Manni Breuckmann blickt zurück

»Feierabend!«

36 Jahre lang kommentierte Manni Breuckmann die Fußball-Bundesliga. Doch nun ist Feierabend. Wir sprachen mit ihm über Bratwurst, Bier, einen ausrastenden Kaiser und sein Rentnerdasein auf Mallorca. Manni Breuckmann blickt zurück

Muss man ihn noch vorstellen? Manni Breuckmann, 57, Rundfunklegende, die »Stimme des Westens«. Mehr als 30 Jahren begleitete sein markantes Organ die Fußballspiele der Bundesliga. Am letzten Spieltag der Hinrunde beendete er seine Karriere. Grund genug mit Ihm zu sprechen. Ein Anruf, Manni wartet auf seine Möbelpacker. Die lassen auf sich warten. Zum Glück. Jetzt hat er Zeit für Fragen.

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Manni Breuckmann, stellen Sie sich vor, Sie hätten die freie Auswahl: Welches Spiel der Fußball-Geschichte würden Sie gerne noch einmal kommentieren?


Ich würde ein anderes Ergebnis auf einem anderen Platz kommentieren. Das wäre dann Schalke gegen Unterhaching 2001. Dann müsste gleichzeitig der HSV gegen Bayern München verlieren. Das würde ich brennend gerne noch einmal kommentieren.

Dieser letzte Spieltag, die Schalker Beinahe-Meisterschaft, hat sich dann doch in Ihr emotionales Gedächtnis eingebrannt…


Das ist ein Spiel gewesen, das mich doch überdurchschnittlich bewegt hat, normalerweise sehe ich solche Dinge eher cool und da muss schon viel passieren, bis mich etwas anfrisst. Gleiches gilt für 2007, als Schalke in Dortmund verloren hat und damit die Meisterschaft vergeigt hat. Das war auch nicht so schön.

Sind Sie Schalke-Fan, ohne fanatisch zu sein?
Auf jeden Fall ist eine Sympathie da. Wenn man nach mehr als drei Jahrzehnten Kommentierung noch fanatisch ist, dann muss irgendwie was schief gelaufen sein. Es ist eine Sympathie, die man aber eigentlich noch ausweiten kann: Ich habe eine generelle Sympathie für Vereine aus dem Ruhrgebiet. Da komm´ ich her, da bin ich verwurzelt.

Sie wohnen in Düsseldorf. Zählt die Fortuna da nicht auch zu Ihrem Favoritenkreis?


Nicht wirklich. Die haben sportlich und in der Vereinsführung so viel versaubeutelt. Ich wohne seit 1975 in Düsseldorf, eine enge emotionale Bindung zum Verein habe ich noch nicht feststellen können.

Aber zum VfB Marburg werden Sie doch noch eine gewisse Verbindung aufweisen können. Schließlich haben Sie von 1971-75 in Marburg Rechtswissenschaften studiert.

Auch nicht. Die hießen damals aber auch anders: VfL Marburg. Und die Sportfreunde gab es auch noch. Ich wohnte zu meiner Studentenzeit nur 300 Meter Luftlinie vom Großsportfeld entfernt, war quasi in Reichweite. Wie heißt das eigentlich jetzt?

Georg-Gassmann-Stadion, nach dem ehemaligen Bürgermeister.


Großsportfeld war auch ein ziemlich sperriger Name.

Ist der Gedanke nicht erschreckend, dass die eigene Stimme ein Fußballspiel in Millionen Wohnzimmer und Autoradios transportiert?


Ne. Das war vielleicht am Anfang so, ist aber lange lange nicht mehr der Fall. Diese Vorstellung habe ich nicht. Was ich merke: Wenn ich schlechtere und bessere Tage habe. Dann fehlt es an Formulierungskraft. Aber das ich mich erschrecke, dass meine Stimme aus Millionen Radios kommt? Nein, das nicht mehr.

Verraten Sie es uns: Was benötigt ein erfolgreicher Radiokommentator?


Er muss zunächst mal eine gute Auffassungsgabe haben, er muss relativ schnell reagieren können und in der Lage sein das, was er sieht, in Sprache umsetzen zu können. Ein gewisser Originalitätsgrad ist notwendig, er sollte nicht diese Standard-Floskeln absondern. Und er sollte sich trauen, auch drastische Urteile abzugeben, ohne dabei beleidigend zu sein. Aber er muss seine Meinung sagen zu dem Spiel, bloß nicht so angepasst reden und denken. Natürlich sollte ein erfolgreicher Kommentator, oder einer, der es werden will, eine gewisse Dynamik in der Stimme mitbringen.

Das müssen Sie uns mit Ihrer dynamischen Stimme noch näher erklären.

Sagen wir es so: Es ist förderlich für die Wahrnehmung, wenn man eine markante Stimme hat. Damit die Leute schon nach zehn Sekunden Zuhören wissen: Ah, das ist der Breuckmann, oder das ist der Hansch. Das ist schon sehr wichtig.

Hat man Ihnen denn schon vor der großen Radio-Karriere gesteckt, dass Sie eine tolle Stimme besitzen?


Nein, und eigentlich fand ich meine Stimme auch nicht so berauschend. Ehrlich gesagt, tue ich das heute noch nicht. Mir haben aber schon so viele Menschen gesagt, ich würde eine tolle Stimme besitzen, dass das wohl wahr sein muss. Jedenfalls ist meine Stimme nicht scheiße, um es mal so zu sagen. Ich kann mit Ihr ganz gut arbeiten.

Die einstige Radioikone Werner Hansch, seit mehr als zehn Jahren beim Fernsehen, hat das Medium Radio als seine große Liebe bezeichnet. Sie sind dem Funkhaus immer treu geblieben. Eine gute Entscheidung?

Ehrlich gesagt: Ich habe das keine einzige Sekunde bereut. Es gab mal die vage Möglichkeit, für die Sportschau zu arbeiten – dann hätte ich aber Konserven herstellen müssen, und ich bin kein Konservenfabrikant. Ich bin Live-Berichterstatter. Die Sportschau macht Berichte, da ist das Spiel schön längst vorbei. Dann hatte ich noch ein Angebot von Premiere. Das hätte allerdings bedeutet, irgendwo in Unterföhring in so einer Box zu sitzen und über zwei drei Bildschirme ein Fußballspiel zu kommentieren. Das ist nicht meine Art zu arbeiten. Das ist für mich eine Horrorvorstellung! Wat weiß ich, wenn da Dortmund gegen Schalke spielt, setze ich mich nicht etwa in mein Auto und fahre zum Stadion – ich steige morgens in ein Flugzeug, das mich nach München bringt und kommentiere da das Spiel. Da scheiß´ ich drauf.

Sie brauchen das Stadion.


Ja, na klar! Das ist für mich eine absolut entfremdete Tätigkeit, aus einer Box heraus den Eindruck zu vermitteln, man sei live bei einem Fußballspiel im Stadion.

Wonach muss ein Stadion riechen, wonach muss es schmecken?

Natürlich muss jedes Stadion nach einer vorzüglichen Bratwurst riechen, glücklicherweise riecht es dort noch nicht nach Popcorn! (lacht) So wie im Kino, die riechen immer nach klebrigen Popcorn. Der Geruch von Bratwurst und Bier: So muss ein Stadion riechen. Es müssen viele Menschen da sein, und die Architektur muss so gestaltet sein, das die Stimmung da ist. Ich entpuppe mich in zunehmenden Alter doch als recht konservativ: Schon so ein Stadion auf Schalke empfinde ich als zu modernistisch. Das ist wie eine Halle. Man kann es nicht vergleichen mit… jetzt hätte ich es doch fast mit dem Dortmunder Stadion verglichen (lacht). Nehmen wir lieber das Hamburger Stadion, das ist noch ein richtiges Fußballstadion.
Die sind schwer zu finden heutzutage… Absolut. Und außerdem gibt es noch weiteres Problem: Die Stadien sind sich alle viel zu ähnlich. Alte werden abgerissen und durch neue ersetzt, die sich alle sehr ähneln. 2002 war ich beim Champions-League-Finale im Glasgower Hampden Park…

(anerkennendes Raunen)


...aber auch das ist eine hochmoderne Arena, wo du nicht den Unterschied zu anderen Stadien feststellen kannst! Unglaublich.

Warum vermissen wir diese alten Fußball-Kampfbahnen so sehr? Helfen Sie uns.


So ne´ modernistische Architektur ist manchmal auch sehr kalt. Ich habe das auch im neuen Wembley-Stadion gemerkt, beim ersten Länderspiel zwischen England und Deutschland. Die haben ja noch nicht einmal diese Twin-Towers stehen gelassen! Die haben es noch nicht einmal übers Herz gebracht, die alten Türme in ihre Architektur mit einzuplanen. Das muss ich dem Architekten Norman Foster zum Vorwurf machen. Das ist ein Verrat an der Fußball-Geschichte! Zum Wembley-Stadion gehören die Twin-Towers, selbst wenn dir die Ratten aus jeder Ecke entgegen springen. Die ganze Atmosphäre war sehr kühl und interessanterweise machten die paar tausend deutschen Fans erheblich mehr Zirkus als die Engländer. Das fand ich auch schon sehr erstaunlich.

Wie kann man sich Ihre Arbeit auf der Pressetribüne vorstellen? Sie sprachen in einem Interview mal von 35 Seiten mit Statistiken, die Ihnen vor jedem Spiel auf den Platz gelegt werden…


(unterbricht) Ach, das sind jetzt sogar viel mehr! Inzwischen sind es 70 Seiten. (lacht) Vor jedem Spiel bekomme ich diese 70 Seiten in die Hände gedrückt, voll mit Statistiken, auch zu jedem einzelnen Spieler gibt es Informationen. Man guckt sich das mal an. Eigentlich könnte man zu jedem Spieler ein eineinhalb-minütiges Portrait machen, aber dabei ins Detail zu gehen wäre ja der helle Wahnsinn. Vor allem, da mit jeder Seite Statistik, die ich mehr bekomme, die Einblendungszeiten immer kürzer werden. Die meisten Einblendungen, die ich da mache, sind ja nur 45 Sekunden lang. Da kannst du ja überhaupt nichts unterbringen, ein Gaga-Zustand ist das eigentlich. Diese Vorbereitung vor dem Anpfiff dient ja auch in erster Linie dafür, sich selbst zu beruhigen. Denn wenn man gut vorbereitet ist, geht man auch wesentlich entspannter ins Spiel, viele Informationen kannst du dann trotzdem nicht unterbringen. Und außerdem: Für mich spielt die Musik auf dem Platz und nicht in den statistischen Unterlagen.

Wie war das ganz am Anfang Ihrer Karriere – sind Sie da die möglichen Spielszenen vorher in Gedanken durch gegangen? Ne. Ich habe mir immer eine Din A4-Seite ausgeschrieben, wenn ich die überhaupt voll bekommen habe. Da schreibt man sich auch während des Spiels die Torchancen auf, auch wenn das ziemlich nervig sein kann, wenn man alle Torraumszenen noch mal schildert, wenn man an der Reihe ist. Dann geht’s rein ins Spiel, wie ist der Verlauf bislang, wer ist stärker, wer ist schwächer. Es gibt ja nichts schlimmeres, als wenn 50.000 Menschen im Hintergrund aufschreien und er da am Mikro erzählt mir wat aus der 22. Minute! Ich muss am Ball bleiben, die Spielgeschehnisse schildern, das hat Vorrang.

Andere Zeiten, weniger Informationen.


Zur Weltmeisterschaft 1982 bin mit dem Kicker-Sonderheft gefahren, meine einzige Informationsquelle für das Turnier! Ich saß dann irgendwo in Galizien, Vigo und La Coruna. Es gab noch keine Mails oder so Scherze, noch nicht einmal Faxe konnte ich dort empfangen. Da musste ich aber dann plötzlich mal Peru gegen Italien kommentieren, 30 Minuten am Stück! Da drehste dann aber schnell am Rad und lernst die schöne Fähigkeit, aus Scheiße Gold zu machen, wenn es denn mal Gold war (lacht). Es hat sich also schon viel geändert, im Gegensatz zu früher.

Noch einmal zurück zu Ihrer Zeit in Marburg: Haben Sie an der Lahn auch selber aktiv Fußball gespielt? Heute gibt es hier die famose Bunte Liga mit mehr als 500 Bolzern…


Ich habe mal mitgespielt bei…, wie heißt das noch…, so ein lateinischer Name…

Sport-Dies?


Genau! Da habe ich mal mitgespielt in einer Mannschaft, die nannten sich »Die blutjungen Verführer«. Wir sind allerdings ziemlich früh ausgeschieden. Ansonsten war ich als begeisterter, wenn auch nicht begnadeter Spieler beim Hobby-Fußball zu Gange. Fünf gegen fünf auf kleine Tore auf den Lahnwiesen.

Ihr Wohnort soll auch eng mit der Anekdote um zwei Kühe verbunden gewesen sein…

Ach, ich habe in Ockershausen gewohnt, bei der Witwe Muth, ein ehemaliger Bauernhof, und aus dem Fenster konnte ich auf den weiterhin existierenden Misthaufen gucken. Einer Bekannten habe ich immer erzählt, ich müsste jeden Morgen die Kühe melken und dürfte deswegen für 50 Mark Miete wohnen. Das hat die auch voll geglaubt. Es gibt leichtgläubige Menschen. Allerdings: es kostete auch wirklich nur 50 D-Mark. Dafür stand weder eine Dusche, noch fließend warmes Wasser zur Verfügung. Warmwasser musste mit einem Tauchsieder erschaffen werden (lacht), letztlich war es grausam, aber damals war ich offenbar noch bescheiden.

In einem Gespräch mit dem WDR verriet ein alter Marburger Bekannter von Ihnen jüngst die Geschichte, wie Sie mit dem Mützen-Klau eines Verbindungsstudenten eine schöne Kneipenschlägerei provoziert hätten…

Das habe ich in meinem Buch geschrieben. Ist so aber nie passiert.

Schade.


Hätte ich aber gerne, is ja klar (lacht).

Obwohl Sie Jura studierten und sich ein Großteil der Rechtswissenschaften schon damals dem klassischen Klischee des Jura-Studenten unterworfen hatte?

Das Klima war damals sowieso anders. Der durchschnittliche Student war mindestens sozialliberal, schon eher links angehaucht. Nur bei den Juristen, den Medizinern und Volkswirten herrschte auch schon damals ein mehr konservatives Milieu vor. Ein paar Jungs sind gerne mal mit der Krawatte zur Vorlesung erschienen. Ich hatte nichts mit denen zu tun und war ganz klar auf der linken Seite. Bin ich immer noch.

Wie kommt man eigentlich als Jura-Student zum Fußball und zum Radio?

An irgendeinem Sonntag-Nachmittag 1970 gab es im WDR2 einen Aufruf, die suchten Nachwuchsreporter. Also habe ich mich beworben und bin eingeladen worden zu Probereportagen. Ich musste auf Band sprechen und der große Kurt Brumme hat sich das Ganze angehört. Und das musste so drei-, viermal machen, dann hatte ich mich zusammen mit zwei anderen gegen ungefähr hundert Mitbewerber durchgesetzt. Drei Reporter wurden letztlich ins Rennen geschickt und ich habe am Ende überlebt.

Mit der ersten Live-Reportage vom Regionalligaspiel Wattenscheid gegen Neuss als Höhepunkt…

Ganz genau. Vorher musste ich über zwei Jahre verteilt noch zwei Probereportagen machen, ehe ich auf den Sender gelassen wurde.

60 Zigaretten sollen Sie bei diesem ersten Auftritt gebraucht haben. 

Ja, da war ich noch voll drauf mit dem Rauchen.

Nicht die beste Pflege für Ihr Werkzeug, die Stimme. 


Ne, ich hatte Glück, es hat mir nicht geschadet. Manchmal ist sie mir aber auch weg geblieben. Das war ein Spiel von Fortuna Köln und plötzlich sackte mir die Stimme weg und war hinterher in den etwas lauteren Lagen nur noch piepsig. Bitter. Bei einem Tor kannst du nur still dasitzen und leise sagen: Tor. Mehr nicht. (lacht)

Was ist denn das schönste Gefühl bei einer Live-Reportage? Schon der Tooooor-Schrei, oder? 

Das Beste ist, wenn´s dramatisch wird und man live bei einem wichtigen oder sogar entscheidenden Tor dabei ist. Das ist das Beste. Wenn mir ein guter Satz zu einer bestimmten Situation einfällt, ist das schön, aber das Größte ist es tatsächlich, wenn man gerade drauf ist und das Tor fällt, man den Kollegen nicht unterbrechen muss. Außerdem sollte man die Szene, die zum Tor führt, auch klar sehen können und nicht irgendein Ding aus dem Gewühl heraus erahnen müssen.

Die Reportage vom Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2006 soll Ihnen ein architektonisches Missgeschick erschwert haben…

Stimmt. Mitten in der Pressetribüne stand einer der Pfeiler, die das Dach trugen. Der hing mir quer vor dem Blick auf den Strafraum. Ich musste immer wie ein Autist von links nach rechts pendeln… Unglaublich, und das beim Spiel Deutschland gegen Argentinien im Viertelfinale bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Das fand ich einfach nur falsch. Und das als Reporter des gastgebenden Landes! Da hätten sie doch mal – mit Verlaub – den Kollegen aus der Schweiz oder Ecuador hinsetzen können, aber nicht wenn Deutschland gegen Argentinien spielt den deutschen Radioreporter! Aber die Plätze werden schematisch von der Uefa oder der durchführenden Fernsehgesellschaft vergeben. Das kümmert die einen Dreck.

Welche Positiv- und Negativhöhepunkte aus Ihrer Karriere fallen Ihnen spontan ein?

Also ein ganz negativer Tiefpunkt war dieses Skandalspiel 1982 zwischen Deutschland und Österreich. Das musste ich zusammen mit dem jetzt schon verstorbenen Armin Hauffe kommentieren. Für uns war dieses Spiel natürlich noch schlimmer, als für den Fernsehmenschen, du musst ja immer was erzählen. Es gab aber nichts zu erzählen. Ich hätte ja liebend gerne irgendein Kochrezept zum Besten gegeben und ein paar Witze erzählt, oder so, aber ich hatte nichts auf Lager! Nach zehn Minuten – der Hrubesch hatte schon ein Tor für Deutschland erzielt – dachte ich, heute bekommen die Österreicher aber richtig ne´ Packung und dann stellten die sofort die Feindseligkeiten ein! Ich glaube, nur der Prohaska, der hatte das nicht begriffen und wollte unbedingt noch ein Tor schießen. Das war aber nicht vorgesehen an dem Tag. Später hatte ich ein Interview mit meinem Freund Mayer-Vorfelder, ich weiß gar nicht mehr welche Funktion der da schon inne hatte, auf jeden Fall sagt der mir allen Ernstes: »Was haben sie denn, es ist doch alles normal gelaufen? Die sollen doch spielen, wie sie wollen!«

Wie konnten Sie sich in so einem Moment beherrschen?

Nein, da freut man sich, dass der so etwas sagt. Das musst du als Reporter dann ganz kalt genießen. So eine ähnliche Geschichte hatte ich mal mit Franz Beckenbauer, vor seinem ersten Spiel als Teamchef bei der WM 1986 in Mexiko. Klare Vereinbarung: Ich komme vor der Abfahrt des Busses zu ihm, und er verrät mir die Mannschaftsaufstellung. Ich geh also dahin und sage: »Ja, Herr Beckenbauer, noch zwei Stunden bis zum Anpfiff (gegen Uruguay, Anm. d. Red.), wie wird die deutsche Mannschaft denn spielen?« Er brüllt mich an: »Ja, hättens im Training besser aufgepasst, dann hättens gesehen!« Der schrie mich an, war total nervös. Ich hab einfach immer schön das Mikrophon dahin gehalten und hab´ ihn da ruhig bölken lassen. Einfach aufnehmen und dann senden, fertig.

Für eine solche Kaltschnäuzigkeit bedarf es aber doch schon einer gewissen Routine, ein jüngerer Kollege hätte sich das vermutlich nicht getraut…

Schon. Das ist das Problem, es gab ja Trainer, die immer darauf gesetzt haben, die Leute einzuschüchtern. Otto Rehhagel zum Beispiel. Die haben dich dann angeblafft. Ewald Lienen war auch so ein Spezialist dafür. Wenn man lange dabei ist und eine große Routine und Selbstbewusstsein besitzt, kann man dagegenhalten, aber viele schaffen das ihr ganzes Leben nicht. Die kuschen dann. Ich würde nie kuschen! Auch wenn, wat weiß ich, Christoph Daum loslegen würde, der ist ja auch so ein Experte. Wenn der versuchen würde, mich zusammen zu falten, dann würde ich das Interview einfach abbrechen. Ich würde sagen: »Tja, Herr Daum, ich merke, das macht heute keinen Sinn, vielleicht beim nächsten Mal.« Schluss, Aus, Ende. Das ist schwer, das gebe ich zu. Für jüngere Kollegen sowieso.

Wie definieren Sie guten Sportjournalismus?

Dass man von Trainer beschimpft wird, ist eine Extremsituation, das darf man nicht vergessen. Man darf sich allerdings ums Verrecken nicht davon abbringen lassen, ein Journalist zu sein. Das geht im Journalismus der Gegenwart auch häufig verloren. Wir sind ja nicht dafür da, ein Hohelied auf die Nationalmannschaft zu singen, zu sagen, alles ist toll und klasse. Ich beurteile die Leistung. Und gerade im Fall der Nationalmannschaft beurteile ich die Leistungen natürlich mit einer gewissen Grundsympathie. Was aber nicht dazu führt, dass ich ein scheiß Spiel nicht ein scheiß Spiel nenne! Wenn die schlecht spielen, dann spielen sie schlecht. Das kann man den Leuten immer nur wieder einbläuen. Nach dem WM-Spiel gegen Polen, dem knappen 1:0-Sieg, saß ich im DSF und habe das Spiel kritisiert, es wäre nicht so doll gewesen, zum Glück fiel das späte Tor dann doch noch. Mit in der Runde saß ein Fernseh-Kollege vom Bayrischen Rundfunk, der sagt zu mir: »Wir sind doch heute nicht zum  kritisieren hier. Wir sind zum Feiern hier!« Ich sag´: »Was bist du denn für einer? Bist du ein Journalist, oder was bist du? Ich bin nicht zum Feiern hier, ich muss doch Journalist bleiben!«

Bekommen Sie nicht auch nässenden Ausschlag bei Überschriften wie „»Schwarz-rot-geil!!«?

Na, hundertprozentig. Da krieg ich Pickel. Ich stand sogar mal auf der Titelseite der »Bild«-Zeitung.

Wieso dieses?

Das war ein Ritterschlag. Ich war der »Verlierer des Tages«. »Geh doch nach Hause, Manni!«, oder so ähnlich, stand da.

Die Seite haben Sie hoffentlich eingerahmt.

Ja, na klar. Ich hatte in der »taz« gesagt, dass Fußball für mich keine patriotische Veranstaltung ist, dass ich bei Fußballspielen keine nationalen Anwandlungen kriege. Das fanden die Menschen von der »Bild« schon mal ganz schlecht. 2006 war ja auch eine Ausnahmesituation, plötzlich hauten die ja diese Nummer raus mit »schwarz-rot-geil« und kriegten sich gar nicht wieder ein. Die hatten schon schwarz-rot-goldenen Schaum vor dem Mund (lacht). Und dann haben sie mich zum »Verlierer des Tages« erklärt. Super! Das war eine richtige Auszeichnung.

Nun haben Sie das Mikro an den Nagel gehängt. Aus welchem Grund?

Das ist die berühmte Altersteilzeit, die niemand mehr so richtig kennt. Ich musste mich 2003 innerhalb von zwei Wochen entscheiden, ob ich das wollte, oder nicht. Also ist es ganz klar eine freie Entscheidung. Und ich habe ja gesagt.

Das bedeutet ganz konkret: Ab 2009 die Bundesliga-Konferenz ohne Manni Breuckmann?

Ja, genau. Feierabend! Und das Schöne ist ja, dass alle Leute zu mir sagen: »Mensch, das ist aber schade.« Ich persönlich weiß noch gar nicht, wie das sein wird, ich hätte ja auch acht Jahre später aufhören können, aber was wäre dann gewesen? Irgendwann muss mal Schluss sein, ich mache das schließlich schon extrem lange. Und ich werde ganz sicherlich nicht nur auf dem Sofa hocken und warten bis meine Frau nach Hause kommt.

Kein bisschen Wehmut?

(energisch) Natürlich! Aber die wirklich interessante Frage ist ja, zu wie viel Prozent man sich selber – und da wird’s ja fast schon philosophisch – als Manni Breuckmann, den Fußball-Reporter empfindet. Das kann es ja nicht nur sein. Da ist es wahrscheinlich sogar therapeutisch zweckmäßig, dass ich mich jetzt zurückziehe (lacht). Ich fürchte schon, dass ich mich zu einem Gutteil darüber definiere. Das ist letztlich schon sehr eindimensional, finde ich. So dramatisch wird es nicht werden, ich hatte lange Zeit mich auf den Abschied vorzubereiten.

Wo werden wir Sie im Sommer 2009 entdecken: Beim Autowaschen mit der Schlusskonferenz am Ohr oder im Stadion?

Ah, ich glaube ich gucke Premiere und gehe ins Stadion. Aber schreibt bitte, ich höre die Schlusskonferenz mit dem Schwamm in der Hand (lacht).

Wie können wir Sie überzeugen, 2009 das Finale der Bunten Liga Marburg zu kommentieren?

Das wird schon deshalb nicht möglich sein, weil ich mich den Großteil des nächsten Jahres auf Mallorca aufhalten werde. Von Februar/März bis Oktober/November.

Ausrede akzeptiert. 


Es gibt allerdings eine Horrorvorstellung. Diese Horrorvorstellung lautet: Schalke wird im Mai 2009 Deutscher Meister… Hm, da müsste ich dann mal mit unserem Programmdirektor reden, ob es da irgendeine Ausnahmeregelung gibt.

Manni Breuckmann auf Mallorca, während Schalke nach 50 Jahren wieder Deutscher Meister wird?

Uh, das könnte ich nur schwer ertragen. Das wär´ ganz bitter.

Wagen wir einen Ausblick auf den Fußball der Zukunft: Heute wird bereits durch die Bank vom »Produkt Fußball« gesprochen. Da kommt einem echten Fan doch die Galle hoch…

Wobei da die Frage ist, was ist denn überhaupt ein echter Fan? Das ist ein Definitionsproblem. Werden wir nur noch diese Partygänger haben, und stirbt der klassische Fußballfan aus? Diese kommerziellen Veränderungen sind nicht aufzuhalten, aber man muss gleichzeitig Auswüchse bekämpfen. Ob das möglich ist auf Dauer, weiß ich nicht so genau. Fußball als Produkt: Bald werden wohl auch bei uns die Spieler mit Werbung auf dem Arsch rumlaufen. Ob der Fußball dann als Volkssport, als Teil der Volks-Kultur nach wie vor begriffen wird, kann ich nicht sagen, da bin ich leider nicht sehr optimistisch. Er wird dann einfach Teil einer großes Unterhaltungsmaschinerie sein und nicht mehr.

Jetzt machen Sie uns traurig…


Die Menschen, die für den Fußball leben und ihn lieben, sind ja noch da, die gibt es noch. Die bilden auch noch keine Minderheit. Aber auch die Stadien werden immer häufiger von Eventfans überspült. Da hört man schlimme Geschichten, von Personen die mit Sponsorentickets im Stadion sind und vorsichtig nachfragen, wie viele Spieler denn nun in einer Mannschaft sind. Alles schon gehört.

Fast noch schlimmer: Ohrenbetäubende Schlagermusik aus den Lautsprechern.

Schönstes Erlebnis am zweiten Spieltag der Saison: Als beim Spiel Dortmund gegen Bayern die Lautsprecheranlage vor dem Spiel zehn Minuten lang ausfiel! (triumphierend) Du konntest die Fangesänge hören! Es war der helle Wahnsinn (lacht).

Das wäre doch eine Aufgabe für Sie nach dem Urlaub auf Mallorca: Die Lautsprecher-Kabel mit der Kneifzange kappen!


Ja! Oder noch besser: den lustigen Nationalmannschafts-Stadionsprecher fesseln und knebeln.



Manfred »Manni« Breuckmann


geb. am 11. Juni 1951 in Datteln; 1969-75: Studium der Rechtswissenschaften in Bochum und Marburg; 7. Mai 1972: erste Live-Übertragung für den Rundfunk; seit 1972: Mitglied der ARD-Samstagskonferenz, 1979-1982: Festanstellung beim WDR, landespolitischer Korrespondent, Gerichtsreporter; 1988: Buch »Rote Karte für Pommes«, 2006: Buch »Mein Leben als jugendlicher Draufgänger«.

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