigentlich – über die Spieler gesprochen, die nicht mehr da sind. Sind Marco Reus, Dante und Roman Neustädter eine Art Alibi für Gladbach?
Wir haben ja frühzeitig gewusst, dass uns diese Spieler verlassen. Natürlich fällt uns das immer noch schwer, weil wir sehr an diesen Spielern gehangen haben. Sie waren für uns auf und neben dem Platz große Persönlichkeiten. Aber das müssen wir hinter uns lassen und dürfen das nicht als Ausrede nutzen. Die Gegenwart ist hart genug und sieht anders aus. Darauf müssen wir uns konzentrieren. Mit den neuen Spielern haben wir eine große Qualität in der Mannschaft. Die müssen wir nur endlich auf dem Platz umsetzen.

Wie sehr nervt es Sie, vom Torwart mit der »weißen Weste« (In 34 Partien nur 24 Tore in der vergangenen Saison, d. Red.) zur Schießbude der Liga zu werden?
Ich suche mir das nicht aus, dass ich die Bälle immer aus dem Netz holen muss. Die letzten beiden Auswärtsspiele haben wir wirklich auf die Mütze bekommen, das muss man auch deutlich so sagen, und das ist ein Warnschuss für uns alle. Wir müssen uns auf das fokussieren und konzentrieren, was wichtig ist: die Defensive. Wir haben in dieser Saison bislang viel zu viel zugelassen und das müssen wir abstellen.

Als Lucien Favre zur Borussia kam, hatte die Arbeit an der Kompaktheit Priorität. Wie verlernt man das als Team mit dem ähnlichen Spielermaterial binnen zwölf Monaten?
Auf dem Platz gehören elf Spieler dazu, die Defensive kompakt zu machen. Es reicht im Moment, wenn einer den Weg nicht mit nach hinten geht. Wir müssen einfach diese Wege machen, auch wenn es wehtut. Der Trainer hat es damals gesagt: »Das ist unsere Lebensversicherung« – genau wie die Bundesliga. Die Defensive ist ein großer Punkt, an dem wir arbeiten müssen.

Lass Sie sich von den vielen Gegentoren verunsichern?
Ich muss in jeder Situation wach sein und man muss eine gewisse Anspannung haben. Die vielen Gegentore bringen mich natürlich zum Nachdenken und Zweifeln. Aber eigentlich haben wir keinen Grund zum Zweifeln. Wir haben Grund zum Nachdenken. Und das Ergebnis ist einfach: Wir müssen Wege machen, die wehtun. Ganz einfach. Das ist Fußball.

So einfach klingt es nicht, wenn ihr Mitspieler Thorben Marx von »Panik« nach Ecken und Standards spricht. Können Sie das nachvollziehen?
Bei mir ist das nicht der Fall. Die Situation ist hart und bedrohlich, das ist richtig. Wir haben zwei richtige Klatschen bekommen, blöd gegen Fenerbahce verloren und wir haben gehofft, dass der Sieg gegen Frankfurt uns Aufschwung und Selbstvertrauen gibt. In der jetzigen Situation geht es nicht um einzelne Spieler, es geht vor allem um die Mannschaft. Das müssen wir begreifen, denn das ist wichtig, um eine Grundlage zu schaffen.

Das Kollektiv ist Gladbachs Lösung?
Absolut. Man hat Erfolg zusammen und man durchläuft schwierige Zeiten zusammen. In der vergangenen Saison war sich keiner zu wichtig, um extra Wege zu gehen. Kein Reus, kein Dante. Wir haben es hervorragend hinbekommen, die Defensive zu stabilisieren. Jetzt ist es so, dass manchmal nicht alle Spieler diese wichtigen Wege gehen.

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