Manfred Binz über die Frankfurter Fast-Meister von 1992

»Würde die Jungs gerne in den Arm nehmen«

Wie war das eigentlich damals mit der Fast-Meisterschaft von Eintracht Frankfurt in der Saison 1991/92? Mit Manfred Binz sprachen wir über Futterneid, Partys mit Uli Stein und romantische Gefüle.

Manfred Binz, Sie waren Teil der besten Eintracht-Mannschaft aller Zeiten, die erst am letzten Spieltag der Saison 1991/92 die Meisterschaft verspielte. Was war das für ein Team? 
Manfred Binz: In dieser Saison funktionierten wir wie ein ICE. Intern brodelte es ständig, aber wenn wir auf dem Platz standen, ging die Post ab. 

 

Sie spielen darauf an, dass zwischen den einzelnen Spielern reichlich Konflikte gab.
Manfred Binz: Heute kann man sich das kaum noch vorstellen, aber es gab ständig Streit. Besonders die Differenzen zwischen Uli Stein und Andi Möller brachten Unruhe in die Mannschaft, weil diese sogar öffentlich wurden. Aber das Faszinierende war: Wir haben trotzdem fast immer Topleistungen gebracht. 

Was war das Problem zwischen den beiden? 
Manfred Binz: Sie verband eine Art Hassliebe. Natürlich gab es Futterneid, weil Andi über zwei Millionen Mark verdiente, während Uli nur 800.000 Mark kassierte. Andererseits war Uli die Respektsperson im Team, der jedem, der sich nur kurz mal hängen ließ, sofort einen Tritt in den Hintern verpasste.

Möller stand unter Beschuss, weil er immer wieder mit einem Wechsel nach Italien kokketierte. Er hatte eine Option bei Juventus Turin unterschrieben.
Manfred Binz: Natürlich haben die Gerüchte Wirkung bei der Mannschaft hinterlassen, weil wir uns darüber ärgerten. Aber es gab auch Situationen, die hart an der Grenze waren. Andi und ich hatten denselben Berater. Wenn es mal wieder kollektiv gegen ihn ging, bin ich und ein paar andere dazwischengegangen und haben deutlich gemacht, dass es eine zurück gibt, wenn das nicht aufhört. Ich weiß, das hört sich hart an, aber so ist es manchmal in einer Fußballmannschaft.

Ein anderer wichtiger Spieler war Uwe Bein. Wie verstand er sich mit Andi Möller? 
Manfred Binz: Ganz gut. Der Uwe war ein neutraler Spieler, der sich stets rausgehalten hat, selbst wenn er den Andi mochte. Er war einer, der alles beruhigte. Als ich einmal eine Auseinandersetzung mit ihm hatte, sagte er nur: »Komm, Manni, bleib ruhig« Ich kochte vor Wut, aber im Nachhinein wurde mir bewusst, dass er Recht hatte. 

Wie war Ihr Verhältnis zu Uli Stein? 
Manfred Binz: Uli hatte zwei Gesichter, wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Abseits des Platzes ein super Typ, aber auf dem Feld ständig auf Konfrontation aus. Ich erinnere mich, dass er mir abends mal im Vertrauen sagte: »Manni, Du bist unser Juwel, spielst immer, bist topfit. Wenn Du so weiter machst, wirst Du eine große Karriere in der Nationalmannschaft machen.« Als wir am nächsten Tag im Trainingsspiel hinten lagen, brüllte er: »Du Vollblinder! Du Arschloch!« Ein Weltklassekeeper, aber brutal ehrgeizig. Wahrscheinlich war Oliver Kahn der letzte Torhüter, der noch etwas von seiner Art hatte. Typen, die auch intern richtig auf die Nuss gaben. Beim heutigen Verständnis von Teamplay hätten sie es meines Erachtens schwer. 

Es gibt die Episode, dass Stein in einem Trainingsspiel Uwe Bein mit übergroßer Härte von den Beinen holte. Büst ein Spieler, der so etwas macht, nicht Respekt bei den Kollegen ein? 
Manfred Binz: Heute wäre das vielleicht so, aber wir sind anders groß geworden. Bei uns gab es auf die Ohren und dann war‘s gut. Wenn ich heute als Co-Trainer in Offenbach die jungen Leute sehe, merke ich, dass sie viel später zu Profis erzogen werden. Typen wie den Uli gibt es kaum noch, ältere Spieler die eine klare Richtung vorgeben. Daraus ergibt sich, dass auch Mitspieler im Training nicht mehr so hart attackiert werden. 

Uwe Bein sprach nach Steins Angriff zwei Wochen nicht mit ihm, dann haben sie sich versöhnt. 
Manfred Binz: Das war zu unserer Zeit üblich. Wenn sowas passiert, drehte man sich weg und spielte weiter. Allerdings war Ulis Attacke insofern extrem, weil Uwe ein genialer Techniker war und so gut wie nie aggressiv spielte.

Auch während der Punktspiele sollen bei Ihnen desöfteren die Fetzen geflogen sein. 
Manfred Binz: Einmal lagen wir zur Halbzeit in Nürnberg mit 0:1 hinten. Uli kam in die Kabine, schmiss Schuhe und Wasserflaschen durch die Gegend und brüllte rum. Am Ende gewannen wir 3:1. In der Halbzeit dachte ich noch: »Hat der sie noch alle!?«, aber hinterher wurde mir klar, dass uns seine Ansage aufgeweckt hatte. 

In solchen Momenten hielten alle anderen den Mund und Coach Stepanovic stand daneben und rauchte Zigarillo? 
Manfred Binz: So ungefähr muss man sich das vorstellen. Für einen Trainer ist es auch schwer, wenn er so einen extremen Spieler hat: Nationalspieler, Respektperson, Weltklassetorwart. Da war auch Jörg Berger machtlos. 

Für den sportlichen Leiter, Vizepräsident Bernd Hölzenbein, war die damalige Saison ein Wechselbad der Gefühle. Wenn Ihr Team spielte, ging ihm das Herz auf, aber wenn mittwochs die »Sportbild« erschien, bekam er Magenschmerzen, weil ständig interne Dinge über die Eintracht dort verhandelt wurden. 
Manfred Binz: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir es am Saisonende besser hinbekommen hätten, wenn nicht jeder Konflikt nach außen gesickert wäre.

Dem Vernehmen nach soll es aber auch eine Mannschaft gewesen sein, die sehr gut feiern konnte. 
Manfred Binz: Bei Partys waren die Gruppierungen schnell vergessen. Wir waren viel unterwegs – und da wurde zwangsläufig viel gefeiert. Ich bin sicher, dass es mehr Tage gab, an denen sich Andi und Uli außerhalb des Feldes sehr gut verstanden, als Tage, an denen sie sich zofften. 

Sie spielten einen Traumfußball, mit dem sie etwa Schalke 05 mit 5:0 aus dem Stadion schossen, doch kurz danach verloren sie im Pokal gegen eine graue Maus wie den KSC mit 0:1. 
Manfred Binz: Typisch Eintracht. Deshalb heißt es über Mannschaften, die ein schlechtes Spiel knapp mit 1:0 gewinnen, dass sie das Zeug zum Meister haben. Wir konnten entweder traumhaft gewinnen oder in Schönheit sterben. 

Welche Bedeutung hatte Dragoslaw Stepanovic für die Mannschaft, wenn Sie ihn mit dessen Vorgänger Jörg Berger vergleichen? 
Manfred Binz: Für die Zusammenstellung des Teams war vor allem Bernd Hölzenbein verantwortlich. Er hatte Ralf Falkenmayer, Uwe Bein und Andreas Möller zurückgeholt. Wir waren ein Stückweit wieder ein hessisches Team mit Jungs, die in der Umgebung geboren waren und einen Bezug zur Eintracht hatten. Wir waren junge Wilde oder willige Junge – ganz wie man will. Jörg Berger gab uns eine klare Linie, deshalb gebührt ihm an dem späteren Erfolg sicher ein großer Anteil. Aber unter seiner Führung verkrampfte die Mannschaft zusehends. Als er entlassen wurde, brachte uns »Stepi« die nötige Lockerheit zurück.

War Stepanovic per se ein guter Trainer? 
Manfred Binz: Vielleicht wären wir noch einen Tick besser gewesen, wenn jemand gekommen wäre, der schon länger in der ersten Liga gearbeitet hatte. Aber »Stepi« hat uns auf jeden Fall den Spaß am Fußball vermittelt.

Wie hat er das gemacht? 
Manfred Binz: Indem wir in jeder Trainingseinheit spielten. Als im Winter der Platz am Riederwald gefroren war, ließ »Stepi« ein beheiztes Zelt aufbauen, 30 mal 80 Meter. Dort spielten wir wochenlang immer sechs Leute von uns gegen sieben Leute von unterklassigen Mannschaften. Das Ergebnis spielte keine Rolle, »Stepi« wollte nur, dass wir draufgehen. Ein super Training.

Hat Stepanovic auch mit Ihnen öfter Einzelgespräche geführt? 
Manfred Binz: Er hat mich immer mal wieder eingefangen und von meinem hohen Ross heruntergeholt. 

War dass denn nötig? 
Manfred Binz: Wie man‘s sieht. Als wir in der Hinrunde in Wattenscheid 4:2 gewonnen hatten, kam ich in die Kabine und er sagte nur: »Du passt ja kaum noch durch die Tür, so breit ist deine Brust«. Ich wusste gar nicht, was er meint. Aber es half mir, mich zu besinnen und nicht nachzulassen. Für mich war es wichtig, mir ständig neue Ziele zu stecken. Ich sah mich auf Augenhöhe mit anderen Liberos und verstand es als Duell, wenn es gegen Mannschaften ging, in denen Matthias Sammer, Thomas Helmer oder Lothar Matthäus spielten. Ich wollte zeigen, dass ich besser bin als die – und dafür war ein Tritt in den Hintern ab und zu ganz gut. Nicht zuletzt deswegen, wurde ich zwei Jahre in Folge »bester Libero« im »Kicker«.

Wie kam die Mannschaft mit Stepanovics interessantem Dialekt zurecht? 
Manfred Binz: Dieser serbisch-kroatisch-hessische Mix war brutal für uns. Manche haben ihn kaum verstanden. Aber er hat uns trotzdem erreicht. Gleich zu Beginn meinte er: »Ihr seid keine Mannschaft!« Und bald griff dann ein Rad ins andere. Irgendwann sagte er: »Ich sage euch eins: Stein, Binz, Bein, Möller und Yeboah sind meine Achse. Der Rest läuft für euch.« Und so war das dann auch.

Manfred Binz, wir sprechen viel über die negativen Dinge dieser Spielzeit. Was ist für Sie die schönste Erinnerung an damals? 
Manfred Binz: Eigentlich waren die Monate wie ein einziger durchgehender Rausch – nur der letzte Spieltag in Rostock war der Horror. Es war bitter zu sehen, dass plötzlich kaum noch Leute zum Bankett erschienen, obwohl die Mannschaft gerade in diesem Moment die Unterstützung nötig gehabt hätte. Aber alles andere schaue mir immer noch gern auf Video an. Wieviele Leute am Tag nach der verlorenen Meisterschaft am Paulsplatz standen, war großartig!  

Blieb Ihr Verhältnis zu Uli Stein nach der gemeinsamen Zeit gestört? 
Manfred Binz: Ich habe ihn Jahre später auf dem »Sportpresseball« gesehen und wir haben uns nicht mal gegrüßt. Hinterher habe ich mich geärgert, dass ich nicht den Mumm gehabt hatte, zu ihm rüber zu gehen. Es hat dann noch Jahre gedauert, bis wir uns wieder die Hand gegeben haben. Vor kurzem hat Uli einen unserer Offenbacher Torhüter betreut – und er ließ schöne Grüße ausrichten. Das hat mich sehr gefreut. Ehrlich gesagt, würde ich die ganze Mannschaft gerne wiedersehen und die Jungs in den Arm nehmen – schließlich wollten wir doch zusammen Meister werden… 

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