Manni Breuckmann über das Revierderby

»Es brodelte in mir«

Für viele ist er »die Stimme des Ruhrgebiets«, wohl keiner hat für den Hörfunk öfter das Revierderby moderiert als er: Manni Breuckmann. Im Interview spricht er über sein schönstes Derby, die Ultras und Farfans Schuhe. Manni Breuckmann über das Revierderby
Heft#99 02/2010
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In der jüngeren Vergangenheit stachen zwei Derbys hervor: Das 1:0 für Schalke durch ein Tor in der letzten Minute von Ebbe Sand 2004  und das 2:0 im Jahr 2007 für die Dortmunder, das Schalke die Meisterschaft verbaute. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Spiele?

2004 habe ich mit Sicherheit übertragen, aber bis auf den Paukenschlag in der letzten Minute nicht mehr so in Erinnerung. Aber an das Spiel aus dem Jahr 2007 kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das fiel nicht nur wegen der Konstellation aus dem Rahmen, sondern weil es eine unglaubliche Gehässigkeit gab. Und diese mehr auf Seiten der Dortmunder. Schalke hatte ja die Phantasie, Meister zu werden und gleichzeitig Dortmund in die zweite Liga zu schießen. Dazu kam es nicht. Aber selbst nach dem Spiel hatten sich die Dortmunder immer noch nicht beruhigt. Das führte soweit, dass über dem Schalker Vorsitzenden Gerd Rehberg Bierbecher entleert wurden. Das war ein absoluter Hass, auch auf den besseren Plätzen.

Hatten Sie das in dieser Form bei vorherigen Derbys schon einmal erlebt?


Es fiel aus dem Rahmen. Zehn Jahre vorher hatte man sich in den Armen gelegen, als Schalke und Dortmund innerhalb von 14 Tagen beide Europapokalsieger wurden. Da wurde „Ruhrpott“ skandiert und es gab einen  Schulterschluss. Dieser Schulterschluss war mir schon fast zu viel. Es geht bei diesen Derbys immer darum, eine Balance zu finden zwischen Gehässigkeit und Rivalität. Wenn man es richtig ernst nimmt, wird es gefährlich. Einige aus der Ultra-Szene nehmen es als Aufhänger, gewalttätig zu werden.

1992 wurde ein Fan beim Derby erstochen, in den Achtzigern kam es zu Auseinandersetzungen. Ende der Neunziger entwickelten die Städte im Ruhrpott dann eine gemeinsame Identität und in den letzten Jahren verschärft sich die Rivalität wieder. Hängt diese Aufnahme des Derbys dann auch immer mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen?


Das in Beziehung zu setzen zu allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen geht mir in den meisten Fällen zu weit. Es hat zum Ende der Neunziger eine ziemlich hohe Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet gegeben. Da gab es auch ziemlich hohe soziale Konflikte und es hat sich nicht auf den Fußball übertragen. Ich habe jetzt im Jahr 2008 beim Derby Ultras gesehen, die mit Steinen auf einen Bus mit friedlichen anderen Fans geworfen haben. Das sind gewaltbereite Fans, da sehe ich keine Parallele zu dem, was sich in der Gesellschaft abspielt. Die Fanszene hat sich entwickelt hin zu diesen heterogenen Ultras, die sich erstrecken vom friedlichen Fan, der Choreografien macht, bis hin zum „schwarzen Block“. Da gilt es, die Öffentlichkeit aufzuklären, dass ein Ultra nicht gleich Hooligan ist.

Wird da aus Ihrer Sicht zu sehr pauschalisiert?


Absolut. Bei Hooligans wusste man immer: Die sind gewaltbereit. Allerdings hatte ich einmal ein Gespräch mit jemandem vom Fanprojekt des BVB; dort wurde mir erzählt, dass bei Dortmunds verpasster Meisterschaft 1992 die härtesten Hools am lautesten geheult hätten. Da gab es welche, die dem Fußball verbunden waren, aber trotzdem draufgehauen haben. Bei den Ultras muss man aufpassen, dass man nicht alle über einen Kamm schert. Diese ganze Entwicklung lässt sich gerade bei den Derbys immer ganz gut ablesen. Meine Wunschvorstellung ist wirklich, dass es eine gesunde Rivalität gibt. Man kann dem anderen ruhig das Schwarze unterm Fingernagel missgönnen, aber man sollte an einem Punkt Halt machen, an dem das Ganze in Gewalt ausartet.

Was war denn Ihr schönstes Derby?

(wie aus der Pistole geschossen) Das war am 15. August 1993. Schalke hat gewonnen durch ein Tor von Youri Mulder in der 79. Minute. Nach diesem Spiel habe ich nämlich meine jetzige Frau kennengelernt, das heißt: näher kennengelernt. Sie arbeitete auch beim WDR und ich habe sie an diesem Tag zur Reportage mitgenommen.

Wie war Ihr erstes Derby?


Ich weiß ganz genau, dass ich eins gesehen habe im Stadion Rote Erde Ende der sechziger Jahre. Ich hatte bei dem Spiel zwischenzeitlich meinen Platz in der Nordkurve verlassen, weil ich pinkeln musste. Folglich habe ich nicht mehr viel von dem Spiel gesehen, da ich 80 Minuten hinter einer wabernden Menschenmasse stand. Es ging unentschieden aus.

Wie sehr viele Derbys.

Ja, gerade um die Jahrtausendwende gab es viele Derbys, bei denen sich das große Ballyhoo, das vorher veranstaltet wurde, in Luft auflöste. Da hing man sich einfach an irgendwelchen  Geschichten auf und dann kam ein richtiges Luschenderby heraus.

In dieser Phase blieb Schalke sieben Jahre gegen den BVB unbesiegt. Nach dem angesprochenen Spiel von 2004 waren es dann sogar einmal 1904 Tage ohne Derbyniederlage. Jedem klingt Ihr Spruch noch in den Ohren: »An Weihnachten werden sich die Enkelkinder um den Großvater scharen, um sich erzählen zu lassen, wie es denn so war, als Dortmund das letzte Mal Schalke geschlagen hat.«

Das war schon sehr hämisch und ein Spruch, der eine Zeit lang auf Schalke herumgeisterte. Da werde ich aus der schwarz-gelben Ecke immer noch drauf angesprochen, obwohl es schon seit längerer Zeit nicht mehr aktuell ist.

Sie haben schon einmal durchklingen lassen, dass Sie eine Schwäche für blau-weiss haben. Man hat es Ihnen nie angemerkt. Fiel es denn schwer, diese Schwäche zu verbergen?

So verrückt das klingen mag: Es fiel mir überhaupt nicht schwer. Ich habe mir eine gewisse Distanz zum Fußball aufgebaut. Es klingt wahnsinnig, aber ich kann den Fußball nicht so 120%ig ernst nehmen. Es gab ganz wenige Augenblicke, in denen ein Fußballspiel mich total in seinen Bann gezogen hat. Sprechen Sie mich jetzt bloß nicht auf 2001 an, da war es etwas anderes, da habe ich den Pfad der Neutralität auch vorübergehend verlassen. Daraus resultiert, dass ich bei einem Derby zwischen Schalke und Dortmund nie, nie, nie zu erkennen geben darf, welcher Seite ich angehöre. Dann hätte ich 2008 sagen müssen, wie es in mir brodelte, wie sauer ich war auf diese blöden Schalker, die einen 3:0-Vorsprung im Westfalenstadion noch vergeigten. Das habe ich nicht gemacht und das darf man ja auch nicht machen. Ich mache es für die ganze ARD, da muss ich neutral bleiben. Ich bin nicht Norbert Dickel, der ein Fanradio betreibt.

Können denn Internetradios wie das BVB-Radio mit Norbert Dickel Konkurrenz für den Hörfunk sein?


Nein. Allein deswegen nicht, weil sie nun einmal absolut Partei ergreifen. Wer will, kann das hören. Ich finde es unsäglich, weil es teilweise ins Unsportliche geht. Da wird bei einem klaren Foul gefragt: »Wie kann der denn Elfmeter pfeifen?« Ich glaube nicht, dass ein Fan, der auch als Fan ernst genommen werden will, so etwas will. Ein Kollege aus Rostock hat auch einmal im Hansa-Trikot kommentiert, das finde ich auch sehr grenzwertig.

Mit dieser patriotischen, einseitigen Berichterstattung hatten Sie letztlich auch während der WM 2006 Probleme.


Da habe ich während des »Doppelpass« gemeint, dass das Spiel Deutschland gegen Polen ein armseliger Kick war. Ein Kollege hat mich dann gerügt, dass das doch jetzt nicht zählen würde und man sich doch einfach freuen sollte. Auch die »Bild« hat mich daraufhin auf Seite 1 gesetzt und geschrieben: »Manni, geh doch nach Hause«. Das habe ich sehr belustigt zur Kenntnis genommen.

Wurden nicht auch im Zuge der WM die Stadien, auch im Ruhrgebiet mit Leuten überschwämmt, die eigentlich gar nichts vom Fußball verstehen und den einfachen Leuten die Karten wegnehmen?


Wenn man die Eintrittspreise im internationalen Vergleich sieht, dann ist die Bundesliga da noch sehr human. Aber ganz klar: Die Bundesliga wird zu einem Glitzerding mit Partyfans.

Muss man, um das Revierderby wirklich mitzubekommen, nicht auch im Ruhrgebiet leben? Wenn beispielsweise schon unter der Woche an jeder Ecke darüber gesprochen wird.

Ja. Ich wohne in Düsseldorf, da wachen die Leute mit der Fortuna gerade auf. Doch im Ruhrgebiet ist es etwas komplett anderes. Ich habe eine Zeit lang in Dortmund gearbeitet, da kann man sich wirklich mit jedem stundenlang über Fußball unterhalten. Es ist zwar etwas übertrieben, wenn man beim Ruhrgebiet von der Wiege des Fußballs spricht. Aber der Fußball hat im Pott schon eine ganz andere Bedeutung als anderswo. Deswegen ärgere ich mich so sehr, dass bei Ruhr.2010 der Fußball fast überhaupt nicht berücksichtigt wurde.

Können Spieler, die aus dem Ausland kommen, die Bedeutung des Revierderbys überhaupt nachempfinden?


Man kann es ihnen sagen. Aber um das zu verstehen, muss man es über Jahre hinweg leben. Ich begrüße es sehr, wenn jetzt Spieler auf dem Platz stehen, die vorher auch in der Kurve standen wie Kevin Großkreutz und Manuel Neuer. Jefferson Farfan kam zu seinem ersten Training auf Schalke in schwarz-gelben Schuhen. Der musste erst einmal aufgeklärt werden. Aber Leute, die jahrelang dabei sind wie Dede oder Bordon, kriegen vielleicht irgendwann ein Gefühl dafür.

Schalke und Dortmund erlagen in den letzten Jahren dem finanziellen Größenwahn. War es nur Zufall, dass es diese beiden traf?


Nein, das war kein Zufall. Klammert man die Erfolge der Dortmunder in den neunziger Jahren einmal aus, dann war das Ruhrgebiet in der Spitze der Bundesliga immer dünn gesät. Also haben Leute wie Niebaum in Dortmund auf Teufel komm raus versucht, mit den Bayern auf Augenhöhe zu sein. Es gab in der Geschichte der Klubs immer irgendwelche Leute, die beanspruchten, das Sagen zu haben. Was daraus wird, sieht man an der SG Wattenscheid.

Werden Sie sich das nächste Derby im Stadion anschauen?


Vielleicht gehe ich dann einmal in den Fanblock. Ich war bisher weder auf der Südtribüne noch in der Nordkurve. Wahrscheinlich müsste ich mich dann auch daran gewöhnen, dass der Blick aufs Spielfeld viel schlechter als auf der Pressetribüne ist. Aber ich habe mir jetzt 36 Jahre in Stadien den Arsch abgefroren, eigentlich habe ich da keine Lust mehr drauf.

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