Manfred Knaust, der erste Fanprojektler im deutschen Fußball

»Unsere Forderung: Keine Toten mehr!«

Assis, Kutten, Rocker – als Manfred Knaust im Winter 1981 in Bremen das erste deutsche Fanprojekt auf die Beine stellte, steckte die mitbestimmende Fankultur noch in den Kinderschuhen. Wir sprachen mit dem Pionier über Adrian Maleika, Hools aus Hamburg und Ottos Alfa.

Manfred Knaust, 1981 wurde in Bremen das erste deutsche Fanprojekt ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Lutz Linnemann hast Du damals die Leitung übernommen. Wie kam es zu der Gründung?
Manfred Knaust: Der geistige Vater des Bremer Fanprojekts war Professor Narciss Göbbel, ein Kulturwissenschaftler, der bereits 1978 gemeinsam mit Studenten der Uni Bremen die Fanszene untersuchte. Ich beendete 1979 mein Studium, meine Diplomarbeit behandelte die Funktionen des Fußballs für jugendliche Fans. Ich war also ebenfalls mit der Materie vertraut, zumal ich selbst Fan von Werder war. Lutz und ich kannten uns aus der Kneipe, er arbeitete als Lehrer für Sport und Politik. Nachdem es besonders in den Jahren 1980 und 1981 bei Spielen zwischen Werder und dem HSV ziemlich geknallt hatte, rief die Bremer Sportjugend, gemeinsam mit dem Landessportbund und ausgehend von der Arbeit von Narciss Ende 1981 das Fanprojekt ins Leben. Lutz und ich übernahmen als Sozialarbeiter am 28. Dezember 1981 die angebotenen ABM-Stellen. Da waren wir nun.

Wie war die Stimmung in dieser Zeit innerhalb der Bremer Fanszene?
Manfred Knaust: Sehr angespannt. Auslöser waren Aussagen des damaligen Managers Rudi Assauer, der nach einigen gewalttätigen Übergriffen von Werder-Fans die Szene öffentlich aufforderte, solche Vorfälle der Vereinsführung zu melden. Aber Petzen fand schon damals niemand super, die Fans ignorierten Assauer. Das machte den natürlich wütend: Er kündigte an, die eigenen Fans zukünftig nicht mehr finanziell bei Auswärtsfahrten oder ähnlichen Angelegenheiten zu unterstützen. Das gab selbstverständlich noch mehr Ärger.

Nicht unbedingt optimale Start-Voraussetzungen.
Manfred Knaust: Die Fanprojektarbeit steckte eben noch in den Kinderschuhen. Unser erstes Büro war eine kleine Baracke, die zum Bremer Sportamt gehörte. Ein etwas abgewrackter Flachbau, der vorher als Umkleideraum für das Personal vom Weserstadion gedient hatte. Die Wände verschönerten wir uns selbstständig mit Korkplatten, Werder-Schals und Wimpeln. So wurde es zumindest etwas wohnlicher. Zwei Stühle, zwei Schreibtische, zwei Schreibmaschinen – fertig.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Fans?
Manfred Knaust: Ich hatte ja immerhin den Vorteil, aufgrund meiner Recherchen für die Diplomarbeit, einige Jungs aus der Szene zu kennen. Lutz und ich mussten Basisarbeit leisten: Bei Heimspielen stiefelten wir durch die Ostkurve und sprachen mit einzelnen Fans oder Gruppen, stellten uns und unsere Arbeit vor. Außerdem luden wir die Fans zu einer ersten offiziellen Veranstaltung ein – immerhin 50 Leute kamen dann auch vorbei, um mit uns zu diskutieren. Natürlich waren viele Werderaner zunächst sehr scheu gegenüber diesen Sozialarbeitern, die sich plötzlich für Fußballfans interessierten. Das Vertrauen mussten wir uns Stück für Stück erarbeiten. 

Worum ging es in den ersten Gesprächen mit den Fans?
Manfred Knaust: Sie klagten uns ihre Probleme. Die Themen haben sich bis heute nicht wirklich verändert: Stress mit der Polizei und fehlende Aufmerksamkeit vom eigenen Verein und auch interne Konflikte. Wir organisierten Treffen mit Fanklubs, Runde Tische und später AGs, um den Belangen der Fans eine Stimme zu geben.

Wie war die Bremer Fanszene 1981/82 organisiert?
Manfred Knaust: Noch bestimmten die klassischen Kuttenfans zwischen 20 und 30 das Bild in der Kurve, aber auch die Hools und Skins waren deutlich erkennbar. Außerdem hatte sich in den Jahren zuvor eine militante Gruppe von Fans aus den Kuttenträger-Fraktion abgespalten, quasi die Vorgänger der späteren Hooligans. Die hielten engen Kontakt zu einer Gruppierung aus Lübeck, das waren ziemlich harte Burschen, die sich vor allem vor und nach den Spielen gegen den HSV heftige Auseinandersetzungen mit den Hamburger »Löwen« lieferten, einem Fanklub, dessen Mitglieder größtenteils über viele Jahre Knasterfahrung verfügten.

Der HSV hatte Anfang der achtziger Jahre große Probleme, den immer größer werdenden Einfluss der Neonazis in der Kurve einzudämmen. Wie war das in Bremen?
Manfred Knaust: Auch wir hatten Probleme mit den Nazis, allerdings nicht so massiv wie in Hamburg. Der Gründer des Werder-Fanklubs »Hermannsburg« kam beispielsweise aus der deutsch-nationalen Ecke. Ich erinnere mich auch einen Typen von der DVU, der eine Zeitlang versuchte, in der Ostkurve den Rattenfänger für seine Partei zu mimen.

Wie schnell hatte sich das Fanprojekt in der Kurve etabliert? 
Manfred Knaust: Schon bald waren wir in der Szene bekannt, man schätzte unsere Arbeit, weil wir uns für die Belange der Fans gegenüber der Vereinsführung einsetzten. Außerdem sprach sich bald herum, dass Lutz und ich bei einem Auswärtsspiel in Kaiserslautern eine Gruppe Werder-Fans vor der Festnahme durch die dortige Polizei bewahrt hatten. Mehr als eine Stunde hatten wir die Beamten bequatscht, bis die die Bremer laufen ließen. 

Am 16. Oktober 1982, beim DFB-Pokalspiel gegen den Hamburger SV, wurde der Bremer Adrian Maleika von einem Stein am Kopf getroffen, einen Tag später erlag er seinen Kopfverletzungen. Wie hast Du diesen tragischen Vorfall in Erinnerung?
Manfred Knaust: Mit Adrians Tod verbinde ich noch immer eine Anekdote, die sich gut zwei Wochen vorher, im Rahmen des Heimspiels gegen den 1. FC Kaiserslautern abgespielt hat. Wegen der Fanfreundschaft zwischen Bremern und Lauterern hatten wir im Vorfeld eine große Party organisiert, sogar Otto Rehhagel tauchte auf, stellte sich auf einen Stuhl, mitten in der Menge, und hielt eine kleine Rede. Die Stimmung war überragend. Und dann dieses Pokalspiel beim HSV, der absolute Tiefpunkt. Auf dem Weg nach Hamburg hatte ich Adrian noch im Zug getroffen, mit seinen 16 Jahren war er eher ein ruhiger zurückhaltender Kerl. Am Bahnhof verloren wir uns dann, gleich nach der Ankunft gab es Stress mit den Hamburgern. Die Polizei drängte einen Teil von uns zurück in den Bahnhof, ein Teil rutschte durch die Lücke und marschierte zum Stadion. Dort war Adrian mit dabei. 

Wann hast Du von seinem Tod erfahren?
Manfred Knaust: Einen Tag nach dem Spiel bekam ich einen Anruf von einem seiner Kumpels vom Fanklub »Die Treuen«. Adrian sei gerade gestorben. Wir waren alle fassungslos. Lutz und ich trafen uns in den Tagen danach mit vielen Fans, die Stimmung drohte zu eskalieren. Einige sprachen bereits von Vergeltungsmaßnahmen. Jetzt mussten wir handeln.

Was habt ihr gemacht?
Manfred Knaust: In Absprache mit den Vereinsspitzen vom HSV und Werder organisierten wir im Dezember 1982 ein Treffen, später bekannt als »Frieden von Scheeßel«. Ich saß mit Willi Lemke, Otto Rehhagel und HSV-Manager Günter Netzer auf dem Podium, Lutz stand mittendrin im Gewühl und gab mir die ganze Zeit Zeichen. So wusste ich, wie die Stimmung im Publikum gerade war. Etwa 150 Menschen waren in den »Scheeßeler Hof« gekommen. Wir vereinbarten schließlich eine Art Waffenstillstand zwischen Bremern und Hamburgern.

Haben sich die Vereinsvertreter tatsächlich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt? 
Manfred Knaust: Otto kannte sich ja spätestens seit seinem Besuch bei unserer Party ganz gut mit der Fanszene aus, für den war die Sache definitiv auch eine Herzensangelegenheit. Einmal hatte er mich in seinem Alfa Romeo nach Hause gefahren, er wusste also über unsere Arbeit Bescheid. Lemke und Netzer wollten vor allem, dass wieder Ruhe einkehrt.

Zeigte der »Frieden von Scheeßel« denn auch eine Wirkung?
Manfred Knaust: Kurz vor dem Rückspiel am 29. Januar 1983 fuhren Lutz und ich nach Hamburg und besuchten die Mitglieder der »Löwen« in ihrem Hauptquartier, einer kleinen WG. Die Stimmung war extrem gereizt, einige Tage zuvor war einer der Anführer bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wir saßen auf dem Sofa und sagten, was wir sagen wollten: Keine Gewalt mehr, keine Verletzten, keine Toten. Wir boten den Hamburgern ein weiteres Treffen mit Bremer Fans an.

Wie waren die Reaktionen?
Manfred Knaust: Sehr gemischt. Einer der Anführer war extrem aggressiv, wahrscheinlich stand er unter Drogen. Ich glaube, wenn seine Kumpels nicht da gewesen wären, hätte der uns zerfleischt. Letztlich hatten wir aber Erfolg. Die »Löwen« waren zwar nur eine kleine Gruppe, doch wir wussten: Wenn dieser harte Kern uns eine Zusage geben würde, wäre auch der Rest der Hamburger Fanszene mit dabei. Bremer und Hamburger trafen sich, sprachen miteinander und tranken ein Bier. Alles friedlich. Für uns war das schon ein großer Erfolg.

Hielten sich die Fans denn auch beim Rückspiel an die Absprache?
Manfred Knaust: Mehr oder weniger. Einige Fangruppen wollten sich trotzdem an die Gurgel gehen, aber die Polizei hat das damals glücklicherweise verhindert. 

Im selben Jahr war eure Zeit als Mitarbeiter des Bremer Fanprojekts allerdings schon wieder vorbei.
Manfred Knaust: Unsere ABM-Stellen liefen aus, einen Festvertrag wollte man uns auch deshalb nicht geben, weil das Fanprojekt vom Landessportbund lediglich als eine Art Pilotprojekt angedacht war. Lutz und ich schrieben unseren Abschlussbericht, erhielten dafür den Bremer Förderpreis für Jugendarbeit und dann war es auch schon vorbei. Ich übernahm ein anderes Kulturprojekt bei einem Sportverein, später wurde ich EDV-Lehrer. Lutz und ich verloren uns bald aus den Augen. 1992 stieg – mittlerweile war das Fan-Projekt Bremen e.V. gegründet worden – ich ehrenamtlich als Vorstandsmitglied wieder in die Arbeit des Fanprojekts ein, bis November 2010 war ich dort als 2. Vorsitzender aktiv.

Abschließende Frage an den Fanprojekt-Pionier: Wie zufrieden bis Du mit der Arbeit Deiner Nachfolger?
Manfred Knaust: Eigentlich finde ich die Entwicklung gut und die meisten Projekte sind sehr erfolgreich, allerdings gibt es auch so genannte Fanprojekte, die aus meiner Sicht nicht wirklich welche sind. Fanprojekte haben einen pädagogischen Auftrag. Wer diesen Auftrag nicht erfüllt, der hat seine Arbeit nicht gemacht.

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