Mainz-Manager Christian Heidel über Tuchel, Hoeneß und Underdogs

»Wir werden unterschätzt«

Mal wieder mausert sich Mainz 05 heimlich, still und leise zur Überraschungsmannschaft der Liga. Aber wie überraschend ist das wirklich? Wir haben mit Manager Christian Heidel über die Tuchel-Tabelle, das Underdog-Dasein und Matthias Sammer gesprochen.

Christian Heidel, fühlen Sie sich ein bisschen gekränkt, wenn man Mainz 05 als Überraschungsteam dieser Saison bezeichnet? Da schwingt doch mit, dass man Ihrer Mannschaft eine solche Entwicklung nicht zugetraut hätte?
(Lacht) Nein, da bin ich nicht gekränkt. Ich finde es bemerkenswert, wenn die Leistung unserer Mannschaft bemerkt wird.

Ärgert es Sie manchmal, dass vor allem über den FC Bayern, dann über Dortmund und vielleicht noch über Schalke oder einen kriselnden Großklub wie den HSV berichtet wird, andere Bundesligavereine wie Mainz in den Medien aber kaum Beachtung finden?
Damit kann ich leben. Ich brauche das nicht, dass jemand in der Zeitung oder im Fernsehen sagt, wie toll wir sind. Wir fühlen uns in unserer Rolle sehr wohl. Aber es geht mir schon ein bisschen auf den Zeiger, wenn beispielsweise ein FC Augsburg in Gladbach gewinnt und das am nächsten Tag in den ganzen Fußball-Talksendungen und Analysen überhaupt nicht erwähnt wird. Und wenn doch, dann heißt es, Gladbach hat einen ganz schlechten Tag erwischt und nicht dass der FCA einfach klasse gespielt hat. Vielleicht ist das aber auch die Chance von Teams wie Augsburg, Hertha oder Mainz - wir werden eben doch unterschätzt.

Im Herbst hatte Ihr Team einen Durchhänger, jetzt liegt man auf einem Europa League-Platz.
Dieser Durchhänger war Teil einer logischen Entwicklung der Mannschaft. Durch den Szalai- und den Schürrle-Transfer bot sich uns im Sommer die Chance, die Mannschaft umzubauen. Teilweise standen acht neue Spieler auf dem Feld. In den Jahren zuvor hatten wir mit dem Stadionbau in Steine  investiert, jetzt konnten wir Geld in die  Mannschaft stecken und das zahlt sich inzwischen aus. Das Team wirkt jetzt aufeinander abgestimmt. Aber das hat seine Zeit gebraucht. Wir hatten nicht einmal damit gerechnet, dass es so schnell geht.

Ist die Europa League-Qualifikation angesichts der Doppelbelastung für einen Klub wie Mainz 05 überhaupt ein erstrebenswertes Ziel?
Ich versichere Ihnen, wenn wir uns qualifizieren, dann werden wir unseren Platz nicht an einen anderen Klub verkaufen, sondern in der Europa League antreten - obwohl man ständig die Negativbeispiele vor Augen geführt bekommt. Aber schauen wir Freiburg an. Dass der SC hinten in der Tabelle steht, hat vor allem damit zu tun, dass die Mannschaft viele Leistungsträger verloren hat. Das liegt nicht an den Europa League-Spielen. Fakt ist aber auch, dass der Unterschied bei den Einnahmen aus der Champions League und der Europa League viel zu groß ist. In der Europa-League muss man die Gruppenphase überstehen, erst dann wird es lukrativ.

Es sind nur drei Punkten Rückstand auf Platz vier - da darf mn sogar von der Champions League träumen...
(Lacht) Allerdings landet man sofort wieder in der Europa League-Gruppenphase, wenn man in der Champions-Qualifikation scheitert. Aber Spaß beiseite, wenn wir jetzt beim FSV Mainz 05 anfangen, von der Champions League zu reden, dann glauben doch alle, wir hätten einen an der Klatsche.

In Mainz schaut man gerne auf die sogenannte Tuchel-Tabelle. Ist das Ihre  Erfindung?
Nein, ich weiß gar nicht mehr, wer darauf gekommen ist.

Erklären Sie uns die Tuchel-Tabelle?
Sie sagt aus, dass nur vier Klubs vor uns stehen, wenn man alle Bundesligaspiele seit Sommer 2009 kumuliert. So lange ist Thomas Tuchel Trainer unserer Profimannschaft. Das ist schon sehr bemerkenswert und den meisten nicht bekannt. Wir standen in dieser Zeit kein einziges Mal auf einem Abstiegsplatz, ja nicht mal auf dem Relegationsplatz - auch das ist für einen Klub wie Mainz, mit seinen begrenzten Möglichkeiten, sehr bemerkenswert. Wir haben das alles sicherlich auch dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass seit 2009 der Trainer bei Mainz 05 immer denselben Namen trägt.

Wie wichtig ist der Trainer im Profifußball?
Er ist wichtiger als der beste Spieler. Der Trainer ist der Chef der Spieler, er vermittelt ihnen eine Spielidee, er motiviert sie, er stellt sie auf einen Gegner ein. Und Thomas Tuchel leistet dabei eine überragende Arbeit - als Fußballfachmann, aber auch weil er einen guten Draht zu den Spielern hat. Der FCA und die Hertha haben ebenfalls sehr, sehr gute Trainer. Trainer, die ihre Ideen und ihre Überzeugungen transportieren und mit durchschnittlichen Mannschaften Außerordentliches schaffen. Die Tabelle unterstreicht das.

Thomas Tuchel gilt als nicht ganz einfacher Mensch.
Ich habe noch nie einen Trainer erlebt, der sehr, sehr gut und gleichzeitig total unkompliziert ist - das trifft bestimmt auch auf Pep Guardiola zu, was man so mitbekommt. Thomas Tuchel hat zum Glück seine Ecken und Kanten. Das ist okay so - weil er gleichzeitig sehr authentisch ist.

Machen Sie sich schon Gedanken, wie es weitergeht, wenn Tuchel doch einmal den Verlockungen eines größeren Vereins erliegt?
Damit werden wir bestimmt irgendwann mal konfrontiert. Aber der Klub wird dann nicht untergehen, so wichtig Thomas Tuchel für uns auch ist. Als Jürgen Klopp uns verlassen hat, ist uns prognostiziert worden, dass wir künftig in den Niederungen der 2. Liga dahin dümpeln würden. Bekanntlich ist alles anders gekommen. Und was Thomas Tuchel angeht: Er weiß, was er an Mainz 05 hat. Das ist ein Geben und Nehmen.

Was können Sie Tuchel geben, das er woanders vielleicht nicht bekommt?
Eine große Verantwortung und ein großes Vertrauen - bei uns ist der Trainer der sportliche Leiter. Das bedeutet, er ist wirklich für den sportlichen Bereich verantwortlich. Wir haben keinen Sportdirektor. Niemand redet dem Trainer rein  oder diskutiert Aufstellung und Taktik mit ihm. Weder vor oder nach dem Spiel. Das Vertrauen  aller Verantwortlichen ist sehr groß. Und das ist viel wert. Bei den großen Klubs stehst du als Trainer ständig unter Beobachtung - bis auf Dortmund. Als Kloppo zum BVB wechselte, habe ich ihm  gesagt: Das passt. Dort hast du die gleichen Möglichkeiten wie in Mainz, nur auf einem höheren sportlichen Niveau. Ich weiß, wie Aki Watzke und Michael Zorc ticken.

In Mainz lässt es sich als Trainer und  Vorstand auch ruhiger und damit leichter arbeiten, weil die Medienlandschaft eine ganz andere ist.
Das mag schon in gewisser Weise so sein. Die Verantwortlichen der Klubs in den Großstädten betonen das ja auch immer wieder.  Aber man darf dem Druck nicht immer gleich nachgeben. Das größte Gift im Profifußball ist der Populismus. Was denken Sie, was hier in Mainz los war, als wir Jürgen Klopp zum Trainer gemacht haben – einen rechten Verteidiger oder dann den U19 Coach Tuchel zum Bundesligatrainer. Einer der großen Vorteile beim FSV Mainz 05 ist, das alle Verantwortlichen seit über 20 Jahren zusammenarbeiten und dass unsere Entscheidungswege äußerst kurz sind. Das führt dazu, dass wir immer innerhalb von wenigen Minuten ja oder nein sagen können.

Der FC Bayern ist eine ganz andere Welt. Und es funktioniert auch.
Der FC Bayern ist dort angekommen, wo ihn vor ein paar Jahren noch niemand vermutet hätte. Barca, Real, Chelsea, Manchester United - Bayern hat sie alle überholt. Der  FC Bayern hat das meiste Geld, trifft aber  auch die besten Entscheidungen.

Als dessen Sportdirektor Matthias Sammer kürzlich in einem Interview Zweifel daran äußerte, ob in der Bundesliga überall so akribisch wie beim FC Bayern gearbeitet werde, war der Aufschrei der Konkurrenz groß. Auch Sie meldeten sich zu Wort.
Wie das so ist: Man wird von einem Reporter angerufen und mit einem Zitat konfrontiert. Dann äußert man sich dazu. Ich habe gesagt, dass wir auch ohne die Ratschläge von Matthias Sammer Meister werden würden, wenn wir die Möglichkeit hätten, in zwei Jahren 150 Millionen Euro für Spieler auszugeben. Als ich dann das ganze Sammer-Interview gesehen habe, hatte ich den Eindruck, dass er schon während des Interviews zurückrudern wollte. Ich glaube, Sammers Worte waren auch nicht auf kleine Klubs wie zum Beispiel Mainz gemünzt.

Glauben Sie, dass die Verurteilung von Uli Hoeneß Auswirkungen auf die Leistung der Bayern-Spieler hat?
Das lässt die Spieler natürlich nicht kalt. Aber ich denke, sie sind Profi genug, um das während des Spiels ausblenden zu können. Mich hat die Sache menschlich auch sehr berührt.

Jener Uli Hoeneß hat kürzlich noch ihre Arbeit als Manager gelobt und gesagt, Sie seien ein »Schlawiner«.
Ich glaube, er hat das nicht negativ gemeint. Ich bin eben seit vielen Jahren im Geschäft, verfüge über ein ganz gutes Netzwerk und kenne die Kniffe. Als Manager eines Vereins wie dem FSV Mainz 05 muss man den Markt noch genauer beobachten und manchmal noch ein bisschen schneller sein als die Konkurrenz.

Bis 2005 haben Sie noch ein Autogeschäft geleitet und den Job als Manager beim FSV Mainz ehrenamtlich erledigt. Gibt es Dinge, die Sie auf das Fußballbusiness übertragen konnten.
In beiden Branchen ist eine gute Menschenkenntnis absolut wichtig. Und ich halte eine kaufmännische Ausbildung und auch eine Erfahrung in der freien Wirtschaft für die Arbeit als Fußball-Manager für extrem wichtig. Fußballvereine sind mittelständische Unternehmen geworden. Es gibt inzwischen viele Quereinsteiger. Allein einen großen Namen als Fußballer zu haben, reicht heute nicht mehr aus. Da braucht man dann schon zwei, drei Leute mit kaufmännischem Sachverstand neben sich.

Wenn der FSV Mainz ein Automarke wäre, welche wäre er?
Opel.

Warum gerade Opel? Das klingt doch arg nach Mittelmaß.
(Lacht) In kleinen Schritten geht es nach oben. Und unser Sponsor ist Opel auch noch. Eine Partnerschaft, die passt.

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