Manfred Manglitz wird 70

»Butt hat mich kopiert«

Seine Aussagen brachten den Bundesligaskandal in den 70er Jahren ins Rollen, er war der erste Torwart der Bundesliga, dem ein Tor gelang, und er war ein »Lautsprecher« der Liga: Manfred Manglitz. Heute wird er 70. Ein Interview. Manfred Manglitz wird 70

Herr Manglitz, heute werden Sie 70. Wie feiern Sie?

Ich feier im kleinen Kreis mit meiner Familie. Wir leben in Spanien, und es ist unglaublich schwer, hier an einem Montagabend einen Tisch im Restaurant zu bekommen. Aber wir werden das schon hinkriegen, und es wird eine schöne Feier.

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Haben Sie nicht noch selbst ein Lokal in Spanien?

Nein, das ist nicht mehr so. Ich habe sehr viel hier gemacht, war Tennislehrer usw. Aber jetzt gönne ich mir ein bisschen Ruhe.

Wenn Sie auf Ihre Fußballkarriere zurückblicken, kommt Ihnen da ein besonderer Moment in den Kopf?

Mein erstes Länderspiel 1965. Ich wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt, weil Hans Tilkowski sich verletzt hatte. Da wurde ich noch ad hoc von Dettmar Cramer warm geschossen. Da auf dem Platz zu stehen, das war schon ein schönes Erlebnis.

Insgesamt kamen Sie jedoch nur auf vier Länderspiele. Woran lag es?

Ich war immer jemand, der frank und frei seine Meinung gesagt hat. Immer ehrlich, aber auch an Stellen, an denen andere den Mund gehalten haben. Meine Art hat einigen nicht gepasst. Helmut Schön, der damalige Bundestrainer, war ein Sachse und ich ein waschechter Kölner – das konnte nicht gut gehen.

Bereuen Sie denn, manchmal so nach vorne geprescht zu sein?

Nein, ich habe nie gelogen und mir nichts vorzuwerfen. Andere haben sich zurückgehalten, in Köln nennen wir diese Leute »Radfahrer«. Klar, die haben 20 Länderspiele gemacht. Doch ich kann in den Spiegel schauen und bin glücklich mit meiner Karriere.

Aufgrund Ihrer selbstbewussten Art hat man Ihnen schnell den Spitznamen »Cassius« verpasst in Anlehnung an Mohamed Ali alias Cassius Clay. Wann war das?

Kurz nachdem ich nach Duisburg gewechselt bin. Als Rheinländer im beschaulichen Duisburg fällt man mit einer großen Klappe nun einmal auf. In Duisburg waren sie alle bodenständig, die Jungs gingen noch auf die Hütte: Von 6 bis um 15 Uhr, danach war Training. Da kam ich mit meiner lustigen Art um die Ecke, also war schnell der Spitzname geboren.

Können Sie gut mit dem Spitznamen leben?

Ja, ich hatte damit keine Probleme. Viele große Spieler aus der damaligen Zeit haben Spitznamen verpasst bekommen: »Bomber« Müller, »Kaiser« Franz, »Ente« Lippens; das gehörte einfach dazu. Und wenn ich irgendwo in Deutschland ins Stadion kam, riefen die Leute halt »Cassius«. Da war ich schon stolz drauf.

Sie haben die Zeit in Duisburg angesprochen. 1964 ist der MSV ganz überraschend Vizemeister geworden... ...

(lacht) Was heißt hier überraschend? Ich war doch im Tor! 

Stimmt, die Defensive zu dieser Zeit ist vielfach gerühmt.

Ja, in den Jahren, als ich in Duisburg im Tor stand, kassierten wir ganz wenig Gegentreffer. In den sechs Jahren habe ich lediglich drei Spiele verpasst. Die Trainer und Mitspieler vertrauten mir. Die wussten auch, dass ich von dem Job Ahnung hatte. Ich war kein schlechter Fußballer und konnte zudem die Abwehr sehr gut dirigieren. Also war die Defensive unser großes Plus.

Sie waren ein mitspielender Torwart, wie man heute sagt. Aber so manches Mal sollen Sie auch zu weit gegangen sein.

Das stimmt schon. Ich habe auch einmal einen Ball vertändelt. Doch wenn man acht Jahre ganz oben gespielt hat, dann passieren solche Sachen. Das passiert, und ich mag keine Torhüter, die nur auf der Linie stehen. Ich habe meine Art immer durchgezogen.

Es war damals eine andere Zeit: Ihr Trainer in Duisburg, Rudi Gutendorf, hat seinen Vertrag auf einer Speisekarte unterschrieben. Wie war das bei Ihnen?

(lacht) Nein, auf einer Speisekarte habe ich nicht unterschrieben. Aber mein Wechsel zum MSV war deshalb kurios, weil ich eigentlich schon mit Schalke einig gewesen war. Dann fiel denen aber ein, dass sie Herrmann vom KSC verpflichten müssen und dass dieser Deal nur zu Stande kommen würde, wenn sie noch einen anderen Spieler zusätzlich holen würden. Da sind die Schalker ordentlich reingefallen. Dementsprechend hatten sie für mich keine Kohle mehr. Ich bin dann zum MSV und verlebte dort eine sehr schöne Zeit.

Ihr Traumverein war aber immer der 1. FC Köln, oder?

Wenn man aus Köln kommt, dann gibt es nur den FC. Doch dem damaligen Boss Franz Kremer gefiel meine Art nicht. Als dieser dann verstorben ist, konnte ich zum FC gehen. Kremer, Gott hab ihn selig, war der Alleinherrscher, und deswegen hatte er auf Leute wie mich, die auch mal den Mund aufmachten, keine Lust. So kam ich später zum 1. FC Köln, das war für mich die Erfüllung eines Traumes.

Während Ihrer Zeit in Köln waren Sie aber auch in den Bundesligaskandal verwickelt. Als Canellas die Tonbänder veröffentlichte, brachte ein aufgezeichnetes Gespräch mit Ihnen die Sache ins Rollen. Können Sie sich an das Gespräch mit Canellas erinnern?

Canellas und ich hatten ein freundschaftliches Verhältnis. Als ich bei Duisburg zwischen den Pfosten stand, wollte Canellas mich schon immer nach Offenbach holen. Als die Kickers in Not waren, hat er sich an mich erinnert. In dem Telefonat hat er mich wahrlich nicht unter Druck gesetzt. Und zuerst ging es nur um eine Siegprämie, die wir vom MSV aus Offenbach bekamen, wenn wir deren Konkurrent RW Essen schlagen würden.

Danach ging es um das Spiel Köln gegen Offenbach.

Das Spiel fand am letzten Spieltag statt. Doch ich habe bereits vor dem Anpfiff meinen Trainer gebeten, mich nicht aufzustellen – eben wegen dieser ganzen Telefongespräche. Das hat der DFB aber gar nicht berücksichtigt bei der Verhandlung. Das ist ärgerlich, aber ich werde 70, habe also auch das überlebt. Ich würde das natürlich heute nicht mehr machen. Doch es war auch nicht so, wie es Canellas darstellte. Er war genauso beteiligt und nicht nur alle anderen die »bösen Buben«. 

Sie sagten, es sei ein freundschaftliches Verhältnis zu Canellas gewesen. Waren Sie dann nicht besonders enttäuscht, als Canellas die Aufzeichnung Ihres Gesprächs öffentlich machte?

Das war die größte Enttäuschung meines ganzen Lebens. Das war eine unglaubliche Falschheit. Aber vielleicht sind Bananenhändler so und waschen ihre Hände immer in Unschuld.

In dieser Zeit gab es viele Schiebungen. Haben sich da die Bundesligaspieler auch untereinander verständigt?

Sicher, diese Gespräche gab es. Da hat aber niemand dem anderen ab- oder zugeraten. Eigentlich wusste doch jeder, dass da was lief. Auch der DFB wusste es, der hat nur später so getan, als wüsste er von nichts.

Man warf Ihnen dann vor, an Skandal-Publicity zu verdienen. Aber eigentlich wussten Sie ja damals schon Ihr Geld außerhalb des Platzes zu verdienen. Sie produzierten Torwartbekleidung, Herrenmode und besaßen Restaurants.

Insgesamt hatte ich zwölf Berufe. Ich habe von meinem Vater gutes Handwerk gelernt und davon profitiert. Ich will es mal so sagen: Ich bin immer auf die Füße gefallen.

Sie waren 1967 auch der erste Torhüter, dem in der Bundesliga ein Tor gelang.

Richtig, per Elfmeter. Das hat der Butt von mir abgekupfert. Wir spielten zu Hause mit dem MSV gegen Mönchengladbach und lagen klar zurück. Zehn Minuten vor dem Ende bekamen wir dann einen Elfmeter, und das ganze Volk schrie »Cassius«, weil es an diesem Tag eh nicht viel zu lachen hatte. Also bin ich Verrückter hin und habe den Elfer versenkt.

Was sagen Sie zur aktuellen Torhüterfrage. Ist Rene Adler die richtige Nummer Eins für Deutschland?

Ja, auf jeden Fall. Hauptsache nicht der Wiese!    

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