Manuel Neuer über den BVB, Motivation und John McEnroe

»Fußball ist nie langweilig«

Manuel Neuer steht mit dem FC Bayern vor einer Rekordsaison. Doch wie langweilig ist einem Torwart mit nur acht Gegentreffern? Ein Gespräch über Konzentrationsmethoden, die Folgen des Traumas vom Finale dahoam und Tennistraining mit John McEnroe.

Manuel Neuer, wir machen uns ein bisschen Sorgen um Sie.
Das ist nicht notwendig. Mir geht es sehr gut.
 
Aber durch die herausragende Defensive des FC Bayern bekommen Sie in dieser Saison kaum etwas zu tun, trotzdem sind Sie immer so dünn angezogen. Haben Sie keine Angst vor einer Erkältung?
Keine Sorge. Auch wenn ich nicht allzu viel zu tun habe, bin ich während eines Spiels immer sehr gut beschäftigt. Das Torwartspiel erfordert heute ein bisschen mehr als nur das Abwehren von Torschüssen. Mir ist also immer ausreichend warm.
 
Wenn man so wenig auf sein Tor bekommt, ist es umso anstrengender, die Konzentration aufrecht zu erhalten. Wie machen Sie das?
Ich bin immer in Bewegung und spreche sehr viel mit meinen Vorderleuten. Schließlich trage ich die Verantwortung dafür, dass wir defensiv gut stehen. Diese Kommunikation hält meine Konzentration hoch.
 
Man sah in dieser Saison bereits Bilder, auf denen Sie sich von Thomas Müller während des Spiels warmschießen ließen. Wird Ihnen manchmal langweilig?
Fußball ist nie langweilig. Aber wenn ich eine Zeit lang nichts auf mein Tor bekomme, brauche ich das Gefühl, einen Ball in der Hand zu halten. Das ist doch normal. Oder soll ich zwanzig Minuten ruhig stehen und wenn mir der Ball durch die Finger rutscht, sagen: »Sorry, aber ich war nicht warm«?
 
Manch einer hält das für respektlos, wenn einen die Kollegen während des Spiels warmschießen.
Das verstehe ich nicht. Ich finde es normal, mich bestmöglich auf meinen Job vorzubereiten. Und ob mir jetzt Thomas Müller oder ein Balljunge ein paar Bälle zuschießt, spielt doch keine Rolle.
 
In der Liga haben Sie erst acht Gegentore bekommen. Können Sie erklären, was die Bayern-Defensive so stark macht?
Es hat ein Umdenken bei unseren Offensivspielern stattgefunden. Nach Ballverlusten schalten wir sofort auf Balleroberung um. Und jeder hat jetzt verstanden, dass er seinen Teil zur Defensivarbeit beitragen muss. Das ist der große Unterschied zum vergangenen Jahr. Wobei man nicht vergessen darf, dass wir auch da nicht so viele Gegentore bekommen haben. Aber heute ist es eben so, dass sich nicht mehr nur die Defensivspieler über ein zu Null freuen. Auch Thomas Müller oder Arjen Robben und all die anderen Offensivspieler freuen sich. Das ist eine positive Entwicklung.
 
Führen Sie in der Kabine eine Strichliste mit allen Zu-Null-Spielen, um die Kollegen zu motivieren?
Nein, das macht keinen Sinn, weil jeder von uns weiß, dass Gegentore eben zum Spiel dazugehören können. Wir wissen, dass wir jetzt nicht jedes Spiel ohne Gegentore durchkommen. Ich erinnere nur an das Spiel gegen Leverkusen, bei dem wir zwei Tore bekommen haben, für die wir eigentlich nichts können. Trotzdem versuche ich vor jedem Spiel klar anzusprechen, dass die Defensivarbeit oberste Priorität hat. Vorne haben wir sowieso so viele Topleute, die jederzeit ein Tor machen können. Darum müssen wir uns keine Sorgen machen.
 
Tut ein Gegentreffer zum 1:6, wie zuletzt gegen Bremen, trotzdem weh?
Jedes Gegentor ist ärgerlich. Aber man kann es beim Stand von 5:0 besser verschmerzen als bei einem 0:0.
 
Sind Sie nach solchen Spielen eigentlich genauso kaputt wie an Tagen, an denen Sie 15 Torchancen entschärfen mussten?
Es ist eine andere Art der Belastung. Wenn man selber mehr in Action ist, geht es irgendwann an die Physis. Spiele mit wenig Beschäftigung sind vor allem psychisch anstrengend. Das sollte man nicht unterschätzen.

Im Champions League-Finale 2012 gegen Chelsea bekamen Sie eigentlich nur einen Schuss aufs Tor. Der Kopfball von Didier Drogba war dummerweise drin...
Ich sehe das anders. An diesem Tag habe ich sehr wohl etwas zu tun bekommen.
 
Was haben Sie aus diesem Spiel mitgenommen?
Wir alle haben aus diesem Abend gelernt. Man merkt der Mannschaft heute an, dass die Motivation in jedem Spiel sehr hoch bleibt. Wir wollen alle bis zur letzten Sekunde voll da sein. In jedem Spiel gewinnen. Egal, wer der Gegner ist. Dieser Anspruch entsteht auch aus solch schlimmen Niederlagen. Dasselbe haben wir auch in der Nationalmannschaft erlebt. Die Niederlage gegen Spanien 2010 und das Ausscheiden gegen Italien bei der EM haben weh getan, unsere Mannschaft aber auch stärker gemacht. Ich gehe davon aus, beim nächsten Mal werden wir in den richtigen Momenten da sein.
 
Hat das verlorene Finale dahoam die Bayern am Ende also besser gemacht?
Wir hatten da einen sehr unglücklichen Tag und dieses Spiel nagt an einem, keine Frage. Aber wir deutschen Nationalspieler beim FC Bayern haben im letzten Jahr alles verloren. Zweiter in der Meisterschaft, im Pokal, in der Champions League und dann das Halbfinal-Aus gegen Italien. Es ist das Gesamtpaket, was man aus diesem Jahr mitgenommen hat und das heute vielleicht die paar Extraprozente bei jedem einzelnen hervorkitzelt. Denn das ist klar: So etwas wollen wir alle nicht noch einmal erleben.
 
Manche sprechen davon, dass in der jetzigen Bayern-Mannschaft bereits der Geist der 1999er Mannschaft lebt. Kann Bayern schon in diesem Jahr nach dem Champions League-Titel greifen?
Vom Geist von 1999 höre ich jetzt zum ersten Mal. Ich kann das auch nicht beurteilen, da ich 1999 nicht dabei war. Das Thema ist so weit weg, dass wir darüber nicht nachdenken. Was wir wissen, ist, dass wir auch in diesem Jahr nichts geschenkt bekommen. Natürlich wollen wir so viele Titel wie möglich. Aber jeder von uns weiß jetzt, dass es selbst dann nicht ausreicht, wenn man in einem Champions-League-Finale die 100 Prozent bessere Mannschaft ist. Wenn du nur einen Moment nicht aufpasst, kann der Titel weg sein.
 
Wie wichtig war in der jetzigen Situation der Sieg gegen Borussia Dortmund?
Wir haben alle begriffen, dass das kein normales Spiel war. Es ging auch ein bisschen darum, wer die Vormachtstellung im deutschen Fußball hat. Wir waren, wie im letzten Jahr auch, die bessere Mannschaft. Mit dem Unterschied, dass wir endlich mal wieder ein wichtiges Pflichtspiel gegen den BVB gewonnen haben.
 
Sie sprechen sehr viel auf dem Platz. Hören Sie die Mitspieler eigentlich in einem vollen Stadion?
Ich versuche immer, mit meinem lauten Organ durchzudringen, weiß aber auch, dass das manchmal nicht einmal bis zu unseren Sechsern durchdringt. Zum Glück haben wir Automatismen entwickelt, sodass meine Körpersprache manchmal als Ausdrucksmittel ausreicht.
 
Ein strenger Blick und Arjen Robben weiß, dass er den Rückwärtsgang einzulegen hat?
Ich versuche es mit Handzeichen. Das ist bisher ganz wirksam.
 
Viele Experten waren überrascht, dass Sie bei Ihrem Wechsel zum FC Bayern Toni Tapalovic als Torwarttrainer mitgebracht haben. Warum war es Ihnen so wichtig, dass er Ihr Training leitet?
Zuallererst möchte ich betonen, dass ich Toni Tapalovic nicht beim FC Bayern untergebracht habe. Er hat bereits in der Jugend und bei den Amateuren beim FC Schalke hervorragende Arbeit geleistet. Außerdem hat er auch die Ausbildung bei Lothar Matuschak (Torwarttrainer der Jugendmannschaften bei Schalke, d. Red.) durchlaufen. Deswegen habe ich Tapalovic lediglich als einen von vielen Trainern vorgeschlagen.

Bayern wollte Sie unbedingt. Den Wunsch konnte Ihnen also keiner ausschlagen.
Jupp Heynckes hat sich mit Toni an einen Tisch gesetzt und sie haben sich unterhalten. Und der Trainer ist lang genug im Geschäft, um zu wissen, worauf es bei einem Torwarttrainer ankommt. Er hätte ihn sicher nicht geholt, wenn er dabei ein schlechtes Gefühl gehabt hätte.
 
Wann ist aus dem Trainer Tapalovic Ihr Kumpel Toni geworden?
Ich war damals gerade erster Torwart beim FC Schalke, Toni ist als Nummer zwei nachgerückt. Ralf Fährmann hatte sich verletzt. Eines Tages kam Toni zu mir und sagte, dass ich bei bestimmten Sachen noch mehr trainieren müsse. Das hat mir imponiert. In der Folge sind wir dann sehr oft länger draußen geblieben und haben Extraschichten geschoben. Er hat mich gepusht und gefördert. Natürlich schweißen diese gemeinsamen Trainingseinheiten auch zusammen.
 
Was für Ihr Vorbild Edwin van der Sar der Trainer Frans Hoek war, ist für Sie also Toni Tapalovic.
Der Torwart, der ich heute bin, bin ich auch dank Toni Tapalovic. Er hat mich mitentwickelt. Ganz nebenbei glaube ich aber nicht, dass Edwin van der Sar alles Frans Hoek zu verdanken hat. Van der Sar hat seinen größten Schritt mit dem Wechsel nach England gemacht.

Der stand auch für Sie mal zur Debatte, immerhin soll Alex Ferguson sich aktiv nach Ihnen erkundigt haben.
Damals standen viele Namen im Raum. Aber ich wusste, dass ich beim FC Bayern sehr viele nette Kollegen vorfinde und in einen intakten Verein komme. Da fiel mir die Entscheidung nicht allzu schwer.
 
Mehmet Scholl berichtete zuletzt, dass das Spieltempo im Bayern-Training atemberaubend ist. Hand aufs Herz, ist das Training manchmal anstrengender als ein Bundesliga-Spiel?
Das Training ist für mich derzeit körperlich natürlich anstrengender als so manches Spiel. Bei uns ist die Intensität immer sehr hoch, weil alle sich im Training anbieten wollen und auf das Spiel vorbereiten. Da können wir keinen Eiertanz veranstalten.
 
Ihr Nachteil bei einer so starken Defensive ist, dass Sie sich seltener auszeichnen können. Da hat es ein René Adler leichter, der beim HSV manchmal unter Dauerbeschuss steht. Kann Ihnen das irgendwann zum Verhängnis werden?
Es gibt sehr viele Meinungen über Torhüter, aber es gibt eben auch viele Leute, die keine Ahnung vom Torhüterspiel haben. Es gehören nun mal mehr Dinge dazu als Paraden. Stellungsspiel, Übersicht, das Entschärfen von Situationen, bevor sie überhaupt gefährlich werden: Diese Dinge sieht der Laie nicht so schnell. Wenn ich zum Beispiel lese, dass ich immer zu weit vor dem Tor stehe, dann kann ich nur kontern, dass ich so auch sehr viel gefährliche Eins-gegen-Eins-Situation vereitle. Das sind keine Paraden, die jeder sofort als klasse Aktion erkennt. Deswegen interessiert mich das Urteil anderer nicht so sonderlich.
 
Dennoch kennen Sie auch die andere Seite. Beim FC Schalke standen Sie in Ihrer letzten Saison eigentlich immer im Mittelpunkt und rückten so immer weiter in den Fokus.
Da haben wir ordentlich gewackelt, das stimmt. Und das hat mir sicher auch geholfen. Andererseits musste ich dann beim FC Bayern lernen, dass man nicht immer mit tollen Flugeinlagen glänzen muss, um ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft zu sein.
 
Zuletzt waren Sie ein bisschen angefressen, weil Ihnen René Adler im Spiel gegen Frankreich vorgezogen wurde.
Das ist doch normal! Ein Spiel gegen Frankreich ist ein Prestigeduell, bei dem man sich mit den Besten der Welt messen kann. Welcher deutsche Nationalspieler will da nicht spielen?
 
Mit Kevin Trapp, Oliver Baumann und Marc-André Ter Stegen wachsen hoffnungsvolle Talente nach. Spüren Sie bereits den Atem der Konkurrenz im Nacken?
Ich freue mich in erster Linie, dass wir in Deutschland eine so gute Torhüter-Ausbildung haben, die so tolle Spieler hervorbringt. Das macht mich stolz. Ich gucke den Jungs gerne zu und freue mich auf den Konkurrenzkampf.
 
Das Torwartspiel hat sich vor knapp 20 Jahren grundlegend verändert. Danach galt lange jeder Torwart als modern, der mal den Sechzehner verlässt. Hat sich das Torwartspiel seitdem eigentlich gar nicht weiterentwickelt?
Natürlich gibt es Nuancen, die sich immer wieder verschieben. Das liegt auch immer an der Mannschaft, in der man gerade spielt. Generell denke ich aber, dass das Torwartspiel derzeit auf einem sehr hohen Level ist, schwerwiegende Veränderungen erwarte ich nicht. Man kann zwar viele Dinge ausprobieren, die Frage ist aber immer, ob der Trainer davon so begeistert ist.
 
Immerhin sollen Sie Tennis in Ihre Trainingsarbeit einbinden. Klingt zumindest nach einer innovativen Methode.
Tennis spielen ist für Torhüter nicht verkehrt. Gerade in puncto Raumbeherrschung und Schrittwechsel kann das eine sinnvolle Trainingseinheit sein.
 
Gegen wen spielen Sie denn so?
John McEnroe!
 
Ernsthaft?
Nein.
 
Haben Sie denn wenigstens Bayern-Edelfan Boris Becker schon einmal zu einem Match herausgefordert?
Nein. Ich will mich da auch nicht aufdrängen. Ich denke, ich habe auch noch nicht ganz sein Niveau erreicht. Er muss also noch etwas warten. (lacht)

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