19.12.2008

Manni Breuckmann blickt zurück

»Feierabend!«

36 Jahre lang kommentierte Manni Breuckmann die Fußball-Bundesliga. Doch nun ist Feierabend. Wir sprachen mit ihm über Bratwurst, Bier, einen ausrastenden Kaiser und sein Rentnerdasein auf Mallorca.

Interview: Alex Raack und Dominik Steinhoff Bild: imago
Das müssen Sie uns mit Ihrer dynamischen Stimme noch näher erklären.

Sagen wir es so: Es ist förderlich für die Wahrnehmung, wenn man eine markante Stimme hat. Damit die Leute schon nach zehn Sekunden Zuhören wissen: Ah, das ist der Breuckmann, oder das ist der Hansch. Das ist schon sehr wichtig.

Hat man Ihnen denn schon vor der großen Radio-Karriere gesteckt, dass Sie eine tolle Stimme besitzen?


Nein, und eigentlich fand ich meine Stimme auch nicht so berauschend. Ehrlich gesagt, tue ich das heute noch nicht. Mir haben aber schon so viele Menschen gesagt, ich würde eine tolle Stimme besitzen, dass das wohl wahr sein muss. Jedenfalls ist meine Stimme nicht scheiße, um es mal so zu sagen. Ich kann mit Ihr ganz gut arbeiten.

Die einstige Radioikone Werner Hansch, seit mehr als zehn Jahren beim Fernsehen, hat das Medium Radio als seine große Liebe bezeichnet. Sie sind dem Funkhaus immer treu geblieben. Eine gute Entscheidung?

Ehrlich gesagt: Ich habe das keine einzige Sekunde bereut. Es gab mal die vage Möglichkeit, für die Sportschau zu arbeiten – dann hätte ich aber Konserven herstellen müssen, und ich bin kein Konservenfabrikant. Ich bin Live-Berichterstatter. Die Sportschau macht Berichte, da ist das Spiel schön längst vorbei. Dann hatte ich noch ein Angebot von Premiere. Das hätte allerdings bedeutet, irgendwo in Unterföhring in so einer Box zu sitzen und über zwei drei Bildschirme ein Fußballspiel zu kommentieren. Das ist nicht meine Art zu arbeiten. Das ist für mich eine Horrorvorstellung! Wat weiß ich, wenn da Dortmund gegen Schalke spielt, setze ich mich nicht etwa in mein Auto und fahre zum Stadion – ich steige morgens in ein Flugzeug, das mich nach München bringt und kommentiere da das Spiel. Da scheiß´ ich drauf.

Sie brauchen das Stadion.


Ja, na klar! Das ist für mich eine absolut entfremdete Tätigkeit, aus einer Box heraus den Eindruck zu vermitteln, man sei live bei einem Fußballspiel im Stadion.

Wonach muss ein Stadion riechen, wonach muss es schmecken?

Natürlich muss jedes Stadion nach einer vorzüglichen Bratwurst riechen, glücklicherweise riecht es dort noch nicht nach Popcorn! (lacht) So wie im Kino, die riechen immer nach klebrigen Popcorn. Der Geruch von Bratwurst und Bier: So muss ein Stadion riechen. Es müssen viele Menschen da sein, und die Architektur muss so gestaltet sein, das die Stimmung da ist. Ich entpuppe mich in zunehmenden Alter doch als recht konservativ: Schon so ein Stadion auf Schalke empfinde ich als zu modernistisch. Das ist wie eine Halle. Man kann es nicht vergleichen mit… jetzt hätte ich es doch fast mit dem Dortmunder Stadion verglichen (lacht). Nehmen wir lieber das Hamburger Stadion, das ist noch ein richtiges Fußballstadion.
Die sind schwer zu finden heutzutage… Absolut. Und außerdem gibt es noch weiteres Problem: Die Stadien sind sich alle viel zu ähnlich. Alte werden abgerissen und durch neue ersetzt, die sich alle sehr ähneln. 2002 war ich beim Champions-League-Finale im Glasgower Hampden Park…

(anerkennendes Raunen)


...aber auch das ist eine hochmoderne Arena, wo du nicht den Unterschied zu anderen Stadien feststellen kannst! Unglaublich.

Warum vermissen wir diese alten Fußball-Kampfbahnen so sehr? Helfen Sie uns.


So ne´ modernistische Architektur ist manchmal auch sehr kalt. Ich habe das auch im neuen Wembley-Stadion gemerkt, beim ersten Länderspiel zwischen England und Deutschland. Die haben ja noch nicht einmal diese Twin-Towers stehen gelassen! Die haben es noch nicht einmal übers Herz gebracht, die alten Türme in ihre Architektur mit einzuplanen. Das muss ich dem Architekten Norman Foster zum Vorwurf machen. Das ist ein Verrat an der Fußball-Geschichte! Zum Wembley-Stadion gehören die Twin-Towers, selbst wenn dir die Ratten aus jeder Ecke entgegen springen. Die ganze Atmosphäre war sehr kühl und interessanterweise machten die paar tausend deutschen Fans erheblich mehr Zirkus als die Engländer. Das fand ich auch schon sehr erstaunlich.

Wie kann man sich Ihre Arbeit auf der Pressetribüne vorstellen? Sie sprachen in einem Interview mal von 35 Seiten mit Statistiken, die Ihnen vor jedem Spiel auf den Platz gelegt werden…


(unterbricht) Ach, das sind jetzt sogar viel mehr! Inzwischen sind es 70 Seiten. (lacht) Vor jedem Spiel bekomme ich diese 70 Seiten in die Hände gedrückt, voll mit Statistiken, auch zu jedem einzelnen Spieler gibt es Informationen. Man guckt sich das mal an. Eigentlich könnte man zu jedem Spieler ein eineinhalb-minütiges Portrait machen, aber dabei ins Detail zu gehen wäre ja der helle Wahnsinn. Vor allem, da mit jeder Seite Statistik, die ich mehr bekomme, die Einblendungszeiten immer kürzer werden. Die meisten Einblendungen, die ich da mache, sind ja nur 45 Sekunden lang. Da kannst du ja überhaupt nichts unterbringen, ein Gaga-Zustand ist das eigentlich. Diese Vorbereitung vor dem Anpfiff dient ja auch in erster Linie dafür, sich selbst zu beruhigen. Denn wenn man gut vorbereitet ist, geht man auch wesentlich entspannter ins Spiel, viele Informationen kannst du dann trotzdem nicht unterbringen. Und außerdem: Für mich spielt die Musik auf dem Platz und nicht in den statistischen Unterlagen.

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