Manni Breuckmann im Interview

„Dollarzeichen in den Augen“

Die DFL gibt die Inlands-TV-Rechte ab 2009 zur Vermarktung an Leo Kirch. Viele Fans sind in Sorge: Müssen sie nun noch mehr zahlen? Ist die objektive Berichterstattung in Gefahr? Wir sprachen mit dem Journalisten Manni Breuckmann. Imago

Herr Breuckmann, was schoss Ihnen bei der Nachricht von dem neuen Vermarktungsmodell, für das Leo Kirch verantwortlich zeichnen soll, durch den Kopf?

Mein erster Gedanke war: Das ist eine Falschmeldung! Haben wir den ersten April? Ich kann es immer noch nicht so richtig glauben, dass ausgerechnet Leo Kirch wieder ins Boot geholt wird.

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War Kirchs Rückkehr wirklich so überraschend?

Ich bin kein Insider und habe auch kein Gerücht gehört. Das ging so rattenhaft schnell über die Bühne, das hat ja auch Wolfgang Holzhäuser (Mitglied des Aufsichtsrates der DFL, Anm der Red.) moniert und sich deswegen bei der Abstimmung enthalten.

Hat Kirch überhaupt das Vertrauen verdient, nachdem er vor fünf Jahren die ganze Sache schon einmal gegen die Wand gefahren hat?


Man sollte sich davor hüten, immer nur zu moralisieren. Aber wenn der Kirch da eine Insolvenz hinlegt und der Liga noch 350 Millionen Euro schuldig ist, dann weiß ich nicht, ob es irgend eine Zwangsläufigkeit gibt, die dazu führt, dass ausgerechnet der nun das Geschäft wieder machen soll. Er wird ja als Zwischenhändler tätig sein. Ich frage mich auch, warum die DFL das nicht selber kann. Offensichtlich haben sie die Dollarzeichen in den Augen gehabt. Sie verdienen ja jetzt deutlich über 500 Millionen inklusive der Auslandsvermarktung. Als sie diese Zahl im Vergleich zu den aktuellen 430 Millionen gehört haben, sind da wohl einige sofort drauf losgestürzt.

Die DFL hat bisher immer auf eine zeitnahe Berichterstattung im Free-TV gesetzt. Jetzt entscheidet ab 2009 ausschließlich der gebotene Preis. Wie kam es zu diesem Bewusstseinswandel?

Es zählen nur noch ökonomische Argumente, daran muss man sich gewöhnen. Andere Dinge sind nicht mehr relevant. Das Recht der Öffentlichkeit, zeitnah im Free-TV informiert zu werden, führt allenfalls noch ein paar Politiker auf den Plan. Es wird nur noch darum gehen, ob die Bundesligavereine Einbußen im Marketing haben. Premiere und alle anderen Pay-TV-Anbieter wünschen eine große zeitliche Distanz zwischen ihrer Darbietung und der Sportschau. Doch vielleicht fürchten die Bundesligavereine bei einer Sendezeit nach 22 Uhr zu sehr um Marketingeinkünfte.

Ligapräsident Rauball hat gesagt, für den deutschen Fußball sei diese neue Vermarktung ein großer Schritt in die Zukunft. Meint er das sportlich oder wirtschaftlich?

In erster Linie ist das eine wirtschaftliche Betrachtungsweise, die aber über das mehr zur Verfügung stehende Geld ins Sportliche umschlagen kann. Fakt ist, dass die Liga über die Fernseheinnahmen nicht so viel erlöst wie andere Ligen in Europa. Und wenn man nicht so viel Geld zur Verfügung hat, kann man auch nicht die teuren Stars kaufen.

Also bedeutet mehr Geld besseren Fußball?

Machen wir es doch mal an den Spitzenspielern fest: Hat die Bundesliga Ronaldinho? Hat die Bundesliga Messi? Kann sie die bezahlen? Nein, kann sie natürlich nicht. Und wenn sie viel Geld hat, um diese Leute zu bezahlen, dann wird es auch besseren Fußball geben. Also irgendwie hat das schon etwas mit Geld zu tun. Zwar nicht nur, aber es hängt damit zusammen.

Die DFL will mit Sirius ein fertig produziertes Bundesliga-Produkt anbieten. Wo liegen für die Sender die Vor-, wo die Nachteile bei einer solchen Fremdproduktion?

Es gibt überhaupt keine Vorteile bei dieser ganzen Geschichte. Es wäre ja genau das Gleiche, wenn die CDU von ihrem Parteitag eigene Filme produzieren würde: Zusammenfassung lang, Zusammenfassung kurz, Interview mit Merkel, Interview mit Kauder, drei Minuten bunte Bilder vom Parteiabend. Würde so ein Produkt in der ARD ausgestrahlt werden, wäre das auf dem politischen Sektor unglaublich, kaum vorstellbar. Und in der Bundesliga soll es möglich sein? Ich habe das Gefühl, dass einige der dort handelnden Herren ein Nicht-Verhältnis zur Pressefreiheit und zum Journalismus haben. Sie machen ja auch Medienboykotts ohne sich der Problematik dieser ganzen Geschichte bewusst zu sein.

Wo liegt die Gefahr?

Die Gefahr liegt in der unkritischen Berichterstattung über die Fußball-Bundesliga. Darin, dass man sie nur noch als Glanzprodukt verkauft. Es ist doch ganz klar: Wenn man über sein eigenes Ereignis, das man selber veranstaltet, auch noch selber Berichterstattung herstellt, könnte man die Tendenz haben, schön färberisch zu berichten.

Braucht der Fußball überhaupt eine kritische Berichterstattung? Es ist doch nur ein Spiel.


Sicher ist Fußball nur ein Spiel. Aber Fußball ist auch gesellschaftlich relevant und damit nicht einfach nur ein reines Spiel. Deswegen ist dort eine unabhängige Berichterstattung, die auch Fehlentwicklungen aufzeigt, äußerst wichtig. Nicht nur bei dem, was auf dem grünen Rasen abläuft, sondern auch beim Drumherum.

Wird das Radio der letzte Ort des Fußballs der journalistischen Freiheit sein?

Soweit ist es ja noch nicht. Premiere hat sich jetzt verbal geweigert, vorgefertigte Produkte zu übernehmen. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Christian Seifert (Vorsitzender der Geschäftsführung der DFL, Anm. der Red.) hat gesagt, Deutschland habe den schwierigsten Pay-TV-Markt der Welt und die Grenzen des natürlichen Wachstums seien erreicht. Was meint er damit?

Die Deutschen verfügen über überdurchschnittlich viele Fernsehprogramme und sind eigentlich nicht die typischen Pay-TV-Kunden. Das hat sich schon in der Vergangenheit gezeigt. Die Anbieter, sowohl Premiere als auch ganz besonders Arena, haben mächtig rumkrebsen müssen, um einigermaßen an Kunden zu kommen. Offensichtlich sind die Deutschen nicht so scharf darauf, für Sport, speziell für Fußballbundesliga, Geld zu bezahlen.

Schaufelt die DFL mit dieser Entwicklung ihr eigenes Grab?

Soweit würde ich nicht gehen. Man muss das mal weiter beobachten, wie das funktioniert, auch in der Berichterstattung. Aber so eine drastische Formulierung würde ich jetzt noch nicht wählen.

Wie weit kann die Schere denn noch auseinander klaffen zwischen den Fans, die bezahlen, und der Liga und den Vereinen, die kassieren?

Da ist die Grenze ziemlich bald erreicht. Es gibt ja sowieso eine starke Umorientierung - von den Fans, die in guten und in schlechten Tagen zu ihrem Verein stehen, und den Konsumenten, die für 40 Euro eine Karte kaufen und auch schon mal nach 70 Minuten das Stadion verlassen. Von der zweiten Sorte gibt es immer mehr, und diese Tendenz wird sich auch nicht umkehren.

Haben Sie eigentlich Sehnsucht nach den Sechzigern Jahren?

Nein, so eine nostalgische Romantik umflort mich nicht. Ich bin Realist genug, um die Fakten zu sehen, und die sind nun mal komplett anders. Und ich will auch nicht andauernd darüber reden, was für ein toller Fußballspieler der Uwe Seeler gewesen ist. Der Zug fährt nicht mehr zurück in die Vergangenheit.

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Manni Breuckmanns viel diskutierten Aufsatz über den modernen Fußball findet Ihr hier www.11freunde.de/bundesligen/102453 .

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