Mainz-Legende Sven Demandt über den Bruchweg

»Die Spieler saßen mit Cowboyboots beim Essen«

Stadion am Bruchweg – es war schön mit dir! Ab der kommenden Saison spielt Mainz in einer neuen Arena. Wir sprachen mit Vereinslegende Sven Demandt über Kulturschocks im »Schmuckkästche«, Stahlbäder und Profis in Cowboyboots. Mainz-Legende Sven Demandt über den Bruchweg

Sven Demandt, Fußballer schwärmen gerne von engen und kleinen Stadien. Bis Sie 1994 zum FSV Mainz wechselten, kannten Sie dieses Gefühl bei Heimspielen gar nicht. War die Vorfreude dementsprechend hoch?

Sven Demandt: Ich spielte zuvor in Düsseldorf, Leverkusen und Berlin. Leverkusen hatte damals noch keine wirklich große Fanszene, in Düsseldorf und Berlin verloren sich die wenigen Zuschauer im riesigen Betonschüsseln, zwischen Feld und Tribüne gab es dann die Laufbahnen. Und trotzdem hörte man jedes Wort von der Tribüne, alte Oppas, die meckerten, aber auch richtig derbe Rufe aus der Fankurve. Das hallte alles sehr gespenstisch durchs Stadion. Ich freute mich also sehr auf den intimen und kleinen Bruchweg in Mainz.

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Und dann kam die Enttäuschung?

Sven Demandt: Ich wusste, dass auch es auch in Mainz eine Tartanbahn geben würde. Was ich nicht wusste, dass es in Mainz damals nur wenig Interesse an Fußball gab. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Spiel am Bruchweg. Ein Sonntag im September 1994. Wir spielten – Jürgen Klopp stand bei uns übrigens im Sturm – gegen meinen alten Klub Hertha BSC. Anpfiff war wie immer um 15:00 Uhr, Treffen allerdings erst um 13:45 Uhr, ungewöhnlich spät also. Als ich zur vereinbarten Zeit am Bruchweg ankam, wollte ich gleich wieder umkehren. Ich hatte zahlreiche jubelnde Fans erwartet, doch nun verirrten sich dort ein paar alte Männer. Ich dachte tatsächlich, das Spiel fällt aus.

Mainz war in den Neunzigern noch keine Fußballstadt.

Sven Demandt: Das kann ich unterschreiben. Zu jenem Spiel gegen Hertha kamen immerhin noch 4000 Zuschauer. Doch was sind schon 4000 Fans? Vergleichen Sie das mal mit heutigen Verhältnissen. Sowieso erlebte ich in den ersten Tagen in Mainz einen kleinen Kulturschock. Wir mussten etwa jeden Tag mit Minibussen zu Bezirkssportplätzen fahren, weil der Klub kein richtiges Trainingsgelände besaß. Dann rasselten gleich im ersten Training zwei Konkurrenten aneinander und gaben sich gegenseitig Kopfnüsse. 

Sie hatten zuvor in den Großstädten Düsseldorf und Berlin gespielt. Beides zudem Städte mit langer Fußballtradition. Wollten Sie nicht gleich wieder weg?

Sven Demandt: Ich war zunächst sehr froh, dass ich nach drei Monaten ohne Verein wieder Fußball spielen konnte, doch ich dachte auch manchmal: Gewöhnungsbedürftig! Ich kannte es auch nicht, dass ein Trainer den Spielern so viel Verantwortung übertrug. Unser Coach, Hermann Hummels, drückte jedenfalls sehr oft beide Augen zu. Nur ein Beispiel: Im Trainingslager gab es keine Vorschriften, die Spieler durften beim Essen auftauchen, wie sie wollten.

Wie tauchten sie denn auf?

Sven Demandt: Einige kamen mit hautengen Jeanshosen und Cowboystiefeln. (lacht)

Es klingt nach der guten alten und unschuldigen Fußballzeit, die in Mainz zehn Jahre später als andernorts begann.

Sven Demandt: Vielleicht, ja. Doch ich glaube auch, die ganze Zeit war sehr wichtig für den Verein. Zumal die Verantwortlichen sukzessive viel enger zusammenrückten. Noch heute arbeiten fast ausschließlich Leute im Vorstand, die schon damals dabei waren. Außerdem gab es ab Mitte der Neunziger mit Wolfgang Frank einen Trainer gab, der erstmals eine richtige Vision vermittelte, der auch mal das Wort Aufstieg in den Mund nahm. Vorher ging es ja mit schöner Regelmäßigkeit gegen den Abstieg.

Mit einem Mal kamen auch mehr Zuschauer in den Bruchweg. Zugleich wurden die Flutlichtmasten und eine elektronische Anzeigetafel errichtet. Wie wichtig waren diese Veränderungen für den Verein, die Fans und die Spieler?

Sven Demandt: Natürlich war es super, dass wir fortan auch unter Flutlicht kicken konnten. Das ist der Traum eines jeden Spielers! Wichtiger fand ich aber die Errichtung der Stahlrohrtribünen und das Verschwinden der Tartanbahn. Plötzlich hatten wir, auch wenn immer noch einige Plätze auf den Tribünen leer blieben, das Gefühl von Nähe und Intimität. Für einen Spieler ist das ungemein wichtig.

Viele Spieler erzählen, dass sie das Publikum während des Spiels ausblenden.

Sven Demandt: Wissen Sie, auf die Südtribüne des Dortmunder Westfalenstadions passen mehr Zuschauer als in das gesamte Bruchwegstadion und natürlich ist der Lautstärkepegel ein anderer. Doch darauf kommt es Fußballern mitunter gar nicht an. Es geht um die Atmosphäre. Dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit. Und das lässt sich in einem kleinen Stadion mit 15.000 bis 20.000 Zuschauern wunderbar transportieren.

Hat auch das Stahlbad der Saison 1996/97 Verein und Fans noch mehr zusammengeschweißt?

Sven Demandt: Ich sehe das Spiel als Wendepunkt. Als ein Ereignis, das die Bande zwischen Fans, Spieler und Verein stärkte. Wir spielten am letzten Spieltag gegen Wolfsburg und mussten gewinnen, um in die Bundesliga aufzusteigen. Dem VfL reichte ein Unentschieden. Wir verloren nach großem Kampf 4:5. Ein Wahnsinnsspiel, das zunächst in großer Enttäuschung mündete. Doch als wir nach Mainz zurückkamen, trafen wir auf mehrere tausend Fans, die am Bruchweg das Spiel live auf Leinwand gesehen hatten und uns in der Innenstadt wie Sieger empfingen.

Mainz war also endlich eine Fußballstadt geworden?

Sven Demandt: Immerhin interessierte man sich in Mainz plötzlich für den FSV. Wir wurden auf der Straße angesprochen, unterhielten uns mit den Leuten oder wir gingen zu kleinen Fanveranstaltungen. Das alles geschah immer noch im überschaubaren Rahmen, doch man merkte: Hier wächst was.

Früher sollen Fans und Anwohner des Bruchwegs mit Brotdosen und Tee auf den Bäumen gesessen haben. Viele Anhänger berichteten außerdem, dass sie hier ihre Kindheit mit diversen Sportveranstaltungen verbracht haben. Das Stadion erschien über all die Jahre nicht als anonymer Klotz, sondern als Teil der Stadtteilkultur.

Sven Demandt: Das sehe ich ähnlich. Es ist grundsätzlich sehr identitätsstiftend. wenn ein Stadion sich nicht als kalter und steriler Bau zeigt, der irgendwo vor den Toren der Stadt errichtet wurde. Das Bruchwegstadion lag eingebettet in Wohnsiedlungen und nahe am Stadtkern. Es hatte etwas von den englischen Fußballstätten, es gehörte in Mainz zum alltäglichen Leben dazu. 

Die Fans feierten am Samstag den Abschied vom Stadion mit Transparenten und Sprechchören. Im Volksmund heißt das Stadion schon lange »Schmuckkästche«. Wird die neue Arena jemals einen solchen Charme entwickeln können?

Sven Demandt: Das wird schwierig, klar. Und sicherlich wird erst einmal vieles anders und einiges auch ungewohnt sein, schließlich zieht der Klub nun von einem Fußballstadion in eine hypermoderne Arena. Wichtig wird es daher sein, den Spagat zwischen Tradition und Kommerz gut zu meistern. Eine reine Eventhölle wäre jedenfalls der falsche Weg – im Vordergrund muss immer noch das Spiel stehen.

Am Samstag feierten die Fans auch Sami Allagui, der gegen den FC St. Pauli das 2:1 und somit das letzte Tor am Bruchwegstadion schoss. Hat er sich nun unsterblich gemacht?

Sven Demandt: Das finde ich ein bisschen zu pathetisch. Sami wird als letzter Torschütze in allen Geschichtsbüchern, die sich mit dem Bruchweg oder dem FSV Mainz befassen, Erwähnung finden. Und das ist großartig für ihn. Nicht mehr und nicht weniger.

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